Fünf Jahre Faire Maus – Nager IT zeigt, dass nachhaltige Digitaltechnik möglich ist

faire-mausIn diesem Jahr haben sich die Technik-Jubiläen nur so gehäuft. Der Personal Computer (Apple II / Commodore PET) wurde vierzig Jahre alt, iPhone und Kindle-Reader wurden zehn Jahre alt — erst tauchte die digitale Desktop-Revolution am Horizont auf, dann die die digitale Mobil-Revolution, und brachte uns nicht zuletzt auch das digitale Lesen. Gerade weil beide Entwicklungen unseren medialen Alltag nachhaltig verändert haben, sollte man aber ein weiteres Jubiläum in punkto Nachhaltigkeit nicht vergessen: die faire Maus von Nager IT wird in diesen Tagen fünf Jahre alt.

20.000 Nager made in Bichl

Zwanzigtausend von Version zu Version immer fairer produzierte Mäuse sind seit 2012 aus dem bayerischen Bichl in alle Welt verschickt worden — mittlerweile zum Beispiel mit Scrollrad aus regionalem Holz, fairem Lötzinn von der Initiative Fairlötet, fair bestückter Leiterplatte, fairer Endmontage, und so weiter. Und nun steht der erste Großauftrag ins Haus, mindestens Zwanzigtausend weitere Mäuse wird es somit geben.

Faire Maus macht Lieferketten nackig

Ähnlich wie das 2013 angetretete Fairphone, bei dem es u.a. um die verantworbare Herkunft von enthaltenen Edelmetallen wie Zinn, Tantal, Wolfram oder Gold geht, zeigt das Projekt aber vor allem auch, wie schwierig es ist, bei aufwändig und kleinteilig hergestellter Technik das Thema Nachhaltigkeit ins Zentrum zu rücken – schließlich muss man erstmal höchst komplexe Lieferketten durchschauen und sich dann auf die Suche nach Alternativen machen, soweit es sie überhaupt schon gibt.

Große Konzerne bei Green IT zurück

Man redet in diesem Jahr der diversen digitalen Geburtstage gerne von Tech-Pionieren wie Steve Jobs, Jeff Bezos oder Bill Gates — doch die eigentlich IT-Heldin ist für mich Nager IT-Gründerin Susanne Jordan, ursprünglich angetreten, um einen fairen PC zu produzieren, dann aber umgeschwenkt auf das überschaubarere Projekt der fairen Maus.

Die Sysiphus-Arbeit des nachhaltigen Reverse-Engineerings könnte man sich natürlich sparen, wenn die großen Konzerne grüne IT endlich entschiedener auf die Agenda setzen würden, doch danach sieht es vorerst nicht aus, siehe das aktuelle Greenpeace-Ranking, bei dem (außer dem Fairphone) alle Unternehmen abgewatscht wurden.

Erstes mobiles Lesegerät mit Blauem Engel: Fairphone 2 erhält Umweltzeichen

fairphone-mit-blauem-umweltengelElektronische Lesen gilt als Öko — schon allein weil keine Bäume sterben müssen und Mobilgeräte wenig Strom verbrauchen. Das spart eine Menge CO2. Aber da geht natürlich noch mehr. Mit dem „Fairphone 2“ erhält nun erstmals ein Mobilgerät mit E-Lese-Fähigkeit das „Umweltzeichen Blauer Engel“ – Bundesumweltministerin Hendricks wird die Verleihung heute im Rahmen eines Workshops offiziell vornehmen. Die Macher des Fairphones bewerben ihr Produkt als „weltweit erstes ethisch korrektes, modulares Smartphone“.

Erstes Smartphone mit Umweltzeichen

Peinlich für die gesamte IT-Branche bleibt jedoch: Das jetzt mit dem Umweltzeichen prämierte Gerät stellt zugleich auch das erste Smartphone überhaupt dar, das in diesem Bereich die gar nicht so strengen Bedingungen erfüllt: geringe Strahlenwerte, Wechsel-Akku, Speicher aufrüstbar, Verzicht auf giftige Chemikalien, 2 Jahre Garantie, Rücknahme von Altgeräten, und nicht zuletzt: faire Bedingungen bei der Produktion, genauer gesagt die Einhaltung der ILO-„Kernarbeitsnormen“.

E-Ink-Reader mit Blauem Engel? Komplette Fehlanzeige

Definiert wurden die Smartphone-Kriterien des Blauen Engels von den Nachhaltigkeits-Profis des Freiburger Öko-Instituts — und das bereits 2013. Es gibt auch spezielle Kriterien für klassische E-Reader, und das sogar schon seit dem Jahr 2011. Um zu den „besten ihrer Klasse“ zu gehören, müssten E-Reader z.B. auswechselbare Akkus mit besonders langer Lebensdauer sowie Mikro-USB-Ports für Universalladegeräte besitzen. Wichtig ist aber auch die Unterstützung möglichst vieler E-Book-Formate, damit der Nutzer theoretisch mit einem Gerät auskommt.

Verpasste Chance für deutsche Buchbranche

Allerdings liest man auf der entsprechenden Kategorie-Seite auf www.blauer-engel.de seit nunmehr fünf Jahren: „Zur Zeit keine Anbieter“. Das ist schade — vor allem aus Sicht der deutschen Buchbranche, die mit dem Projekt Tolino-Reader viele gute Argumente auf ihrer Seite hat. Ein Plus an ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit in Sachen Hardware gehört aber leider bisher nicht dazu.

Aus für Ara: Google sieht kein Vermarktungspotential für modular aufgebautes Smartphone

Project-Ara-startet-jetzt-2017Das modular aufgebaute Smartphone made by Alphabet/Google und Motorola kommt nicht später, es kommt wohl gar nicht, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Das zukunftsweisende Baukasten-Mobiltelefon Ara galt bisher als eins der wichtigsten Aushängeschilder für Googles „Advanced Technology and Projects Group“ — doch offenbar wurde das Vermarktungspotential am Ende als zu gering eingeschätzt.

Nachhaltigkeit blieb auf der Strecke

Die Ara-Story zeigt damit wohl auch, das manche Innovationen dann doch zu wichtig sind, um sie den ganz großen Konzernen zu überlassen. Vom Enthusiasmus der Phonebloks-Initiative, dem Ursprung von Ara, war zwischenzeitlich schon nicht mehr viel übrig, zuletzt hatte man die Weichen eindeutig von Nachhaltigkeit & Langlebigkeit in Richtung Fashion und Flexibilität gestellt.

Fairphone 2 zeigt, wie es funktioniert

Auf Smartphones mit auswechselbaren Teilen muss man zum Glück trotzdem nicht verzichten — denn die niederländischen Fairphone-Macher haben mit dem „Fairphone 2“ genau solch ein Produkt auf den Markt gebracht — alle wichtigen Komponenten wie Display, Kamera, Lautsprecher, Tasten und auch diverse Elemente der Platine lassen sich bei Bedarf austauschen.

Doch dabei geht’s wiederum ausschließlich um das Ersetzen, nicht das Aufrüsten mit alternativen Elementen. Bis es ein Smartphone gibt, bei dem man z.B. auf Wunsch das LED-Display gegen ein E-Ink-Display austauschen kann, wird es wohl noch ein Weilchen dauern…

(via Caschys Blog & Reuters)

Read IT fair? Die perfekte E-Lese-Alternative gibt’s noch nicht

Welches Mobilgerät ist fair zum Fabrikarbeiter, fair zur Umwelt, fair zum Kunden, und idealerweise auch noch fair zu den Augen? Okay, ich geb’s zu, das war eher eine Scherzfrage. Denn solch ein Gerät gibt es bisher noch nicht, obwohl das Potential riesig wäre, schon alleine bei Mobiltelefonen: weltweit existieren mehr als 6 Milliarden registrierte Anschlüsse, rein rechnerisch besitzt damit fast 90 Prozent der Weltbevölkerung ein solches Gadget. Doch auch Tablets und E-Reader sind längst ein Massenprodukt – seit 2008/2009 wurden mehr als 200 Millionen Flachrechner und etwa 60 Millionen E-Ink-Lesegeräte verkauft. Bisher ist die Bilanz in punkto Fairness jedoch in jeglicher Hinsicht ernüchternd…

Von Design bis Recycling viel Nachholbedarf

Die letzte „Folgestudie zur Unternehmensverantwortung von deutschen Mobilfunkanbietern“, herausgegeben 2012 von MakeITFair und Germanwatch, fasst die aktuelle Situation schon im Titel zusammen: „Noch keine fairen Handys“. Vom Design über Produktionsprozess, Marketing und dem am Ende oft fehlenden Recycling wurde „erhebliches Verbesserungspotential“ festgestellt. Gleiches dürfte für die Herstellung von Tablets und E-Readern gelten, die unter ähnlichen Bedingungen produziert werden. Schaut man auf die Skala des „Greenpeace Guide to Greener Electronics“, befinden sich fast alle großen Unternehmen wie Apple, Samsung, Sony oder Philips im roten Bereich. Selbst das lediglich nach dem Prinzip „best in class“ bzw. „kleinstes Übel“ verliehene deutsche Umweltabzeichen „Blauer Engel“ schmückt kein einziges aktuelles Mobilgerät, obwohl es gerade für E-Reader einfach zu schaffen wäre.

FairPhone bisher als einzige Ausnahme

Das macht es dem „Prosumer“ schwer – anders als bei Lebensmitteln oder Kleidung mit Bio- und/oder Fairtrade-Siegel kann man im Bereich mobiler Gadgets nicht so einfach Politik mit dem Einkaufswagen betreiben, in dem man strategische Kaufentscheidungen fällt. Mit einer Ausnahme vielleicht: das niederländische Startup fairphone hat bis dato bereits 18.000 Exemplare des gleichnamigen Smartphones verkauft, das zumindest den Anspruch hat, fairer produziert zu werden als der Durchschnitt. So enthält der transparent aufgeschlüsselte Kaufpreis von 325 Euro etwa 9,50 Euro für Lohnkosten, bei vergleichbaren Geräten wären es normalerweise eher 3 Euro. Einige der enthaltenen Rohstoffe wie Zinn oder Coltan stammen aus „konfliktfreier“ Quelle, wurden also außerhalb von Bürgerkriegsgebieten geschürft. Ein austauschbarer Akku sowie Root Access sollen zudem dafür sorgen, dass man das Fairphone möglichst lange nutzen kann – unter Öko-Aspekten sowieso das Optimum. Kein Wunder, dass sogar die taz schon überlegt, ihren konsumkritischen Abonnenten das Fairphone als Prämie anzubieten.

Firefox OS als Alternative zu Android

Allerdings läuft das Fairphone standardmäßig mit einer angepassten Version von Googles mobilem Betriebssystem Android (4.2) – man befindet man sich also erstmal in den Fängen eines transnationalen Unternehmens mit einer ganz eigenen Agenda. Mit Firefox OS steht immerhin eine wirklich freie Alternative in den Startlöchern: die Telekom-Tochter Congstar verkauft seit Mitte Oktober mit dem „Firefox Phone“ ein Low-Cost-Smartphone im Zeichen des Open-Source-Fuchsschwanzes. Zwar nicht fair produziert, dafür aber zu einem sehr fairen Endkundenpreis von knapp 90 Euro. Die Apps laufen auf HTML-5-Basis im Browser, mit dem „Firefox Marketplace“ existiert ein eigener, unabhängiger App Store. Da Firefox OS ähnlich wie die neueste Version der Linux-Distribution Ubuntu nicht nur auf Smartphones, sondern auch auf Tablets lauffähig ist, wird es in Zukunft wahrscheinlich eine ganz neue Produktkategorie geben: fair produzierte Mobilgeräte, auf denen ein unabhängiges, offenes Betriebssystem läuft.

„Offenes Betriebssystem für das offene Wort“

Bei den Tablets wiederum könnte es sich natürlich auch um E-Reader handeln – denn die Unterschiede zwischen Touch-Screen-Reader und Touch-Screen-Tablet verwischen ohnehin immer stärker. Bestes Beispiel ist das von Onyx angekündigte Boox M96, eine zum Lesen optimiertes E-Ink-Tablet im iPad-Format, das mit Android läuft. Parallel dazu bringt Onyx übrigens mit dem Boox E43 auch ein Android-Smartphone mit E-Ink-Display heraus, es gibt also jenseits des klassischen E-Readers mobile Gadgets in verschiedenen Formaten, die fair zu den Augen sind. Fehlt eigentlich nur noch ein fairer, unabhängiger E-Store, der weder Zensur ausübt, User-Daten abschnorchelt oder hohe Provisionen verlangt. Auch das ist kein Ding der Unmöglichkeit mehr – wenn man etwa das von Volker Oppmann angeschobene Projekt Log.os betrachtet, das eine gemeinnützige, demokratisch verfasste eBook-Plattform zum Ziel hat. Oder anders ausgedrückt, ein offenes „Betriebssystem für das geschriebene Wort“. Für wirklich faire Lesegeräte mit Open-Source-Oberfläche wäre das natürlich die perfekte Kombination.

Abb.: MakeITFair.org