Read IT fair? Die perfekte E-Lese-Alternative gibt’s noch nicht

Welches Mobilgerät ist fair zum Fabrikarbeiter, fair zur Umwelt, fair zum Kunden, und idealerweise auch noch fair zu den Augen? Okay, ich geb’s zu, das war eher eine Scherzfrage. Denn solch ein Gerät gibt es bisher noch nicht, obwohl das Potential riesig wäre, schon alleine bei Mobiltelefonen: weltweit existieren mehr als 6 Milliarden registrierte Anschlüsse, rein rechnerisch besitzt damit fast 90 Prozent der Weltbevölkerung ein solches Gadget. Doch auch Tablets und E-Reader sind längst ein Massenprodukt – seit 2008/2009 wurden mehr als 200 Millionen Flachrechner und etwa 60 Millionen E-Ink-Lesegeräte verkauft. Bisher ist die Bilanz in punkto Fairness jedoch in jeglicher Hinsicht ernüchternd…

Von Design bis Recycling viel Nachholbedarf

Die letzte „Folgestudie zur Unternehmensverantwortung von deutschen Mobilfunkanbietern“, herausgegeben 2012 von MakeITFair und Germanwatch, fasst die aktuelle Situation schon im Titel zusammen: „Noch keine fairen Handys“. Vom Design über Produktionsprozess, Marketing und dem am Ende oft fehlenden Recycling wurde „erhebliches Verbesserungspotential“ festgestellt. Gleiches dürfte für die Herstellung von Tablets und E-Readern gelten, die unter ähnlichen Bedingungen produziert werden. Schaut man auf die Skala des „Greenpeace Guide to Greener Electronics“, befinden sich fast alle großen Unternehmen wie Apple, Samsung, Sony oder Philips im roten Bereich. Selbst das lediglich nach dem Prinzip „best in class“ bzw. „kleinstes Übel“ verliehene deutsche Umweltabzeichen „Blauer Engel“ schmückt kein einziges aktuelles Mobilgerät, obwohl es gerade für E-Reader einfach zu schaffen wäre.

FairPhone bisher als einzige Ausnahme

Das macht es dem „Prosumer“ schwer – anders als bei Lebensmitteln oder Kleidung mit Bio- und/oder Fairtrade-Siegel kann man im Bereich mobiler Gadgets nicht so einfach Politik mit dem Einkaufswagen betreiben, in dem man strategische Kaufentscheidungen fällt. Mit einer Ausnahme vielleicht: das niederländische Startup fairphone hat bis dato bereits 18.000 Exemplare des gleichnamigen Smartphones verkauft, das zumindest den Anspruch hat, fairer produziert zu werden als der Durchschnitt. So enthält der transparent aufgeschlüsselte Kaufpreis von 325 Euro etwa 9,50 Euro für Lohnkosten, bei vergleichbaren Geräten wären es normalerweise eher 3 Euro. Einige der enthaltenen Rohstoffe wie Zinn oder Coltan stammen aus „konfliktfreier“ Quelle, wurden also außerhalb von Bürgerkriegsgebieten geschürft. Ein austauschbarer Akku sowie Root Access sollen zudem dafür sorgen, dass man das Fairphone möglichst lange nutzen kann – unter Öko-Aspekten sowieso das Optimum. Kein Wunder, dass sogar die taz schon überlegt, ihren konsumkritischen Abonnenten das Fairphone als Prämie anzubieten.

Firefox OS als Alternative zu Android

Allerdings läuft das Fairphone standardmäßig mit einer angepassten Version von Googles mobilem Betriebssystem Android (4.2) – man befindet man sich also erstmal in den Fängen eines transnationalen Unternehmens mit einer ganz eigenen Agenda. Mit Firefox OS steht immerhin eine wirklich freie Alternative in den Startlöchern: die Telekom-Tochter Congstar verkauft seit Mitte Oktober mit dem „Firefox Phone“ ein Low-Cost-Smartphone im Zeichen des Open-Source-Fuchsschwanzes. Zwar nicht fair produziert, dafür aber zu einem sehr fairen Endkundenpreis von knapp 90 Euro. Die Apps laufen auf HTML-5-Basis im Browser, mit dem „Firefox Marketplace“ existiert ein eigener, unabhängiger App Store. Da Firefox OS ähnlich wie die neueste Version der Linux-Distribution Ubuntu nicht nur auf Smartphones, sondern auch auf Tablets lauffähig ist, wird es in Zukunft wahrscheinlich eine ganz neue Produktkategorie geben: fair produzierte Mobilgeräte, auf denen ein unabhängiges, offenes Betriebssystem läuft.

„Offenes Betriebssystem für das offene Wort“

Bei den Tablets wiederum könnte es sich natürlich auch um E-Reader handeln – denn die Unterschiede zwischen Touch-Screen-Reader und Touch-Screen-Tablet verwischen ohnehin immer stärker. Bestes Beispiel ist das von Onyx angekündigte Boox M96, eine zum Lesen optimiertes E-Ink-Tablet im iPad-Format, das mit Android läuft. Parallel dazu bringt Onyx übrigens mit dem Boox E43 auch ein Android-Smartphone mit E-Ink-Display heraus, es gibt also jenseits des klassischen E-Readers mobile Gadgets in verschiedenen Formaten, die fair zu den Augen sind. Fehlt eigentlich nur noch ein fairer, unabhängiger E-Store, der weder Zensur ausübt, User-Daten abschnorchelt oder hohe Provisionen verlangt. Auch das ist kein Ding der Unmöglichkeit mehr – wenn man etwa das von Volker Oppmann angeschobene Projekt Log.os betrachtet, das eine gemeinnützige, demokratisch verfasste eBook-Plattform zum Ziel hat. Oder anders ausgedrückt, ein offenes „Betriebssystem für das geschriebene Wort“. Für wirklich faire Lesegeräte mit Open-Source-Oberfläche wäre das natürlich die perfekte Kombination.

Abb.: MakeITFair.org

Apples neues Tablet im Nachhaltigkeits-Test: Wie fair & wie bio ist das iPad?

ipad-wie-fair-und-wie-bio-i.gifVom iPad-Hype zum iPad-Bashing ist es nicht weit. Das zeigt Apples PR-Desaster angesichts der Arbeitsbedingungen beim chinesischen Zulieferer Foxconn. Neben der Sozialbilanz hat auch Apples Anspruch auf ökologische Nachhaltigkeit Kratzer bekommen. Beim Greenpeace-Ranking kommen iPhone & Co. lediglich auf Platz fünf – wegen mangelnder Transparenz. Doch wie fair und wie bio ist elektronisches Lesen auf dem iPad wirklich? E-Book News hat etwas genauer hingeschaut, was Apples neues Tablet in punkto ökologischer & sozialer Nachhaltigkeit verspricht. Heute gibt’s Teil 1: Das iPad & die Umwelt.

Von der Wiege bis zur Bahre: Am Ende seines Lebens kehrt das iPad zurück zu seinem Schöpfer – zumindest im Idealfall

Bei der Premiere des iPads im Januar ließ es sich Steve Jobs nicht nehmen, auf die besondere Umweltfreundlichkeit des neuen Gadgets hinzuweisen. So hat man bei der Herstellung auf giftige Substanzen wie Arsen, Brom, Quecksilber und PVC verzichtet. Das Gehäuse ist aus Aluminium und Glas und damit recycelbar. Die leichte Zerlegbarkeit ermöglicht am Ende des Gerätelebens, wiederverwendbare Teile und Sondermüll sauber zu trennen. Wichtig ist natürlich auch, wo ein schrottreifes iPad später einmal landet – Apple bietet seinen Kunden ein spezielles Rücknahmeprogramm an. Überhaupt gibt sich das Unternehmen schon seit längerem sehr umwelbewusst: auf der Webseite apple.com/environment kann man etwa sehen, wie sich der ökologische Fußabdruck von Macs, iPhones und iPods über die gesamte Wertschöpfungskette verteilt: Herstellung und Vertrieb machen 43 Prozent der negativen Umwelteinflüsse aus, die Nutzung der Produkte durch den Endanwender kommt dagegen auf 53 Prozent.

Greenpeace war Apples Transparenz im Detail nur Platz Fünf im globalen Ranking wert

Doch was wirklich drin ist im ökologischen Fußabdruck, macht Apple bisher leider nicht vollständig transparent. Im aktuellen Greenpeace-Ranking („Guide to Greener Electronics“, Mai 2010) kommt das Unternehmen deswegen nur auf Platz fünf, hinter den Branchengrößen Nokia, Sony, Philipps und Motorola. Natürlich gibt es aber Eckdaten zur Ökolbilanz von IT-Geräten. Laut Bundesumweltamt beispielsweise verbraucht die Produktion eines PCs mit Monitor rund 2.790 Kilowattstunden Energie und setzt 850 Kilogramm Treibhausgase frei. Außerdem werden 1.500 Liter Wasser und 23 Kilogramm verschiedener Chemikalien benötigt. Bei kompakteren Geräten wie Laptops oder Tablet PCs fallen diese Werte etwas geringer aus – genauso wie der Stromverbrauch bei laufendem Betrieb. Für den besonders niedrigen Stromverbrauch des iPads sorgen vor allem ein energiesparender ARM A4-Prozessor und der Einsatz von Flash-Speicher statt Festplatten.

Cloud Computing: Die versteckte Stromrechnung aus der Rechnerwolke

Man darf jedoch nicht vergessen: Bei vernetzten Geräten kommt noch eine ganze Menge versteckter Umweltfolgen hinzu. Laut Greenpeace können „auf Cloud-Computing basierende Geräte wie Apples iPad, die dem Nutzer über die Rechnerwolke Zugang zu Online-Services wie Soziale Netzwerke oder Video Streaming ermöglichen, einen weitaus größeren C02-Fußabdruck verursachen, als man bisher angenommen hatte.“ Apples eigener Serverpark in North Carolina etwa bezieht seinen Strom laut greenbiz.com zu 50 Prozent aus Kohle, zu 30 Prozent aus Atom. Bei den größten Serverparks von Microsoft und Google sieht es ähnlich fossil aus. Immerhin haben viele Unternehmen begonnen, für ihre Rechnerwolken verstärkt Strom aus Wind- und Wasserkraft einzusetzen. Ein bisschen können Endanwender übrigens auch selbst tun: Alternative Suchmaschinen wie etwa „Forestle“ helfen, die Ökobilanz des drahtlosen Surfens etwas zu verbessern.

Rettet die Bäume: Wie nachhaltig ist eigentlich elektronisches Lesen?

Allerdings verringert das elektronische Lesen auch eine Menge C02-Emissionen, da im Idealfall weniger Bücher aus Papier gedruckt werden müssen. Im Jahr 2009 prognostizierte das Unternehmen Cleantech Group, dass die zwischen den Jahren 2009 und 2012 in den USA verkauften E-Reader insgesamt in diesem Zeitraum etwa 9,9 Mrd. Kilogramm C02 einsparen könnten. Bei der elektronischen Lektüre mit einem Amazon Kindle, so rechnet Cleantech vor, hätte man die bei der Produktion des Readers entstandenen C02-Emissionen nach einem Jahr neutralisiert – vorausgesetzt, man liest drei Bücher pro Monat. Hält man dieses Lesetempo vier Jahre durch, was ungefähr der Lebensdauer des Kindles entspricht, werden der New York Times zufolge ingesamt 168 kg C02 in die Atmosphäre geblasen, gegenüber mehr als 1000 kg, die der Kauf von 144 gedruckten Büchern versacht hätte. Wobei zu beachten ist: die Ökobilanz eines gedruckten Buches hängt stark von den Transportwegen ab. Bestellt man online ein Buch aus Übersee, sieht die Umweltbilanz anders aus als beim Gang in den nächstgelegenen Buchladen. Damit E-Books gegenüber der Gutenberg-Galaxis überhaupt punkten können, müssen sie natürlich mittelfristig die gedruckten Bücher ersetzen, und nicht nur als zusätzliche Medien dazukommen. Wahrscheinlicher ist die rasche Substitution deswegen wohl eher im Bereich von Zeitungen und Zeitschriften. Auf dem iPad müssten ohnehin noch ein paar E-Books oder E-Mags dazukommen, denn der Stromverbrauch des hintergrundbeleuchteten Bildschirms ist deutlich höher als der eines E-Ink-Displays – und damit verschlechtert sich die C02-Bilanz.

„Wenn Sie schon ein iPad kaufen, dann lesen Sie möglichst viel, und möglichst lange…“

Letzlich darf man das iPad genauso wenig isoliert betrachten wie das Kindle oder andere mobile Lesegeräte. Entscheidend für die persönliche Umweltbilanz ist der Umfang des Geräteparks, den man um sich herum versammelt. Potentielle iPad-Nutzer besitzen in der Regel bereits einen Apple-Rechner bzw. einen PC, und zusätzlich ein iPhone oder ein anderes Mobiltelefon. E-Reader und/oder Tablet-PC erweitern diesen Gerätepark noch ein Stück weiter, ohne die beiden anderen Geräteklassen vollständig zu ersetzen. Auf absehbare Zeit werden viele Haushalte also für die Bereiche Produktivität, Konsum und Kommunikation mindestens drei Geräte parallel betreiben, die jeweils nur einem Lebenszyklus von wenigen Jahren haben. Für den ökologischen Fußabdruck verheißt das nichts gutes. Unter rein ökologischen Aspekten müsste man also eigentlich raten: verzichten Sie bitte auf den Kauf von zusätzlicher Elektronik, nutzen Sie lieber die nächste Leihbibliothek. Oder aber: wenn Sie schon ein iPad kaufen, lesen Sie möglichst viel, und lesen Sie möglichst lange. Zum Glück kann man in meiner Bibliothek auch E-Books ausleihen…