[e-book-review] „Rangas Welt“: erste epedio-App im Test

Ein „völlig neuartiges E-Book“ will der Verlag Kiepenheuer & Witsch erfunden haben. Die „konsequente Weiterentwicklung des klassischen Buchs in der neuen Welt des Internets“ hört auf den Namen „epedio“. Der epedio-Prototyp „Rangas Welt“ war erstmals auf der Frankfurter Buchmesse zu sehen. Entwickelt wurden die darin enthaltenen 48 populärwissenschaftlichen „Themenwelten“ zusammen mit dem WDR-Moderator Ranga Yogeshwar sowie Computerexperten und Grafik-Designern. Für 12,99 Euro ist epedio als App für das iPad erhältlich. E-Book-News hat „Rangas Welt“ getestet – und war nicht überzeugt.

Neue Bücherwelten: Vook, Libroid, epedio

Das E-Book neu erfinden – das haben sich schon viele auf die Fahnen geschrieben. Aus der Kombination von Book & Video machte der Silicon-Valley-Unternehmer Bradley Inman im Jahr 2009 das „Vook“, eine Multimedia-Kombination, die gerade für den Bereich Sachbuch & Ratgeber sehr sinnvoll ist. Mit dem Start des iPads wurden „enhanced“ E-Books erst recht zum Trend, auch in Deutschland. Auf der Frankfurter Buchmesse 2010 präsentierte Spiegel-Autor Jürgen Neffe sein Libroid-Konzept. Die komplett scrollbaren Texte waren an beiden Seiten mit einer Art interaktiven Glosse versehen, die Kommentare, Fotos, Videos und Links anzeigt. Schien die Auflösung der Seiten-Struktur schon revolutionär, so legt nun das epedio von Kiepenheuer & Witsch noch eins drauf. Denn in „Rangas Welt“ ist auch die Kapitelstruktur verschwunden – zugunsten eines „dynamisch-intelligenten“ Inhaltsverzeichnisses.

Kontextsensitive Arschbomben

Das bietet sich in diesem Fall auch an. Leitfragen wie „Kann Müsli Leben retten?“, „Warum brennt Schokolade?“ oder „Warum spritzt es bei der Arschbombe?“ sind so beliebig, das eine feste Dramaturgie verzichtbar ist. Statt dessen wird der Inhalt kontextsensitiv sortiert, je nachdem, welches Thema man gerade ausgewählt hat. Eine interaktive, animierte Grafik sortiert die Themensymbole jeweils neu, so dass verwandte Kapitel näher am Zentrum trudeln als abseitigere. Wer genauer wissen will, was sich hinter den Symbolen verbirgt, kann jedoch ein normales Inhaltsverzeichnis aufrufen – auch das wird jedoch immer wieder neu zusammengestellt. Den dahinter steckenden Algorithmus steuerte übrigens Ranga Yogeshwar höchstpersönlich bei.

Videoclips aus “Wissen vor Acht“

Jedes Kapitel enthält verschiedene Medien-Elemente – neben dem Text zumeist einen kurzen Videoclip, ursprünglich produziert für die WDR-Sendung „Wissen vor Acht“, die sich Montags bis Freitags ab 19 Uhr 45 Alltagsfragen aus populärwissenschaftlicher Perspektive nähert. Seit 2008 wurde Ranga Yogeshwar zum Gesicht dieser bei den Zuschauern beliebten Sendung und ist insofern auch die perfekte Galionsfigur für das erste epedio. Zugleich zeigt sich daran, wie gut sich Multimedia-E-Books zur Zweitverwertung von existierendem Material lohnen, denn die aufwändig produzierten Studio-Aufnahmen würden den normalen Rahmen eines Buchprojekts wohl eher sprengen.

Standard von enhanced-E-Books verfehlt

Nicht ganz so überzeugen können dagegen die zu manchen Kapiteln verfügbaren virtuellen Experimente, etwa ein Bremsweg-Simulator, ein Blutgruppen-Test oder der interaktive Kalorien- und C02-Rechner. Sie gehen am mittlerweile erreichten Standard von enhanced E-Books vorbei – zuletzt hat etwa Al Gores grafisch opulent umgesetzte iPad-App „Our Choice“ vorgemacht, wie man eine wissenschafts- und umweltpolitische Agenda dem Leser spielerisch nahebringen kann, und das sogar ohne dynamisches Inhaltsverzeichnis. Im direkten Vergleich fällt zudem auf, wie lieblos im Fall von epedio die Texte selbst präsentiert werden – dabei bietet sich das iPad doch gerade im Querformat für gut gelayouteten Zweispalten-Satz und einmontierte Bilderstrecken an.

Andere Apps bieten mehr

Eine gute Idee ist dagegen wohl die „Rotornavigation“ – das eingeblendete Symbol-Fünfeck macht alle medialen Elemente auf einen Fingertipp verfügbar. Neben Text, Video und den „Experimenten“ gehören dazu im übrigen auch Anmerkungen bzw. Weblinks sowie ein von Lovelybooks eingerichteter “Social Reading Stream”. So bietet das epedio für alle Kapitel ein Forum mit Kommentarfunktion, welches direkt aus dem Buch zugänglich ist. Dort wird man dann auch diskutieren können, ob mit dem epedio wirklich ein „völlig neuartiges eBook“ vorliegt, das „Maßstäbe setzen wird“. Für einzelne Navigationselemente mag das gelten, für das gesamte Produkt eigentlich nicht. Was multimediale Leseerlebnisse betrifft, bieten nicht nur andere Apps, sondern sogar viele Webseiten weitaus mehr.

[e-book-review] „Our Choice“: Al Gore kämpft via iPad-App gegen Klima-Skeptiker

„Eine Krise – ein Platoon“, raten Hollywood-Drehbücher. Doch ähnlich wie die Finanzkrise läßt sich die „Climate-Crisis“ nicht mit Kommandoaktionen erledigen. Ein Grund, warum Amerikas oberster Grüner Al Gore alle medialen Register zieht, um seine Landsleute von den Risiken des Klimawandels zu überzeugen. Nach dem erfolgreichen Doku-Streifen „Inconvenient Truth“ gibt’s nun Al Gores Buch „Our Choice“ sogar als multimedial aufgepeppte E-Book-App für das iPad. Interaktive Grafiken, Videomaterial und eindrucksvolle Fotostrecken promoten Al Gores „Plan zur Lösung der Klimakrise“, geben aber auch einen guten Eindruck, was enhanced E-Books so alles leisten können. Neben Jürgen Neffes Libroid-Version von „Darwin – Abenteuer des Lebens“ ist Al Gores Umwelt-Fibel zur Zeit das wohl sehens- und lesenswerteste elektronische Sachbuch auf dem Markt. Für 4,99 Euro bekommt man „Our Choice“ auch im deutschen App-Store.

Solarzellen abmontieren, Kyoto nicht ratifizieren

Kaum ein politisches Top-Thema hat in den USA solch ein Auf-und-Ab erlebt wie der Klimawandel und die damit einhergenden Krisenszenarien. Schon Präsident Jimmy Carter gab den legendären Report „Global 2000“ in Auftrag – der 1980 fertiggestellte „Bericht an den Präsidenten“ warnte vor den Grenzen des ungebremsten Wachstums: „serious stresses involving population, resources, and environment are clearly visible ahead“. Doch immer wieder kamen den amerikanischen Umweltpolitikern in den folgenden Jahrzehnten die „Klimaskeptiker“ in die Quere. Bestes Beispiel: Ronald Reagan ließ stante pede die von Carter auf das Dach des Weißen Hauses gebrachten Solarmodule wieder abmontieren. Viel schwerer wiegt das Erbe von George W. Bush: Die USA mögen zwar das Land mit dem größten Ausstoß von Treibhausgasen weltweit sein – doch das Kyoto-Protokoll zur Reduktion von C02 & Co. wurde von Washington immer noch nicht ratifiziert. Einer, der sich seit Jahrzehnten gegen solche Versäumnisse abmüht, ist der ehemalige Vizepräsident Al Gore.

Der Klimawandel bleibt eine unbequeme Wahrheit

Al Gore ist überall. Unermüdlich tourt Amerikas Chef-Ökologe durch das Land, um Überzeugungsarbeit für nachhaltige Umwelt- und Wirtschaftspolitik zu leisten. Davon zeugt etwa der 2006 in die Kinos gelangte Doku-Streifen „Inconvenient Truth“ („Unbequeme Wahrheit“). Schon dort zeigt sich Al Gore auch als echter PR-Profi: so lässt er sich in einer Schlüsselszene mit einer hydraulischen Hebebühne bis zur Decke des Veranstaltungsraumes katapultieren, um den Anstieg des Kohlendioxid-Gehaltes der Atmosphäre zu demonstrieren. Die Daten passen schon nicht mehr in Schaubilder – die Kurve geht im wahrsten Sinne des Wortes durch die Decke. Drei Jahre und viele „Solution Summits“ später schrieb Al Gore ein Buch: „Our Choice“, Untertitel: A Plan to Solve the Climate Crisis“. „Our Choice“ versammelt alle Lösungsstrategien, die zur Wahl stehen: von Solarenergie und Windkraft über Erdwärme bis hin zur Atomenergie. Auch unter der Ägide von Barrack Obama ist die ja für die USA immer noch ein Mittel der Wahl.

Interaktive Grafiken vermitteln Aha-Effekte

Schon die 2009 veröffentlichte Papierversion von „Our Choice“ wusste die Argumentation pro Nachhaltigkeit durch großformatige Reportagefotos zu untermalen: Windparks in Kalifornien, spiegelnde Solarkraftwerke in Spanien, aber auch Zivilisationmüll in der grönlandischen Tundra, oder endlose Autolawinen auf amerikanischen Highways. Viele der Abbildungen haben auch Eingang in die App gefunden – oft als ganzseitige Kapitel-Intros, an vielen Stellen jedoch auch als ausklappbare Illustration mitten im Text: per Fingerwisch erweitert sich die Perspektive dann vom Detail auf das Ganze. Dazu kommen iPad-typische Grafiken mit interaktiven Elementen, die sich mit dem Finger auf dem Touch-Screen erforschen lassen. Etwa eine Karte der USA, die für jeden gerade berührten Punkt die durchschnittlich verfügbare Menge an Sonnenenergie zeigt – im Vergleich zur derzeit verbrauchten fossilen Energie. Aha-Effekt inklusive: An vielen Orten übersteigt das Potential der Sonne den derzeitigen Konsum um tausende Prozent.

“Die Zeit der Entscheidung ist da – hier sind eure Werkzeuge“

„Our Choice“ zeigt Lösungsstrategien auf, rechnet aber auch mit den Klimaskeptikern ab. „Jeder hat das Recht auf seine Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten“, zitiert Al Gore den ehemaligen UN-Botschafter und Soziologen Pat Moynihan. Doch da die Frage von Wahr oder Falsch immer stärker zu einer Frage der Machtfrage werde, würde die Wahrnehmung des Problems gerade in den USA immer wieder verzerrt – von Lobbyorganisationen ebnso wie von konservativen Fernsehseh- und Radiosendern. Unter dem Titel „Political Obstacles“ ist den Klimaskeptikern sogar ein ganzes Kapitel gewidmet – ihre Taktiken der Öl & Kohle-Lobby ähneln, so Al Gore, denen der Tabakindustrie (auch sehr nett: das Titelbild dieses Kapitels zeigt George W. Kopf an Kopf mit dem saudischen König). Für den ehemaligen Vizepräsidenten dagegen ist die Klimakrise äußerst real. Die Zeit zum Diskutieren ist vorbei: „The hour of choosing has arrived – here are your tools“. Zugleich biete die Klimakrise aber auch den Schlüssel zur Lösung anderer Gegenwartsprobleme: „The security crisis, the economic crisis, and the climate crisis seem unsolvable in isolation. Yet when we look closely, we can see the common thread running through them, deeply ironic in its simplicity: our dangerous over-reliance on carbon-based fuels is at the core of all three of these challenges.“

“Die Natur gibt keinen Rettungskredit“

Al Gore streitet zwar regelmäßig ab, dass er nach seiner traumatischen Niederlage gegen George W. Bush jemals wieder als Präsidentschaftskandidat für die Demokraten zur Verfügung stehen wird. Doch wer weiß? Ähnlich wie das Documentary „Inconvenient Truth“ ist gerade auch die E-Book-App von „Our Choice“ nicht nur Werbung für eine Politik der Nachhaltigkeit, sondern macht auch nachhaltig Werbung für Al Gore. Beim ersten Öffnen wird automatisch ein Video abgespielt, in dem Al Gore in staatsmännischer Manier den Leser direkt anspricht. Auch an vielen Stellen des E-Books spricht er auf Knopfdruck Audiokommentare im Gestus des Elder Statesman. Ähnlich klug wie Barrack Obama im Wahlkampf das Internet genutzt hat, baut Al Gore nun auf die Wirkungsästhetik von Apples Touch-Screen, um seine politische Agenda voranzutreiben. „Our Choice versammelt die wirksamsten Methoden, um die Klima-Katastrophe aufzuhalten“, betont Al Gore im Promo-Video. Zu diesen Methoden gehört ganz offenbar auch die iPad-App. Im Hinblick auf die US-Öffentlichkeit kann man nur hoffen, dass sie ihren Zweck erfüllt. Wie hat es Jonathan Lash vom World Ressource Institute so schön formuliert: “Nature does not do bailouts“ – „die Natur gibt keinen Rettungs-Kredit“.

[e-book-review] iPad als Slam-Pad: „Warum ich Angst vor Frauen habe“ (Mischa-Sarim Vérollet)


Das Leben ist kein Ponyhof, es ist aber auch keine Waldorfschule – das weiß niemand besser als Mischa-Sarim Vérollet (MSV), seines Zeichens Slam-Poet & Romanautor. Wer die fulminanten Auftritte des Event-Literaten bisher verpasst hat, kann dies nun auf iPad oder iPhone nachholen – MSVs ersten Roman „Warum ich Angst vor Frauen habe“ gibt’s nämlich als multimedial aufgepepptes E-Book, inklusive Audiofiles, Videos und Fotos. Was man sonst noch über Autor & Werk wissen sollte, verrät im Folgenden Heide Reinhäckel.

Slam-Poetry als literarisches Sprungbrett

Mischa-Sarim Vérollet fällt auf. Der Dreiklang seines Namens, eine ungebremste Beatnik-Lockenfrisur und eine überdimensionale Vintage-Brille gehören zu den Markenzeichen des Berliner Poetry-Slammers. Vérollet, der 1981 auf Gibraltar als Sohn einer deutschen Mutter und eines englisch-französischen Vaters geboren wurde, zog im Kleinkindalter mit der Familie nach Bielefeld und wuchs dort auf. Mittlerweile ist er der Star unter den Slam-Poeten. Die 1986 in Chicago erfundenen Literatur-Events haben sich längst auch auf deutschen Bühnen etabliert. Das Publikum entscheidet, wer weiterkommt und zum „Dichterfürsten“ der etwas anderen Art gekrönt wird. Wichtig ist also nicht nur, wie man schreibt, sondern auch, wie man die Texte vor dem Mikro präsentiert.

“Das Leben ist keine Waldorfschule“

Seit 2009 kombiniert Vérollet die Slam-Performance auf der Lesebühne mit Formen traditioneller Autorenpräsenz. Im Publikumsverlag Carlsen erschien mit „Das Leben ist keine Waldorfschule“ eine Sammlung kurzer Poetry-Slam Texte. Das Buch wurde auf der Frankfurter Buchmesse zum „Kuriosesten Buchtitel“ des Jahres gekürt. 2010 kam dann mit „Warum ich Angst vor Frauen habe“ Vérollets erster Roman heraus. Er erzählt eine leicht autobiographisch eingefärbte Bielefelder Coming of Age -Geschichte in den 1990er Jahren. Der skurile, selbstironische und mit reichlich schwarzem Humor versehene Roman erzählt über pubertäres Erwachen in Schule und Sportunterricht („Der Krieg der Pheromone eskalierte, das Gemenge aus neonfarbigen, hautengen Leggings, Die-Ärzte-T-Sirts und frischem Mädchenschweiß verfehlte seine Wirkung nicht…“ ), von Mädchen, geplanten Mondreisen und Jungsfreundschaften sowie über die Geschmackssünden der 1990er Jahre. Das Episodenhafte, Überzogene und Skurile des Romans verweist immer wieder auf die Geburt von MSV’s Literatur aus dem Geist des Poetry-Slams.

Slam Poetry wird zum „enhanced E-Book“

Neben der Buchversion, die als Zugabe eine CD mit Bonusmatrial enthielt, ist „Warum ich Angst vor Frauen habe“ nun auch als enhanced E-Book erschienen. Die multimediale Romanversion, erhältlich für iPhone, iPad & iPod Touch kombiniert die Textfassung mit Audiofiles, Videos und Fotos, gestrichenen Szenen sowie einem alternativen Ende. Neben einem Werkstatt-Effekt oder dem DVD-Bonustrackgefühl garantiert so das Enhanced E-Book vor allem eines: Lesebühnenstimmung nach dem Motto „pimp up ur ebook“. Denn man kann das E-Book eben nicht nur lesen, man kann richtig was erleben. Etwa, wie gekonnt der Autor selbst seinen Text live vorträgt, die wilden Locken schüttelt und einfach komisch ist.

verollet-warum-ich-angst
Mischa-Sarim Vérollet, Warum ich Angst vor Frauen habe
iBooks (iPhone, iPod Touch, iPad), 12, 99 Euro
Roman (Print) plus CD, 14,99 Euro

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel