Nachrichten über den Tod der Schreibmaschinen-Industrie sind stark übertrieben

Als die „allerletzte“ Schreibmaschinen-Fabrik Godrej & Boyce in Mumbai ihre Pforten schloss, schien das Ende einer Ära erreicht. Kaum dreißig Jahre nach Erfindung des PCs hatten Word & Co. dem mechanischen Schreiben den Garaus gemacht. Bald gab es jedoch Entwarnung: ähnlich wie das Vinyl haben auch elektrisch oder mit Muskelkraft betriebenen Büromaschinen ein Nachleben. Verantwortlich ist dafür nicht nur die Kundschaft von Manufactum oder die eine oder andere Verwaltung eines Schwellenlandes, sondern auch das Gefängnis-System der USA.

Adieu Gabriele, Monika und Hermes Baby

Sie heißt Gabriele, Monika oder Hermes Baby, wiegt selten weniger als zwei bis drei Kilo, und war lange Zeit treue Begleiterin von Schriftstellern, Journalisten und einem Heer von Verwaltungsangestellten. Gegenüber der noch kurzen Geschichte von Laptop & PC hat die Schreibmaschine bereits mehr als hundert Jahre auf dem Buckel. Schon 1714 reichte der Amerikaner Henry Mill das erste Patent auf einen „Typewriter“ eine, doch erst in den 1870er Jahren begann die Serienfertigung der ersten echten Schreibmaschinen. Friedrich Nietzsche hämmerte auf einem der ersten Kugelkopf-Modelle herum, Mark Twain war von den neuen Aufschreibesystemen ebenso sehr angetan. Doch die Hochzeit des mechanischen oder elektrischen Tippens ist eindeutig vorbei. Selbst im Literaturarchiv Marbach werden schon die ersten Computertastaturen archiviert. So mochte man die Nachricht vom Schließen der letzten Schreibmaschinen-Fabrikgerne glauben: „Godrej and Boyce – the last company left in the world that was still manufacturing typewriters – has shut down its production plant in Mumbai, India with just a few hundred machines left in stock“ , schrieb Ende April die Daily Mail.

Letzte Refugien des mechanischen Schreibens

Zu den letzten lieferbaren Maschinen gehörten hauptsächlich solche mit arabischen Zeichen. „Although typewriters became obsolete years ago in the west, they were still common in India  – until recently“, hieß es weiter. Schließlich habe aber auch in Indien der Computer die alten Bürogeräte verdrängt. Habe man zehn, fünfzehn Jahre zuvor noch 50.000 Stück produziert, seien es zuletzt nur noch 800 Maschinen pro Jahr gewesen. Der Business Standard zitierte den Firmenchef Milind Dukle mit den Worten, dies sein nun wahrscheinlich die allerletzte Gelegenheit für Sammler, noch ein Exemplar der aussterbenden Art zu ergattern. Und Jacques Perrier, Direktor des Schreibmaschinen-Museums in Lausanne, bestätigte gegenüber der französischen Online-Zeitung rue89, Godrej & Boyce sei tatsächlich der letzte Hersteller weltweit gewesen, in Europa habe man die Produktion schon Ende der 1980er Jahre aufgegeben. Und merkte noch an, betroffen von der Schließung seien höchstens ein paar Verwaltungen afrikanischer Länder. Kenner des aktuellen Manfactum-Katalogs hätten schon zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass die Geschichte nicht ganz stimmen konnte.

Schreibmaschinen mit Plexiglasgehäuse haben Zukunft

Neben Emaille-Eimern, Bakelit-Telefonen und unkaputtbaren Glühbirnen gibt es beim legendären Retro-Versandhändler schließlich noch „gute Dinge“ wie die Olympia SG 3 N. Gewicht: 16 Kilogramm, Preis: 590 Euro. O-Ton Manufactum: „der Inbegriff der Behördenschreibmaschine und feinmechanisch so ausgereift, daß sie seit 1958 praktisch unverändert gebaut wird“. Neben gut betuchten Nostalgikern im alten Europa gibt es in den USA jedoch noch einen viel größeren Kundenstamm für Schreibmaschinen– nämlich Millionen von Gefängnisinsassen, denen der Besitz von Computern untersagt ist. Davon wiederum profitiert Swintec. Das US-Unternehmen hat sich auf den Bedarf von Bürotechnik „designed for correctional institutions“ spezialisiert. Mit dem Manufactum-Modell kann man diese Fabrikate jedoch kaum vergleichen. Erstens funktionieren die Swintec-Typewriter elektrisch. Zweitens sind sie durchsichtig – sie haben ein durchsichtiges Plexiglasgehäuse:. “We have contracts with correctional facilities in 43 states to supply clear typewriters for inmates so they can’t hide contraband inside them” , so Swintec-Mitarbeiter Ed Michael. Sogar die Gehäuse der Farbbänder sind durchsichtig. Im Prinzip mag die Nachricht vom Tod der Schreibmaschine also stimmen. Sie betrifft aber vor allem blickdichte Modelle.

Boogie Board statt Notizblock: neuartiges LCD-Tablet funktioniert (fast) ohne Strom

boogie-board-elektronisches-schreibenDas Boogie Board bringt uns der Utopie vom elektronischen Papier wieder einen Schritt näher – vor allem, was das Schreiben betrifft. Ein druckempfindliches LCD-Display macht schnelle Notizen, Kritzeleien oder Skizzen möglich, Strom wird nur für den Page-Refresh benötigt. Ähnlich wie bei Wunderblock oder Schiefertafel funktioniert das Boogie Board allerdings nach dem Tabula rasa-Prinzip: die Displayinhalte lassen sich nicht speichern. Für 30 Dollar ist das Boogie Board etwa bei Amazon.com erhältlich – inklusive Transporkosten zahlen deutsche Kunden etwas mehr als 50 Euro.

Schreiben per Finger, Stift oder Pinsel

Ursprünglich versteht man unter Boogie Board ja eine Art Miniatur-Surfbrett. Doch mittlerweile gibt es auch ein Boogie Board für Landratten – das 8,9-Zoll-Gerät ist eine interessante Mischung aus den analogen Vorgängern Wunderblock und Schiefertafel. Das druckempfindliche LCD-Display lässt sich per Finger, Stift oder Pinsel beschreiben. Die besondere Beschaffenheit des Boogie Boards macht neben Notizen auch Zeichnungen mit Schraffur möglich – die Dicke der Striche hängt davon ab, wie stark man aufdrückt. Der besondere Clou: Strom verbraucht wird dabei überhaupt nicht. Nur zum Löschen des Displays muss eine minimale Spannung anliegen, die von einer kleinen Knopfzelle im Gehäuse geliefert wird (auswechseln lässt sie sich leider nicht). Gespeichert werden kann der Inhalt des Boogie Boards in der Basisversion allerdings nicht – es ist ähnlich wie seine analogen Vorbilder tatsächlich nur für flüchtige Notizen oder Skizzen gedacht. Geliefert wird das vollfunktionsfähige Gerät mit Teleskop-Stylus, irgendwelche Anschlüsse oder oder einen Einschaltknopf gibt es nicht – das Boogie Board besteht nur aus Display und Lösch-Knopf.

Boogie Board ist besser als E-Ink plus Touch-Screen

„The next time you reach for a piece of paper and a pen – Don’t! Grab a Boogie Board instead, the tree-friendly alternative“, begeistert sich die Website des Herstellers improv Electronics. Mindensten 50.000 Beschreibvorgänge soll das Gerät aushalten, das wäre auf jeden Fall ein ziemlich hoher Stapel Papier. Obwohl ein Notizblock ohne Speicherfunktion doch etwas skuril anmutet, schlagen die Boogie Board-Macher eine ganze Reihe von Anwendungsgebieten vor – etwa für Lehrer, Football-Trainer, Krankenschwestern oder Künstler. Überall dort also, wo man schnell mal etwas aufschreiben oder skizzieren möchte. Auf dem Boogie Board-Blog wird sogar der Einsatz für Hobby-Piloten empfohlen, die sich Flugdaten notieren möchten – sozusagen „on the fly“. Viele E-Reader mit Touch-Screen und Stylus – zuletzt etwa Sonys neue Modelle – bringen eine ganz ähnliche Funktion mit. Im Gegensatz zu solchen E-Ink-Lösungen reagiert das LCD-Display des Boogie Boards allerdings weitaus schneller und exakter. Auf den Hands-on-Videos sieht die Nutzung ähnlich unkompliziert aus wie mit Stift und Papier. Wer professionell zeichnen will, und zudem nicht nur monochrom, ist aber wohl auch weiterhin mit iPad-Ergänzungen wie dem Pogo Sketch Stylus oder einem Wacom-Stifttablett für den Desktop am besten bedient.