Onleihe in der Kritik: Erfolgsmodell oder Datenschutz-Fiasko?

onleihe-appOberflächlich betrachtet kann die Onleihe eine Erfolgsbilanz vorweisen: mehr als 3.000 Bibliotheken nehmen teil, die Stiftung Warentest lobt das Preis-Leistungsverhältnis (es reicht schließlich der Bibliotheksausweis), der Markenname selbst steht mittlerweile sogar im Duden. Doch im Kern sei das Konzept „in puncto Datenschutz, technische Hindernisse & Angemessenheit … ein Fiasko“ urteilte jetzt Netzpolitik.org-Autor Arne Cypionka. Die Crux ist dabei — mal wieder — Digital Rights Management, genauer gesagt: Adobe Digital Editions. Denn ohne Registrierung bei Adobe und Zuteilung einer individuellen „Adobe-ID“ geht bei der Onleihe nix.

Adobe schnorchelt fleißig Nutzerdaten

Wer aber den endlosen AGBs in Länge von knapp zwanzig A4-Seiten zustimmt, muss dabei so manche Kröte schlucken, was die Verwendung der Daten und deren Weitergabe an Dritte betrifft: „Durch Nutzung der Onleihe erfährt Adobe unter anderem folgendes: eindeutige Kennziffern, die mein Benutzerkonto und Gerät identifizieren, meine IP-Adresse und damit meinen ungefähren Standort, welche Bücher ich lese, wie lange ich sie lese und wie viel des jeweiligen Buches ich wirklich gelesen habe.“

Neue DRM-Software als Lösung?

Das seien zu viele Daten, bloß um ein Buch zu lesen, kritisiert Cypionka, erst recht, weil sie technisch für den Ausleih-Prozess gar nicht notwendig seien, eigentlich reiche die Verwendung der Benutzer-ID zur Autorisierung der E-Book-Lektüre völlig aus. Auch der für 2019 geplante Umstieg auf das französische Konkurrenz-Produkt CARE wird wohl keine zufriedenstellende Lösung bringen — denn zum einen ist noch gar nicht klar, welche persönlichen Daten in Zukunft erhoben werden, und auch nicht, welche Lesegeräte überhaupt per Update mit der neuen DRM-Lösung benutzbar sein werden. Viele ältere Modelle, die von den Herstellern nicht mehr unterstützt werden, wird man zur Onleihe dann wohl nicht mehr benutzen könnnen.

Immerhin muss auf dem PC dann keine DRM-Software installiert werden, um überhaupt ein Lesegerät und ausgeliehene E-Books zur Lektüre freischalten zu können — daran sind nämlich bisher viele Mac- und Linux-Nutzer gescheitert, selbst manche Windows-10-Nutzer haben Probleme mit Adobes Programm-Ungetüm.

(via Netzpolitik.org)

„DRM fesselt E-Books. Die Blockchain ‚führt‘ E-Books, so wie in ‚Buchführung'“ — Alexander Weinmann (lyrx Books) im Interview

blockchain-technologie-fuer-die-buchbrancheE-Books verleihen, gebraucht verkaufen, oder seitenweise vermarkten — und das alles ohne DRM-Overkill? Die von der virtuellen Bitcoin-Währung her bekannte Blockchain verspricht eine Peer-to-Peer-Alternative für den Handel mit elektronischen Büchern, ohne teure Infrastruktur, ohne zentrale Instanz. Was noch ein bisschen nach Science-Fiction klingt, hat aber schon fast die Praxisphase erreicht: das Schweizer Startup „lyrx Books“ stellt sich als erstes Unternehmen im deutschsprachigen Raum als Blockchain-Spezialist für die Buchbranche auf. Gegründet wurde lyrx von Diplom-Mathematiker & Softwareentwickler Alexander Weinmann und Wirtschaftsinformatiker Josia Sackmann — wir sprachen mit Alexander Weinmann über die Unterschiede zwischen Blockchain-Technologie und klassischem DRM, das Potential an Benutzerfreundlichkeit und wollten nicht zuletzt wissen: kommen mit der Blockchain auch Bitcoins als Zahlungsmittel für E-Books?

E-Book-News: Bisher konnte man ja schlecht für den Weiterverkauf von „gebrauchten“ E-Books argumentieren, wenn man gleichzeitig gegen DRM war — die Blockchain-Technologie scheint diesen gordischen Knoten nun zu durchschlagen. Wie schafft sie das?

Alexander Weinmann: Indem Sie das Urheberrecht und das Eigentumsrecht (und den Verkauf) anders regelt, als bei harter DRM. Im Internet geht es auf technischer Ebene beim Handel immer um Verschlüsselung, also um Kryptographie. Genau wie bei DRM ist auch in der Blockchain die Kryptographie das entscheidende Werkzeug. Allerdings setzt die Blockchain Kryptographie auf eine viel elegantere und flexiblere Weise ein, als das mit DRM je denkbar wäre. DRM behindert Handel. Die Blockchain ermöglicht Handel, damit auch Weiterverkauf. Kurz zurück zur harten DRM: Hier wird das eBook immer verschlüsselt. Die Entschlüsselung ist nur mit einem bestimmten Lesegerät oder einer bestimmten Software möglich, und an einen Leser gebunden. Entschlüsseln kann der Leser nicht frei, wie ihm das gefällt. Er hat nicht das Recht dazu. Das Buch gehört ihm nicht. Er kann nicht darüber verfügen.

In der Blockchain ist das ganz anders: Eine Transaktion in der Blockchain überträgt ein Lese- oder Besitzrecht für ein Buch von einem Leser/Besitzer zu einem anderen. Die Blockchain ist ja nichts anderes als eine Liste solcher Transaktionen, unabhängig von einer Firma oder einer Institution. Deshalb ist so beweisbar, wer das Urheberrecht an einem Buch hat, wer das Leserecht oder ein beliebigtes anderes Recht besitzt, sobald das Buch in einer solchen Transaktion enthalten ist.

Die Weitergabe des entschlüsselen E-Books lässt sich auf diese Weise aber nicht verhindern?

Nein, das geht nicht. Diebstahl wird es immer geben. Was sich aber ändert durch die Blockchain, ist folgendes: Für jedes einzelne eBook auf der Welt kann verifiziert werden, wer welche Rechte darauf hat: Urheber, Verleger, Leser, Entleiher, was auch immer. Das ist möglich, sobald das eBook über Blockchain-Transaktionen geführt wird, und es ist eben unabhängig von einem Verlag oder einem eBook-Shop möglich.
Wie soll das funktionieren, wenn das eBook nicht notwendig verschlüsselt ist? — Wiederum über Kryptographie! Jede Datei lässt sich mit einer kryptographische Prüfsumme eindeutig kennzeichen (Hash, oder beim eBook erfüllt ein Wasserzeichen den selben Zweck) . Diese Prüfsumme wiederum kann kryptographisch signiert werden, was nichts anderes bedeutet, als dass Sie einem Eigentümer/Urheber oder Leser zugeordnet wird. Sobald diese signierte Prüfsumme nun Teil einer Blockchain-Transaktion ist, wird das eBook handelbar, wie ein physisches Gut. Spätestens jetzt wird klar, dass die Details kompliziert sind. Aber die Details sind für den normalen Leser unwichtig! Er wird den Unterschied merken, wenn es umgesetzt ist, wenn es die Handelsplatform tatsächlich gibt, und wenn er seine erste echte eigene digitale Bibliothek aufbauen kann.

Kunden möchten ihre E-Books auf möglichst vielen Endgeräten lesen
können, Backups machen, vielleicht auch den Titel in der Familie oder
unter Freunden weitergeben. Ist das konkrete Handling einer E-Book-Datei
beim Einsatz der Blockchain-Technologie so flexibel wie z.B. bei E-Books
mit digitalem Wasserzeichen?

Ganz klar ja! Blockchain-Technologie ermöglicht nur den Handel von eBooks. Weder
werden die eBook-Dateien selbst in der Blockchain abgelegt, noch über die Blockchain verteilt. Dafür ist die Blockchain nämlich nicht geeignet. Das Herunterladen muss also nach wie vor über den Server eines Shops erfolgen. Der Shop kann nach wie vor DRM einsetzen, auch Wasserzeichen, wenn er möchte. Die Gründe, das zu tun, sind aber deutlich weniger, denn der Shop kann nun über die Blockchain seinen Kunden authentifizieren, und kann im Prinzip sogar jedes einzelne Buch tracken.
Sobald jemand ein bestimmtes eBook auf der Festplatte hat, muss es in der Blockchain eine Transaktion geben, die ihm und dem Buch zuzuordnen sind. Sonst hat er eine illegale Kopie. Das Handling aber, die Verteilung, die Abspeicherung, die Nutzung von Lesegeräten, all das bleibt davon (zunächst) unberührt. Was die Weitergabe eines Buchs an Freunde oder an die Familie angeht:
Dahinter steckt letztlich die Frage, welches Recht ein Leser an einem eBook erworben hat. Wenn er das Recht hat, das Buch an Freunde weiter zugeben, ohne eine dazugehörige Transaktion in der Blockchain erfassen zu müssen, dann ist das eben so. Jede Buchhaltung hat ihre Grenzen, und die Blockchain ist letztlich auch nur eine Buchhaltung.

Schon jetzt gibt es verschiedene E-Book-Formate wie auch verschiedene Kopierschutz-Standards, was viele Kunden verwirrt und verärgert. Wenn man zukünftig den Verleih oder Verkauf von E-Books via Blockchain organisiert — wie lässt sich verhindern, dass es am Ende dann zwei und mehr Blockchains gibt, so wie es jetzt ja auch schon verschiedene Krypto-Währungen nebeneinander existieren?

Das wird sich kaum verhindern lassen, und die Frage, ob es passieren wird, ist auch völlig offen. Natürlich wird das in der Szene momentan heiss diskutiert. Viele sind unzufrieden mit der bereits stattfindenden Zersplitterung. Es gibt ständig neue Projekte mit völlig neuen Ansätzen.
So wird zum Beispiel bei Ethereum ein Ansatz verfolgt, der über »smart contracts« alles noch einmal auf ein weitaus abstrakteres Niveau hebt.
Auch IBM und Microsoft brauen gerade ihr eigenes Süppchen. Auf diesem Gebiet ist momentan unglaublich viel Kreativität und Intelligenz am Werk. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich entsprechende Meetings und Veranstaltungen besuche, wie vielen ausserordentlich klugen Menschen ich dort begegne. Das ganze Gebiet
arbeitet wie ein grosser Thinktank. Konkurrenz und unterschiedliche Ansichten bereichern das zusätzlich. Deshalb kann das Ergebnis gar nicht einheitlich sein.
Am Ende aber ist Blockchain eine Basistechnologie. Es wird bestimmt möglich sein, verschiedene technologische Grundlagen vor dem Endbenutzer zu verbergen, indem es einheitliche Benutzerschnittstellen gibt. Was auch immer geschehen wird, es wird bestimmt viel besser sein, als das, was wir momentan haben.

Als direktes Bezahlverfahren haben sich Bitcoins & Co. bisher weder im
Online-Handel allgemein noch in der Buchbranche durchsetzen können.
Inwieweit könnte die Nutzung von Blockchain-Technologien im Buchhandel
zugleich auch die Akzeptanz für Krypto-Währungen verbessern?

Ganz klares Nein. Ob Kryptowährungen sich durchsetzen oder nicht, das wird bestimmt nicht vom Buchhandel abhängen. Es wird vor allem davon abhängen, in wie weit sich Kryptowährungen im Bankenbereich durchsetzen. Ausserdem sind Währungen immer vom Staat reguliert. Vielleicht wird es eines Tages spannend werden, wenn der Euro in eine richtig tiefe Krise gerät. Wenn den klassischen Währungen nicht mehr vertraut wird, was geschieht dann mit den Kryptowährungen?
Natürlich bietet es sich an, eBooks, die in der Blockchain gehandelt werden, über Kryptowährungen zu bezahlen, da diese ja ebenfalls über die Blockchain laufen. Es ist aber nicht zwingend notwendig. Wie genau das aussehen soll und wird, das will ich gerade heraus finden. Es wird darauf ankommen, was die Shops und Verlage wollen, wo sie der Schuh drückt, und wo konkret Kryptowährungen da helfen können. Wir von der lyrx GmbH suchen Ansprechpartner aus der Branche, die uns genau das sagen können.

Abb.: Namecoin/Flickr (cc-0/gemeinfrei)

Neue UK-Studie: Online-Piraten meiden E-Books wie die Pest

online-piraten-meiden-ebooksWährend große deutsche Verlage vom prinzipiell nutzlosen harten DRM zum prinzipiell nutzlosen weichen DRM wechseln, gibt es neue Erkenntnisse zur Frage: wie wichtig ist E-Book-Piraterie für den Buchmarkt überhaupt? Nun denn: „E-Books are unfamiliar waters for digital pirates“, fasst der britische Guardian eine neue Studie des staatlichen „Intellectual Property Office“ (IPO) zusammen, die sich auf den Zeitraum März bis Mai 2015 im Vereinigten Königreich bezieht.

„Unfamiliar Waters“ ist dabei wohl noch typisches britisches Understatement: denn nur ein Prozent der Internet-Nutzer haben dem IPO zufolge „zumindest einige E-Books“ auf illegalem Weg gelesen. Dagegen konsumierten 9 Prozent der digitalen Freibeuter illegal Musikdateien, 7 Prozent TV-Serien, 6 Pozent Filme und 2 Prozent Software & Games.

Insgesamt sollen sich im Untersuchungszeitraum knapp ein Fünftel aller britischen Internet-Nutzer mindestens ein Mal illegalen Content verschafft haben. Man könnte also auch sagen: die Leute meiden dabei E-Books wie die Pest, kaum jemand möchte sie in die Hand nehmen.

Doch was sind das für Menschen, die überhaupt E-Books lesen, ob nun legal oder illegal? Auch da hat die IPO-Studie interessante Zahlen parat: E-Book-Konsumenten zahlen deutlich häufiger als alle anderen Nutzergruppen für einen Teil des digitalen Contents (nämlich: 70 Prozent) oder den gesamten konsumierten Content (47 Prozent).

Und warum ist das so? Der Guardian zitiert da Sci-Fi-Autor Nick Harkaway mit einer wohl gar nicht so abseitigen These: „Ich denke das hat kulturelle Gründe – vor allem nehmen die Leute Bücher und ihre Autoren anders wahr, sie sehen in ihnen den einzelnen Künstler und nicht eine multinationale Industrie“.

Irgendwie tragisch, dass die multinationale Publishing-Industrie umgekehrt ihre Leser nur als eine anonyme Masse von gesetzesbrecherischen Tagedieben ansieht, vor denen man die E-Books schützen muss.

Abb.: Flickr/ryanrocketship (cc)

„Kompliziert und zwecklos“: Verlagsgruppe Bonnier verzichtet auf harten Kopierschutz

bonnier-verzichtet-auf-hartes-drmGute Nachrichten für E-Book-Leser: die Bonnier Media Deutschland GmbH wird ab 1. Juli auf den Einsatz von hartem Kopierschutz verzichten. Für den Abschied der Branche von Adobe Digital Editions dürfte das ein zentraler Meilenstein sein, zählt doch die deutsche Sparte des schwedischen Bonnier-Konzerns neben Bertelsmann und Holtzbrinck zu den Top 3 der hiesigen Buchmacher. Statt Adobe Digital Editions setzen die zu Bonnier gehörenden Verlage wie Piper, Ullstein oder Carlsen nun auf das Digitale Wasserzeichen. Ähnlich machen es bereits die großen Publikumsverlage Dumont, dtv und Bastei Lübbe.

„Hartes DRM schützt nicht vor Piraterie“

Die von Bonnier-Chef Christian Schumacher-Gebler in der offiziellen Pressemitteling angeführten Gründe sind mal wieder aus der klassischen „WE TOLD YOU SO!“-Kiste gegriffen: hartes DRM sei für die Kunden lästig („Leser muss sich auf komplizierte Weise anmelden“, „kann E-Book nur auf registrierten Geräten lesen“), außerdem schütze es nicht vor E-Book-Piraterie („relativ einfach zu umgehen“, „Zahl illegaler Downloads richtet sich nicht nach Härte des Kopierschutzes“, „Bestseller tauchen in Tauschbörsen überproportional auf“).

Buchhändler gegen hartes DRM

Eine Rolle spielt für Bonnier auch die Anti-DRM-Haltung vieler Buchhändler, die immer wieder von frustrierten Kunden berichteten und durch die Selbsteinmauerung mit Adobe Digital Editions Wettbewerbsnachteile gegenüber Amazon befürchteten: „Mit dem Verzicht auf hartes DRM unterstützen wir alle Handelsteilnehmer gleichermaßen und schaffen etwaige Wettbewerbsbarrieren ab“, so Schumacher Gebler. Gerade der unabhängige Buchhandel werde davon besonders profitieren.

Watermarking als kundenfreundliche Lösung

Das digitale Wasserzeichen sei eine „kundenfreundliche“ Lösung, ergänzt werde die für den Nutzer nicht sichtbare Markierung der E-Book-Datei durch eine „prägnante Seite mit Warnhinweisen“ als „zusätzlicher psychologischer Effekt, der an die Sorgfaltspflicht der Leser appelliert“. Auch die „ohnehin intensiven Maßnahmen zur Entdeckung und Verfolgung von Urheberrechtsverstößen“ wolle man weiter ausbauen und vorantreiben.

Abb.: Paul Downey (cc-by-2.0)

Wasserzeichen als Ausstiegsdroge: dtv sagt tschüss zu hartem DRM

dtv-verzichtet-auf-drmEs gibt sie noch, die E-Book-News aus der Rubrik Zeichen und Wunder – auf dem Verlagsportal dtv.de kann man z.B. seit heute lesen: „Ab dem 1. Mai 2015 ist unser gesamtes eBook-Programm nicht mehr mit dem harten Kopierschutz (DRM) versehen, sondern trägt ein Wasserzeichen“. Nach Dumont verzichtet mit dtv damit binnen kurzem ein weiterer großer deutscher Verlag auf rigides Digital Rights Management à la Adobe Digital Editions.

„Erwerb und Nutzung von E-Books erleichtern“

Man reagiere „nach einer gründlichen Prüfungsphase auf die sich zuspitzende Diskussion im Handel“, so dtv’s Digital-Chefin Carmen Udina gegenüber dem Börsenblatt. Mit dem Umstieg aufs Wasserzeichen wolle der Verlag „den Erwerb und die Nutzung von E-Books erleichtern und den Kundensupport auf Seiten der Handelspartner minimieren“. Erst Anfang des Jahres hatte sogar Börsenvereins-Vorsteher Heinrich Riethmüller gefordert: „Der harte Kopierschutz muss weg!“.

Startup-Verlage verzichten komplett auf DRM

Man hätte es natürlich auch schon etwas länger wissen können. Gerade kleine Startup-Digitalverlage wie Mikrotext oder Dotbooks haben von Anfang an komplett auf Kopierschutz verzichtet, und zwar ganz bewusst. Dotbooks-Lektor Dennis Schmolk etwa wusste schon 2013 im E-Book-News-Interview: „DRM ist eine Einstiegshürde, die gerade technisch weniger versierte Kunden abschreckt“. Eine wesentliche Erkenntnis in der Branche sei: „Neunzig Prozent aller Supportvorfälle sind DRM-bedingt“.

Auch der Buchhandel ist mit DRM unzufrieden

Nicht zuletzt der Buchhandel ist ebenfalls seit langem unglücklich über DRM. Gegenüber Buchreport bestätigte Heinrich Riethmüller, neben dem Börsenvereins-Amt auch Osiander-Geschäftsführer erst kürzlich: „Bei Osiander beschäftigen sich zwei bis drei Mitarbeiter ausschließlich damit, am Telefon Kunden beim Download zu beraten. Bei anderen Händlern sieht es wohl nicht anders aus.“

Das Wasserzeichen – digitales Methadon?

Ganz ohne naiven Schutzzauber kommt die traditionelle Branche aber offenbar immer noch nicht aus – das zeigen die Beispiele dtv und Dumont: in beiden Fällen wird mit dem digitalen Wasserzeichen auf eine Art Ausstiegsdroge gesetzt. Das mag zwar nicht ganz so teuer sein wie etwa die Nutzung von Adobe Digital Editions, verringert aber ebenfalls die E-Book-Marge. Und schützt gegen E-Book-Piraterie genausowenig wie hartes DRM.

[Aktuelles Stichwort] Ersatzrate – oder: wie gut oder schlecht ist Piraterie für’s Business?


[Dieser Artikel ist eine Preview aus: „das große e-book & e-reader abc“, das mehr als 200 aktuelle Stichwörter von Adobe-ID bis Zweifinger-Zoom enthält. Es ist digital und gedruckt im Oktober 2014 erschienen – und kann direkt bei ebooknews press bestellt werden…]

Schätzwert, um die Auswirkungen illegaler Downloads von urheberrechtlich geschützten Inhalten auf den Umsatz einer Branche zu berechnen. Bei den Auswirkungen der →E-Book-Piraterie auf den Buchhandel wird von Marktbeobachtern z.T. eine sehr hohe Ersatzrate angenommen. Eine Entsprechung finden solche Hypothesen u.a. im Einsatz von →Digital Rights Management (DRM) durch große Verlage, während die meisten erfolgreichen Self-Publisher und Indie-Verlage darauf verzichten.

Die methodische Grundlage für die Berechnung von Ersatzraten ist ohnehin sehr umstritten. Zum einen ist angesichts eines begrenzten Budgets der Konsumenten anzunehmen, dass nicht jeder zusätzliche, unbezahlte →Download tatsächlich einen bezahlten Download ersetzt.

Zum anderen wird der Markt durch kostenlose legale Downloads beeinflusst, sowohl bei Gratisaktionen von Autoren und Verlagen zu Marketingzwecken wie auch durch →Onleihe und →Public Domain-Titel. Schon dabei sind sowohl konsumdämpfende wie konsumfördernde Effekte denkbar, denn durch solche Angebote lernen viele Leser erst bestimmte Autoren oder Themen kennen, die kostenlosen Downloads verbessern also die →„Discoverability“.

Dass die möglichst freie Zirkulation von Inhalten besondere Vorteile für selten verlangte Titel bietet, belegen u.a. Studien zu Musikdownloads: nach dem die Major Labels Ende der Nuller Jahre auf DRM verzichteten, stieg der Umsatz mit →Backlist-Titeln um dreißig Prozent, während generell ein Zuwachs von zehn Prozent verzeichnet wurde.

Eine ebenso wichtige Rolle spielt aber auch die Breite des verfügbaren legalen Angebots. Die Erfahrungen aus der Musikindustrie zeigen, dass gerade seit der Einführung von Streamingdiensten wie Spotify, die Content im Rahmen von →Flatrate-Abos anbieten, die Nutzung von illegalen Download-Portalen abgenommen hat.


[Dieser Artikel ist eine Preview aus: „das große e-book & e-reader abc“, das mehr als 200 aktuelle Stichwörter von Adobe-ID bis Zweifinger-Zoom enthält. Es ist digital und gedruckt im Oktober 2014 erschienen – und kann direkt bei ebooknews press bestellt werden…]

Watermarking plus Kopierschutz: HarperCollins mutiert zum multiplen DRM-Junkie

Wer bisher dachte, „softes“ DRM wie das digitale Wasserzeichen sei so etwas wie ein Methadon-Programm, um zugedröhnte Verleger vom ganz harten Stoff herunterzubringen, hat sich wohl etwas getäuscht. Mit HarperCollins ist nun erstmals einer der Big Five aus den USA in den Kreis der Mehrfachabhängigen avanciert, bzw. abgestiegen – neben Adobe DRM sollen die E-Books dieses Publishers nämlich zukünftig auch via Watermarking gekennzeichnet werden, in diesem Fall zusammengerührt in den Laboren des US-Dienstleisters DigiMarc.

Die Logik dahinter ist auf den ersten Blick etwas krude, und auf den zweiten Blick wohl auch. Die E-Book-Dateien werden mit der Technik von DigiMarc zwar individualisiert, doch soll damit nur feststellbar sein, in welchem Shop sie verkauft wurden. Harper Collins zufolge sei das „another step to prevent leaks in the digital supply chain as the company adds more e-tailers throughout the world“. Hintergrund: Harper Collins expandiert derzeit massiv in „Übersee“, insbesondere in Richtung China, traditionell ein Paradies der digitalen Piraterie.

Gerade gegenüber den Autoren, so HC, wolle man damit deutlich machen, dass der Verlag alles in seiner Macht stehende tut, um den Content zu schützen. Vor wem? Nun, in diesem Fall eben nicht nur vor potentiell kriminellen Lesern, sondern auch vor dem, ähem, potentiell kriminellen Buchhandel. Letztlich handelt es sich dabei eher um die übliche Verlagspropaganda, nun vielleicht noch in gesteigerter Form. Denn die Watermarking-Ankündigung setzt natürlich stillschweigend voraus, dass klassisches DRM funktioniert, und die Verbreitung illegaler Kopien deswegen nur durch die Branche selbst stattfindet kann.

In Wahrheit – und das weiß man bei HarperCollins selbstverständlich auch – hat DRM noch nie funktioniert, auch nicht beim Endkunden. Mittlerweile entfernen selbst technisch wenig versierte Nutzer das lästige Digitale Rechtemanagement dank im Web verfügbarer Plugins für Calibre & Co. so einfach, wie sie „kopiergeschützte“ CDs oder DVDs rippen: Datei auswählen, importieren, fertig. Und das nicht nur in China, sondern auch in Europa ode den USA. Meistens übrigens zum privaten Gebrauch.

Theoretisch reicht zugleich ein einziger Pirat aus, um ein E-Book via Internet weltweit zu verbreiten. Warum also diese merkwürdige Doppelstrategie, die doppelt nutzlos ist? Zumal parallel auch immer mehr Anbieter komplett auf DRM verzichten, oder auf „Watermarking Only“ setzen (so auch J K Rowlings Plattform Pottermore)? Just one hint: Bei Digimarc bewirbt man das „Guardian Watermarking“ genannte Verfahren damit, dass Verlage optional auch die Möglichkeit haben, Kundendaten mit der E-Book-Datei zu verbinden.

Da die Shop-Identifizierung natürlich die Verbreitung illegaler Kopien nicht einschränken wird, könnte HarperCollins also demnächst behaupten: sorry, hat nicht funktioniert, versuchen wir’s doch mal auf die ganz harte Tour. Wirklich helfen kann man solchen DRM-Junkies wohl nur mit kaltem Entzug…

(via Publishers Weekly)

Abb.: qthomasbower/Flickr (cc-by-sa-2.0)

Amazon.com-Daten zeigen: E-Books mit DRM verkaufen sich deutlich schlechter

Für Self-Publisher, die via Amazons Kindle Direkt Publishing (KDP) verkaufen, ist der Einsatz von DRM kostenlos. Doch lohnt sich der Einsatz des bei Lesern unbeliebten Kopierschutzes deswegen auch wirklich? Die Macher des mehrmals jährlich aktualisierten „Author Earning Reports“ wollten es wissen, und haben sich an einem Stichtag Mitte Juli den Verkaufsrang von 120.000 Indie-Titeln mit und ohne DRM im Kindle Store von Amazon.com angeschaut. Das Ergebnis ist eindeutig: 50 Prozent der untersuchten Titel waren DRM-frei, diese „bessere“ Hälfte des Angebots sorgte aber für 64 Prozent des E-Book-Absatzes.

Nun könnte es natürlich auch sein, dass Autoren mit „No-DRM-Policy“ zugleich besonders günstige E-Books anbieten – doch das Pricing hat keinen Einfluss auf die abschreckende Wirkung von DRM: in fast allen Preissegmenten zwischen 99 Cent und 9,99 Dollar verkaufen sich kopierschutzfreie E-Books deutlich besser. Umgekehrt formuliert: „What our data strongly suggests is that DRM harms ebook sales at any price point“, so der „Author Earnings Report“.

Hinter den Daten-Analysten in Sachen Autoren-Einkünfte steckt übrigens federführend Hugh Howey, der durch seine überaus erfolgreiche „Wool“-Saga (dtsch. Titel: „Silo“) international zum zum Aushängeschild der Self-Publishing-Bewegung geworden ist. Das eigentliche Ziel der Reports ist klar: durch aussagekräftige Marktzahlen ein Bewusstsein schaffen für den Wandel der Buchbranche und speziell für die Rolle der unabhängigen Autoren.

Das ist Howey auch mit dem Juli-Report eindrucksvoll gelungen: der Auswertung zufolge sind mittlerweile nämlich ein Drittel der im US-Kindle-Store verkauften E-Books von Self-Publishern hochgeladen, der Indie-Anteil am Gesamtumsatz liegt bereits bei 40 Prozent, und damit liegen sie knapp über dem Anteil, den ihre klassisch bei den „Big Five“ verlegten Kollegen erhalten. Deren Bücher werden übrigens nicht nur zu höheren Preisen, sondern überwiegend mit DRM angeboten.

Abb.: Author Earnings Report, cc-by-nc-sa

„Liebling, ich habe das DRM von deinem E-Book entfernt“ – Oder: So schützt man Bücher vor Adobe…

Wozu ist Digital Rights Management gut? Spätestens seit dem Wochenende weiß ich es – DRM motiviert Digital Natives zum zivilen Ungehorsam, vor allem innerhalb der Familie. Nach dem Kauf eines kopiergeschützten Bestsellers zum Preis von 19,99 Euro stellte sich plötzlich heraus: der letzte epub-fähige E-Ink-Reader im Haushalt hatte nach fünf Jahren seinen Geist aufgegeben. Mit dem Kindle-Reader jedoch lassen sich kopiergeschützte epubs nicht öffnen. Sollten wir unsere Augen also zu später Stunde mit dem Display von Smartphone oder Tablet quälen? Lieber nicht. Alternative eins: das selbe Buch nochmal im Kindle-Store kaufen. Kostenpunkt: weitere 19,99 Euro. Super Idee! Alternative zwei: den gecrackten Titel auf diversen Piratenplattformen herunterladen. Obwohl ich ihn schon gekauft habe? Ebenfalls Schwachsinn. Blieb noch Alternative drei: Macbook hochfahren, epub-Titel mit Calibre importieren und in Richtung Kindle-Format umformatieren. Geht nicht? Geht wohl. Mit einem entsprechenden Plugin nämlich.

Anzeige

DRM-entfernen mit Calibre-Plugins

Der ebenso perfekte wie alltagstaugliche Kopierschutz existiert gar nicht. Denn damit man eine Datei überhaupt auf einem lokalen Rechner nutzen kann, muss auch der Schlüssel zum digitalen Schloss vor Ort vorhanden sein. Beim DRM-Branchenstandard Adobe Digital Editions ist das beispielsweise eine Datei mit dem Namen „adeptkey.der“. Das machen sich Calibre-Plugins wie etwa „DeDRM“ zunutze – sie suchen automatisch nach solchen Schlüsseln und importieren die unverschlüsselte Datei in das E-Book-Verwaltungsprogramm. Die Installation ist simpel: man geht im Calibre-Menü „Einstellungen“ unter „Erweitert“ auf den Bereich „Plugins“. Über den Dialog „Lade Plugin von Datei“ kann man dann das „DeDRM“-Plugin hinzufügen. Nach dem nächsten Start von Calibre sollte das Plugin dann die Arbeit aufnehmen und epubs mit DRM automatisch importieren.

Einfaches „Rippen“ macht Piratenplattformen überflüssig

Will man kopiergeschützte Kindle-Dateien der Calibre-Bibliothek hinzufügen, muss man das Plugin noch anpassen, indem man in einem Extra-Dialog die Seriennummer des E-Ink-Kindles eingibt. Die letzte DeDRM-Plugin-Version 6.08 funktioniert mit den aktuellen Calibre-Versionen 1.2x auf Mac und PC. Für den Hausgebrauch wird das Importieren von E-Books in die Literaturverwaltungs-App Calibre damit so einfach wie das populäre „Rippen“ einer CD oder DVD. Wie ich aus vielen Gesprächen mit KollegInnen weiß, ist aber auch das Entfernen von E-Book-DRM für private Zwecke selbst in Verlagen, Redaktionen und Amtsstuben längst Alltag – zumindest bei technikaffinen Menschen. Höchste Zeit, dass mit Hilfe von einfach zu bedienenden Plugins auch der normale Leser seine E-Books zum „guten Buch“ machen kann, und das heißt: zu einem normal zu benutzenden Buch. Piratenplattformen wären dann für Buchhandelskunden endlich überflüssig.

„Nur für den privaten Gebrauch“

Übrigens sehen das selbst Anti-DRM-Aktivisten wie Apprentice Alf so, auf dessen Webseite man u.a. das DeDRM-Plugin herunterladen kann. Dort heißt es nämlich: „Bitte nutzt diese App nur dafür, um vollen Zugang zur euren eigenen E-Books zu erlangen, zwecks Archivierung, Konvertierung, Komfort. DRM-befreite E-Books sollten nicht auf offen zugängliche Server, Torrents oder andere Plattformen für Massen-Distribution hochgeladen werden. Solche Handlungen werden von uns nicht unterstützt. Autoren, Buchhändler und Verleger müssen ihren Lebensunterhalt verdienen – nur so können sie auch in Zukunft Bücher für uns Leser produzieren. Seid keine Schmarotzer!“ Richtig ist aber auch: In den eigenen vier Wänden genutzt, kann DeDRM sogar das Wochenende retten.

Abb.: Flickr/Falldownmoon (cc)


Übrigens: Mehr Infos zu Themen wie DRM, E-Book-Formate, Calibre & Co. findet man im neuen „ebook & ereader abc“, erschienen bei ebooknews press…

Pro-Tipp von ebook.de: „Erstmal nicht auf Adobe Digital Editions 3.0 umsteigen“

Wer nach Gründen sucht, warum DRM eine schlechte Idee ist, muss sich derzeit nicht lange umschauen: Adobe treibt mit dem Start der aktuellen Version von Adobe Digital Editions die Lese-Kundschaft des elektronischen Buchhandels zur Verzweiflung. Wer die letzte Woche veröffentlichte Desktop-Software installiert, handelt sich eine Menge Kompabilitätsprobleme ein – das Übertragen von kopiergeschützten E-Books auf mobile Geräte (ein Hauptzweck von ADE) funktioniert nämlich nicht. In der Blogosphäre wurde schon Anfang der Woche vor der Installation von ADE 3.0 gewarnt, nun warnen auch Buchhändler wie ebook.de (vormals libri.de). Das Pikante daran: die Pannen passieren bereits, obwohl die DRM-Verschlüsselungstechnik selbst noch gar nicht verändert wurde.

In einer E-Mail an E-Book-News schreibt Fabian Seyfried, ebook.de-Produktmanager für Digitales Lesen: „In den ersten Tagen nach Erscheinen der neuen Adobe Digital Editions 3.0 gab es Probleme beim Übertragen kopiergeschützter eBooks von der neuen ADE 3.0 auf Endgeräte – und das, obwohl weder wir noch unsere Lieferanten auf den Adobe Content Server 5 und das neue DRM-System umgestellt haben“. Deswegen rät ebook.de allen Nutzern: „Erstmal nicht auf ADE 3.0 umsteigen; die [vorherige Version] ADE 2.01 lässt sich bei Adobe immer noch runterladen“. Gemeinsam mit einem namhaften amerikanischen Lese-App-Entwickler habe man auf Adobe „erheblichen Druck“ ausgeübt – sodass Adobe am 29. Januar schließlich Änderungen am DRM-Verfahren vorgenommen habe. Nun soll theoretisch die Übertragung von kopiergeschützten eBooks aus der Adobe Digital Editions 3.0 zu E-Readern und anderen Endgeräten möglich sein. Trotzdem wird aber vom Update abgeraten.

Nachfolgend gebe ich drei Tipps weiter, die ebook.de den Nutzern ans Herz legt (ich denke, sie sprechen auch in Sachen Sinn von DRM für sich selbst):

  • Generell: Erstmal nicht auf ADE 3.0 umsteigen; die ADE 2.01 lässt sich bei Adobe immer noch runterladen: http://www.adobe.com/support/digitaleditions/downloads.html
  • Wenn auf ADE 3.0 umgestiegen wird, was nach dem Update durch Adobe möglich ist, sollten vor der Installation alle alten Versionen der ADE deinstalliert werden
  • Sollte es schon zu Problemen mit der Übertragung von eBooks gekommen sein:
    – Die bisherige Kopie des betroffenen eBooks auf dem PC löschen
  • – Die .acsm-Datei noch einmal neu vom Händler herunterladen und in ADE 3.0 öffnen
    – Anschließend sollte das so erzeugte epub auf den Endgeräten funktionieren

    Update: Den Namen des amerikanischen App-Entwicklers, mit dem ebook.de zusammenarbeitet, habe ich auf Bitten von ebook.de wieder aus dem Post entfernt, damit das ohnehin angespannte Verhältnis des US-Partners zu Adobe nicht weiter belastet wird.

    Abb.: flickr/alexperuso (cc)