[e-book-review] Killer, Gräber & Gelehrte (Turhan Boydak, Der Troja-Code)

Troja ist immer gut, um einen handfesten Streit vom Zaun zu brechen, und sei es nur zwischen Gelehrten. Umso mehr, wenn man mit einer steilen These antritt wie kurz vor der Jahrtausendwende Eberhard Zangger: in Platons späten Dialogen Timaios und Kritias wollte der Geoarchäologe eine verzerrte Beschreibung der mythischen bronzezeitlichen Metropole entdeckt haben. Der berühmte Grieche spricht freilich nicht von Troja, sondern von Atlantis. Troja gleich Atlantis: zumindest eine genial einfache Lösung. Leider fehlen aber archäologische Beweise.

In Turhan Boydaks Thriller „Troja-Code“ tauchen genau die aber plötzlich auf, in Form einer beschrifteten Tonscherbe made in Turkey. Der Münchner Altertumskundler Werner Dreyer ist begeistert, als er die Nachricht erhält – und kurz darauf tot, genau wie sein türkischer Kollege, der den Fund dokumentiert hat. Denn es gibt offenbar eine einflussreiche Lobby-Gruppe von Abendländlern, die das Ideologem einer unverfälschten griechisch-römischen Antike um jeden Preis erhalten wollen. Troja UND Atlantis unterm Halbmond-Banner? Das darf nicht sein.

In Chats und E-Mails mit seiner Tochter Helena hatte Dreyer jedoch zuvor genügend verschlüsselte Hinweise darauf gestreut, dass eine archäologische Sensation bevorstehen könnte, die das Bild der europäischen Frühgeschichte umstoßen würde. Zusammen mit ihrem Freund begibt sich die Tochter auf eine Spurensuche, die sie schließlich bis zu den Hügeln von Hissarlik führt, verfolgt von einem rücksichtslosen Profikiller, der nur einen Auftrag hat: alle Beweise und Zeugen zu vernichten.

Den Leser erwarten dabei nicht nur Spannung und Action, sondern auch eine Menge eingestreuter historischer Fakten. Schon der Titel weist ja darauf hin: Boydak arbeitet nach dem Muster von Dan Brown – das Erstlingswerk des deutsch-türkischen Autors bewegt sich aber nicht wirklich auf Augenhöhe mit einer Blockbuster-Vorlage wie „Da Vinci-Code“. Trotzdem ist der Roman durchaus lesbar und als Ferienlektüre auf dem E-Reader keine schlechte Wahl, auch wenn man nicht am Mittelmeerstrand logiert.

Dank XXL-Leseprobe kann man den im Digital-Only-Verlag Dotbooks erschienenen Thriller vor dem Kauf zudem ausgiebig testen. Ach ja, und ist Troja nun wirklich gleich Atlantis? Das wird sich vielleicht eines Tages tatsächlich ganz Schliemannesk mit dem Spaten entschieden. Vorerst geht der trojanische Gelehrten-Krieg noch etwas weiter…

Turhan Boydak,
Der Troja-Code
E-Book (epub/Kindle) 6,99 Euro

„90% aller Supportvorfälle bei E-Books sind DRM-bedingt“ – Interview mit Beate Kuckertz & Dennis Schmolk (dotbooks)

Dotbooks ist ein Verlag neuen Typs: beim Münchner Startup lautet die Devise nicht nur „E-Books first“, sondern auch: „100% DRM-frei“. Damit ist dotbooks Vorreiter der Branche – und zudem erfolgreich. Aus Anlass der Blogparade zum „Internationalen Tag gegen DRM“ sprach E-Book-News mit Verlegerin Beate Kuckertz und Lektor Dennis Schmolk.

Konventionelle Verlage machen Bücher, und das heißt zunächst mal: gedruckte Bücher. Wenn man Glück hat, kommt parallel mit dem Buch ein E-Book heraus. Oft jedoch erst später, manchmal gar nicht. Bei dotbooks ist das anders, das sieht man ja schon am Namen. Wie kam die Idee zur Gründung?

Beate Kuckertz: Der Entschluss reifte während eines Sabbaticals, das ich nach über 20 Jahren in leitenden Positionen bei Konzernverlagen machte. Ich beschäftigte mich mit den Veränderungen des amerikanischen Buchmarktes und lernte, dass dort der Taschenbuchmarkt nach der Einführung von eReadern und der Akzeptanz von E-Books nahezu zusammengebrochen ist. Die deutschen Verlagsmühlen mahlen, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, recht langsam. Da war der Schritt in die Selbstständigkeit und die Gründung von dotbooks naheliegend.

Verleger lieben “gute Bücher”, Leser lieben „gute Bücher“. Was macht eigentlich ein gutes E-Book aus – wie stark unterscheidet sich der Produktionsablauf vom gedruckten Buch?

Dennis Schmolk: Gute Inhalte haben nicht zwingend etwas mit ihrer Form zu tun. Buchinhalte lassen sich sowohl gedruckt als auch wunderbar digital transportieren. Das heute noch empfundene vermeintliche Gütesiegel „Druckausgabe“ wird immer weiter aufgeweicht. Unter anderem auch deshalb, weil viele gute Inhalte sind gedruckt auch gar nicht möglich, etwa wegen ihrer Länge (bzw. Kürze) oder der experimentellen Form, die die Produktion einer großen Auflage unrentabel macht.

BK: Ein gutes eBook ist eines mit gutem Buch-Content. Zumindest heute noch. Wir sind aber natürlich up to date und blicken schon über das, was heute möglich ist, hinaus. Die heutigen Reader und Dateiformate sind Reproduktionen des gedruckten Buches beziehungsweise verwenden den klassischen linear zu lesenden Satz. Aber digitales Lesen wird in Zukunft viel mehr sein, weil die Vernetzung der diversen Medien sehr viel leichter werden wird! In unserer alltäglichen Arbeit ist der Unterschied zu einem klassischen Publikumsverlag gar nicht so groß: Wir akquirieren gute Inhalte, lektorieren sie zur Publikationsreife und sorgen für eine gute Platzierung auf den Online-Plattformen. Wir gestalten Werbung und Marketing. Das, was der Leser letztlich kauft, ist gute Qualität mit Verlagskontrolle. Lediglich die Druckausgabe fehlt.

DS: Der größte Unterschied liegt darin, dass wir Inhalte anders aufbereiten müssen. Die Herstellungsabteilung wird zum Teil ins Lektorat gezogen: Wir müssen auf eine inhaltliche und eine logische formale Struktur achten, während das klassische Lektorat sich allein auf die Inhalte konzentrieren kann. Bei der Vorbereitung eines E-Book-Manuskripts ist es ebenso wichtig, korrekte Style Sheets für Überschriften zu verwenden wie Tippfehler auszumerzen.

Dotbooks hat von Anfang an erklärt, komplett auf DRM zu verzichten. Warum?

BK: Das war eine bewusste verlegerische und unternehmerische Entscheidung. Harter Kopierschutz ist nicht nur teuer und ineffizient, er ist in meinen Augen auch ein gewaltiger Hemmschuh bei der Marktentwicklung in Richtung Digitalisierung.

DS: Richtig, denn DRM ist eine Einstiegshürde, die gerade technisch weniger versierte Kunden abschreckt. Ich habe bei Innovation protoTYPE 2012 im M@rtha-Team mitgearbeitet, einem Projekt für eReading-Support, und unsere wesentliche Erkenntnis war: 90% aller Supportvorfälle sind DRM-bedingt. DRM beschränkt den ehrlichen Kunden in seiner Inhaltsnutzung. Und das kann bei einem gekauften Produkt nicht Sinn und Zweck sein. Der unehrliche Kunde dagegen hat niemals ein Problem, aus illegalen Quellen an das Produkt zu kommen oder einen Kopierschutz zu umgehen. Und mit hartem DRM zwingt man dann auch den legitimen Käufer, zu solchen Mitteln zu greifen oder ein halbgares Produkt zu genießen.

Was sagen eigentlich die Autoren und die Leser zu DRM-freien E-Books?

DS: Die Leser sagen gar nichts, und das ist gut so. Sie sagen nur etwas (und dann schreien sie), wenn sie halbe Produkte erwerben und dafür teuer bezahlen.

BK: Bei manchen Autoren und Agenten stießen wir zunächst auf Unverständnis: Was, ihr wollt meine Inhalte einfach so, völlig nackt, in den „Reißwolf Internet“ werfen? Aber mit unserer Aufklärung über Möglichkeiten und Probleme von DRM haben wir eine Erfolgsquote von bislang 100%. Uns ist noch kein guter Stoff entgangen, weil wir auf DRM verzichten.

DS: Im Gegenteil konnten wir immer wieder Vorbehalte abbauen: eBooks ohne DRM gehört die Zukunft.

DRM bedeutet immer zusätzlichen Aufwand, sowohl für den Verleger bei der Produktion eines Titels wie auch für den Leser bei der Benutzung. Welche Rolle beim Verzicht auf DRM spielt der Workflow, welche Rolle spielen finanzielle Fragen (Lizenzen, Software etc.)?

BK: Klar, die Software für DRM kostet Geld, und das wird auf jeden einzelnen Titel verrechnet. Die Frage ist, ob sich die Kosten für diese Investition jemals wieder einspielen – aber diese Frage können wir leider nicht beantworten, denn es fehlen Zahlen über die illegalen Downloads, die eine Gegenrechnung möglich machen würden.

DS: Der Workflow würde vermutlich kaum eingeschränkt, denn die verbreitetste Software ADE kommt ja erst nach bei der Herstellung oder Auslieferung zum Tragen, wird quasi aufgesattelt. Da die Herstellung von externen Dienstleistern besorgt wird, hätten wir vermutlich gar nichts damit zu tun. Es liefe so wir bei unseren Titeln, die über Amazon gekauft werden – dort besorgt ja auch das System den „Schutz“, also die Verschlüsselung der Inhalte. (Und leider gewährt Amazon nicht die Möglichkeit, darauf zu verzichten.)

So langsam scheint sich ja auch branchenweit etwas zu bewegen in Sachen DRM, es gibt immer mehr Experimente, nur die großen Verlage zögern noch. Welche Rolle könnte “weiches DRM” (z.B. digitales Wasserzeichen) auf dem Weg zum völligen Verzicht auf DRM spielen?

BK: Das ist aus Kundenperspektive sicherlich ein Fortschritt. Immerhin kann man mit einem „soft“ eingeschränkten Buch mehr anfangen als mit einem hart kopiergeschützten. Meiner Meinung nach ist aber auch ein Wasserzeichen unnötiger Aufwand – wer es umgehen will, kann es leicht umgehen. Allerdings schafft diese Technologie möglicherweise Akzeptanz, wo sie bislang fehlt – weicher Kopierschutz ist ein Fortschritt für den Kunden, und dennoch haben Urheber das Gefühl, es werde etwas zum „Schutz“ ihrer Inhalte getan. Der komplette Verzicht auf DRM kann dann der nächste Schritt sein.

Wie lange wird es eurer Meinung nach noch dauern, bis sich DRM-frei als Branchenstandard durchsetzt ähnlich wie das offene E-Book Format epub?

DS: Ich bin mir leider gar nicht sicher, dass künftig alle eBooks ohne DRM auskommen werden. Amazon und Apple etwa stülpen ihr DRM ja als Händler über die Dateien. Ohne Zutun der Urheber und Verwerter, und häufig unbemerkt vom Kunden. Diese Unternehmen sind auch der Grund, warum ich bezweifle, dass ePub wirklich als „Standard“ bezeichnet werden kann: Sie haben ihre eigenen Formate, und sie fahren ökonomisch betrachtet nicht schlecht damit. Ich denke, DRM wird ausgehebelt, sobald Verlage mehr auf Apps, auf Dienstleistungen, auf Event, auf Communities setzen – also nicht-kopierbare Services und Produkte bieten. Die braucht man logischerweise auch nicht zu „schützen“.

E-Book-News dankt für das Gespräch!

BK: Wir danken – diese Blogparade zum Welttag gegen DRM verdient Unterstützung!

DS: Und ich bin stolz auf uns, dass wir das Gespräch ohne einen einzigen Vergleich mit der Musikindustrie bestritten haben.

BK: Vorbilder sollte man ja auch weise wählen …

Abb.: Peter von Felbert (c)

8000-Zeichen-Plagiat: Dotbooks-Verlag schreibt bei E-Book-News ab

„Those who can, do. Those who you can’t, review.“ Doch was macht man, wenn man keine Review schreiben möchte? Man schreibt ab, ohne den Urheber zu nennen. In der Gutenberg-Galaxis nennt man das auch Plagiat. Sehr bequem, weil schnell und kostenlos. Aber sehr peinlich und oft teuer, wenn es herauskommt. Deswegen wunderten wir uns doch sehr, was da bei der Vorbereitung eines Artikels über den Münchner Dotbooks-Verlag herauskam: auf der Website des auf E-Books spezialisierten Startups wurde eine komplette E-Reader-Marktübersicht aus der Feder des E-Book-News-Chefredakteurs ungefragt übernommen, mit stellenweise leicht verändertem Text, und ohne Namensnennung oder Backlink. Der 8000 Zeichen (!) lange Text erschien ursprünglich Anfang Mai als Gastbeitrag auf Neuerdings.com, und war dort eindeutig mit Autorennamen gekennzeichnet. „Wir helfen weiter mit einer aktuellen und umfassenden Marktübersicht“, behauptet nun auf dotbooks.de der Anreißer.

Wer seid ihr, anonymes „wir“? Nach dem kürzlich schon der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bei E-Book-News abgeschrieben hat, nun also auch ein Verlag. Was sagt uns das eigentlich über die Gutenberg-Galaxis? Wahrscheinlich nichts, was man nicht schon wüsste. Es wird überall gespart, bis es quietscht. Schlecht bezahlte Autoren, noch schlechter bezahlte Lektoren, hundsmiserabel bezahlte Übersetzer (ich weiß schon, warum ich englische Texte nur noch im Original lese – siehe „Steve Jobs verwandelte Silikon zu Gold“, etc.), und nicht zuletzt auch noch lächerlich gering vergütete Volontäre und Praktikanten, die dann Websites mit plagiierten Inhalten füllen. Umso schlimmer, wenn dann auch noch Verlage abkupfern, die wie Dotbooks eigentlich alles richtig machen – und auf E-Book-First setzen. Und letztlich auch deswegen sehr bedauerlich, weil viele Texte auf E-Book-News unter Creative Commons Lizenz erscheinen – man darf sie übernehmen und bearbeiten, wenn man die Lizenzbedingungen einhält. Dazu gehört u.a. die Namensnennung.

Die E-Reader-Marktübersicht wurde allerdings nicht auf E-Book-News selbst veröffentlicht, und stand unter normalem Coypright. Dotbooks hätte also für eine Nutzung auf jeden Fall eine Erlaubnis einholen müssen, und für die Veröffentlichung auf der Verlags-Website wäre natürlich auch eine Vergütung ausgehandelt worden. Wir haben deswegen jetzt eine angemessene Honorarforderung nach München geschickt – als Vergütung für die nicht autorisierte Zwischennutzung, sowie auf Wunsch für die Nutzung des Original-Artikels. [Update, 10.7.2012, 16 Uhr: Inzwischen hat sich die Sache aufgeklärt, die überarbeitete Fassung ist jetzt von uns autorisiert worden, erhält Autoren-Credit sowie Backlink und es gibt auch eine Vergütung in dreistelliger Höhe.]