[e-book-review] Orks & Elfen aller Länder, vereinigt euch: Streifzüge durch die virtuelle Ökonomie

forthewinHacker können die Welt verändern – Online-Spieler ebenfalls. Schon in „Little Brother“ konstruierte Cory Doctorow den Aufstand der Jugend rund um ein klandestines Netzwerk aus gecrackten X-Boxes. Als Helden seines aktuellen Romans „For the Win“ wählte der Boing-Boing-Blogger und Digital-Rights-Aktivist professionelle Hardcore-Gamer aus der Online-Rollenspieler-Szene. Nicht gegen den Sicherheitsstaat begehren sie auf, sondern gegen die scheinbar allmächtige Unterhaltungsindustrie. Wie es sich für Cory Doctorow gehört, ist natürlich auch „For the Win“ unter Creative Commons lizensiert und kostenlos als E-Book erhältlich. Die gedruckte Fassung gibt’s als Paperback für 7,50 Euro.

Gold Farming im digitalen Sweatshop

Aus dem Spiel ist längst Ernst geworden. In der nahen Zukunft von „For the Win“ sind die virtuellen Ökonomien mancher Online-Spielewelten bereits so bedeutsam geworden wie die realen Volkswirtschaften ganzer Länder. In digitalen Sweatshops zwischen Mumbai und Shenzhen verdienen sich jugendliche Tagelöhner ihr Geld mit „Gold Farming“: als Online-Avatare erwirtschaften sie virtuelle Güter, die sich an Spieler in den USA oder Europa verkaufen lassen. Machmal überfallen sie auch fremde Avatare, und nehmen ihnen ihre hart erarbeiteten digitalen Besitztümer wieder ab. Die Spieler aus den Sweatshops müssen nicht mehr hungern, doch sie bleiben letzlich Working Poor. Die ökonomischen Prinzipien der Ausbeutung gelten auch im World Wide Web. Anders als Fabrikarbeiter der Old Economy hat die globale Kaste der Berufsspieler jedoch einen Vorteil – die grenzenlose Vernetzung. Doch kann das Spiel um die reale Macht wirklich gewonnen werden? Cory Doctorows literarische Antwort ähnelt dem altbekannten Refrain von Ton, Steine, Scherben: „Und du weißt das kann passieren, wenn wir uns erst organisieren“.

worldofwarcraft-cover

Die virtuelle Arbeiterbewegung organisiert sich

Attribute wie „Massively Multiplayer“ weisen darauf hin, worum es bei Spielen à la „World of Warcraft“ geht – tausende Teilnehmer auf der ganzen Welt sind dabei via Internet verbunden, doch sie spielen nicht nur, sie kommunzieren via Chatfunktion. Cory Doctorow bildet diese Realität der Online-Gamer in seinem Roman sorgfältig nach: Da ist Mala aus Mumbai, meisterhafte „Zombie Mecha“-Strategin, von den Mitspielern ihrer virtuellen Gilde verehrungsvoll „General Robotwallah“ genannt. Da ist Leonard „Wei Dong“ Goldberg aus Los Angeles, der zusammen mit Online-Freunden aus China auf virtuelle Raubzüge geht, da ist aber auch Big Sister Nor aus Singapur, die eine neue Bewegung gründet: die „Industrial Workers of the World Wide Web“, genannt die „Webblies“. Bald fühlt sich die virtuelle Arbeiterbewegung stark genug, um den realen Arbeitskampf zu wagen – die ersten digitalen Sweatshops werden bestreikt. Doch der eigentliche Gegner sind nicht die Manager vor Ort. Das Zentrum der realen Macht ist in Doctorows Romanwelt die „Coca Cola Games Command Central“. Ein Brausefabrikant als weltbeherrschender Konzern? Doctorow-Leser dürften solche postindustriellen Szenarien gewohnt sein – in „Makers“ etwa wurde diese Stelle von der Walt Disney Corporation eingenommen.

“Redet man über die Ökonomie, redet man auch über das Spiel“

„For the win“ ist ebenso ein ein Streifzug durch die Welt der Online-Rollenspiele wie auch ein Grundkurs in virtueller Ökonomie. Die wiederum unterscheidet sich eben kaum noch von der Realwirtschaft: „Sobald man über Ökonomie redet, redet man auch über Spiel“, so Doctorow zu seinem gedanklichen Ansatz. „Es geht eigentlich um ein Spiel namens Wirtschaft – mit Spielsteinen, die einen fiktiven Wert haben, mit Regeln und Schiedsrichtern, alles dreht sich um das richtige Verhandlungsgeschick, und es gibt viele verschieden Möglichkeiten, bei diesem Spiel mitzuspielen.“ Zu diesen Möglichkeiten gehört für die Masse der Spieler die Selbstorganisation – letzlich wiederholt sich in Doctorows Modell die Geschichte der Arbeiterbewegung. Auch die Webblies versuchen schließlich, den Preis der Ware Arbeitskraft durch konzertierte Aktionen soweit hochzutreiben, das man davon leben kann. „For the Win“ liefert dabei keine Beschreibung einer fernen Zukunft ab, sondern einen Kommentar zur Gegenwart: „Ich wage keine Prognosen, ich reflektiere. Sci-Fi ist eine Literatur des Aktivismus: sie steht in dieser Tradition, mit ihr verbindet sich die Erwartung, ja sogar die Notwendigkeit, dass die Fiktion eine soziale Handlung darstellt.“

finalfantasyxi

Spielen, um zu gewinnen – oder um etwas zu verdienen?

Eine notwendige Fiktion ist „For the Win“ alleine schon deshalb, weil die Digital Sweatshops längst existieren. Bereits 2001 wurde die Internet Gaming Entertainment Ltd gegründet, ein Unternehmen, das sich auf virtuelle Güter für populäre Online-Rollenspiele spezialsierte, die von billigen Arbeitskräften in Hong Kong produziert wurden. Im Jahr 2003 beschrieb Julian Dibell im Wired-Magazin den Fall „Black Snow“ – das US-Startup ließ Tagelöhner im mexikanischen Tijuana für 20 Dollar am Tag Online-Games durchspielen, um die virtuell erworbenen Schätze und Zugänge zu höheren Leveln gewinnbringend via Ebay zu verkaufen. Die Spielebetreiber sahen darin einen Regelverstoß und wollten Black Snow aussperren – dagegen zog das Unternehmen vor Gericht. Die Rechtssprechung musste erst einmal so grundsätzliche Fragen klären wie: Wem gehören überhaupt die Produkte virtueller Game-Ökonomien? Spielt man nur, um zu gewinnen, oder darf man auch spielen, um etwas zu verdienen? Diese Fragen sind inzwischen geklärt – selbst die virtuelle Wechselstuben ist zum Alltag geworden. Gibt man bei Google etwa „WoW“ (für „World of Warcraft“) und „Gold“ ein, bekommt man Dutzende Seiten angezeigt, bei denen sich bare Münze in Avatar-kompatible Währung umtauschen lässt. Die Gewerkschaft der Orks und Elfen lässt allerdings bisher noch auf sich warten…

Argons Spendenaktion gescheitert: Little Brother-Hörbuch wird vorerst nicht unter CC-Lizenz veröffentlicht

Little Brother Argon Creative Commons Hoerbuch.gifEine kostenlose Hörbuchversion von Cory Doctorows Roman „Little Brother“ wird es vorerst wohl nicht geben. Neuntausend Euro wollte der Argon-Verlag eigentlich für die professionelle Produktion im Rahmen einer Creative Commons-Lizenz sammeln. Doch nur ein kleiner Teil der Summe kam während der dreiwöchigen Internet-Spendenaktion zusammen, die am 17. Mai endete. So gibt es bis auf weiteres nur die kommerzielle Hörbuchfassung zu kaufen – sie kostet 19,95 Euro.

Befreiung fehlgeschlagen: „Little Brother“ bleibt im kommerziellen Sektor

„Kaufe deine Lieblingsmusik frei“ lautet das Motto von SellYourRights. Mit dem Spenden-Widget dieses Webdienstes soll allerdings nicht nur die Produktion von kostenlos downloadbaren Musiktiteln vorfinanziert werden. Es geht auch um Software, Filme, Bilder – und eben Literatur, ob in Wort oder Ton. Um Cory Doctorows Hacker-Roman „Little Brother“ in ein professionell gemachtes Hörbuch zu verwandeln, hat auch der Argon-Verlag auf diese kulturelle „Befreiungstechnik“ gesetzt. Doch am Wochenende musste man der Webgemeinde mitteilen: „Die notwendige Summe von 9.000 € ist nicht zusammengekommen. Somit werden wir das ungekürzte Hörbuch nicht unter freier Lizenz zum Download freigeben.“ Als Gründe für das Scheitern nennt Kilian Kissling von Argon vor allem drei Punkte: die kurze Befristung, die Skepsis der Community gegenüber Paypal & Kreditkartenautorisierungen, aber auch fehlende mediale Unterstützung: „Leider ist es uns nicht gelungen, gerade die ganz großen Multiplikatoren zu erreichen: Spiegel online, der Heise-Ticker und netzpolitik.org konnten wir nicht dafür begeistern, über unser Projekt zu berichten“.

Immerhin ist ein Fünftel der benötigten Summe zusammengekommen

Ein grundsätzliches Problem war aber offenbar auch der mangelnde Bekanntheitsgrad der Creative Commons-Lizenz: „Sie ist zwar bei Netzbürgen etabliert, doch dem breiten Normalpublikum ebenso wie vielen Medien nicht vertraut“. Gleiches gelte für das Prinzip des „Street Performer Protocols“ (SPP), also der spendenbasierten Finanzierung eines Werks. Ganz so schlecht sei das Ergebnis der Aktion letztlich aber auch nicht, so Kissling: „Es ist uns gelungen, innerhalb von drei Wochen etwa ein Fünftel der benötigten Summe einzusammeln. Das ist eine der höchsten Summen, die bisher in Deutschland für ein SPP-Projekt gesammelt wurde.“ Die Produktion selbst hätte lediglich 4.500 Euro gekostet, die andere Hälfte wäre an den Lizenzgeber abgeführt worden. Für die potentiellen Spender (darunter auch E-Book-News) hat das vorläufige Scheitern des Projekt keine negativen Auswirkungen. „Das System arbeitet mit Paypal-Autorisierungen, die nur dann in Anspruch genommen werden, wenn das Projekt gelingt“, so Kilian Kissling.

Die Community ist weiter kreativ – es gibt „Little Brother“ auch schon als Facebook-App

Leer gehen aber auch die Hörer nicht aus. Eine gekürzte, aber immerhin noch 420-minütige Fassung von „Little Brother“ – gelesen von Oliver Rohrbeck – gibt’s schließlich auf CD zu kaufen. Daneben kann man aber auch das Ergebnis eines Fanhörbuchprojekts downloaden, realisiert von Fabian Neidhardt und Christian Wöhrl. Von Wöhrl stammt auch die kostenlose deutsche E-Book-Version, die in friedlicher Koexistenz lebt mit der kommerziellen Rowohlt-Übersetzung. Eigentlicher Auslöser all dieser Projekte ist letztlich natürlich Cory Doctorow selbst. Der kanadische Sci-Fi-Autor und BoingBoing-Blogger veröffentlicht seine Romane unter einer weitgehenden Creative Commons-Lizenz, die nicht nur die Weitergabe, sondern auch Erweiterungen, Veränderungen und mediale Umformungen erlaubt. Die Community ist weiterhin fleißig dabei – mittlerweile gibt’s „Little Brother“ sogar als einbettbare Facebook-App.

[e-book-review] „Marke Eigenbau“, made in USA – Cory Doctorows „Makers“ ist Open Source-Sci-Fi

Makers Doctorow E-Book Bestseller Machine to build everthing.gif„Makers“ heißt der neue Sci-Fi-Roman von Boing-Boing-Blogger Cory Doctorow. Die Cyberpunk-Story über das Amerika der nahen Zukunft liest sich fast wie die Romanform von „Marke Eigenbau“. Wie es sich für einen Digital-Rights-Aktivist gehört, gibt es die E-Book-Version von Doctorows Roman als kostenlosen Download im Netz. „Makers“ macht seinem Namen alle Ehre: Die Creative Commons-Lizenz erlaubt nämlich sogar die Veränderung der Story.

Geld verdienen mit „abstrusen Fantasien von Web-Kommunisten“?

Aus der Sicht des Springer-Vorstandschefs Döpfner wäre so jemand wie Cory Doctorow wohl einer jener „verirrten Web-Kommunisten mit abstrusen Fantasien„. Einer von jenen, die nicht einsehen wollen, das Qualität auch im Netz immer etwas kosten muss. Muss es? Der kanadische Star-Blogger hat einen Weg gefunden, gegen DRM-Beschränkungen bei E-Books zu protestieren und gleichzeitig noch Geld damit zu verdienen. Der Mitgründer von BoingBoing.net ist nämlich ganz einfach selbst zum Romanautor geworden – und nutzt für seine Sci-Fi-Geschichten den Gratis-Download als Marketing-Instrument. Bereits das 2003 veröffentlichte „Down and out in the Magic Kingdom“ stellte der Digital Rights-Aktivist unter einer Creative Commons-Lizenz, die in diesem Fall nicht nur die Weitergabe, sondern auch die Veränderung ermöglichte: „The license agreement
gives you even more rights than you get to a regular book. Every word of it is a gift, not a confiscation. Enjoy“, fordert Doctorow seine Leser auf. Die haben sich daran gehalten und produzierten nicht nur verschiedene Übersetzungen und eine Audio-Version, sondern spannen die Story sogar in einer Art Fan-Fiction weiter. Im Gegenzug verlangte Doctorow von den Nutzern: „Read the book. Tell your friends. Review it on Amazon or at your local bookseller“. Auch diese Rechnung scheint aufzugehen – mit der Hardcover- und Paperpackausgabe konnte er erstaunlich hohe Umsätze erzielen.

„It will make dotcom look like a warmup for the main show“

Vor allem die Kombination Blogger & Autor scheint sich zu lohnen: Mit dem Roman „Little Brother“ schaffte Doctorow es im letzten Jahr sogar bis auf Platz acht der NYT-Bestsellerliste. Ging es bei „Little Brother“ um das Thema Terrorismus und Einschränkung der Bürgerrechte, so steht im aktuellen Roman „Makers“ ein neues Wirtschaftsmodell im Vordergrund – eine industrielle Revolution, die sozusagen in einer Bastler-Garage ihren Anfang nimmt. Gleich nach der nächsten US-Finanzkrise kauft ein britischer Investor namens Kettlewell die Reste von Kodak und Duracell auf. Mit Gadgets wie einem 3-D-Druckers, einer Art „Machine to build everything“, entwickelt von den Tüftler-Nerds Lester & Perry, soll das gesamte Wirtschaftsleben umgekrempelt werden. Wenn man so will, ist „Makers“ die Romanversion von Holm Friebes „Marke Eigenbau“ – schließlich kann mit dieser Maschine jeder Konsument zum Produzenten werden. „It will make dotcom look like a warm up for the main show“, verspricht Investor Kettlewell nicht umsonst – und plant, beim Startup KodaCell überhaupt nur noch Bastler-Genies einzustellen. Schließlich gibt es noch genug andere Ideen, die man nur umsetzen müsste:

„Jeder mäßig begabte Profi kann heutzutage alles mögliche zusammenbauen, ohne große Kosten. Nur hat niemand darüber nachgedacht, alle Konstrukteure zu einem Netzwerk zusammenzufassen, und ihnen ein ganz bestimmtes Ziel zu geben“.

Die eigentliche Heldin der Geschichte ist aber (wen wundert’s) eine Bloggerin namens Suzanne Church, die von Anfang an für die Netz-Community über das „KodaCell“-Projekt berichtet.

Kann der 3-D-Drucker auch eine Kalaschnikow ausdrucken?

Wie (fast) jede Revolution wird auch die Verwirklichung der schönen neuen Arbeitswelt bald von den Kräften der Reaktion gehörig ausgebremst – im zweiten Teil des Romans tritt nämlich der scheinbar übermächtigen Disney-Konzerns als böser Business-Troll auf. Neben Hollywood spielt Disney auch sonst eine wichtige Rolle in den Doctorowschen Zukunftswelten. In „Makers“ kann die Corporation die Gerichte davon überzeugen, dass mit dem 3-D-Drucker auch AK-47-Sturmgewehre für die Urban Guerilla in den amerikanischen Vorstädten produziert werden können – ein echtes Killer-Argument. Wer wissen will, ob die Garagen-Hacker es im dritten und letzten Teil von „Makers“ doch noch schaffen, den kulturindustriellen Komplex zu besiegen, dem bleiben verschiedene Alternativen: Doctorow selbst bietet Plaintext, PDF- und HTML-Versionen zum kostenlosen Download an. Weitere Links auf der Download-Seite verweisen auf „Fan-Conversions“, darunter epub-, Mobi-, Kindle- und weitere Formate. In die Audio-Book-Version, gelesen von Bernadette Dunne, kann man bei Random House hineinhören. Die Paperback-Version kostet bei Amazon 15,95 Euro.