Neue App von ipubsoft befreit E-Books automatisch von DRM – das Ende des „wirksamen Kopierschutzes“?

Für viele E-Book-Leser ist Digital Rights Management (DRM) ein ständiges Ärgernis: die Zahl der nutzbaren Geräte ist begrenzt, zwischen Kindle- und epub-Universum gibt es bei DRM-geschützten Titeln bisher keine Brücke. Um E-Books komfortabel nutzen zu können, greifen deswegen viele Nutzer zu Programm-Skripten, die den Kopierschutz entfernen. Oft ist das bei ihnen nach dem Kauf der elektronischen Lektüre sogar der erste Schritt. Massentauglich waren viele solcher Workarounds bisher aber nicht, alleine für die Installation brauchte man solides PC-Grundwissen. Das kalifornische Software-Unternehmen ipubsoft geht jetzt den einfachsten Weg: es verkauft intuitiv bedienbare DRM-Entfernungs-Tools, die wahlweise PDFs, epubs- oder Kindle-Books in ein offen lesbares Format umwandeln.

“The process is somewhat clunky, but it works“

Ganz billig sind die bisher nur für Windows-PCs angebotenen Apps allerdings nicht, für jede One-Way-Anwendung muss man knapp 30 Dollar berappen. Eine kostenlose Testversion ermöglicht immerhin das Ausprobieren der Software, mit ihr können bis zu drei E-Books vom DRM befreit werden. Nate Hoffelder von The Digital Reader schreibt über seine Erfahrungen: „I’ve downloaded and tested the app that removes Kindle DRM. The process is somewhat clunky but it works. It requires an old version of Kindle for PC, and it only works on one ebook at a time.“ Die Umformatierung läuft bei dieser Variante der ipubsoft-Anwendung quasi per Mausklick, vorher muss allerdings das betreffende E-Book in der Kindle-App geöffnet werden.

Riskantes Geschäftsmodell

Das Geschäftsmodell von ipubsoft erinnert ein wenig an Versuche, geklonte MACs zu verkaufen oder an Matthew Crippens X-Box-Hack. Auch in diesem Fall wird mit offenem Visier gekämpft – ipubsoft sitzt nicht „somewhere under the rainbow“, sondern firmiert in der Pressemitteilung zum Launch der Anti-DRM-Software ganz seriös in Costa Mesa/Kalifornien mit Telefonnummer, Adresse und einem Mr. Karl Lewis als Ansprechpartner. Wie lange das gutgehen wird, ist natürlich eine andere Frage. Denn selbst wenn die Apps von ipubsoft tatsächlich nur für private Zwecke genutzt werden, könnte das Entfernen von DRM-Elementen letztlich gegen den „Digital Millennium Copyright Act“ von 1998 verstoßen. Wie weit der „fair use“ im einzelnen geht, bzw. wie weit das Recht auf eine private Kopie reicht, ist allerdings in den USA immer noch heiß umstritten.

“Wann ist ein Kopierschutz wirksam?“

Ähnlich kompliziert dürfte die Situation mittlerweile in Deutschland sein. Als E-Book-News im letzten Jahr bei irights.info-Experte Matthias Spielkamp zum Thema DRM und Privatkopie nachfragte, schien die Sache noch klar: “Ein wirksamer Kopierschutz darf nicht umgangen werden. Doch wann ist so ein Kopierschutz wirksam? Wenn ich eine CD in meinen Rechner lege und sage: mach mir da MP3s draus, dann macht der das. Bei E-Books muss man aber im Moment davon ausgehen, dass so etwas nicht ohne Spezialprogramme geht. Das ist dann tatsächlich nicht erlaubt.” Doch mit automatisierten Verfahren wie von ipubsoft kommt die Buchbranche nun offenbar genau da an, wo die Musikbranche schon lange ist. Zumal es inzwischen selbst für weit verbreitete E-Book-Utilities wie Calibre spezielle Plugins gibt, die ein geschütztes Kindle-Book in eine normale mobipocket-Datei umwandeln, sobald man den Titel in die E-Book-Bibliothek importiert. Mit einem weiteren Mausklick lässt sich das E-Book dann natürlich auch problemlos in das epub-Format bringen.

Jail-Break, DVD-Rip & DRM-Crack legal: US-Bürgerrechtler erkämpfen Ausnahmeregelungen beim Kopierschutz

electronic_frontier_foundation1Jubel bei US-Bürgerrechtlern: Die Electronic Frontier Foundation konnte erneut Ausnahmeregelungen in punkto Kopierschutz erkämpfen.So gehört zur angemessenen Nutzung eines iPhones in den USA nun der sogennante „Jailbreak“, also das Aufheben von Software-Sperren. Bisher war dies laut „Digital Millennium Copyright Act“ illegal. Apple-User sind jetzt nicht mehr an einen Netz-Provider gebunden, zudem können sie Software von Drittanbietern installieren, die nicht im App-Store angeboten wird. Erleichterungen gibt es auch für E-Book-Leser: die Aktivierung der Vorlesefunktion gehört zum „Fair Use“, bestehende Sperren dürfen umgangen werden.

Kopierschutz à la DMCA: die Tonerpatrone bleibt leer, das Garagentor bleibt zu

Zu den edelsten Pflichten des Librarian of Congress gehört nicht nur die Ernennung des Poeta Lauratus. In regelmäßigen Abständen verkündet der vom Präsidenten eingesetzte Chef der Parlamentsbibliothek auch aktuelle Entscheidungen zum Urheberrecht. Seit 1998 der Digital Millenium Copyright Act (DMCA) in Kraft trat, werden Beschwerden aus der Bevölkerung gesammelt und alle drei Jahre einem Kontrollgremium zur Entscheidung vorgelegt. Wird glaubhaft gemacht, dass die Kopierschutz-Bestimmungen die normale Nutzung eines Mediums deutlich beeinträchtigen, können sogenannte „Exemptions“, also Ausnahmen, verkündet werden. Diese Exemptions betrafen in der Vergangenheit eine breite Palette von Anwendungsfeldern, von alternativen Tonerkartuschen für Drucker über Ersatz-Fernbedienungen für Garagentore bis zu Kopierschutz von DVDs oder E-Books. Kein Wunder: denn tatsächlich werden die US-Bürger in ihrem Alltag auf Schritt und Tritt von den Auswirkungen der rigiden Kopierschutzbestimmungen verfolgt, die noch unter der Clinton-Regierung vom US-Kongreß verabschiedet wurden.

“Sperren auf Handys haben nur wenig mit Kopierschutz zu tun“

Zu den vehementesten Gegnern des DMCA gehört die 1990 gegründete Cyber-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation. Dementsprechend groß war nun auch der Jubel, als den Einwänden gegen das DMCA auf breiter Front stattgegeben wurde: „Wir sind begeistert, dass wir Jailbreaker, Entsperrer und auch Videokünstler von den überbordenden Auswirkungen dieses Gesetzen befreien konnten“, so EFF-Sprecherin Jennifer Granick. „Das Copyright Office erkennt an, dass die Sperren auf Mobiltelefonen vor allem die Kunden an einen bestimmen Netzbetreiber binden sollen, und nur wenig mit Kopierschutz zu tun haben.“ Ebenso profitieren Video-Künstler, die Videoschnippsel von DVDs für Remix-Kunstwerke nutzen und auf Plattformen wie Youtube veröffentlichen: „Nonkommerzielle Videos sind eine wichtige Online-Kunstform. Die kreativen Montagekünstler müssen jetzt keine Angst mehr haben, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, obwohl ihre Werke eigentlich dem Fair Use entsprechen.“ Auch zur Gewinnung von Ausschnitten für Dokumentarfilme und zu Bildungszwecken ist das Rippen von DVDs in den USA nun ausnahmsweise erlaubt.

Lesen und lesen lassen: Text-to-Speech bei E-Books

Von einer speziellen Ausnahme beim Kopierschutz profitieren auch die Nutzer von E-Books. Gerade für Blinde und Sehbehinderte ist es wichtig, über eine automatische Vorlesefunktion zu verfügen. Technisch ist das kein Problem, die Qualität computergenerierter Stimmen ist mittlerweile ziemlich gut. Als erstes Lesegerät bot Amazons Kindle Reader zweitweise sogar eine standardmäßige Text-to-Speech-Funktion, sie wurde nach einem Urheberrechtsstreit mit Hörbuchproduzenten allerdings stark eingeschränkt. Viele E-Book-Formate enthalten mittlerweile eingebaute Sperren, die das Vorlesen verhindern. Bereits 2003 und 2006 hatte das Copyright Office entschieden, dass man zum Zweck der Aktivierung einer Vorlesefunktion den Kopierschutz von E-Books umgehen darf. Diese Ausnahmeregelung wurde nun erneut bestätigt. Leichter haben dürften es zukünftig übrigens auch E-Book-Leser, die ein iPad nutzen: denn nach einem Jailbreak sind sie nicht mehr auf App Store oder iBooks-Angebote angewiesen. Sowohl alternative E-Reader-Programme wie auch DRM-freie elektronische Bücher können nach der Entsperrung problemlos auf das Gerät übertragen werden. Einziges Manko: eine komfortable Jailbreak-App für Apples Tablet gibt’s noch nicht.