Literarisches Glücksrad: Chrome-AddOn „100 Million Books“ gibt zufällig ausgewählte Lektüreempfehlungen

100millionsbooks-chrome-addonVon der algorithmischen Empfehlung des digitalen großen Bruders zurück zur glücklichen Zufallsentdeckung – im englischen Sprachraum als „Serendipity“ bekannt – das wäre doch was. In der Buchhandlung ist das kein Problem, jetzt geht das auch im Browser: das Chrome-Addon „100 Million Books“ gibt in jedem neu geöffneten Tab eine Random-Lesempfehlung mit Coverbild und eine kurze Textprobe. Kauflinks sind (bisher jedenfalls) nicht dabei. [Update 18. Mai: Mittlerweile wird verlinkt auf Amazon & Goodreads]

„Du hast jetzt 5 von 100 Mio. Büchern entdeckt“

Meine Ergebnisse in den ersten fünf Tabs waren: Huxleys „Brave New World Revisited“, Lawrence Lessigs „Free Culture“, Machiavellis „The Prince“, der Warhol-Interviewband „I’ll be your mirror“ sowie Tayeb Salih, „Season of Migration to the North“. Keine schlechte Zusammenstellung. Dazu meldet im oberen rechten Eck ein kleiner Zähler: „You’ve now stumbled upon 5 of all 100.000.000 Books ever written.“

Frei von sozialen & sonstigen komplexen Algorithmen

Und zwar rein zufällig. „Es gibt keine Kategorien, keine Social Media-Features, und keine Algorithmen. Von Fiction zu Non-Fiction, Alt zu Neu, Wissenschaft zu Belletristik, etc. zeigt es die gesamte Bücherwelt“, so AddOn-Entwickler Steve Jain. Was natürlich nicht so ganz stimmt, denn in der Datenbank des AddOns sind weitaus weniger als die 100 Millionen Bände der Universalbibliothek aller Zeiten.

Auf gut Glück die Filterblase verlassen

Aber die Zahl reicht doch aus, um per Glücksrad-Prinzip einen kleinen Blick über den Rand der gesellschaftlichen Filterblase hinaus zu werfen. Genau darum geht’s auch: „society polarizes“, beschreibt Jain das generelle – also noch weit über Algorithmen herausgehende – Problem. Sein AddOn soll es ermöglichen, von einer Lektüre-Idee „inspiriert zu werden, von der uns kein Freund (oder Robot) jemals erzählen würde“.

Weitere Vorschläge willkommen

Damit das wirklich klappt, müsste die Lostrommel mit Titelvorschlägen natürlich noch weitaus praller gefüllt sein. Die einzelnen Buch-Schnippsel werden nämlich von Jain selbst händisch zusammengestellt, als eine Art „Public Service“. Deswegen ist die Leseöffentlichkeit auch aufgerufen, weitere Vorschläge einzusenden.

(via The Next Web)

Entdecken de Luxe: Google Books spendiert Discover-Feature & eigenes App-Feuilleton

google-discover-feature-neuGoogles digitaler Buchladen hat den Kampf gegen das Kindle-Imperium noch nicht aufgegeben: die US-Version der Google Books App wurde vom Suchmaschinen-Riesen jetzt kräftig aufgemöbelt. Das neue „Discover“-Feature soll nicht nur verbesserte personalisierte Buchempfehlungen bieten, sondern ist auch eine Art literarische Google News-Maschine um die jeweils vom Nutzer gelesenen Bücher herum, so dass man immer auf dem Laufenden bleibt.

Discoverability de Luxe – inklusive originäre Inhalte

Googles Algorithmen machen also mal wieder das, was sie am besten können: Informationen aus dem Web fischen, die zum jeweiligen Nutzer- bzw. Leserprofil am besten passen. So weit, so erwartbar. Wirklich überraschend dagegen ist, dass Google aber auch auf selbst produzierte, web-feuilletonistische Inhalte setzt — und zwar mit dem parallel gestarteten Programm „Google Play Editorial“. Dort findet man etwa Autoren-Interviews, Essays von bekannten Edelfedern oder auch exklusive Buchempfehlungen von angesagten AutorInnen. Auch eigene IllustratorInnen zur Bebilderung der Artikel hat Google offenbar engagiert. Fehlen dürfen aber natürlich auch nicht Coverbild-Kauflinks, die in Richtung des Google Book Stores verweisen.

Discover-Feature bald auch in Deuschland?

Das Discover-Feature gibt’s zum Start nur für Android, eine iOS-Version soll demnächst folgen. Insgesamt ist die Google Books-App nach Angaben des Unternehmens in 75 Ländern erhältlich, einen offiziellen Zeitplan für die Internationalisierung des neuen Features gibt es bisher nicht. Doch über kurz oder lang dürfte es wohl auch in Deutschland verfügbar sein. Ob Google den hiesigen Lesern aber auch ein eigenes App-Feuilleton mit Texten von deutschen Autoren spendiert? Mal abwarten…

(via Google Android-Blog)

Projekt „Call Me Ishmael“: Social Reading & Hearing via Telefon

call-me-ishmaelStorytelling kann auch mal mit kreativen Missverständnissen beginnen, wie etwa im Fall von „Call me Ishmael“. Logan Smalley und Steph Kent interpretieren den legendären ersten Satz von Melvilles ‚Moby Dick‘ proaktiv im Sinne von „Ruf mich an“ – und haben daraus ein Call-In-Projekt für begeisterte Roman-LeserInnen gemacht.

Unter der Nummer 774.325.0503 schalteten die New Yorker Kreativen eine Voice Mail-Box, auf der man persönliche Lektüre-Geschichten hinterlassen kann, siehe auch die Website „callmeishmael.com“. Mindestens ein Anruf pro Tag wird mit einer mechanischen Schreibmaschine transkribiert und über die Sozialen Medien geteilt, siehe etwa dieses bei Youtube gepostete Beispiel („To Kill a Mockingbird“):

Nun soll das Projekt den letzten Schritt zurück in die analoge Erzähl-Wirklichkeit schaffen – in Form des „Call me Ishmael“-Telefons. Das literarische Gerät hat die Form eines klassischen Münztelefons mit Wählscheibe und Gabel zum Aufhängen des Hörers, jede angewählte Ziffer auf der gehackten Replik aus schwarzem Kunststoff führt eine neue Geschichte zu Gehör.

Einen Prototypen haben Smalley und Kent bereits in ihrem lokalen Pub ausprobiert, mit Hilfe der Kickstarter-Crowd soll nun eine ganze Flotte von Call-Me-Ishmael-Telefonen in Bibliotheken, Buchhandlungen und anderen sozialen Orten aufgestellt werden, wobei der Bibliothekar oder Buchhändler zugleich als Kurator dient und via Web-Interface neue Stories einspeisen kann.

Letzlich geht es dabei natürlich genauso um Storytelling wie um Social Reading und Discoverability, denn mit den Geschichten über Bücher entdeckt man ja die Bücher gleich mit und wird von den storytellenden Lesern zu eigenen Lektüreerfahrungen motiviert…

(via Publishers Weekly)

Artist Radar: Neuerscheinungen per App immer auf dem Schirm

Wenn einzelne Künstler zur Marke werden, hat das auch Auswirkungen auf die „Discoverability“: es wird immer wichtiger, einen eigenen Kanal zu haben, mit der man die Fan-Community auf dem Laufenden halten kann. Sollte es dafür nicht sogar eine eigene App geben? Allerdings, finden Jörg Fehlinger, Rolf Frank und Moritz Bergmann. Die drei Berliner Entwickler haben mit „Artist Radar“ eine Software programmiert, mit der Fans die Aktivitäten ihrer Lieblings-Künstler immer auf dem Schirm behalten, egal, ob es sich nun um einen Sänger, eine Band, einen Buchautor oder einen Schauspieler handelt.

Konzerte werden unterstützt, Lesungen bisher nicht

Die App stellt automatisch Übersichten und Newsfeeds mit allen aktuellen Informationen zusammen und benachrichtigt den Nutzer, wenn z.B. ein neues Album oder ein E-Book erschienen ist oder ein Konzert ansteht (ob zukünftig auch Lesungen berücksichtigt werden, wird aus den Presseinfos nicht klar). Eine Vorschaufunktion ermöglicht es zudem, sich neue Musik-Alben direkt anzuschauen und einzelne Tracks anzuspielen, bei E-Books gibt dagegen vorab nichts zu lesen. Nach Sprachen filtern lassen sich literarische Neuerscheinungen bisher nicht – was bei Büchern natürlich schnell zum Problem werden kann. Artist Radar verlinkt auf jeden Fall direkt auf das Produkt bei den Anbietern iTunes und Amazon bzw. auf das Event auf dem Ticket-Portal Eventim.

Bald auch News zu Printbuch & CD/DVD

Die App unterstützt bisher auch nur digitale Medien, vom Musik-Album bzw. Video über E-Books und Audiobooks bis hin zu Filmen und TV-Serien. Den App-Machern zufolge soll es zukünftig auch möglich sein, über Neuerscheinungen von gedruckten Büchern informiert zu werden. Gleiches gilt für CDs und DVDs. Erhältlich ist „Artist Radar“ kostenlos in Apples App Store, die Software läuft aber auch geräteübergreifend als Web-App im Browser. Die Benutzeroberfläche funktioniert auf deutsch und englisch.

Und plötzlich: Squirl! Genial-lokale Discoverability für ABC-Hörnchen

Spannende Bücher mit Lokalbezug entdecken, interessante Buchhandlungen vor Ort finden oder über literarische Schauplätze stolpern, wo man steht und geht – dabei möchte „Squirl“ helfen, eine neue App, die in den nächsten Wochen Crowd-Kapital für den zum Jahreswechsel geplanten Beta-Launch sammelt. „Your next read might literally be around the corner! Bump into real world locations from books“, so das Mission-Statement der Projekt-Entwickler Jef Van der Avoort und Serie Wolfe, die gerade den Startknopf für die Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter gedrückt haben.

Nicht ganz zufällig ist im Logo von „Squirl“ ein Eichhörnchen mit Buch zwischen den Pfoten zu sehen – aus der Perspektive von A-, B- und C-Hörnchen war das Problem der Discoverability schließlich immer schon dreidimensional. Nüsschen im Web kann man nicht essen, wissen selbst nerdige Squirrels. Überaschungen zum Anfassen gibt’s nur im Gelände. Ähnlich soll es nun dem Smartphone-Besitzer gehen: „Imagine passing by a street corner in New York City or a cafe in Paris and suddenly an excerpt from a book pops up on your phone“, so die App-Macher. Die Squirl-Orte seien nämlich ganz einfach „Portale, die in Bücher hinein führen“.

Neben dem mit der Community geteilten „Check-In“ vor Ort können Nachrichten mit Autoren oder Lesern ausgetauscht werden, man kann nicht nur realen, sondern auch fiktiven Personen oder Orten folgen und bei Gefallen auch direkt ein Buch kaufen, online per Fingertipp oder per pedes in der Buchhandlung, zu der die App einen führt. Professionelle Book People können diesen Spacial Turn des Social Readings als Marketing-Maßnahme nutzen – in dem etwa Autoren die Handlungsorte ihrer Bücher in die Squirl-Map eintragen oder indem Buchhandlungen ihren Standort sowie vorrätige Titel mit Ortsbezug hinzufügen.

Für das, was die App einmal leisten soll, gibt’s im Englischen einen speziellen Begriff – „Serendipity„, die Entdeckung einer Sache, nach der man gar nicht gesucht hat, aufgrund eines glücklichen Zufalls. Das Wort – passenderweise erfunden vom Gothic-Romancier Horace Walpole – gilt als eines der am schwersten zu übersetzenden der englischen Sprache. Doch auch die Übersetzung des Prinzips in eine App ist nicht trivial, und vor allem: teuer. Bevor die Startversion von Squirl (anfangs iOS-only) im App-Store erscheint, müssen Van der Avoort und Wolfe noch eine Menge Nüsschen sammeln – 75.000 Dollar Mindestsumme sind keine Peanuts.