US-Studie: Google Books ohne negative Auswirkungen auf den Buchhandel

google-books-buchsuche-travis-studie-verlage-buchhandel-positive-effekteFür Buchhändler und Verlage ist Google Books ein ähnlich rotes Tuch wie Google Streetview für Hausbesitzer. Das großangelegte Scanprojekt erfasst in den teilnehmenden Bibliotheken nicht nur alte Schwarten, sondern auch urheberrechtlich geschützte Werke. Viele Rechteinhaber fürchteten finanzielle Einbußen und zogen vor Gericht. Eine US-Studie scheint nun aber genau das Gegenteil zu bestätigen – durch Digitalisierung und verbesserten Zugang sind die Umsätze der betroffenen Verlage gestiegen. Näheres dazu im folgenden Beitrag von Jürgen Scheele.

Google Books: für Verlage so gefährlich wie Napster für die Musikindustrie?

Im Oktober 2004 stellten Sergey Brin und Larry Page in einer Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse Google Print vor. Erste Suchergebnisse aus gescannten Büchern erschienen im Dezember 2004 in den Ergebnislisten der englischsprachigen Suchoberfläche Google.com. Im April 2005 schließlich ging Google Books als separate Suchmaschine in den USA an den Start, seit Oktober 2005 folgten deutsche und anderssprachige Benutzungsoberflächen. Insbesondere in den USA und Deutschland stieß das Vorhaben auf heftige Kritik. Lobbyisten und Interessensvertreter des Buchhandels wähnten sich durch Google Book Search (GBS) herausgefordert und im Niedergang begriffen wie vormals die Musikindustrie im Falle von Napster.

„Mass digitization and expanded access to book previews may increase revenues and profits“

Nun hat Hannibal Travis, Rechtsprofessor an der Florida International University, in der Studie „Estimating the Economic Impact of Mass Digitization Projects on Copyright Holders: Evidence from the Google Book Search Litigation“ die ökonomischen Auswirkungen auf den US-Buchhandel einer genaueren Prüfung unterzogen. Sein Ergebnis: Ein negativer ökonomischer Einfluss besteht nicht. Die Bilanz seiner Untersuchung lautet:

First, it finds little support for the much-discussed hypothesis of the Association of American Publishers and Google’s competitors that the mass digitization of major U.S. libraries will reduce the revenues and profits of the most-affected publishers. In fact, the revenues of the publishers who believe themselves to be most aggrieved by GBS, as measured by their willingness to file suit against Google for copyright infringement, increased at a faster rate after the project began, as compared to before its commencement. Their profits also increased significantly more on average from 2005 to 2008 than from 2001 to 2004. The increased rate of growth by publishers most affected by GBS does not disappear when one compares it to the growth of the U.S. economy or to the growth of retail sales. The continued rise in sales is remarkable when one considers the soaring sales and prices of other entertainment products that may compete with books.

Second, this Article finds some support for the view that mass digitization and expanded access to book previews may increase the revenues and profits of the most-affected publishers. The evidence for this proposition takes the form of large increases in revenues and profits for publishers affected by GBS who did not opt out of Google’s publishing partner agreement for broader access to previews of works still in copyright.

Third, it seems that GBS may simultaneously vindicate the public interest in expanded access to the world’s cultural heritage and the pecuniary interests of authors and publishers in recouping the substantial fixed costs of book and periodical production and distribution. Analyzing this virtuous circle can help us begin to theorize the relationship between the Internet industry, the producers of cultural products, and the wider public. This relationship is also visible with other advanced Internet services such as YouTube or DailyMotion, which may increase viewership of copyrighted works that they may infringe, such as television shows. One potential implication is that North American and European initiatives to create state-funded digital archives of European cultural heritage may prove to achieve many of the same results as corporate-funded mass digitization projects, and may benefit from tighter integration with such for-profit projects as a step towards universal access to all human knowledge in one place.

In der Untersuchung zur Anwendung kam eine Vorher/Nachher-Analyse, in der die von den Verlagen erzielten Erträge vor dem Start von Google Book Search mit jenen danach verglichen wurden. So zeigt die nachfolgende Tabelle für den Zeitraum 2005–2008 eine (inflationsbereinigte) Zunahme in den Erträgen von $ 330 Mio. gegenüber $ 126 Mio. in 2001–2004. Dass die Entwicklung bei den Profiten nicht simultan verlief, ist Travis zufolge Ausdruck der 2008 einsetzenden Rezession in der US-Wirtschaft – sprich: dem Konjunkturverlauf geschuldet. Immerhin waren die Profite vor Krisenbeginn zuletzt mit $ 891Mio. in 2007 um mehr als 30 % gegenüber dem Stand von 2001 angewachsen.

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[Via Michael Scott und techdirt]

Autor & CC-Lizenz: Jürgen Scheele

Die Originalversion dieses Beitrags erschien auf Digitale Linke.

Abb.: Flickr/Jim Barter (cc)

„Electronic Book Burning“ – Alan Kaufmans umstrittene Polemik gegen E-Books & Digitalisierung

Alan Kaufman Electronic Bookburning Polemik gegen E-Books.gifDroht uns eine „elektronische Bücherverbrennung“? Der New Yorker Schriftsteller Alan Kaufman polemisiert in einem umstrittenen Essay gegen E-Books und die Digitalisierung unserer Kultur – allerdings mit merkwürdigen Vergleichen. Da ist von einer „Deportation“ der Literatur in virtuelle Räume die Rede und von einem „High-Tech Pogrom“ gegen das Buch. Veröffentlicht hat Kaufman seinen Text ausgerechnet in der Online-Zeitschrift „Evergreen Review“.

Die Evergreen Review und der kulturelle Counter Strike gegen Google & Amazon

Die Zeitschrift Evergreen Review bot ihren Lesern schon immer „Counter Culture“ – in der Nachkriegszeit druckte sie Texte von Jean-Paul Sartre, Timothy Leary oder William S. Bourroughs. 1964 wurde eine Ausgabe wegen Pornographie-Vorwürfen beschlagnahmt, nach dem Abdruck eines Che Guevara-Fotos auf dem Cover verwüstete im Jahr 1968 ein Bombenanschlag von Castro-Gegnern die Redaktionsbüros. So oder so, Evergreen Review war Kult. Zu den besten Zeiten verkaufte man eine Million Exemplare pro Ausgabe – doch 1973 wurde das Magazin eingestellt. Erst in den Zeiten des Internets gab es 1998 dann Revival – als Onlineversion. Der „Counter Culture“ bleibt man aber offenbar verpflichtet – das zeigt Alan Kaufmans aktueller Essay zum Thema „Electronic Book Burning“.

Gibt es wirklich ein „Hi-Tech-Pogrom“ gegen das Buch!?

Denn da wird schon von der ersten Zeile an hart ausgeteilt gegen Google, Amazon & Co. – das Verschwinden der Buchläden in New York und anderswo bezeichnet Kaufman als „stille Kristallnacht“ gegenüber der schwindenden Minderheit von Buchliebhabern. „Wie tote Seelen verlassen die Buchinhalte ihren irdischen Körper in Richtung einer besseren Welt: Kindle, e-book, Web, die High-Tech-Version des Paradieses.“ Durch Googles Buchprojekt bekommt die Digitalisierung für Kaufman eine ganz besondere Dramatik: „Man muss sich entscheiden, wo man steht, die Enteignung ist schon Tatsache geworden, entweder, man ist dabei, oder man bleibt zurück und gerät in Vergessenheit.“ Die Grundzüge von Kaufmanns Kritik klingen bekannt – Bücher werden zur Ware, sinken im Wert, der Urheberrechtsschutz ist durch die beliebige Reproduzierbarkeit bedroht. Doch die Begriffe sind äußerst polemisch: da ist die Rede von einem „hi-tech pogrom against the book“, das Verschwinden der „echten“ Bücher wird als „catastrophe of holocaustal proportions“ bezeichnet, die Buchhandlung wird gleichgestellt mit der Synagoge im Nazi-Deutschland als „house of a doomed religion“. Und es ist eben, wie schon im Titel, von den elektronischen Lektüre-Scheiterhaufen die Rede – bis hin zum unvermeidlichen Heine-Zitat „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“…

Reservist Kaufman würde für ein gutes Buch in den Stiefeln sterben…

Nun war Alan Kaufman schon immer ein Querkopf, der seine eigenen Wege geht. Er setzte sich für Poetry-Slam ein, als diese neue Kunstform in den USA fast noch niemand kannte. Von ihm herausgegebene Bände tragen Titel wie die „Outlaw Bible of American Poetry“ oder die „Outlaw Bible of American Essay“. Und Alan Kaufman ist auch ein sehr streitbarer Zeitgenosse. Das hat auch etwas mit seiner Biographie zu tun. Geboren und aufgewachsen in der New Yorker Bronx als Sohn eines Holocaust-Überlebenden, leistet er vor mehr als zwanzig Jahren seinen Wehrdienst bei der israelischen Armee ab. Mehrmals wird er als Reservist wieder eingezogen – zuletzt 2003 in den Gaza-Streifen. Die Gewalterfahrungen aus dieser Zeit tauchen in seinem vor vier Jahren erschienenen Roman „Matches“ wieder auf. Doch ein Roman ist eben vor allem ein Roman – hat also eine fiktiven Rahmen. Kaufmans Kritik am E-Book könnte man sich als satirische Rollenprosa einer Woody-Allen-Figur vorstellen, doch als Essay sind solche Thesen schon sehr starker Tobak. Auch wenn man abzieht, dass Kaufmans Plädoyer für das gedruckte Buch eben aus der romantischen Perspektive eines Literaten geschrieben wurde. Denn selbst die Print-Nostalgie wird überdeckt von einer heroischen Perspektive: „Für mich ist ein Buch ein heiliges Ding, eine Torah, ein Vermächtnis, etwas, das nicht nur Wert ist, dafür zu leben, sondern auch, wie Ray Bradbury’s ‚Fahrenheit 451‘ zeigt, dafür zu sterben.“

Ist Kaufmans Polemik am Ende essayistische Slam-Poetry aus der Jewish Bronx?

Immerhin bleibt Kaufman ein Rest von Selbsterkenntnis – schließlich weiß er, dass viele andere Autoren überhaupt kein Problem damit haben, als Bestsellerautor vom „Über-Kindle“ geschluckt zu werden. „Perhaps I am crazy. Perhaps this is only a private complaint“, schränkt er seine Betrachtungen ein. Nur um dann im gleichen Atemzug zu betonen: „Hätte man mir früher gesagt, eines Tages würde meine Literatur in einem 7-Zoll-Plastik-Gadget enden, mitten unter tausenden anderen Texten, hätte ich die Schriftstellerei gleich an den Nagel gehängt und wäre Auftragskiller oder Rabbi geworden.“ Whow! Spätestens an dieser Stelle geht einem aber auch ein Licht auf: ist der kulturkritische Essay in Wirklichkeit vielleicht eine dialektische Übung in essayistischer Slam-Poetry aus der jewish Bronx, gerichtet gegen „twenty first century, late-stage hypercapitalist book publishers“ wie Bertelsmann & Co.? Vielleicht ist das wirklich die einzige sinnvolle Lösung – denn selbst die Polemik gegen das elektronische Bücherverbrennen gibt es schließlich nur als digitale Version. Kaufman ist, so muss man also vermuten, moderner, als es auf den ersten Blick scheint – schaut man sich die Wirkung an, die er im Internet mit seiner Polemik erreicht hat, ist er sogar ein echter Virtuose auf der Klaviatur der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie. Wer sein Metier so gut beherrscht wie Kaufman, wird am Ende vielleicht nicht ohne E-Books auskommen, er wird aber als guter Self-Marketer zumindest nicht mehr auf einen Verlag angewiesen sein…