DRM-freie Serienromane als gemeinsame Basis: Bastei Lübbe erwirbt Beam eBooks

Die Kölner Verlagsgruppe Bastei Lübbe bleibt in Shopping-Laune – nach dem Erwerb der Self-Publishing-Plattform BookRix ist nun Beam eBooks im Einkaufswagen gelandet. Der (bisher) unabhängige E-Book-Store gehört unter den Kleinen der Branche mit mehr als 400.000 registrierten Kunden eindeutig zu den Großen. Und darf zudem als Branchen-Vorreiter gelten: schon vor knapp zehn Jahren wurde das Portal vom E-Lese-begeisterten Buchhändler Christoph Kaufmann gegründet.

Thematisch und technisch unterscheidet sich Beam ebenfalls vom Mainstream. Der E-Book-Store ist spezialisiert auf populäre Genres wie Sci-Fi, Fantasy und Thriller, und verkauft aus Prinzip nur DRM-freie Lektüre. Die gibt’s gar nicht mal so selten, derzeit umfasst der Katalog schon mehr als 230.000 Titel. Experimentierfreudig ist Kaufmann auch auf anderem Gebiet: so bietet er bereits seit einiger Zeit Serien wie Perry Rhodan, Jerry Cotton oder Geisterjäger John Sinclair im Abo an, und launchte ein spezielles Sci-Fi-Portal (science-fiction-ebooks.de), das vom Autor und Genre-Experten Thomas Knip betreut wird.

Viele der bei Beam abonnierbaren Digi-Dime-Novels erscheinen übrigens nicht zufällig bei Bastei Lübbe. Insofern wächst hier wohl auch inhaltlich zusammen, was sehr gut zusammen passt. Zumal Bastei Lübbe ja das Marketing ebenfalls sehr gut auf ein junges, technikaffines Publikum zuschneidet, mit Digital-Only Serienromanen experimentiert und Inhalte ohne hartes DRM und zu medial angemessenen Preisen anbietet.

Abb.: Screenshot Frontpage Beam eBooks

Gesetz der Serie: Plympton, ein „Studio für Literatur“, produziert Serials für Kindle & Co.

Angespornt vom Erfolg des Kindle Single-Formats experimentiert Amazon mit einem neuen alten Genre: dem Fortsetzungsroman. Ähnlich wie bei den Kurzstreckentexten sind die „Kindle Serials“ äußerst günstig – sie kosten nur 1,99 Dollar. Das Versprechen lautet in diesem Fall aber „Buy once, get all“. Denn die „Serials“ werden in mehreren Folgen geliefert, die jeweils bis zu 25.000 Worte enthalten. Frag sich nur: wer produziert eigentlich serienreife Literatur? Zum Beispiel Plympton, ein Startup von Jennifer „8“ Lee, einer Ex-Reporterin der New York Times, sowie der Schriftstellerin Yael Goldstein Love. Die beiden Gründerinnen sehen sich nicht als klassischen Verlag, sondern eher als ein Literatur-Studio, vergleichbar mit Hollywoods Filmstudios.

„Wir nutzen gerne die Analogie zur Fernsehserie: man muss sich eine einzelne Textlieferung als Folge vorstellen, und einen Band als eine Staffel. Wenn eine Serie gut läuft, kann sie auf mehrere Staffeln ausgedehnt werden, wobei jede Staffel auf die vorherige Bezug nimmt und alle zusammen ein größeres Ganzes bilden“, so Lee und Goldstein auf dem Profil ihrer aktuellen Kickstarter-Kampagne, die nicht nur zur Akquise von 30.000 Dollar Startkapital dienen soll, sondern auch als Promotion-Massnahme fungiert.

Für den Anfang steuert Plympton drei von insgesamt acht Kindle Series bei: „Hacker Mom“ (Austen Rachlis), „The many Lives of Lilith Lane“ (E. V. Anderson) sowie „Love is strong as death“ (Carolyn Nash). Die exklusiv via Kindle bzw. Kindle-App veröffentlichten Folgen haben jeweils zwischen 7.000 und 25.000 Worte und werden im Zwei-Wochen-Takt bzw. monatlich erscheinen. Jede Staffel umfasst vier bis sechs Teile.

Völlig neu ist das Konzept natürlich nicht. Denn der Zeitungs- und Zeitschriftenroman florierte bereits im 19. Jahrhundert. Die Frage bleibt natürlich: wie lässt sich das Gesetz der Serie ins E-Book-Format übersetzen? „Der Fortsetzungsroman war einmal ein wichtiger Bestandteil unsere Kultur. Die Leute haben mit Hochspannung auf neue Teile von Madame Bovary, Sherlock Holmes oder Heart of Darkness gewartet, so ähnlich, wie wir heute auf neue Folgen unserer Lieblings-Fernsehserien warten. Die Geschwindigkeit und ökonomische Effizienz digitaler Plattformen macht es uns nun möglich, solche ebenso altehrwürdigen wie unterhaltsamen Formen neu zu beleben“, hoffen Lee und Goldstein.

Das haben natürlich auch schon andere versucht. Schon vor drei, vier Jahren etwa brachte das französische Verlagshaus SmartNovel Fortsetzungsromane auf die Displays von Mobiltelefonen, abonniert wurde per SMS. Der deutsche Groschenheft-Riese Bastei Lübbe ging unter dem Motto „digital first“ 2012 erstmals mit digitalen Serienromanen an den Start, die exklusiv als App, E-Book, Audio-Download oder Read-and-Listen-Version vermarktet werden. Die Folgen einer Staffel des Vatikan-Thrillers „Apocalypsis“ beispielsweise kosteteten allerdings insgesamt so viel wie ein normales Taschenbuch.

Bei Plympton will man dagegen die Spielregeln der digitalen Ökonomie weitestgehend nach unten ausreizen – gerade das Gesetz der Serie erlaubt aggressivere Kalkulationen (auch wenn das nicht allen gefällt): „Verkaufsstatistiken von iTunes und App Stores zeigen, dass der optimale Preis für digitalen Content zwischen 99 Cent und 2,99 Dollar rangiert. Nachhaltige Umsätze gibt es also nur, wenn das Publikum immer wieder zurückkommt. Und genau deswegen scheinen Fortsetzungsromane die beste Möglichkeit zu bieten, digitale Literatur profitabel zu machen.“

Abb.: Plympton.com, Amazon.com

Digital First: Bastei Lübbe startet rein digitale Serienromane

Bastei Lübbe weitet das elektronische Programm aus: im Frühjahr 2012 startet mit „Digital First“ ein Angebot, das exklusiv als App, E-Book, Audio-Download oder Read-and-Listen-Version vermarktet wird. Neben der zweiten Staffel des Vatikanthrillers „Apocalypsis“ erscheint im Mai 2012 die neue Mystery-Serie „Survivor“. Den Lesern steht drei Monate lang eine neue Episode zum wöchentlichen Download bereit. Die letzte Folge von „Apocalypsis“ (Staffel Eins) erschien Anfang Januar – alle zwölf Folgen zusammen kosten etwa soviel wie ein normales Hardcover-Buch. Bereits seit 2011 gibt es bei Bastei Lübbe ein eigenes Lektorat für digitale Inhalte, mit „Bastei Entertainment“ hat der Verlag nun zudem eine eigene Abteilung für E-Publishing und crossmediale Verwertung. „Digital First“ führt mustergültig vor, wie weit die Verwertungskette des elektronischen Buchmarktes mittlerweile reicht: Abgesehen von klassischen E-Readern können die Inhalte schließlich auf Smartphone, MP3-Playern oder Tablets konsumiert werden.

Gutenbergs Apokalpyse: „Fangt an zu beten!“

Auf der letzten Frankfurter Buchmesse ließ Bastei Lübbe falsche Mönche in langen Kutten aufmarschieren, und warb mit dem Motto: „Fangt an zu beten, die Apokalypse steht bevor“. Gemeint war damit nicht der Untergang der Gutenberg-Galaxis, sondern deren Fortsetzung mit anderen Mitteln. Denn es ging natürlich um den Start der ersten Staffel von „Apocalypsis“. Das Grundgerüst des Plots lässt keine Wünsche offen: Der Papst ist unter mysteriösen Umständen verschwunden, ein bestialischer Serienmörder treibt sein Unwesen, eine okkulte Sekte sucht nach dem Geheimnis der Templer, und mitten drin im Geschehen der Chef-Exorzist des Vatikans, die junge Nonne Maria und der Journalist eines Hamburger Nachrichtenmagazins. Schöpfer der E-Book- und Hörbuch-Serie „Apocalypsis“ ist interessanterweise mit Mario Giordano ein versierter Drehbuch-Schreiber, der die einzelnen Folgen zusammen mit einem Team von Ko-Autoren produziert hat.

„Print Second“: Taschenbuch-Ausgabe nicht ausgeschlossen

Bastei Lübbe geht also im Vergleich zu bisherigen enhanced-Konzepten im E-Book-Bereich noch einen entscheidenen Schritt weiter. Die neuen Serien werden nicht im Nachhinein mit Audio- oder Videomaterial angereichert – wie es etwa bei Ken Folletts „Sturz der Titanen“ der Fall war – sondern von vornherein multimedial konzipiert. Die schnörkellöse, filmische Schreibweise dürfte dabei zugleich die spätere Umsetzung auf dem TV-Bildschirm erleichtern. Von dort ausgeborgt ist ja auch der sich von Staffel zu Staffel ziehende Spannungsbogen. Allerdings steht selbst bei der „Digital First“-Reihe immer noch der Text im Mittelpunkt – es handelt sich also zugleich um eine neue Form des Fortsetzungsromans. Schon alleine deshalb ist „Print Second“ natürlich nicht ausgeschlossen: später sollen die neuen Serien auch als klassisches Taschenbuch erscheinen.