Wochentags bald nur noch digital? taz bereitet Leserschaft auf das Ende der gedruckten Ausgabe vor

taz-zahlen-ichDie gute Nachricht zuerst: die taz hat immer noch 60.000 zahlende Leser, so wie in ihren besten Zeiten. Die schlechte lautet allerdings: die Hälfte von ihnen zahlt nicht für die gedruckte Ausgabe, sondern nur für die Samstagsausgabe, für das E-Paper oder spendet freiwillig für die kostenlos lesbare Online-Ausgabe. Und die Zahl der Print-Abonnenten wird in den nächsten Jahren wohl weiter stetig sinken — so dass die Kosten für Druck und Vertrieb sich irgendwann in naher Zukunft nicht mehr rechnen werden.

Taz-Geschäftsführer Kalle Ruch bereitet die taz-Genossenschaft deswegen schon mal gedanklich auf die große Transformation vor (Grundlage ist der „innovationsreport 21“): „Das Zeitalter der gedruckten Zeitung ist zu Ende, der Journalismus lebt im Netz weiter“, heißt es in der aktuellen Mitgliederinfo. Man werde sich von alten Gewohnheiten verabschieden müssen — mit anderen Worten: die Tage der per Boten vor die Haustür gelieferten Zeitung seien vorbei, zumindest wochentags.

Ruch hat auch gleich ein aktuelles Menetekel bei der Hand: in Östereich habe mit Morawa gerade ein großes Medienunternehmen bekanntgegeben, die Sparte Pressevertrieb Endes des Jahres zu schließen — denn der Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften im Einzelhandel werfe nicht mehr genügend Gewinne ab. Zukünftig gibt es dann nur noch einen großen Pressevertrieb in Österreich, was wohl auch heißt: es wird bald noch teurer werden, Zeitungen in die „Trafiks“ zu bringen.

Und so stellt sich der taz-Geschäftsführer im „Szenario 2022“ die Zukunft in Deutschland vor: „Sie kommen morgens zur Arbeit und haben auf Ihrem Smartphone oder Tablet schon alles erfahren, was Ihnen wichtig ist. Sie haben dieses digitale Angebot vielleicht kombiniert mit der taz am Wochenende auf Papier, die sich noch mehr von der Werktags-Taz unterscheiden wird als jetzt schon. Wir sparen gemeinsam Papier und können alle die Zusteller der Wochenendausgabe anständig bezahlen.“

Also mehr Smartphone, aber nicht nur — die tazler planen den „Journalismus der drei Geschwindigkeiten“: „Online bringen wir von morgens bis abends fortlaufend neue Berichte, Reportagen, Interviews, Analysen, Kommentare und Satiren, nennen wir es: den stündlichen taz-Journalismus. Dann brauchen wir die tägliche Erscheinungsweise, denn auch auf dem Smartphone funktioniert das alte Tageszeitung-Prinzip, einmal am Tag die Welt mit den Augen der taz zu betrachten. Schließlich die taz am Wochenende, die Sie auch bequem in der App auf dem Telefon lesen können.“

(via Meedia

Zeitungskrise passé? Print schrumpft bis 2018 langsamer, Digital wächst stärker (lt. BDZV)

bzdv-studie-print-schrumpft-langsamer-digital-waechst-staerkerSilberstreif am Horizont oder schon echte Trendumkehr? Die deutschen Zeitungsverlage melden nicht nur langsamer schwindende Printauflagen, sondern auch zunehmendes Wachstum bei digitalen Produkten: einer repräsentativen BDZV-Studie zufolge wird es bis 2018 nicht nur ein jährliches Plus von 5 Prozent bei E-Paper und Paid Content geben, sondern auch bei den Einnahmen mit digitaler Werbung. Die ganz großen Player (Top 15 Prozent) erwarten sogar mehr als 20 Prozent Wachstum.

Zeitungskrise erzeugt Abkehr vom Kerngeschäft

Allerdings haben die Verlage auch strukturell aus der Zeitungskrise gelernt und stellen sich immer breiter auf – neben das Kerngeschäft treten vermehrt neue Geschäftsmodelle wie Reiseveranstaltungen, Messen, Web-Dienstleistungen, Gutschein-Deals etc. Die große Mehrheit der Verlage plant, bis 2018 sogar 25 Prozent oder mehr ihrer Erlöse außerhalb des Kerngeschäfts zu erzielen, einige der großen Verlage planen sogar mit 50 Prozent und mehr.

Große Verlage in Start-Up-Einkaufslaune

Neben Digital-Abos und weiteren Online-Angeboten gehen auch immer mehr Zeitungsverlage auf Einkaufstour oder beteiligen sich an anderen Unternehmen bzw. Start-Ups. Die Geldströme landen immer öfter außerhalb klassischer Formate: Im Jahr 2013 wurden im Durchschnitt bereits 40 Prozent der Investitionen im Digital- und E-Commerce-Bereich getätigt. Der Hauptgrund dafür ist wohl klar: auf Print hofft niemand mehr so richtig, die Auflagen und Erlöse sinken weiter. Einzige Hoffnung: 2015 dürften sich die Verluste im Vergleich zu den Vorjahren reduzieren.

Abb.: Nick Page/Flickr (cc-by-2.0)