Buchpreis-(Ver-)senkung: Piraten kapern Longlist – & übernehmen den Job der Verlage

Die Longlist ist da: auch in diesem Jahr konkurrieren wieder 20 AutorInnen um den Deutschen Buchpreis, darunter bekannte Gesichter wie Clemens Meyer, Urs Widmer und Reinhard Jirgl, aber auch zahlreiche Newcomer. Erfreulicherweise hat auch der Digitalisierungsgrad deutlich zugenommen, alle überhaupt schon lieferbaren Titel (derzeit 18 von 20) sind elektronisch verfügbar. Das zeigt: die Verlage haben inzwischen etwas dazugelernt. Denn noch vor zwei, drei Jahren war der Löwenanteil der Longlist ein reiner Papiertiger. Zudem kooperiert der Veranstalter mit diversen Literaturbloggern, die das Lektürepaket kostenlos erhalten.

Durchschnittspreis der Longlist-E-Books: 16 Euro (!)

Was aber auch notwendig ist, denn das komplette Printbündel würde regulär satte 350 Euro kosten, der Durchschnittspreis liegt bei knapp 18,50 Euro. Für Hardcover-Neuerscheinungen bewegt sich das natürlich durchaus im Rahmen des Erwartbaren. Doch auch die E-Book-Versionen sind nicht weit davon entfernt – das digitale Buchpreis-Bundle kommt nämlich auf 286 Euro, Durchschnittspreis fast 16 Euro. Das E-Book-Pricing für zudem mit DRM versehene Versionen liegt damit im Schnitt nur 15 Prozent unter dem Preis der Hardcover. Das zeigt: soviel dazugelernt haben die Verlage dann doch nicht, solche Preise sind schließlich eher prohibitiv zu verstehen. Der eine oder die andere darf gerne ein E-Book kaufen, am liebsten hätte man es aber offenbar, wenn ansonsten alles so bleibt wie es ist.

„Wie man eine Longlist nicht verkauft“

Doch die Zeiten, in denen Wünschen noch geholfen hat, sind vorbei. Kaum war die Longlist nämlich veröffentlicht, traten die E-Book-Piraten von boox.to auf den Plan – sie kündigten an, die „Longlist der Verlagsautoren zu befreien“. Inzwischen waren sie dabei offenbar auch erfolgreich: mehr als die Hälfte der Titel, so legt es eine aktuelle Liste auf dem Warez-Blog torbooks.org nahe, sind schon als Download verfügbar, DRM-frei versteht sich, und fast kostenlos (die Piraten-Plattform hat inzwischen eine monatliche Gebühr eingeführt). Wer den Schaden hat, braucht auch für den digitalen Spott nicht zu sorgen: die digitalen Immigranten der Verlagsbranche hätten gezeigt, „wie man eine Longlist nicht verkauft“, ätzten die anonymen Aktivisten. Und behaupteten frech: mit einem niedrig bepreisten„Flatlist“-Angebot lasse sich nicht nur mehr Literatur unter die Leute bringen, sondern am Ende auch mehr Gewinn erzielen.

Mission: Literatur unter die Leute bringen

Das wirklich ärgerliche daran ist wohl: die digitalen Freibeuter haben recht. Denn mit dem völlig realitätsfernen E-Book-Pricing verbauen sich die Verlage bisher alle Chancen, von den Vorteilen der digitalen Ökonomie zu profitieren. Durch viele Pricing-Experimente aus dem Self-Publishing-Sektor wissen wir schließlich längst, dass absurd hohe Preise am Ende den Autoren und Verlagen sogar deutliche Verluste bescheren. E-Book-Preise nahe am Optimum, dem „sweet spot“, der in Deutschland etwa bei 4 bis 5 Euro liegen dürfte, lohnen sich dagegen gleich doppelt – sie führen durch den weitaus größeren Absatz insgesamt zu höheren Gesamterlösen, vergrößern aber auch die Leserbasis und den Bekanntheitsgrad von Autoren. Literatur unter die Leute bringen: eigentlich ja die Kernaufgabe von Verlagen. Ein Job, der eigentlich auch zu wichtig ist, um ihn den Piraten zu überlassen…

Abb.: flickr/Terry McCombs

[e-book-review] Restrisiko des Schweigens – Nicol Ljubićs „Meeresstille“ & das verdrängte Erbe des Jugoslawienkriegs

meeresstille-ljubic-deutscher-buchpreis-longlist-e-book Mit „Meeresstille“ erzählt Nicol Ljubić die Geschichte von Robert und Ana. Eine Boy-meets-Girl-Geschichte im Berlin der Neunziger Jahre. Doch das Girl ist ein serbisches Mädchen, und ihr Vater der Kriegsverbrecher Zlatko Simic, angeklagt in Den Haag. Die Beziehung zerbricht an der unbewältigten Vergangenheit, an der Unfähigkeit, das Schweigen zu durchbrechen. „Meeresstille“ schaffte es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises – ob sich der Download der E-Book-Version lohnt, verrät unsere Rezensentin Heide Reinhäckel.

Meeresstille und Familiengeheimnis

Mit romantischer Naturbetrachtung hat „Meeresstille“ nichts zu tun. Eher mit der alten Volksweisheit „Stille Wasser sind tief“. Ein Familiengeheimnis steht zwischen Robert und seiner serbischen Freundin. „Ana, warum hast du mir nicht erzählt, was dich bedrückt?“ Diese Frage steht ganz am Anfang. Denn in Nicol Ljubićs zweitem Roman geht es um die oft verdrängte Erinnerung an den jugoslawischen Bürgerkrieg. In wenigen Jahren kamen auf dem Balkan mehr als 100.000 Menschen ums Leben, die meisten davon Zivilisten. Die traumatischen Erfahrungen der Opfer wie auch die Schuld der Täter verschonen auch die nächste Generation nicht. Ana bringt Robert das serbische Wort für Meeresstille bei, kann aber nicht über ihre Vergangenheit und die ihrer Familie sprechen.

Grenzgänge zwischen Journalismus und Literatur

Nicol Ljubić selbst ist Kroate und wurde 1971 in Zagreb geboren. Weil sein Vater als Flugzeugmechaniker im Außendienst tätig war, wuchs er in Griechenland, Schweden und Russland auf. Dann zog die Familie nach Deutschland. Ljubic studierte Politikwissenschaften und absolvierte schließlich die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Als freier Autor schreibt er u.a. für den Tagesspiegel, Geo, Spiegel und Brigitte und ist spätestens seit als 2005 Theodor-Wolff-Preisträger kein Unbekannter mehr. Auch nicht beim Thema Jugoslawien: Bereits mit dem 2006 erschienenen Buch „Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde“ näherte sich dem Land seiner Eltern an.

Ein Shakespeare-Experte als tragische Figur

„Meeresstille“ nimmt einige Elemente der eigenen Biographie auf: Auch Roberts Eltern stammen aus Kroation, er ist in Berlin geboren und interessiert sich kaum für das Heimatland seiner Eltern, bis er die serbische Studentin Ana trift. Ihren Berlin-Aufenthalt finanziert sie bezeichnenderweise über ein Stipendium für Nachkommen von SS-Opfern. Aus den ehemaligen Opfern sind in der nächsten Generation Täter geworden. Eines Tages entdeckt Robert, dass Anas Vater, der serbische Shakesspeareexperte Zlatko Šimić, in Den Haag vor dem Menschenrechts-Gerichtshof als Kriegsverbrecher angeklagt ist. Robert reist nach Den Haag, um Anas Schweigen zu verstehen und wird mit der juristischen Aufarbeitung eines Krieges konfrontiert, den er selbst nur aus der Ferne wahrgenommen hat. Für Robert beginnt eine doppelte Form der Vergangenheitsbewältigung. Die Beobachtungen des Haager Prozeßalltags überschneiden sich mit Rückblenden auf eine gescheiterte Beziehung.

Der Rest darf kein Schweigen sein

Man könnte „Meeresstille“ auch als eine Fortsetzung des Journalismus mit literarischen Mitteln bezeichnen. Ljubić hat für das Buch ausgiebig recherchiert. Mit einem Grenzgänger-Stipendium der Bosch-Stiftung bereist er Bosnien, er interviewte serbische Studentinnen in Berlin und besuchte den Schauplatz Den Haag. Erzählerisch geht Meeresstille allerdings weit über jede Form von „Doku-Fiction“ hinaus. Ljubić findet eine leise, unaufgeregte Sprache für sein Sujet. Solchermaßen gelingt es ihm, am Beispiel der bei uns schon fast vergessenen Jugoslawien-Kriege eine allgemeingültige Botschaft zu platzieren: im Krieg werden am Ende alle zu Opfern. Auch der Shakespeare-Experte ist eine tragische Figur. Doch mit „Der Rest ist Schweigen“, das zeigt Ljubić mit „Meeresstille“ zugleich, kommt man im wahren Leben nicht weiter. Reden über die Schuld dagegen würde helfen.

Autorin&Copyright: Heide Reinhäckel

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Nicol Ljubić,
Meeresstille (Februar 2010)
E-Book (epub-Format), 9,99 Euro
Hardcover (Hoffmann & Campe), 17,00 Euro.

[e-book-review] Sex, Prag, Barock&Roll: Jan Faktors schelmischer Rückblick auf Realsozialismus & 60er Jahre

jan-faktor-georgs-sorgen-vergangenheit-e-book-shortlist-buchpreis-bestseller1Nicht nur der Titel klingt barock: Jan Faktors Roman „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“ ist tatsächlich eine Art Simplizissimus des tschechischen Realsozialismus. Mit mehr als 600 Seiten ist es außerdem das gewichtigste Buch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis – zum Glück gibt’s aber auch eine E-Book-Version. Heide Reinhäckel hat Faktors autobiografisch geprägtes Schelmenstück für uns gelesen.

Das Romanprojekt brauchte 25 Jahre Anlaufzeit

In den Siebziger Jahren tauschte Jan Faktor die Lochkarte gegen das Versmaß – der Programmierer wurde zum Texter von experimenteller Lyrik. Im Vergleich zum nächsten Schritt ging das relativ schnell. Faktors Romanprojekt „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“ hat nicht nur einen sehr langen Titel, sondern brauchte eine Anlaufzeit von 25 Jahren. In dieser Zeit sammelte Faktor Material für eine große Erzählung, die um Kindheit und Jugend im Realsozialismus kreist. Entstanden ist nun ein großartig groteskes Buch über eine bizarre Familie, über Prag und über den Prager Frühling – und damit auch eine Art Mentalitätsgeschichte über die Tschechoslowakei von den 1950er bis 1970er Jahren.

Von der Informatik zur Lyrik, von Prag nach Berlin

Jan Faktor wurde 1951 in einen liberalen Prager Haushalt hineingeboren. Seine Mutter war eine engagierte Journalistin, im Haus gingen berühmte Reformer ein und aus. Faktor brach ein Studium der Informatik ab, arbeitete dann als Programmierer. 1978 siedelte er nach Ostberlin über, aus privaten Gründen: er hatte sich in die Psychoanalytikerin Anette Simon, eine Tochter von Christa Wolf, verliebt und heiratete sie. In Ostberlin verdingte er sich als Schlosser und Kindergärtner, war in der Untergrundliteraturszene tätig und schrieb experimentelle Texte und Lyrik. 1989 schrieb Faktor für den Rundbrief des Neuen Forums, seit den 1990er Jahren etablierte er sich als freier Autor.

Frühlingserwachen und Prager Frühling

Georg, der Held des Romans, wächst in einem jüdischen Frauenhaushalt in einer verwinkelten Prager Altbauwohnung auf. Das Matriarchat herrscht in der dunklen, mit einem Sammelsurium an schweren Möbelstücken vollgestopften Wohnung – Erbstücke von nach dem Krieg ausgewanderten Bekannten und Verwandten. Neben der Mutter leben noch mehrere Großmütter und Tanten in der Wohnung, bei manchen überblickt Georg die Verwandtschaftsverhältnisse gar nicht. Frauen, so Georg lakonisch, hätten die Konzentrationslager und den Krieg besser überstanden. Die Mutter badet Georg bis in die Pubertät, er teilt mit der „Hauptgroßmutter Lizzy“ ein Zimmer. Den einzigen Ausweg aus der weiblichen Bevormundung bietet die Erotik, die konsequenterweise mit einer älteren Freundin der Tante entdeckt wird. Das Frühlingserwachen wird allerdings durch den Prager Frühling überschattet. Doch trotz der Repressionen glaubt Georg an eine bessere Zukunft, er betrachtet sein Leben als „eine permanente Geschichte des Verliebtseins“ – und zieht damit die Liebesneurose jeglichen Ideologien vor.

Zwischen Soldat Schwejik und Henry Miller

Faktor übertreibt und übersteigert autobiographische Muster und Bausteine ins Humoreske und Groteske. Besonders die Fabulierwut gehört zu Faktors bzw. Georgs Stärken und erinnert an den braven Soldaten Schwejk, der im Simulieren von Naivität die Unerhörtheiten der Welt entblößte. Georgs Körper, der sich immer wieder dem Sex, dem Schmutz und dem Ekel hingibt, kommt schon nahe an Michail Bachtins Idee des grotesken Körpers heran, der nur an In- und Output interessiert ist, auch die Erotismen eines Henry Millers liegen nicht fern. Daneben bilden das Lachen und der Humor eine wichtige erzählerische Säule. Wer schon beim barocken Titel an die Tradition des Schelmenromans denkt, liegt wohl nicht ganz falsch. Für die erzählerische Rückabwicklung des Realsozialismus scheint die Picaro-Perspektive sich offenbar zu lohnen. Honni soit qui mal y pense…

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

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Jan Faktor,
Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag,
Hardcover (Kiepenheuer&Witsch), 24,95 Euro
E-Book (epub-Format), 24,99 Euro

[e-book-review] „Ich trage mein Thema wie einen Bombengürtel“: Auf den Spuren einer beschädigten DDR-Kindheit („Rabenliebe“)

rabenliebe-wawerzinek-e-book-buchpreis-shortlist-bestsellerEs gibt dunkle Wörter, die gerade für Kinder ein ungeheures Drohpotential besitzen: das Wort Kinderheim gehört dazu. Um das Heim als Ort einer verlorenen Kindheit kreist Peter Wawerzineks autobiographischer Roman „Rabenliebe“, der zu den drei auf auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gelangten E-Books gehört. Gelingt Wawerzinek die Verwandlung der beschädigten DDR-Kindheit in Literatur? Das verrät im folgenden unsere Rezensentin Heide Reinhäckel.

Peter Runkels unheimliche Reisen

Peter Wawerzinek, 1954 als Peter Runkel geboren, kam mit zwei Jahren in ein Kinderheim. Seine damals neunzehnjährige Mutter hatte ihn und eine Schwester 1956 in einer Rostocker Altbauwohnung zurückgelassen, um dem Vater der Kinder in den Westen zu folgen. Nachbarn entdecken die verwahrlosten Kinder Tage später, sie werden ins Krankenhaus gebracht, dann in unterschiedliche Heime. Wawerzinek verbringt seine Kindheit in verschiedenen Institutionen. Mit der Ablieferung im Heim beginnt auch der Roman. Bereits die Eingangsszene symbolisiert Verlorenheit und Isolation, die das Kind Peter bei der Odyssee durch die sozialisierenden Instanzen begleiten wird. Eingebrannt ins Gedächtnis hat sich ein Mann im schwarzem Ledermantel, ein dunkler Wagen, ein Schneegestöber. Die Sprache des Romans ist verdichtet, die Erinnerungen werden von Kinderreimen und Gedichten durchbrochen. Das Kind flüchtet sich in Phantasiewelten und bleibt bis zum Alter von vier Jahren stumm, spricht nur mit dem Meer und den Vögeln.

Mutterbilder zwischen Hoffnung und Horror

Die Köchin des Heims wird zu einer Art Ersatzmutter. Später wird Peter von einem Lehrereherpaar adoptiert. Doch nicht Mitgefühl und Liebe sind die Beweggründe, sondern Peters gute Schulzeugnisse, die in einem Schaukasten des Kinderheims ausgestellt sind. Die Erziehungsdressur misslingt, der jugendliche Peter zeigt keinen beruflichen Ehrgeiz. Die fehlende Mutter bestimmt als Motiv den ersten Teil des Romans, der „Mutterfindung“ lautet. Dass in dem Wort auch ‚Erfindung‘ steckt, verdeutlichen die Phantasien des Kindes über die gänzlich unbekannte Mutter. Sie wird zur Figur einer uneinlösbaren Sehnsucht, aus der das Kind seine Kraft schöpft. Im Gegensatz zu Wolfgang Koeppen oder Alfred Döblin, in deren Texten der abwesende Vater eingeschrieben ist, ist es bei Wawerzinek die Mutter, um die alle Erzählstränge kreisen. Dass die Mutterfigur durchaus ambivalent ist, wird bereits vom Anfang an durch montierte Zeitungsmeldungen über Fälle von Kindesmisshandlungen und Kindstötungen deutlich, durch die Auflistung von Taten ‚monströser‘ Mütter.

Da bist Du ja – Wiederbegegnung nach 50 Jahren

Der zweite Teil des Romans lautet „Da bist Du ja“. Genau das war auch die lapidare Begrüßung der Mutter, als Peter Wawerzinek nach über 50 Jahren vor ihrer Tür stand. Dem Wiedersehen stand eigentlich schon mit dem Mauerfall nichts mehr im Weg. Doch der Autor trägt die recherchierte Telefonnummer zunächst drei Jahre lang mit sich herum, ohne sie benutzen. Die Vergangenheit lässt den Autor allerdings nicht los. Noch mit über 50 quält es ihn, die eigene Mutter nicht zu kennen: „Ich trage mein Thema wie einen Bombengürtel“, schreibt Wawerzinek. Dann überwindet er sich und reist nach Eberbach am Neckar, wo die Mutter lebt. Das Zusammentreffen wird zur Enttäuschung. Wawerzinek erfährt, dass er noch acht Halbgeschwister hat. Auch deren Kindheit war keine glückliche. Nach dem ersten und einzigen Zusammentreffen ist für Wawerzinek klar: das Kind in ihm wird ein „ewiges Winterkind“ bleiben. Doch dem Autoren-Ich gelingt in dem furiosen sprach- und erinnerungsgewaltigen Buch die Umwandlung des beschädigten Lebens in Literatur. Die Homepage des Autors zeigt einen Videofilm, in dem Wawerzinek ein Kinderheim seiner Kindheit besucht, mittlerweile ein verlassenes, baufälliges Haus. Bedrückt schleicht der Autor mit einem kleinen braunen Lederschulranzen durch die Räume. In der anschließenden Einstellung spielt er am naheliegenden Ostseestrand auf einen Keyboard – ein gelungenes Bild für die Verwandlung der Erinnerungen in eine eigene Lebensmelodie.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

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Peter Wawerzinek,
Rabenliebe (August 2010)
E-Book (epub-Format), 22,99 Euro
Hardcover (Galiani Verlag) 22,95 Euro

Longlist als Shortlist: Nur 6 Anwärter auf Deutschen Buchpreis als E-Book im epub-Format lieferbar

longlist-buchpreis-e-books-audiobooks-bestsellerDie Longlist ist da – zwanzig RomanautorInnen sind damit Anwärter auf den deutschen Buchpreis 2010. Darunter etwa Thomas Hettche (Die Liebe der Väter), Kristof Magnusson (Das war ich nicht) oder Alina Bronsky (Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche). Das Buchhandelsportal Libreka bietet aus diesem Anlass elektronische Leseproben zu allen 20 Longlist-Titeln an. Sechs Titel kommen im September in die Endauswahl (Shortlist), der Name des Preisträgers wird im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse verkündet. Als E-Book im epub-Format erschienen sind lediglich sechs der zwanzig nominierten Titel – Zufall oder Vorentscheidung?

Preisverleihung als Marketingaktion „bestsellersüchtiger Buchhandelsketten“?

Anderswo haben Buchpreise klingende Namen: Prix Goncourt oder Booker Prize etwa. Für Deutschland fehlte so etwas nach Ansicht des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Deswegen wurde im Jahr 2005 der „Deutsche Buchpreis“ ins Leben gerufen. Zur Jury gehören vor allem hauptamtliche Literaturkritiker, diesmal etwa Ulrich Greiner (Die Zeit) oder Julia Encke (FAZ), aber mit Ulrike Sander von der Osianderschen Buchhandlung auch eine Vertreterin der Sortimenter. Die Vorschläge für Nominierungen selbst stammen von Verlagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Von Schriftstellern und Journalisten gab es immer wieder mal Kritik an den „außerliterarischen“ Kriterien dieser Auswahl. Nach Ansicht der Kritiker handelt es sich um einen Marketingpreis, der „vor allem den bestsellersüchtigen Buchhandelsketten“ nütze. Mediale Aufmerksamkeit ist dem Auswahlverfahren gewiss, die Etappen zwischen Longlist, Shortlist und Siegerehrung während der Buchmesse liefern einen idealen Spannungsbogen. Doch wenn die Verlage wirklich an maximaler Reichweite ihrer Bestseller interessiert wären, hätte man wohl etwas mehr auf die elektronische Verfügbarkeit der Romane geachtet. Der Buchpreis ist aber offenbar kein E-Book-Preis. Denn nur sechs Titel aus der Longlist sind als E-Book im epub-Format lieferbar, zwei weitere lediglich als E-Book-App für iPhone und iPod Touch bei textunes. Ausschließlich als Hörbuch erhältlich sind zusätzlich zwei von zwanzig Longlist-Titeln. Nur bei Michael Köhlmeiers „Madalyn“ hat man die volle Auswahl: der Roman ist sowohl als epub wie auch auf Audio-CD zu haben.

Ohne E-Books wird die Popularisierung von Gegenwartsliteratur nicht gelingen

Die Einmauerung der Premium-Literatur im Bücherschrank der Gutenberg-Galaxis scheint Methode zu haben. Selbst von den bisherigen Preisträgern der seit 2005 verliehenen Auszeichnung „Deutscher Buchpreis“ sind nur zwei Titel auf dem E-Reader lesbar – Julia Francks „Mittagsfrau“ (2007) und Kathrin Schmidts „Du stirbst nicht“ (2009). Das ist nicht nur eine äußerst magere Ausbeute, sondern für die Popularisierung von qualitativ hochwertiger Gegenwartsliteratur eine regelrechte Katastrophe. Und fast schon so absurd, als würde man aus Gründen der kulturellen Distinktion absichtlich Paperback-Ausgaben von Literaturpreisträgern verhindern. Für den Mangel an Hörbuch-Versionen mag es bei brandneuen Romanen, die erst seit Wochen oder Monaten auf dem Markt sind, technische und finanzielle Gründe geben. Für parallele E-Book- und Print-Auflagen gibt es solche Gründe jedoch nicht. Außerdem sind manche Titel wie etwa Kristof Magnussons „Das war ich nicht“ oder Mariana Leky „Die Herrenausstatterin“ bereits seit Anfang 2010 in die Regale gelangt. Viele Verlage sehen offenbar digitale Vertriebskanäle nur als Werbe-Plattform für verstaubte Printauflagen. Leseproben dienen als Appetizer, so wie jetzt bei Libreka, doch die komplette Ware gibt’s nur auf Papier. Die eigentliche Rolle von Verlagen und Buchhändlern müsste allerdings im 21. Jahrhundert die Verbreitung von Literatur sein, nicht die Verbreitung von gedruckten Büchern. Aber bis diese Einsicht wirklich angekommen ist, sollte man vielleicht doch erst mal einen Deutschen E-Book-Preis ausloben.


Die Longlist in alphabetischer Reihenfolge:

  • Alina Bronsky,
    Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche
  • Jan Faktor,
    Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag
  • Nino Haratischwili,
    Juja
  • Thomas Hettche,
    Die Liebe der Väter
  • Michael Kleeberg, Das amerikanische Hospital
  • Michael Köhlmeier,
    Madalyn
  • Thomas Lehr,
    September. Fata Morgana
  • Mariana Leky,
    Die Herrenausstatterin
  • Nicol Ljubić,
    Meeresstille
  • Kristof Magnusson,
    Das war ich nicht
  • Andreas Maier,
    Das Zimmer
  • Olga Martynova,
    Sogar Papageien überleben uns
  • Martin Mosebach,
    Was davor geschah
  • Melinda Nadj Abonji,
    Tauben fliegen auf
  • Doron Rabinovici,
    Andernorts
  • Hans Joachim Schädlich,
    Kokoschkins Reise
  • Andreas Schäfer,
    Wir vier
  • Peter Wawerzinek,
    Rabenliebe
  • Judith Zander,
    Dinge, die wir heute sagten
  • Joachim Zelter,
    Der Ministerpräsident