„Wir machen grenzenloses Lesen möglich“ – Thomas Kiessling, Telekom-CPIO im Interview

„Wäre es nicht schön, wenn Bücher fliegen könnten?“ -- nicht zufällig beginnt so der Werbetrailer für den neuen Tolino Shine. Eigentlicher Clou der neuen Partnerschaft zwischen Thalia, Weltbild &. Co mit der Deutschen Telekom ist nämlich ein kostenloser Cloud-Service -- die „TelekomCloud“, in der alle geshoppten E-Books automatisch gespeichert werden. Über zahlreiche Telekom-Hotspots, aber auch in den Buchhandlungen der Tolino-Allianz ist die Bibliothek in der Rechnerwolke jederzeit kostenlos verfügbar. E-Book-News sprach auf der Tolino-Launch-Pressekonferenz am 1. März mit Dr. Thomas Kiessling, dem Chief Product Innovation Officer (CPIO) der Deutschen Telekom.

E-Book-News:
Auf der einen Seite klassische Buchhändler, auf der anderen Seite ein Telekommunikationsunternehmen -- was war die Motivation für diese Allianz?
Thomas Kiessling:
Hier ergänzen sich eigentlich zwei Partner perfekt: weil unsere Kernkompetenz in der Technologie und in den Cloud-Systemen, in den Endsystemen liegt, um das grenzenlose Lesen möglich zu machen. Wir haben ja schon vor einigen Jahren begonnen, mit unserer PagePlace-Marke hier gute Erfahrungen zu sammeln, auf der anderen Seite sind unsere Vertriebspartner natürlich die Experten um Bücher und E-Reader vor allem auch vor Ort in ihren Buchhandlungen zu verkaufen.

EBN: Was ist der Vorteil der Kombination aus Tolino Shine und Telekom-Cloud?
TK:
Aus Kundensicht ist das natürlich ein klasse Leseerlebnis: wenn ich ein digitales Buch gekauft habe, über irgend einen Shop unserer Vertriebspartner, oder übrigens auch hochgeladen habe aus meinen eigenen Beständen, wird dieses automatisch in den Tolino geladen, sobald ich in einem Hotspot bin. Es gibt 11.000 Hotspots, die kostenlos verfügbar sind für Tolino-Leser, das produziert natürlich eine ganz einmalige Leseerfahrung.

EBN:
Wie kommen denn E-Books in die Cloud, die man schon vor dem Tolino-Start besessen hat?
TK:
Das einfachste ist das sogenannte Side-Loading. Das heißt dass sie vom Browser ihres PCs zum Beispiel das Buch einfach transferieren, entweder über ein USB-Kabel in den Tolino hinein, oder aber direkt in die Cloud. Das ist alles leicht möglich möglich, solange es sich um Standardformate handelt, nämlich insbesondere epub- und PDF-Formate.

EBN:
Was ist mit DRM-geschützten Inhalten?
TK:
Das geht sehr nutzerfreundlich. Sie verbinden den Tolino via USB-Kabel mit dem PC, der Tolino wird Adobe-DRM geschützte Inhalte identifizieren und fragen, ob Sie diese Inhalte in der Cloud speichern möchten.

EBN:
Die Telekom-Cloud gilt ja „lebenslänglich“. Aber wieviel Platz ist denn vorhanden?
TK:
Für digitale Inhalte, die man von den Vertriebspartnern kauft, ist der Speicherplatz unlimitiert. Wenn Sie aber Ihre persönliche digitale Bibliothek in die TC transferieren, dann limitieren wir das auf 25 Gigabyte. Aber niemand wird die 25 Gigabyte [mit Büchern] jemals erreichen.

EBN:
Die Tolino-Allianz kommt insgesamt auf 1.500 Filialen -- etwa die Hälfte davon sind Telekom-Shops. Welche Rolle spielen die in Sachen E-Reading?
TK:
Wir verkaufen den Tolino Shine auch in unseren Telekom-Shops. Wir bieten dort aber natürlich auch andere Cloud-Dienste an, z.B. TV, oder unser Mediencenter, und auch Smartphones, die alle cloudfähig sind. Deswegen glaube ich, dass die Kunden auch in einen Telekom-Shop gehen, um sich beraten zu lassen, um vernetzten Leben und Arbeiten zu erfahren, und in diesem Fall eben digitale Bücher und unbegrenztes Lesen.

EBN:
Wo sehen Sie das zukünftige Potential der TelekomCloud?
TK:
Hier sind die Anwendungen fast grenzenlos. Stellen Sie sich vor, sie haben Ihre Bilder, Videos, das gesamte Merchandizing um ein Produkt herum, und Sie können das in der Cloud speichern. Das ist jetzt nicht sofort ab Anfang verfügbar, aber das ist natürlich unsere Produkt-Roadmap. Da kann man sich dann vorstellen, dass multimediale Inhalte, insbesondere Videos, auch Spiele, zu einem einheitlichen Angebot ausgebaut werden.

Abb.: Deutsche Telekom (c)

E-Reading-Event am 1. März: Schaffen Telekom, Thalia, Weltbild & Co. das deutsche iTunes?

Soviel Gemeinsamkeit gab’s selten in der E-Book-Branche: die Deutsche Telekom, Thalia, Weltbild und der Bertelsmann-Buchclub laden zu einem E-Reading-Event ein – Schauplatz ist die „Hauptstadtrepräsentanz“ der Deutschen Telekom in der Französischen Straße, mitten im Berliner Zentrum. Worum es genau geht, bleibt bisher jedoch im dunkeln – angekündigt wurde lediglich „ein Gespräch mit hochkarätigen Entscheidern von Buchandels- und Technikseite“, bei dem „aktuelle Neuigkeiten“ präsentiert werden sollen. Die extravagante Kulisse im ehemaligen kaiserlichen Haupttelegrafenamt spricht jedoch gegen solch ein sprachliches Understatement – in das multimedial bespielbare Atrium passen locker 750 Gäste.

Wichtiges Detail: Amazon oder Kobo sind nicht eingeladen

Das lässt viel Raum für Spekulationen. Vielsagend ist schon mal, wer alles nicht eingeladen wurde: Google, Kobo und Amazon müssen leider draußen bleiben. Schließlich hatten Branchenbeobachter schon seit einiger Zeit prophezeit, schwächelnde deutschen Buchhändler wie Thalia könnten sich – ähnlich wie Waterstones in Großbritannien – in eine Kooperation mit den Global Playern retten. Diese Option dürfte nun wohl vom Tisch sein, zugunsten einer engeren Zusammenarbeit der größten nationalen Plattformen. Dass die Telekom als Gastgeber auftritt, gibt einen weiteren Hinweis, wohin die Reise gehen könnte: schließlich betreibt sie unter dem Label „PagePlace“ nicht nur eine Content-Plattform für E-Books und E-Magazine, sondern hat auch kräftig in ein entsprechendes App-Universum für Browser und Mobilgeräte investiert. Außerdem stellt der magentafarbige Kommunikationsriese als Service-Provider den direkten Draht ins Web für Smartphones und Tablets zur Verfügung, die in bundesweit knapp 750 Telekom-Shops angeboten werden.

Für einen „Kindle-Killer“ ist es zu spät

Gerade bei E-Readern und Tablets hatten Thalia & Co. bisher Probleme – mangels eigener Mittel konnte man Kindle-Reader und Fire-Tablet nichts gleichwertiges entgegensetzen, schon gar nicht zu subventionierten Kampfreisen. Mit der Telekom als Partner könnte das natürlich anders aussehen: Europas größtes Telekommunikationsunternehmen macht deutlich mehr Umsatz als Amazon, hat also ganz andere Möglichkeiten als die deutschen Buchhändler. Doch eigentlich ist es für den „Kindle-Killer“ schon zu spät. Zudem wird die Content-Distribution immer wichtiger als die Geräte selbst: die Kooperation zwischen Thalia, Weltbild & Co. mit der Telekom dürfte also wohl eher eine rein virtuelle werden. Schon vor zwei, drei Jahren wurde lauthals ein „deutsches iTunes“ gefordert. Was (nicht nur) der Buchbranche schließlich fehlt, ist eine unabhängige Plattform, die den direkten Zugang zum Kunden (und den Kundendaten) ermöglicht.

Schluss mit Zensur & Wegezoll

Kann die Telekom so etwas im Konzert mit den Buchhändlern bieten, käme das einer Zeitenwende gleich: Schluss mit den Gatekeeper-Allüren, schluss mit Zensur, schluss mit Pricing-Vorschriften, schluss mit dem „Wegezoll“, sprich: unverschämt hohen Provisionen. Schluss natürlich auch mit der Fragmentierung der Inhalte, der Aufspaltung in viele einzelne E-Stores mit unterschiedlichen AGBs und unterschiedlichen Nutzer-Accounts. Da die Telekom mit Mozilla kooperiert, um ein Open-Source-Betriebssystem (Firefox OS) für Mobilgeräte zu entwickeln, zeichnet sich mittelfristig sogar eine „doppelte Null-Lösung“ ab: freies Betriebssystem plus freier E-Store statt Android plus Google Play bzw. iOS plus iTunes.

Content-Plattform toppt Leistungsschutzrecht?

Noch ein spannender Punkt: Eine gemeinsame Alternative von Telekommunikations-Dienstleister plus Content-Industrie zu „Closed Shop“-Modellen à la Google Play, Kindle Store oder iBooks würde das Leistungsschutzrecht schon vor der Einführung komplett unnötig machen: „Ein solches Gesetz wird überhaupt nicht gebraucht, da der Markt die Dinge sehr wohl zugunsten der Verlage würde richten können“, schrieb Matthias Schwenk auf Carta.info schon 2010. Das Wesentliche, was dazu fehle, sei eben ein deutsches iTunes. Fehlt es vielleicht demnächst nicht mehr? Kommt zumindest ein deutsches iBooks? Am 1. März wissen wir hoffentlich mehr…

Abb.: Deutsche Telekom (c)