(Über-)Leben an der Abbruchkante: Fiona Limar, Der Teufel von Heiligendamm [Leseprobe]

Teufel-von-Heiligendamm-Intro„Wenn man wirklich etwas ändern will, sollte man es sofort und mit aller Konsequenz machen“, sagt die junge Hotelfachfrau Lara, und tritt kurz nach einer schweren psychischen Krise ein schwieriges Erbe an: an der Ostseeküste, am Rande des mondänen Badeortes Heiligendamm, wartet ein einsame Villa auf die nächste Bewohnerin. Fix und fertig eingerichtet, direkt an der Steilküste mit fantastischem Ausblick, doch mit einem familiären Makel behaftet — die Vorbesitzer, Laras Onkel wie auch ihr Vater, sind kurz nacheinander gestorben. Und schon in den Goldenen Zwanzigern war das fast hundert Jahre alte „Möwennest“ Schauplatz einer tragisch endenden Affäre zwischen einem reichen Industriellen und dessen heimlicher Geliebten. Die Einheimischen glauben an einen Spuk, sie fühlen sich erst recht bestätigt, als kurz nach Laras Einzug eine grausam entstellte Leiche am Strand gefunden wird. Auch im Haus selbst geschehen beängstigende Dinge, Lara beginnt langsam selbst an einen Fluch zu glauben. Als ein weiterer Mord passiert, wird endgültig klar: die junge Erbin muss sich der Geschichte ihres Hauses stellen, wenn sie das Leben an der Abbruchkante überleben möchte… „Der Teufel von Heiligendamm“ garantiert Spannung bis zur letzten Seite — was nicht zuletzt daran liegt, dass Autorin Fiona Limar als diplomierte Psychologin ein Profi für die Abgründe der menschlichen Seele ist, und auch für die damit verbundene Bildsymbolik. Doch nun hereinspaziert in das „haunted house“ an der Ostsee…

Fiona Limar, Der Teufel von Heiligensee

Der Termin auf dem Einwohnermeldeamt ließ sich erfreulich zügig erledigen, doch als sie wieder in Heiligendamm ankam, war es bereits 14.00 Uhr. Die Fahrt hatte sie hungrig gemacht. An der Strandpromenade gab es einen kleinen Imbissladen, den sie deshalb aufsuchte. Oft standen ganze Menschentrauben vor dem reetgedeckten, roten Klinkerbau, doch im Moment war sie die einzige Kundin. Die Inhaberin, eine pummelige, rothaarige Frau mittleren Alters, deren rundes Gesicht mit Sommersprossen gesprenkelt war, lehnte sich aus dem Verkaufsfenster. „Können Sie sich nicht entscheiden, junge Frau?“, sprach sie Lara an, die ausgiebig die Tafel mit dem Angebot studierte. „Unsere scharfe Currywurst ist Spitze, die kann ich Ihnen empfehlen.“
„Gut, dann nehme ich die.“ Lara hatte zwar Hunger, aber keinen rechten Appetit auf etwas Bestimmtes.
„Ich mache Ihnen eine extragroße Portion zurecht, Sie sehen aus, als könnten Sie es gebrauchen. So schmal wie Sie sind, könnte Sie der Wind glatt weg pusten. Es soll heute noch stürmisch werden, wissen Sie.“ Tatsächlich hatte sich der Himmel verdunkelt. Lara nahm ihre Currywurst-Portion dankend entgegen. Ihr fiel auf, dass die Frau sie weiter höchst aufmerksam musterte. Stimmte etwas nicht mit ihr? War vielleicht ihre Wimperntusche verlaufen? Jetzt lehnte sie sich noch weiter aus dem Fenster und brachte die Frage an, die sie offenbar die ganze Zeit beschäftigt hatte.
„Sagen Sie, sind Sie etwa die junge Frau, die ins Möwennest einziehen will?“
„Wo bitte?“, fragte Lara verwirrt.
„Na, in das Haus an der Steilküste, ein gutes Stück westlich von hier aus.“
„Ja, da will ich einziehen. Ich wusste allerdings nicht, dass es Möwennest heißt.“
„So heißt es offiziell auch schon lange nicht mehr. Der erste Besitzer hatte ihm diesen Namen gegeben, es gab einen entsprechenden Schriftzug am Haus. Der ist nicht mehr da, aber im Gedächtnis der Einwohner hat sich der alte Name gehalten. Meine Oma nannte es nie anders, und ich nenne es nun auch so.“
„Das ist sehr interessant, das wusste ich nicht. Es freut mich natürlich, das über mein Haus zu erfahren.“
„Tatsächlich? Was wissen Sie denn sonst noch so darüber?“ Der Gesichtsausdruck der Frau hatte plötzlich etwas Lauerndes. Lara winkte lässig ab.
„Die alten Geschichten von den beiden früheren Bewohnerinnen, die ums Leben gekommen sind.“
„Und Sie fürchten sich nicht?“
„Weshalb sollte ich? Das ist lange her. Ich habe nicht vor, das dritte Opfer zu werden. Und jetzt muss ich mich beeilen, wenn ich nicht nass werden will. Einen schönen Tag noch.“ Das Gespräch behagte ihr nicht mehr. Sie wies auf die von Westen heranziehenden Wolkenberge und schwang sich auf ihr Fahrrad. Die Frau schaut ihr nach. „Du kannst tatsächlich nicht das dritte Opfer werden“, murmelte sie. „Weil du nämlich das fünfte wärst. Aber ich kann dich nicht warnen, ich habe mir schon einmal den Mund verbrannt, das hat mir gereicht.“


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