Onleihe in der Kritik: Erfolgsmodell oder Datenschutz-Fiasko?

onleihe-appOberflächlich betrachtet kann die Onleihe eine Erfolgsbilanz vorweisen: mehr als 3.000 Bibliotheken nehmen teil, die Stiftung Warentest lobt das Preis-Leistungsverhältnis (es reicht schließlich der Bibliotheksausweis), der Markenname selbst steht mittlerweile sogar im Duden. Doch im Kern sei das Konzept „in puncto Datenschutz, technische Hindernisse & Angemessenheit … ein Fiasko“ urteilte jetzt Netzpolitik.org-Autor Arne Cypionka. Die Crux ist dabei — mal wieder — Digital Rights Management, genauer gesagt: Adobe Digital Editions. Denn ohne Registrierung bei Adobe und Zuteilung einer individuellen „Adobe-ID“ geht bei der Onleihe nix.

Adobe schnorchelt fleißig Nutzerdaten

Wer aber den endlosen AGBs in Länge von knapp zwanzig A4-Seiten zustimmt, muss dabei so manche Kröte schlucken, was die Verwendung der Daten und deren Weitergabe an Dritte betrifft: „Durch Nutzung der Onleihe erfährt Adobe unter anderem folgendes: eindeutige Kennziffern, die mein Benutzerkonto und Gerät identifizieren, meine IP-Adresse und damit meinen ungefähren Standort, welche Bücher ich lese, wie lange ich sie lese und wie viel des jeweiligen Buches ich wirklich gelesen habe.“

Neue DRM-Software als Lösung?

Das seien zu viele Daten, bloß um ein Buch zu lesen, kritisiert Cypionka, erst recht, weil sie technisch für den Ausleih-Prozess gar nicht notwendig seien, eigentlich reiche die Verwendung der Benutzer-ID zur Autorisierung der E-Book-Lektüre völlig aus. Auch der für 2019 geplante Umstieg auf das französische Konkurrenz-Produkt CARE wird wohl keine zufriedenstellende Lösung bringen — denn zum einen ist noch gar nicht klar, welche persönlichen Daten in Zukunft erhoben werden, und auch nicht, welche Lesegeräte überhaupt per Update mit der neuen DRM-Lösung benutzbar sein werden. Viele ältere Modelle, die von den Herstellern nicht mehr unterstützt werden, wird man zur Onleihe dann wohl nicht mehr benutzen könnnen.

Immerhin muss auf dem PC dann keine DRM-Software installiert werden, um überhaupt ein Lesegerät und ausgeliehene E-Books zur Lektüre freischalten zu können — daran sind nämlich bisher viele Mac- und Linux-Nutzer gescheitert, selbst manche Windows-10-Nutzer haben Probleme mit Adobes Programm-Ungetüm.

(via Netzpolitik.org)

Carpenter vs. United States, oder: Ist das Smartphone ein Teil der Privatsphäre?

prism-macht-orwell-zum-bestseller-titelNachdem Sie dich schon monatelang auf Schritt und Tritt überwacht haben, kommen sie im Morgengrauen in dein Haus: sie treten die Tür ein, und durchsuchen deine Wohnung: alle Schubladen werden umgedreht, jedes Blatt Papier kontrolliert, jedes Notizbuch eingescannt, alle Bücher im Regal werden abfotografiert, auf Anstreichungen durchsucht, sie sehen sich deine Fotoalben an und nehmen deine CDs und DVDs mit.

Smartphonedieb als Smartphone-Opfer

Was im analogen Leben nach einem schweren Eingriff in die Privatsphäre klingt, passiert im digitalen Raum ständig: Smartphones und Tablets werden von der Polizei beschlagnahmt und nach ermittlungsrelevanten Daten durchsucht. Was bei Mobilgeräte sogar noch interessanter macht als eine Hausdurchsuchung: die Provider liefern dank Vorratsdatenspeicherung in vielen Ländern ausführliche Verbindungs- und Bewegungsdaten frei Haus dazu.

In den USA dürfte genau solch ein Fall nun Rechtsgeschichte schreiben — im Zentrum steht nicht nur der per Smartphone-Analyse überführte … nun ja, Smartphonedieb Timothy Carpenter, der in einer Reihe von Elektronikfachmärkten säckeweise Mobiltelefone gestohlen hatte, was ihm nun im schlimmsten Fall mehr als 100 Jahre Haftstrafe einbringen könnte. Vor dem Supreme Court geht es beim Casus Carpenter vs. United States auch um die Definition der Privatsphäre im digitalen Zeitalter.

Gibt es eine digitale Privatsphäre?

Ist unser digitales Zuhause mit dem realen Zuhause vergleichbar, das niemand ohne richterliche Erlaubnis gegen unseren Willen betreten darf? Ist es in Ordnung, dass jeder unserer Schritte außerhalb der Wohnung vorsorglich observiert wird? Zwei Rechtsauffassungen stehen gegeneinander — wir überlassen die Daten ja freiwillig den Mobilfunkbetreibern, so die pragmatische Variante, also gibt es keine digitale Privatsphäre (die sogenannte „Third-Party-Doktrin“). Nein, Grundrechte gelten universell, die Privatsphäre lässt sich nicht auf analoge Bereich begrenzen, so die Gegenmeinung.

In den USA z.B. bezieht sich der 4. Zusatzartikel zur Verfassung auf „houses, papers, and effects“, die vor dem willkürlichen Zugriff durch staatliche Instanzen geschützt werden. Doch wie muss man das heutzutage interpretieren? Die NYT schreibt dazu: „The court’s decision, expected by June, will apply the Fourth Amendment, drafted in the 18th century, to a world in which people’s movements are continuously recorded by devices in their cars, pockets and purses, by toll plazas and by transit systems. The court’s reasoning may also apply to email and text messages, internet searches, and bank and credit card records.“

Third-Party-Doktrin & die Folgen

Das gemeine an der „Third-Party-Doktrin“ ist ja gerade: lässt man sie unbeschränkt gelten, bedeutet die Nutzung von elektronischen bzw. digitalen Medien automatisch, dass man einer Überwachung zustimmt. Keine echte Werbung für Smartphone, Tablet, Laptop & Co, und somit kein Wunder, dass nicht nur Bürgerrechts-Aktivisten, sondern auch große Konzerne wie Apple, Amazon oder Google in dieser Woche sehr aufmerksam nach Washington schauen, wenn am Mittwoch die Anhörungen in Sachen Carpenter vs. US beginnen.

Abb.: Flickr/pallih (cc)

Gläserne Buchkäufer auch offline: forciertes CRM als Rettung für den Buchhandel?

crm-im-buchhandelDer stationäre Handel hat noch Potential, er muss es nur nutzen, das scheint auch im Buchhandel klar zu sein. Die große Frage bleibt: wie nutzt man das Potential am besten? Ein Weg ist Multichannel — siehe den E-Book-Verkauf bzw. E-Geschenkgutschein-Verkauf in Thalia-Filialen. Auf einer Konferenz des Börsenvereins brachte Osiander-Chef und Börsenvereins-Vorsteher Heinrich Riethmüller jetzt eine weitere Variante ins Spiel: optimiertes Customer Relationship Management, kurz CRM. Buchreport zufolge setzt Riethmüller daruf, „dass in Zukunft Kunden durch elektronische Erkennungsverfahren bereits beim Betreten des Ladens identifiziert werden können, sodass sie in Verbindung mit CRM-Daten (Kaufhistorie, Vorlieben) besser bedient werden können“.

Klingt gut aus Sicht des Marketings, klingt aber einigermaßen creepy aus Kunden- bzw. Netzbürgerperspektive. Online mag der Verlust der Anonymität beim Einkaufen längst der Normalfall sein, zum einen via Browser-Cookies, zum anderen durch die Notwendigkeit, den Einkauf nur unter Nutzung eines Kundenaccounts tätigen zu können. Doch nur weil die Kunden es in diesem Fall akzeptieren, muss das natürlich noch lange nicht für die Offline-Situation gelten.

Zentrales Hilfsmittel dürfte bei der „Identifizierung“ an der Schwelle zum Store ja das Smartphone des Kunden sein, und man kann sich diverse Incentives vorstellen, damit der Käufer seine Shopping-Identität outet, von freiem W-LAN über kostenlose E-Book-Leseproben bis hin zu speziellen Awards bei regelmäßiger Präsenz.

Der große Vorteil der klassischen Offline-Situation – nämlich die technische Anonymität, von der Bekanntschaft als Stammkunde im einzelnen Fall mal abgesehen – geht dadurch jedoch verloren. Am Ende machen schließlich genau solche medialen Differenzerfahrungen zwischen Online- und Offline-Welt den eigentlichen Wert der stationären Einkaufssituation aus. Und das wiederum hat auch Einfluss auf die Kundenbeziehung…

Abb.: Sean McEntee (cc-by-2.0)

DRM-freie Flatrate & Bitcoin-Zahlung: Liebe Buchhändler, kopiert endlich die Piraten!

Der Umbruch in der Warez-Szene geht weiter: nach dem Shutdown von boox.to Ende 2013 hat die bis dahin wichtigste deutsche E-Book-Piratenplattform offenbar unter der Adresse boox.bz ein neues Zuhause gefunden. Noch interessanter scheint momentan jedoch ein anderes Projekt zu sein, das bereits Mitte Dezember online ging: lul.to – was soviel wie „Lesen & Lauschen“ bedeutet. Während viele E-Books wohl aus dem vor einigen Monaten geleakten „Torboox“-Archiv stammen, erklärt das nicht die erstaunliche Größe des Datenbestands, den die lul.to-Macher mit 3 Terabyte angeben. Die einfache Erklärung: zweites Standbein sind tatsächlich Audiobooks, die natürlich deutlich mehr Kilobytes auf die Waage bringen als E-Books. Dazu kommen dann noch zahlreiche E-Comics & E-Papers.

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Optik & Marketing an Branchenstandards orientiert

Das Frontend von lul.to ist weitaus bunter und aufwändiger, als man es von Torboox kennt – die Coverbasierten Rankinglisten orientieren sich stark an den kommerziellen Buchportalen („Neueste Einträge“, „Downloadrangliste“, „Unsere Empfehlungen“). Einen Sinn für Online-Marketing verrät auch der angegliederte „Corporate“-Blog, mit dem die Download-Community bei Laune gehalten wird, inklusive Gewinnspiele & Preisrätsel. Kern des lul.to-Konzeptes ist eine Art Flatrate mit Volumenbegrenzung, für einen Euro lassen sich ca. hundert Titel herunterladen. Das Angebot enthält neben 1-Cent-E-Books bzw. Audiobooks auch kostenlose Titel. Bei der Gewinnung von Neukunden orientieren sich die lul.to-Macher gleichfalls an Branchenstandards: Wer neue User wirbt, bekommt 10 Prozent der jeweiligen Ersteinzahlung gutgeschrieben.

Kopierwürdig: Kopplung von Flatrate & Bitcoins

Besonders bemerkenswert finde ich aber: Nicht nur mit der flexiblen Flatrate sind die Buchpiraten von lul.to dem legalen Zweig der Buchbranche weit voraus, mit der Kopplung an fortschrittliche Zahlungsoptionen setzen sie ebenfalls neue Maßstäbe: neben „Paysafecards“ werden nämlich ganz selbstverständlich auch Bitcoins akzeptiert. Für die deutsche Buchbranche ist die Bezahlung mit der hippen Kryptowährung ein absolutes Novum – und macht mehrfach Sinn. So entfallen nicht nur Transaktionsgebühren, die Bezahlung verläuft zudem praktisch anonym, fast wie mit Bargeld, und Mißbrauch (etwa wie im Fall von Kreditkarten-Daten) ist ausgeschlossen. So bieten ausgerechnet die Buchpiraten aus Kundensicht das datenschutztechnische Optimum: DRM-freie E-Books plus anonymen Einkauf. Da kann man nur sagen: Liebe Buchhändler, kopiert endlich die Buchpiraten! In der Post-Snowden-Ära dürfen potentielle NSA-Kollaborateure wie Adobe oder PayPal im Buchhandel nichts mehr zu suchen haben.

PRISM-Debatte macht George Orwells 1984 über Nacht zum Amazon-Bestseller

„Ich bin nicht der große Bruder“, behauptet Barack Obama angesichts des Abhörskandals rund um PRISM. „Man kann sich zwar ganz abstrakt darüber beschweren, dass dieses Programm möglicherweise Amok läuft. Wenn man jedoch auf die Details schaut, dann denke ich, wir halten die richtige Balance.“ Ausgerechnet die Details hat man der Öffentlichkeit jedoch jahrelang vorenthalten – getreu dem Motto des Wahrheitsministeriums aus George Orwells dystopischem Roman „1984“: „Ignorance is strength“. Zumindest die Kunden von Amazon ziehen da offenbar die richtigen Schlüsse, und bestellen seit letzter Woche in großer Zahl das historische Original. Orwells „1984“ kletterte innerhalb weniger Tage in die Top 100.

Aktuell steht auf der Bestseller-Liste von Amazon.com die Paperback-Version auf Platz 65, die Kindle-Version auf Platz auf Platz 69. Beachtlich, wenn man bedenkt, dass es sich hier um den unveränderten Text einer Ausgabe handelt, die erstmals 1983 erschienen ist. Und „1984“ ist immer noch auf dem Weg nach oben, wie ein Blick auf Amazons Spezialseite „Movers & Shakers“ zeigt – das Ranking der größten Aufsteiger innerhalb der letzten 24 Stunden gibt die Tendenz der Printversion von „1984“ mit plus 108 Prozent an, die der Kindle-Version immerhin mit plus 46 Prozent.

Wie der Romanheld Winston fühlen sich viele US-Bürger offenbar rund um die Uhr überwacht – es gab allerdings auch Einwände von kritischen Zeitgenossen, „1984“ sei gar nicht die richtige Analogie, sondern Franz Kafkas „Prozess“. Denn es gehe gar nicht mehr so sehr um bloße Ausspionierung der Privatsphäre, sondern um ein absurd verzerrtes Machtverhältnis zwischen Bürger und Staat. Den Lesern jedoch scheint der große Bruder doch die deutlichere Metapher zu sein: denn zumindest im Kindle-Store hat Kafka von PRISM bisher überhaupt nicht profitiert.

Abb.: Flickr/pallih (cc)

Großer Bruder liest mit: „Wer E-Reader nutzt, muss auf Privatsphäre verzichten“

E-Reader haben in Sachen Privatsphäre einen entscheidenden Vorteil – mangels Covereinband kann der Sitznachbar in der U-Bahn nicht sehen, was man gerade liest. Vielleicht ja „50 Shades of Grey“? Es gibt aber auch einen Haken: Amazon, Google & Co. wissen auf jeden Fall bescheid, selbst wenn man nur in den eigenen vier Wänden schmökert. Denn in Zeiten von WiFi-Lesegeräten, Cloud-Bibliotheken und drahtlosem Shopping via E-Store fallen eine Menge Daten an: „In fast allen Fällen muss man bei der Lektüre von E-Books auf weit mehr Privatsphäre verzichten, als wenn man in einer Buchhandlung oder Bibliothek die Regale durchforstet oder zu Hause ein Buch aus Papier aufschlägt“, stellt die Electronic Frontier Foundation (EFF) fest. Für ihren aktuellen „E-Book Buyer’s Guide to Privacy“ sichteten die digitalen Bürgerrechtler die AGB’s und Datenschutz-Richtlinien großer E-Book-Anbieter wie Amazon, Google, Kobo oder Barnes&Noble.

„E-Book-Buyer’s Guide to Privacy“

Dabei ging es um Kriterien wie der Nachverfolgung von Suchanfragen und der Speicherung von Transaktionsdaten bis hin zur detaillierten Auswertung des Leseverhaltens und der Datenweitergabe an Dritte. Wie schon bei früheren Versionen des „E-Book Buyer’s Guide“ kam dabei heraus: so wirklich trauen kann man eigentlich keinem der großen Anbieter (siehe Infografik). Denn sensible Daten wie etwa der Lesefortschritt, Anmerkungen und Markierungen werden generell auf den Servern der Unternehmen gespeichert und auch weitergeben, zumindest an Nachrichtendienste, Strafverfolgungsbehörden wie auch an private Prozessparteien. Der Zugang zu den gespeicherten Daten für den Kunden selbst dagegen ist stark eingeschränkt – lediglich Kobo erlaubt jederzeit das Anzeigen und Ändern der aufgelaufenen Nutzerinformationen.

Data-Mining als Goldgrube für Buchhandel & Verlage

Während kritische Konsumenten sich die Haare raufen, bedeutet die Datenflut für den Online-Buchhandel eine wahre Goldgrube. So weiß man bei Kobo etwa, dass die Leser im Durchschnitt den dritten Band der Hunger-Games-Trilogie in nur 7 Stunden verschlungen haben. Barnes&Noble wiederum hat über die Nook-Nutzer herausbekommen, was sie unmittelbar nach der Lektüre des ersten Bandes der Trilogie machen: sie laden den zweiten Band herunter. In den USA werden solche Informationen bereits mit den Verlagen geteilt – schließlich können die Buchmacher das Feedback gut für die Ausgestaltung des eigenen Angebotsspektrums nutzen. Zu den besonders innovativen Akteuren auf diesem Gebiet gehört Hiptype. Das US-Startup bietet ein Plugin an, mit dem Verleger dem Durchschnitts-Leser quasi über die Schulter schauen können, immer auf der Suche nach der perfekten E-Book-DNA.

Was passiert eigentlich in Deutschland?

In welchem Maß auch das Lektüreverhalten deutscher Leser überwacht wird, und wo die Daten im Zweifelsfall überall landen, ist dagegen kaum bekannt. „Wir wissen nur, dass es gemacht wird. Und wir wissen auch, was für ein Potential darin steckt“, so der prominente Datenschutzexperte Thilo Weichert gegenüber der Deutschen Welle. „Sicher ist, dass die US-amerikanischen Dienste so etwas machen, weil dort datenschutzrechtliche Regeln dem nicht entgegen stehen.“ Wer also zwischen Aachen und Zittau auf dem vernetzten E-Reader die falschen Bücher liest (etwa zum Thema Psychologische Kriegsführung, Uranverhüttung oder Silent Killing), könnte also am Ende mit einem Einreiseverbot in die USA konfrontiert werden. Schon alleine durch den Austausch sicherheitsrelevanter Informationen zwischen „befreundeten“ Staaten landen bestimmte Daten am Ende wohl auch bei deutschen Behörden. Die Zahl der potentiell Betroffenen ist groß: immerhin liest rein statistisch schon jeder vierte Bundesbürger elektronisch.

Privatsphäre nur noch ohne Komfort der Cloud

Die gemütlichen Tage der Gutenberg-Galaxis sind wohl unwiderruflich Vergangenheit: „Jahrhundertelang war das Lesen ein privater und einsamer Akt, ein intimer Gedankenaustausch zwischen dem Leser und den Worten auf der Seite“, schrieb vor kurzem das Wall Street Journal. „Doch der Aufstieg elektronischer Bücher hat zu einem tiefgreifenden Wandel unseres Leseverhaltens geführt – und die Lektüre sowohl messbar wie auch quasi-öffentlich gemacht.“ Wer dem literarischen Verhaltens-Tracking so weit wie möglich entgehen will, muss auf den Komfort der Cloud verzichten – ein Mindestmaß an Privatsphäre gibt’s nur noch auf unvernetzten E-Readern, die via USB mit Lesestoff versorgt werden. Bequemes In-App-Shopping via Smartphone oder Tablet fällt ebenso weg. Als Alternative empfehlen sich dagegen unabhängige E-Reading-Apps wie Bluefire oder Aldiko.

Abb.: Mike Licht/Flickr

Der Leser als offenes Buch: E-Reading nur noch ohne Privatsphäre?

Ein Fluss kann nicht schwimmen, ein Pferd kann nicht reiten, und ein Buch kann nicht lesen. So war es jedenfalls bisher. Doch im Zeitalter des WiFi-Readers ist zumindest die letzte Aussage nicht mehr gültig. Denn das Data-Mining hat längst auch im E-Book-Sektor Einzug gehalten – exakte Kenntnisse über das Konsumentenverhalten sind nämlich für die Buchbranche bares Geld wert. Das Wall Street Journal berichtete jetzt darüber, wie Kindle & Co. den Leser für Big Business zum offenen Buch werden lassen:

„Die großen Player im E-Book-Bereich – Amazon, Apple und Google – können sehr einfach tracken, wieviel Seiten die Leser schaffen, wie lange sie ein Buch lesen und mit welchen Suchbegriffen sie nach Lektüre recherchieren. E-Book-Apps für Tablets à la iPad, Kindle Fire und Nook zeichnen auf, wie oft die App geöffnet wird und wie es sich mit der Lesedauer verhält. Sowohl Buchhändler wie auch einige Publisher haben begonnen, diese Daten zu sichten, und bekommen damit Erkenntnisse über das Leseverhalten, wie sie zuvor nicht möglich waren.“

Barnes&Noble etwa nutzt die Daten zur Lesedauer, um in Zusammenarbeit mit Verlagen Buchprojekte so zu planen, dass die „Abbruchquote“ verringert wird. Bestätigt hat sich bei der Analyse des anonymisierten Leseverhaltens das Gesetz der Serie: wer auf dem Nook etwa „Fifty Shades of Grey“ oder den ersten Teil von „Hunger Games“ verschlungen hat, wird im allgemeinen auch die übrigen Titel der Reihe zu sich nehmen. Wie gelesen wird, hängt im übrigen auch vom Genre ab. In Sachbüchern neigen Barnes&Noble-Kunden zum überblättern einzelner Kapitel, und das Durchhaltevermögen ist ingesamt geringer als bei Romanen, die von vorne bis hinten gelesen werden. Belletristik-Fans pflegen allerding zugleich literarisches Multitasking – sie wechseln zwischen verschiedenen Titeln hin und her.

Wie das Data-Mining bei der Nummer 1 der E-Book-Branche aussieht, wissen viele Leser aus eigener Erfahrung: Amazon bewirbt fleißig ein Feature namens „Popular Highlights“, das im Text alle Passagen mit hervorhebt, die bereits von besonders vielen Kunden markiert wurden. In einer Hitliste namens „Most Highlighted Passages of All Time“ kann man zudem die beliebtesten Zitate innerhalb der Amazon-Community finden. Nicht zufällig steht an erster Stelle zur Zeit ein Quote aus der „Hunger Games“-Trilogie. Auf den Amazon-Servern landen drahtlos aber auch viele weitere Daten der Leser, wie etwa Lesezeichen, Anmerkungen oder die zuletzt aufgeschlagene Seite.

Digital-Rights-Aktivisten sehen im Datenhunger der Buchbranche ein großes Problem – schließlich ist der heimische Bücherschrank ein traditioneller Bestandteil der Privatsphäre: „Es gibt ein gesellschaftliches Grundverständnis – was wir lesen, geht niemanden etwas an“, zitiert das WSJ Cindy Cohn von der Electronic Frontier Foundation (EFF). „Momentan gibt es keine Möglichkeit, Amazon zu sagen, ich möchte eure Bücher kaufen, aber ich möchte nicht dass ihr mitverfolgt, was ich lese“. Tatsächlich müsste man zum „abhörsicheren“ Lesen zunächst den Kopierschutz eines Kindle-Books knacken und die Datei dann auf einen unvernetzten Reader übertragen. Oder ähnlich wie beim iPhone einen „Jail Break“ durchführen, um die Schnüffel-Software auf dem Kindle selbst auszuschalten.

Doch lohnt sich der Aufwand? Schaut man in den „Privatsphären-Ratgeber für E-Book-Käufer“, den die EFF herausgegeben hat, kann einem tatsächlich Angst und Bange werden. Denn Amazon, Apple & Co. geben Nutzerdaten bereits auf dem kleinen Dienstweg an die Exekutive weiter, ob es sich nun um die Staatsanwaltschaft oder Polizei und Geheimdienste handelt. Um das zu verhindern, haben US-Bürgerrechtler etwa in Kalifornien erfolgreich Druck auf die Politik gemacht, um einen „Reader privacy act“ zu erreichen – die Datenweitergabe ist im Sunshine-State jetzt nur noch mit richterlicher Genehmigung zulässig.

Abb.: Aburinho/Flickr

Print & E-Book als Bundle – dank Google Editions bald auch in Deutschland

Google Edition Bundling E-Book Print_Bild_flickr_tigerpixel.gifGoogle Edition kommt nach Deutschland: der Suchmaschinen-Riese wird im E-Book-Bereich auch hierzulande bald zum Content-Lieferanten. Verhandlungen mit deutschen Verlagen laufen bereits, bestätigte Google-Buchsuche-Managerin Annabella Weisl gegenüber dem Börsenblatt. Den Lesern bringt die neue Allianz neben der Online-Lektüre zukünftig auch das Bundling von Print-Version und E-Book.

Partner, nicht Gegner: In Europa sind schon 9000 Verlage bei Google Books im Boot


Google ist für viele Verlage nicht nur Gegner, sondern auch Partner: während die einen das Einscannen ihrer Bücher auf dem Rechtsweg verhindern – wie zuletzt der französische Verlag La Matinière – ist für die Mehrheit offenbar Google Buchsuche in Verbindung mit der geplanten Google Edition ein interessanter neuer Distributionsweg. „In Europa haben wir 9.000 teilnehmende Verlage mit 600.000 Titeln“, so Google-Buchsuche-Managerin Weisl im Börsenblatt-Interview. Google wird damit zum E-Book-Store – für die Nutzer der Google Buchsuche wäre das natürlich sehr bequem: sie könnte dann einen Titel gegen Bezahlung frei schalten lassen. Auch für die Verlage ist die Beteiligung einfach. Wenn ihre Bücher bereits bei Google lesbar sind, müssen sie lediglich noch einen Zusatz zum laufenden „Partner-Programm“ unterzeichnen. Die deutsche Version dieses „Ergänzungsvertrages“ soll in Kürze vorliegen.

Die Lektüre der Zukunft: E-Books online auf dem Surf-Tablet?


Google Buchsuche Edition E-Book Bundling Bild_flickr_Jim Barter.gifElektronische Lektüre würde damit in Zukunft vor allem via Browser stattfinden – „Der Nutzer kann mit jedem onlinefähigen Endgerät auf das E-Book zugreifen, egal, ob im Büro am Rechner oder unterwegs auf dem Reader oder Handy“, so Weisl. Google werde dafür mit Autoren, Verlagen wie auch Online-Buchhandlungen zusammenarbeiten. Die Online-Lektüre dürfte gerade auch für die Besitzer von Smartphones und den kommenden Surf-Tablets von Vorteil sein – sie könnten neben Farb-Displays und Touch-Screens vor allem den drahtlosen Zugang ins Netz bieten. Die deutschen Kunden dürfen allerdings mehr erwarten als nur die Lizenz zum Lesen eines virtuellen Buches. Denn neben der Offline-Lektüre via Browser-Cache soll es auch eine Sicherheitskopie im PDF-Format geben, die man auf einem lokalen Rechner speichern kann. Sicherheit könnte diese Lösung auch in punkto Privacy bieten: bei der Lektüre des PDFs würden keine Daten über Nutzungsdauer oder die gelesenen Seiten an Google weitergeleitet. Das ist wohl auch gut so: denn erst kürzlich gaben US-Datenschützer beim Test verschiedener Varianten elektronischer Lektüre Google Books besonders schlechte Noten.

Preis-Dumping wird es in Deutschland nicht geben


Für Google ist die neue Vertriebsschiene ein gutes Geschäft: bei E-Books, die direkt via Buchsuche verkauft werden, kann das Unternehmen 37 Prozent Provision einstreichen. Etwas schlechter ist der Schnitt, wenn die Google Edition eines E-Books von einem anderen Online-Händler angeboten wird – dann gehen 45 Prozent an den Verlag, während sich Google und der Buchhändler den Rest teilen. Für die Leser dürfte sich in Sachen E-Book-Pricing allerdings wenig ändern – denn anders als in Ländern ohne Buchpreisbindung wird Google den Verlagen keine Maximalwerte diktieren können: „Wir werden uns an die deutsche Gesetzgebung halten“, beteuerte Weisl gegenüber dem Börsenblatt. Eine Möglichkeit zur Neugestaltung der Verkaufspreise dürfte es aber trotz Buchpreisbindung geben – denn die Verlage haben die Chance, via Google auch „Bundling“ von E-Books & Print zu praktizieren. Die Kombination Hardcover bzw. Paperback plus E-Book könnte also zu einem vergleichsweise niedrigeren Gesamtpreis angeboten werden. So kämen die deutschen Kunden am Ende doch noch in den Genuss von günstigen E-Books – das Hardcover kann man ja zur Not bei Booklooker wieder loswerden.

Lesen 2.0 oder Stasi 2.0? Datenschützer testen aktuelle E-Reader

Datenschutz E-Reader Test WiFi Amazon Google E-Book Privatsphaere.pngFrüher war Lesen Privatsache – in Zeiten des E-Readers gilt das längst nicht mehr. Schon beim Einkaufen im E-Store werden Daten gespeichert. WiFi-fähige Geräte halten Amazon & Co. über unser Leseverhalten auf dem Laufenden. Welche Gadgets sind in punkto Datenschutz überhaupt zu empfehlen? Die amerikanische Nonprofit-Organisation EFF hat gängige Reader getestet, aber auch Google Books und die FB-Reader-Software.

Alle reden vom Kopierschutz – doch wer schützt eigentlich die Privatsphäre der Leser?

Wenn es um’s Thema elektronisches Lesen geht, ist oft vom Digital Rights Management die Rede, also vom Schutz der Urheberrechte von Autoren und Verlagen. Doch wer schützt eigentlich die Leserrechte, speziell das Recht auf die Unverletzlichkeit der Privatsphäre? Gerade wenn online gelesen wird, sieht es damit nicht sehr gut aus. Wie heißt es so schön: „Google knows what you did last summer“ – Google weiß wahrscheinlich auch, was wir letzten Sommer gelesen haben. Vor allem, wenn man Google Booksearch benutzt hat. Anderswo ist es aber auch nicht unbedingt besser. Öffnet man die Amazon-Seite im Browser, brüstet sich die Seite Cookie sei Dank gleich mit dem Wissen darüber, welche Paperbacks oder CDs man zuletzt gekauft hat, und macht ein paar wohlfeile Vorschläge für das nächste Shopping. Wann man ein Buch aus Papier liest, wie oft oder wie lange, das weiß zwar weder Google noch Amazon – doch bei E-Books kann das ganz anders aussehen. Welche Daten senden etwa WiFi-fähige Geräte wie der Kindle zurück an die Firma? Welchen E-Reader kann man aus Sicht des Datenschutzes empfehlen? Die amerikanische Non-Profit-Organisation Electronic Frontier Foundation (EFF) hat einen „E-Book Buyers Guide to Privacy“ ins Netz gestellt, der einen guten Überblick zum Thema E-Books und Privatsphäre enthält.

Am wenigsten Datenschutz gibt es bei Google Books – denn alles passiert online

Verglichen wurden vier verschiedene Methoden: E-Books lesen via Google Books, die Lektüre mit einem WiFi-Reader (Amazon Kindle, Barnes&Noble Nook), E-Reader ohne WiFi (Sony) sowie die freie Software FB-Reader. Dabei gab es verschiedene Beurteilungskriterien:
„Kann man überwachen, was gelesen wird?“, „Werden Katalog-Suchvorgänge aufgezeichnet?“, „Werden Buch-Käufe aufgezeichnet?“, sowie, nicht ganz unwichtig: „Mit welchen Institutionen findet ein Datenaustausch statt?“. Schließlich geht es noch um die Frage, ob der Nutzer die über ihn erhobenen Daten einsehen, verändern oder löschen lassen kann. Am schlechtesten von allen Möglichkeiten ist aus datenschützerischer Perspektive Google Books.

Googles neues Book Search-Projekt zeichnet Lesegewohnheiten in bisher nicht dagewesener Präzision auf. Googles eigenen Angaben zufolge wird auf dem Webserver automatisch ein Logfile für jedes Buch, für jede gelesene Seite und für jede Buchsuche angelegt, dazu die Lesedauer, und auch, wohin man weitergeblättert hat.

Außerdem vergisst Google natürlich auch nicht, welche Bücher man überhaupt via Google Books gekauft hat.

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Thomas de Maizière weiß, was Du letzten Sommer auf dem Kindle gelesen hast.

Ähnlich problematisch ist die Situation beim Amazon Kindle. Das hat sehr viel mit dem harten DRM-Schutz zu tun. Um sicherzustellen, dass man zum Lesen auch wirklich autorisiert ist, muss Amazon ständig darüber bescheid wissen, für welche Bücher man eine Lizenz zum Lesen besitzt (die E-Books selbst besitzt man nämlich nicht.) Doch das ist nicht alles: in den Lizenzbedingungen verrät Amazon nämlich:

Die Gerätesoftware liefert Amazon Daten über ihr Lesegerät und dessen Interaktion mit einzelnen Services (z.B. Wireless-Verbindung, Einkauf im Kindle Store, ect.) … und Informationen zum Content auf dem Gerät und wie Sie Ihn nutzen.

Diese Formulierung legt dem EFF zufolge sogar nahe, dass Amazon sich auch für E-Books und sonstige Daten auf dem Kindle interessiert, die gar nicht bei Amazon gekauft wurden. Man kann deswegen nicht ausschließen, dass solche Informationen bei Dritten landen – theoretisch auch bei der Homeland Security und dem FBI und so weiter. Am Ende gilt wohl auch: Thomas de Maizière weiß, was Du letzten Sommer gelesen hast.

Geräte ohne WiFi-Funktion ermöglichen mehr Privatsphäre

Grundsätzlich öffnen natürlich alle drahtlosen Geräte den Herstellern Tür und Tor, um das Verhalten des Verbrauchers auszuspionieren. Auch bei der Nutzung des deutschen txtr-Reader fallen eine Menge Daten an, vor allem, wenn man private Dokumente auf die txtr-Plattform hochlädt. Im einzelnen lohnt sich also auch in diesem Fall vor dem Kauf ein Blick in die AGBs und die separate Datenschutzerklärung. Etwas besser hat man es auf jeden Fall, wenn anders als bei Amazon auch der Einkauf in anderen E-Book-Stores möglich ist, wie es etwa bei den Sony-Readern der Fall ist. Abgesehen vom ganz neuen Sony Reader Daily Editon können die Sony-Geräte ohnehin noch keine drahtlose Verbindung ins Netz herstellen. Kauft man seine E-Books nicht bei Sony, sondern bei Drittanbietern, bleibt die Zusammensetzung der eigenen Bibliothek vergleichsweise anonym. Abgesehen davon, dass natürlich Adobe weiß, welche DRM-geschützten Titel man via Adobe Digital Edition registriert hat. Will man möglichst unkontrolliert lesen, raten die EFF-Experten dazu, überhaupt nur E-Books ohne DRM-Schutz zu nutzen – dank OpenSource-Software wie etwa FBReader ist das ja nicht nur auf echten E-Readern, sondern auch auf vielen anderen mobilen Geräten möglich.