e-rstausgabe #1: Berliner Phonoclub ab jetzt auch E-Book-Release-Location

e-rstausgabe-phonoclub-berlinMan nennt sie auch E-Reginals: Bücher, die das Licht der Welt zuerst als E-Book erblicken. Im Web sind sie schnell gelauncht, in der Offline-Welt haben die Digitalen Ersties bisher allerdings im Vergleich zu Print gewisse Anlaufschwierigkeiten. Doch das muss ja nicht sein: mit „e-rstausgabe“ startet jetzt ein neues Publishing- und Veranstaltungsformat von Orbanism (siehe das gleichnamige Festival) – speziell für elektronische Erstausgaben.

Die erste Ausgabe von „e-rstausgabe“ findet heute abend ab 20 Uhr im Prenzlberger Phonoclub statt (Adresse & Programm siehe unten), weitere sollen dann 2016 im dreimonatigen Rhythmus folgen. Neben Initiatorin Christiane Frohmann (Orbanism & Frohmann Verlag) wirken bisher mit: Zoë Beck (CulturBooks), Nikola Richter (mikrotext), Frank Maleu (minimore) und Andreas Schwarz/Thomas Götz von Aust (PhonoClub).

Auf einer Facebookseite sollen zudem am laufenden Band interessante e-Book-Erstausgaben vorgestellt werden, vor allem aus unabhängigen kleinen Verlagen, aber auch spannende Titel aus den digitalen Reihen klassischer Verlage sind willkommen (Vorschläge kann man mailen an cf(at)orbanism(dot)com).

e-rstausgabe #1

  • Wo: PhonoClub, Pappelallee 65, 10437 Berlin
  • Wann: Mittwoch, 16. Dezember, 20 Uhr (ab 23 Uhr Disco)
  • Eintritt: 5 EUR

Abgesandte der Verlage CulturBooks, Frohmann, Mikrotext und der E-Book-Boutique Minimore lesen gemeinsam mit Autorinnen und Autoren aus aktuellen und kommenden E-Book-Erstausgaben.

Programm

Für CulturBooks:

Kevin Junk liest aus „Berliner Befindlichkeiten“.
Sophie Sumburane stellt das eBook „Die Bauchtänzerin“ von Safeta Obhodjas vor.

Für den Frohmann Verlag:

Steffi Roßdeutscher aka @diewucht ist Mitwirkende „Tausend Tode schreiben“ und liest ihren in der kommenden Version zu findenden Text. Über das E-Book sagte Monika Hebbinghaus im Deutschlandfunk: „ein beeindruckendes Kaleidoskop an Erfahrungen und Gedanken zum Tod, das den Leser berührt und herausfordert.“

Michaela Maria Müller liest aus ihrem bewegenden Essay „Vor Lampedusa“ und dem daraus erwachsenen 2016 bei Frohmann erscheinenden Roman. Sie erklärt, warum sie sich trotz der schwierigen Vermarktung semifiktionaler Literatur für die hybride Form entschieden hat.

Sylvia Lundschien liest ihrem in der Generator-Reihe erscheinenden E-Book „Killing Me Softly. ASMR-Videos auf YouTube“ und sorgt mit besonders betörenden Beispielvideos für wohlige Gänsehaut.

Christiane Frohmann liest aus „Frau Frohmann und andere Geschichten“, einem E-Book, von dem noch niemand etwas weiß…

Für mikrotext:

Assaf Alassaf, Ruth Herzberg und eine noch nicht bekannte/r Blogger/in.

Ein episodischer Facebook-Roman, in dem ein syrischer Flüchtling eine imaginäre Freundschaft mit einem deutschen Botschafter anfängt: Das ist „Abu Jürgen“ (Oktober 2015) von Assaf Alassaf, ein E-Book-only, das seit Erscheinen die Kritiker begeistert.

Ruth Herzberg zeichnet und schreibt Alltagsskizzen, voller Witz und Verve und großer Gefühle. Sie liest aus ihren gesammelten Blogtexten zu Paarproblemen aus „Wie man mit einem Mann glücklich wird“ (September 2015).

Sechs Herausgeber und über 50 Online-Berichte, Reportagen, Kommentare und Interviews, u. a. von Sarah Connor, Stefanie Sargnagel, Jaafar Abdul Karim: „Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge“ (November 2015), alle Erlöse kommen der Flüchtlingshilfe zu Gute. Das erste E-Book zur neuen Willkommenskultur in Europa.

Weniger ist mehr: E-Book-Boutique Minimore setzt auf handverlesene Titelauswahl

„Thrilling, handpicked, no drm“ – unter diesem Motto ging Mitte März ein E-Store der besonderen Art an den Start: Minimore versteht sich als Online-Boutique für schöne elektronische Literatur, etwa von kleinen, geilen Berliner Verlagen wie Mikrotext, Frohmann oder SuKuLTuR. Unter letzterer Adresse firmieren nicht zufällig auch die Minimore-Macher Marc Degens, Torsten Franz und Frank Maleu. „Seit vier Jahren veröffentlichen wir im SuKultuR Verlag schon E-Books“, so Maleu. Mittlerweile würden überhaupt immer mehr innovative E-Book-Verlage entstehen, doch für alle bestehe das Problem der Sichtbarkeit: „Auf den großen Verkaufsplattformen gehen diese E-Books in der Masse oft unter“.

Jenseits von Bestsellern & Buchsupermärkten

Ähnlich wie Indie-Bookstores à la Ocelot bewegt sich Minimore deswegen bewusst jenseits der Bestseller-Hysterie, und setzt statt dessen auf gut gemachtes Design und individuelle, handverlesene Titelauswahl. Schon alleine der Blick auf einige Cover der bisher knapp hundert Titel hebt sich angenehm vom Einerlei der großen E-Book-Supermärkte ab: da ist z.B. „Strobo“ von Techno-Blogger Airen (Sukultur), der Erzählband „Wir schießen Gummibänder zu den Sternen“ von Stefan Beuse (CulturBooks) oder „Bescheiden aber auch ein bisschen göttlich“, eine Sammlung goldener Tweets von @Anousch (Frohmann Verlag). Überhaupt sind mehr als ein Dutzend Titel bei Minimore Twitteratur-Sampler, siehe die Programm-Kategorie „Tweets“

SuKultur setzt auf clevere Distributions-Alternativen

Auch wenn es im Minimore-Programm durchaus längere Texte gibt (beim Durchscrollen entdeckte ich etwa die E-Book-Neuauflage von Albert Vigoleis Thelens wunderbarem Roman „Der Magische Rand“), so sind literarische Kurzstrecken doch das eigentliche Spezialgebiet von Degens, Franz und Maleu, ebenso das Aufspüren neuer Wege zur cleveren Distribution: die schmalen gelben Leseheftchen von SuKultur begegnen dem Bahnhofsbesucher auch mitten in Berlin, Köln oder Leipzig als kulturelle Konterbande in Süßwarenautomaten. Für ein Euro pro Stück wurden auf diese Weise seit 2003 schon mehr als 80.000 Bände der Reihe „Schöner Lesen“ verkauft – ganz ohne Amazon, aber auch ganz ohne Weltbild oder Thalia. Das klassische DIN A 6 – Reclam-Format entspricht ja ungefähr der Displaygröße von Smartphones, auch deshalb wohl kein Wunder, dass der Vertrieb der su(b)kulturellen Variante elektronisch genauso gut klappt…

Abb.: Screenshot