Crowdpublishing mit Rendite: Pentian macht Projekt-Unterstützer zu Investoren

Crowdpublishing war finanziell gesehen bisher eine Einbahnstraße: Autoren oder Verlage sammelte Vorbestellungen, als Gegenwert erhalten die Unterstützer am Ende das fertige Produkt, ob nun Print-Buch oder E-Book, manchmal auch noch spezielle Goodies wie signierte Exemplare, Poster, T-Shirts oder eine Einladung zur Release-Party. Bei der spanischen Crowdpublishing-Plattform Pentian ist das anders: neben Crowdfunding-Elementen kommt hier auch Crowdinvestment dazu – die Hälfte der Erlöse fließt an die Crowd zurück. Den Rest teilen sich Autor und Plattform im Verhältnis 40 zu 10 Prozent.

Das Modell ist offenbar auch deswegen so erfolgreich, weil die Unterstützer in ihrer Eigenschaft als Investoren ein besonders großes Interesse daran haben, das Produkt im eigenen Freundes- und Followerkreis zu promoten. Außerdem gilt bei Pentian ein verschärftes Alles-oder-nichts-Prinzip: sobald die benötigte Summe erreicht ist, endet die maximal zweimonatige Kampagne sofort – was ab Quoten von 80 Prozent und mehr regelmäßig zu rasanten Endspurts führt. Da es um Crowdinvestment geht, sind auch die individuellen Summen größer: je nach Projektvolumen ist man z.T. erst ab 50 Dollar dabei, kann aber auch bis zu 1.000 Dollar anlegen. Die Beteiligungen sind entsprechend der Investitionshöhe zwischen 0,5 bis 10 Prozent gestaffelt, ein Buch braucht mindestens 10, höchstens 100 Unterstützer, um erfolgreich zu sein.

Nach dem sich Pentian auf diese Weise bereits 6 Prozent des Self-Publishing-Marktes in Spanien gesichert hat, begann im Sommer 2014 die Internationalisierung. Als erstes wurde der US-Markt anvisiert. Keine schlechte Idee, denn neben nach und nach neu hinzukommenden englischen Titeln lassen sich dort natürlich auch Bücher made in Spain ganz gut vermarkten – mehr als jeder zehnte US-Amerikaner zählt sich selbst zur Gruppe der „Hispanics“.

Gestartet ist Pentian vor zehn Jahren als mehr oder weniger traditioneller Verlag, ab 2009 mutierte das Unternehmen dann motiviert durch den E-Book-Boom zum Self-Publishing-Dienstleister, bei dem Autoren je nach Bedarf auch Lektorat, Cover-Design und Marketing-Maßnahmen hinzubuchen können, was aber Kosten zwischen 1.500 und 5.000 Euro verursacht. Das konnten sich viele Self-Publisher aber nicht leisten, was am Ende zur Integration von Crowdfunding- und Crowdinvestment elementen führte.

Inzwischen umasst das Verlagsprogramm mehr als 6.000 Titel, lieferbar im gesamten Buchhandel – wobei Pentian im Kern natürlich kein klassischer Verlag ist, denn über den Inhalt entscheiden die Autoren selbst. Nur für die äußere Form und den Vertrieb sorgen Publishing-Spezialisten. Eine clevere Kombination aus Indie- und Industrie, die beiden Seiten hilft, verlegerische Risiken zu vermeiden: Bücher, die die Crowd nicht mag, werden eben erst gar nicht produziert. Die Pentian-Macher sehen sich denn auch als Disruptoren einer ohnehin schon moribunden Buchbranche. „Traditional publishing is a dying corpse of oligarchic protectionism“, so Ko-Gründer Enrique Paquilla gegenüber Publishing Perspectives.

Krautinvestoren als Disruptoren: Flatrate-App Readfy sammelt 500.000 € Startkapital

Hello, Goodbye: „E-Book-Piraterie: die Crowd sagt ‚Tschööö!'“ – so warb Readfy seit Februar um die Gunst der Krautinvestoren. Um die für den Nutzer kostenlose Flatrate-Lese-App (E-Book-News berichtete) zu realisieren, setzt das Startup nicht nur auf Sponsoring, sondern auch auf Schwarmfinanzierung. Und die Crowd hat mehr als nur „Hallo“ gesagt – über die Plattform Companista kamen bis 24. März 2014 insgesamt 500.000 Euro Kapital zusammen. Einzelne Anteile konnte man dabei zum Preis von 5 Euro erwerben.

Für die deutsche Crowdinvestment-Szene eine nicht völlig ungewöhnliche, aber doch recht hohe Summe – im gesamten Jahr 2013 kamen hierzulande dem Portal fuer-gruender.de zufolge bei 66 finanzierten Projekten 19,7 Mio Euro zusammen, pro Finanzierung also durchschnittlich 290.000 Euro. Klassisches Crowdfunding brachte dagegen laut fuer-gruender.de im Jahr 2013 „nur“ knapp 5 Millionen Euro, hier lag die Projektkapitalisierung im Schnitt bei 3000 Euro. Einzelne Pre-Order-Kampagnen im Buchbereich wie etwa „Drachenväter“ erreichten aber durchaus Summen im fünfstelligen Bereich.

Die Flatrate-App Readfy spielt dagegen in einer ganz anderen Liga. Die Readfy-Gründer Felix Bauchspiess, Ryan David Mullins und Frank Großklaus wollen erklärtermaßen „die disruptive Kraft sein, die das Geschäftsmodell der Verlage auf eine neue Stufe stellt“. Die notwendigen Mittel dafür haben sie jetzt. Mit der Unterstützung von insgesamt 1.363 Krautinvestoren kann nicht nur die deutsche Version der Readfy-App durchstarten, für 2015 ist auch die Internationalisierung geplant.

Allerdings gibt’s in punkto kritische Masse noch mehr Zielmarken zu knacken als nur die Companista-Crowd. Zum Beispiel beim Content: Bereits zum Deutschland-Start von Readfy im Februar waren 15.000 Titel von über 120 Verlagen verfügbar, bis Jahresende sollen es 30.000 Titel sein. Das ist auch notwendig, denn ohne genügend Content bleibt die Crowd der Leser zu klein. Umgekehrt braucht man aber auch eine möglichst große Nutzerzahl, um Verlage zum Einsteigen zu motivieren.

Letztlich geht’s Readfy natürlich wie jedem Startup – ob am Ende eine Erfolgsstory herauskommt oder nur „Hello, Goodbye“, zeigt sich erst, wenn man etwas riskiert. Ungewöhnlich in diesem Fall ist allerdings: es sitzen nicht nur eine Handvoll Business Angels mit Risikokapital im Boot, sondern mehr als 1.000 überzeugte Schwarmfinanzierer, die ihr Geld bis zum 31.12.2021 festgelegt haben. Ob es wirklich so lange dauern wird, um die alte Gutenberg-Galaxis zu überwinden?

Abb.: Screenshot

E-Books für alle, und zwar umsonst: Readfy disruptet die Buchbranche

Die einzigen echten E-Book-Versteher waren bisher die E-Book-Piraten – auf ihren Plattformen gab es ein breites Angebot an Titeln entweder ganz kostenlos oder zum günstigen Flatrate-Tarif. Ein so erfolgreiches Modell, dass manche Autoren ihre Bücher sogar selbst zur Verfügung stellten, um vom Reichweiteneffekt zu profitieren: wenn elektronische Bücher die perfekte Zirkulation ermöglichen, warum sollte man sie dann künstlich ausbremsen? Doch jetzt hat auch der legale Spiralarm der Gutenberg-Galaxis dazugelernt: mit dem Beta-Launch von Readfy startet an diesem Montag eine Plattform, die den Nutzern einen New Deal anbietet: kostenlos und unbegrenzt E-Books lesen mit Werbeeinblendung, oder gegen einen Monatsbetrag eine unbegrenzte E-Book-Flatrate. Mittel zum Zweck ist die Readfy-App – zunächst nur für Android-Nutzer erhältlich. [Update 4.2.: der Readfy-Start wurde auf Freitag, 7.2. verschoben, um die Server-Kapazitäten auszubauen]

Die Readfy-Gründer Felix Bauchspiess, Ryan David Mullins und Frank Großklaus wollen zeigen: ein deutsches „Spotify“ für E-Books (mittlerweile könnte man auch sagen: ein deutsches Oyster) ist tatsächlich machbar. „Wir wollen die disruptive Kraft sein, die das Geschäftsmodell der Verlage auf eine neue Stufe hebt“, postulierte Readfy-Geschäftsführer Bauchspiess schon Ende 2013 gegenüber Buchreport. Schaut man auf die blanken Zahlen, könnte das tatsächlich gelingen: zum Start sind 15.000 Titel von über 120 Verlagen dabei, bis Jahresende, wenn auch eine iOS-App verfügbar sein wird, sollen es bereits 30.000 Titel sein. Damit wäre Readfy dann schon da, wo Skoobe jetzt steht – allerdings hat die von Holtzbrinck und Bertelsmann angeschobene App keinen Gratis-Level.

Der Zugang ist bei Readfy also deutlich niedrigschwelliger, und die Verlage bekommen durch die „Sponsoring“-Strategie trotzdem Geld, abgerechnet wird pro gelesener Seite. Ähnlich wie Skoobe wird Readfy aber im doppelten Sinne um das Erreichen der kritischen Masse kämpfen müssen – so viele Titel wie möglich, soviele Nutzer wie möglich. Und das könnte spannend werden. Während der Beta-Phase läuft Readfy ähnlich wie Skoobe erstmal mit gebremstem Schaum – maximal 5.000 Nutzer können subskribieren. Die Ziele sind aber deutlich hochgesteckter als bei Skoobe: mit der App will man zum „internationalen Marktführer für kostenfreies Lesen“ avancieren. Für 2015 ist bereits die Internationalisierung geplant.

Unterstützt werden die Readfy-Macher dabei von Mitgesellschafter Gerrit Schumann, bekannt als Gründer des erfolgreichen Musikstreaming-Dienstes Simfy. Brancheninsider wissen ja ohnehin: Von der Musikindustrie lernen heißt siegen lernen – ob es nun um die Flatrate oder den Abschied von DRM geht. Mit der Buch-Streaming-App Readfy, das ist schon mal klar, kann man auf einen Schlag beides realisieren. Die Zukunft des Content-Konsums wird ohnehin vor allem auf Smartphones und Tablets stattfinden, da ist es logisch, auch E-Books auf ähnliche Weise anzubieten wie Musik oder Video.

Das sehen auch die Investoren so, die Readfy möglich machen: der Düsseldorfer Inkubator 1st Mover stellte 100.000 Euro zur Verfügung, ab heute läuft auf der Crowdinvestment-Plattform companista eine Finanzierungskampagne, die noch mal dieselbe Summe bringen soll. Ab 5 Euro kann man die Disruption der deutschen Buchbranche beschleunigen helfen. Ich bin mir sicher: auch der eine oder andere Buchpirat wird hier einen Teil der erbeuteten Bitcoins investieren, denn letztlich haben alle E-Book-Versteher dasselbe Ziel: E-Books für alle, und zwar umsonst, zumindest für die Leser.

Abb.: Readfy.com