„Dégooglisons l’internet“: Framasoft befreit das Web — mit Alternativen made in France

framasoft-befreit-das-web-von-googleWir schreiben das Jahr 2016 — das ganze Internet wird von US-Konzernen beherrscht. Das ganze Internet? Nein… Es gibt da noch ein gewisses gallisches Dorf. „Dégooglisons l’internet!“ skandieren derzeit viele Franzosen — und vielleicht sollten die „GAFAM“ (also Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft) diese Forderung nicht so ganz auf die leichte Schulter nehmen. Denn die „Framasoft“-Community setzt die Parole gerade in eine konkrete Utopie um — nach den vier Prinzipien frei, dezentralisiert, ethisch, solidarisch.

Ob Google Docs oder Skype: Frama schafft Alternativen

Die kleine Entwickler-Genossenschaft aus Lyon mag zwar nur über ein halbes Dutzend bezahlte Mitarbeiter und etwa 30 Freiwillige verfügen, doch sie hat in den letzten fünf Jahren tatsächlich schon zahlreiche non-kommerzielle Webservices auf Basis freier Software gestartet: gegen Google Docs setzen sie Framapad, gegen Google Spreadsheet Framacalc, gegen Facebook Framasphère (ein Diaspora-Klon), gegen Skype Framatalk, gegen WeTransfer Framadrop, und so weiter. Mehr als 30 Frama-Web-Apps gibt es bereits, für 2017 ist u.a. ein Twitter-Double („Framatweet“) geplant…

„Kulturelle & ökonomische Dominanz beenden“

„Unser Ziel ist es nicht, die GAFAM zu ersetzen, sondern konkrete Alternativen vorschlagen“, umreißt Projektleiter Pierre-Yves Gosset gegenüber Le Monde die Framasoft-Roadmap. Die in Lyon beheimatete Framasoft-Genossenschaft möchte damit ein deutliches Zeichen setzen: „Die ökonomische und kulturelle Dominanz von Google & Co. ist nicht unumgänglich. Man kann sich auch anders entscheiden, niemand muss sich mit der Gleichschaltung des globalen Dorfes durch die Amerikaner abfinden“, so Gosset.

„Schafft eins, zwei, drei, viele Framasofts“

Etwa 20.000 Nutzer hat das Framasoft-Portal selbst, die jährlichen Kosten liegen derzeit bei knapp 250.000 Euro. Man setzt auf Wachstum der etwas anderen Art: Die ursprünglich im universitären Rahmen entstandene Framasoft-Initiative hat quer durch die Grande Nation bereits viele Ableger erzeugt — vielerorts bilden sich neue Genossenschaften, die sich der Framasoft-Charta anschließen und eigene Webserver betreiben, zum Beispiel „La mère Zaclys“. Das Akronym für diese alternativen Hosting-Services heißt „CHATONS“ („Kätzchen“), und steht für „Collectif d’Hébergeurs Alternatifs, Transparents, Ouverts, Neutres et Solidaires“.

Gezahlt wird nicht mit den eigenen Daten

In der Regel werden die derzeit mehr als 20 CHATONS (nicht alle sind öffentlich) solidarisch durch Spenden finanziert, oder durch günstige Abos. Auf jeden Fall soll der Nutzer nicht durch Preisgabe seiner Daten zahlen, sondern erhält volle Datensouveränität. Und wird ermuntert, auch selbst zum Service-Betreiber zu werden — die notwendige freie Software steht bereit. Das widerständige gallische Daten-Dorf mag noch recht klein sein, doch der Kampf gegen Closedum, Proprietarum, Trackum und Centralizum hat begonnen. Vielleicht ja auch bald in Deutschland? Zahlreiche Framasoft-Nutzer in Belgien und der Schweiz gibt es bereits…

(via Le Monde & Framablog)

„Made with Creative Commons“: E-Book-Projekt versammelt nicht-exklusive Geschäftsmodelle

made-with-creative-commonsIm kalifornischen Mountain View sitzen IT-Unternehmen, deren Börsenwert längst durch die Decke gegangen ist. Doch nicht alle im Silicon Valley sind an maximalen Quartalsgewinnen interessiert. Bestes Beispiel für solche Non-Profits ist Creative Commons. Die gemeinnützige Organisation steht hinter der gleichnamigen nicht-exklusiven Lizenz, die als „Anti-Copyright“ Künstlern und Kreativen, aber auch Unternehmen erlaubt, Inhalte kostenlos zu nutzen, weiterzuverbreiten oder auch zu verändern.

Kann man denn davon leben?

Die digitale Allmende boomt. Weltweit soll die Zahl der cc-lizensierten Werke in diesem Jahr die Milliarden-Marke überschreiten. Doch bleibt bei allem Erfolg die Frage nach der finanzielle Nachhaltigkeit für die Urheber oft im Raum stehen: Wie können die Schöpfer solcher Werke Geld damit verdienen, indem sie ihre Werke der Allgemeinheit zur Verfügung stellen? Oder noch kürzer: Kann man denn davon leben, auch wenn man nicht Cory Doctorow heißt?

24 Open Business-Geschäftsmodelle

Die CC’ler aus Mountain View sind entschieden der Meinung: Ja! Um den Beweis zu führen, wollen Paul Stacey, Sarah Pearson und weiter KollegInnen nun unter dem Titel „Made with Creative Commons“ ein E-Book veröffentlichen, das in 24 ausführlichen Fallbeispielen das gesamte Spektrum möglicher „Open Business“-Modelle auf Grundlage von Creative Commons ausleuchtet. Natürlich wird das Best-Practice-Buch auch selbst cc-lizensiert, und in einem transparenten Publikationsprozess von Punkt zu Punkt online nachvollziehbar produziert. Eine besondere Rolle soll dabei die Social-Journalism-Plattform Medium.com spielen.

Krautpublishing trifft Creative Commons

Nicht zuletzt darf die Web-Community aber auch bei der Finanzierung von „Made with Creative Commons“ in die Bresche springen – via Crowdfunding auf Kickstarter. Also wieder mal eins von diesen Büchern, die ihre Hauptthese auch ganz praktisch beweisen möchten (vgl. Free, Meconomy, Eine neue Version ist verfügbar, etc.) Wer das Projekt auf Kickstarter unterstützt, erhält übrigens auch Stimmrecht bei der Auswahl der Fallbeispiele. CC-basierte Business Modelle nominieren kann aber jeder…

Abb.: Colores Mari/Flickr (cc-by-2.0)

Auf Doctorows Spuren: „Eine neue Version ist verfügbar“ erscheint unter cc-Lizenz bei Metrolit

Darf man als Autor, der vom Schreiben leben muss, die digitale Kopie loben? Dirk von Gehlen tut nicht nur das – er passt auch seine praktische Arbeit an die Gesetze der digitalen Ökonomie an. Besonders sichtbar wurde das beim Buch-Projekt „Eine neue Version ist verfügbar“, Untertitel: „Wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert“ – es wurde nicht nur via Crowdfunding finanziert, es enstand zudem im ständigen Feedback mit der Lesercommunity, die ab der ersten Rohfassung mitlesen und kommentieren konnte. Getreu der bereits in Gehlens Vorläufer-Titel „Mashup: Lob der Kopie“ verfochtenen These, dass Kultur zu Software geworden ist, die man hacken kann.

Nicht-kommerzielle CC-Lizenz

Im Mai 2013 kam zunächst eine limitierte Auflage von 350 Stück für die Unterstützer der ersten Stunde heraus – im September kommt nun ein „Update“ heraus. Anders als die Startauflage erscheint diese Version bei einem regulären Verlag, sowohl gedruckt wie auch elektronisch. Interessanterweise jedoch nicht unter normalem Copyright, sondern unter Creative Commons-Lizenz cc-by-nc-sa – d.h. man darf den Text „vervielfältigen, verbreiten und öffentlich zugänglich machen, sofern dabei der Name des Verfassers und des Verlags genannt werden“ und „sofern die Nutzung nich kommerziell ist“. Auch Bearbeitungen (wie z.B. die Übersetzung) sind möglich.

„Verlagen fehlt der Mut zum Experiment“

Ganz so einfach war das aber offenbar nicht: „Auch zehn Jahre nach den ersten CC-Lizenzen sind diese für klassische Verlage immer noch eine fremde Welt“, schreibt Gehlen auf dem irights.info-Blog. Hartnäckig halte sich sogar das Vorurteil, man verzichte mit einer solchen Rechte-Lösung sogar auf Vergütung. „Es gibt kaum Erfahrungen mit alternativen Lizenzen und wenig Mut, diese auszuprobieren, weil – und hier dreht sich die Spirale der Bewegungslosigkeit – es kaum Erfahrungen damit gibt“, fasst Gehlen seine Erfahrungen auf der Suche nach einem Kooperationspartner zusammen.

CC kann sogar verkaufsfördernd sein

Mit dem Berliner Startup Metrolit fand der Autor dann allerdings einen frisch gegründeten Verlag, der Mut zum Experiment bewies – und offenbar auch wusste, dass mit einem unter cc-lizensierten Werk nicht nur Gewinne erzielen kann, sondern sogar zusätzliche, verkaufssteigernde Popularität schaffen kann. Am Beispiel von Cory Doctorow kann man ja tatsächlich sehen, welch große Wirkung auch non-kommerzielle CC-Lizenzen haben können, etwa, indem die Community für die Formatierung in alle denkbaren Formate sorgt. Und obwohl Doctorows Titel als E-Book kostenlos verfügbar sind, verkaufen sich nicht nur die Printauflagen gut – es gibt auch eine Menge Leser, die etwa bei Amazon für die Kindle-Versionen bezahlen.

Mach’s zum E-Book: Unglue.it befreit moderne Klassiker – mit Hilfe der Crowd

Ob Huxleys „Schöne Neue Welt“, George Orwells „Farm der Tiere“ oder Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“: viele moderne Klassiker stehen aus Kostengründen nicht zur Onleihe zur Verfügung oder sind schlicht noch gar nicht als E-Book-Version lieferbar. Eine neue US-Plattform namens Unglue.it will nun digitale Ausgaben solcher Werke weltweit verfügbar machen – kostenlos & gemeinfrei. Und zwar via Crowdfunding: Massenspenden aus dem Netz sollen den jeweiligen Rechteinhaber dazu bewegen, das Werk unter Creative Commons (CC-) Lizenz zu stellen. Analog zum „Street Performer Protocol“ wird eine Mindestschwelle gesetzt, die für die „Befreiung“ eines Titels erreicht werden muss. Sobald die Summe erreicht wurde, erscheint eine DRM-freie CC-Version des E-Books. Die weitere Verwertung wird dadurch nicht gestört. Die nicht-exklusiven Creative Commons-Lizenzen schließen kommerzielle Varianten eines Werkes nicht aus.

Bereits während der Alpha-Phase von Unglue.it wurden Vorschläge gesammelt, welche Titel befreit werden sollen. Auf der Hitliste ganz oben standen von Anfang an Bücher wie Stephen Hawkings „Kurze Geschichte der Zeit“, Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ oder Harper Lees „Wer der Nachtigall stört“. Die jeweilige Zahl der Befreiungs-Wünsche entscheidet dabei, welche Klassiker für eine Spendenkampagne in Betracht kommen. Eine Rolle spielt aber in der gerade angelaufenen Beta-Phase auch, wie teuer die jeweiligen Rechte sind. Gespendet werden kann vorerst nur für weniger prominente Titel wie Ruth H. Finnegan Sachbuch „Oral Literature in Africa“, Nancy Rawles Roman „Love like gumbo“ oder Michael Lases Kinderbuch „6-321“. Die Spendensummen liegen dabei zwischen 7.500 und 50.000 Dollar.

Für den notwendigen Crowd-Effekt sorgt auch die Möglichkeit, einzelne Buchprojekte via Widget in die eigene Website einbinden zu können. Wenn die Wishlist für klassische Bestseller weiter wächst, dürften es dann auch diese Werke bis zur aktiven Spendenkampagne schaffen. Denn das massenhaft bekundete öffentliche Interesse soll die Rechteinhaber davon überzeugen, den Schritt in die Creative-Commons-Welt zu wagen. Profitieren könnten vom Unglue-it-Modell vor allem öffentliche Bibliotheken, die immer mehr Geld in E-Book-Lizenzen stecken müssen. Oder ganz außen vor bleiben. In den USA weigern sich nämlich viele Verlage bereits, E-Books überhaupt noch für den Verleih zu lizensieren.

Abb.: Screenshot Unglue.it – Bei der Suche nach befreiungswürdigen Titeln hilft Google Books

[e-book-review] Orks & Elfen aller Länder, vereinigt euch: Streifzüge durch die virtuelle Ökonomie

forthewinHacker können die Welt verändern – Online-Spieler ebenfalls. Schon in „Little Brother“ konstruierte Cory Doctorow den Aufstand der Jugend rund um ein klandestines Netzwerk aus gecrackten X-Boxes. Als Helden seines aktuellen Romans „For the Win“ wählte der Boing-Boing-Blogger und Digital-Rights-Aktivist professionelle Hardcore-Gamer aus der Online-Rollenspieler-Szene. Nicht gegen den Sicherheitsstaat begehren sie auf, sondern gegen die scheinbar allmächtige Unterhaltungsindustrie. Wie es sich für Cory Doctorow gehört, ist natürlich auch „For the Win“ unter Creative Commons lizensiert und kostenlos als E-Book erhältlich. Die gedruckte Fassung gibt’s als Paperback für 7,50 Euro.

Gold Farming im digitalen Sweatshop

Aus dem Spiel ist längst Ernst geworden. In der nahen Zukunft von „For the Win“ sind die virtuellen Ökonomien mancher Online-Spielewelten bereits so bedeutsam geworden wie die realen Volkswirtschaften ganzer Länder. In digitalen Sweatshops zwischen Mumbai und Shenzhen verdienen sich jugendliche Tagelöhner ihr Geld mit „Gold Farming“: als Online-Avatare erwirtschaften sie virtuelle Güter, die sich an Spieler in den USA oder Europa verkaufen lassen. Machmal überfallen sie auch fremde Avatare, und nehmen ihnen ihre hart erarbeiteten digitalen Besitztümer wieder ab. Die Spieler aus den Sweatshops müssen nicht mehr hungern, doch sie bleiben letzlich Working Poor. Die ökonomischen Prinzipien der Ausbeutung gelten auch im World Wide Web. Anders als Fabrikarbeiter der Old Economy hat die globale Kaste der Berufsspieler jedoch einen Vorteil – die grenzenlose Vernetzung. Doch kann das Spiel um die reale Macht wirklich gewonnen werden? Cory Doctorows literarische Antwort ähnelt dem altbekannten Refrain von Ton, Steine, Scherben: „Und du weißt das kann passieren, wenn wir uns erst organisieren“.

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Die virtuelle Arbeiterbewegung organisiert sich

Attribute wie „Massively Multiplayer“ weisen darauf hin, worum es bei Spielen à la „World of Warcraft“ geht – tausende Teilnehmer auf der ganzen Welt sind dabei via Internet verbunden, doch sie spielen nicht nur, sie kommunzieren via Chatfunktion. Cory Doctorow bildet diese Realität der Online-Gamer in seinem Roman sorgfältig nach: Da ist Mala aus Mumbai, meisterhafte „Zombie Mecha“-Strategin, von den Mitspielern ihrer virtuellen Gilde verehrungsvoll „General Robotwallah“ genannt. Da ist Leonard „Wei Dong“ Goldberg aus Los Angeles, der zusammen mit Online-Freunden aus China auf virtuelle Raubzüge geht, da ist aber auch Big Sister Nor aus Singapur, die eine neue Bewegung gründet: die „Industrial Workers of the World Wide Web“, genannt die „Webblies“. Bald fühlt sich die virtuelle Arbeiterbewegung stark genug, um den realen Arbeitskampf zu wagen – die ersten digitalen Sweatshops werden bestreikt. Doch der eigentliche Gegner sind nicht die Manager vor Ort. Das Zentrum der realen Macht ist in Doctorows Romanwelt die „Coca Cola Games Command Central“. Ein Brausefabrikant als weltbeherrschender Konzern? Doctorow-Leser dürften solche postindustriellen Szenarien gewohnt sein – in „Makers“ etwa wurde diese Stelle von der Walt Disney Corporation eingenommen.

“Redet man über die Ökonomie, redet man auch über das Spiel“

„For the win“ ist ebenso ein ein Streifzug durch die Welt der Online-Rollenspiele wie auch ein Grundkurs in virtueller Ökonomie. Die wiederum unterscheidet sich eben kaum noch von der Realwirtschaft: „Sobald man über Ökonomie redet, redet man auch über Spiel“, so Doctorow zu seinem gedanklichen Ansatz. „Es geht eigentlich um ein Spiel namens Wirtschaft – mit Spielsteinen, die einen fiktiven Wert haben, mit Regeln und Schiedsrichtern, alles dreht sich um das richtige Verhandlungsgeschick, und es gibt viele verschieden Möglichkeiten, bei diesem Spiel mitzuspielen.“ Zu diesen Möglichkeiten gehört für die Masse der Spieler die Selbstorganisation – letzlich wiederholt sich in Doctorows Modell die Geschichte der Arbeiterbewegung. Auch die Webblies versuchen schließlich, den Preis der Ware Arbeitskraft durch konzertierte Aktionen soweit hochzutreiben, das man davon leben kann. „For the Win“ liefert dabei keine Beschreibung einer fernen Zukunft ab, sondern einen Kommentar zur Gegenwart: „Ich wage keine Prognosen, ich reflektiere. Sci-Fi ist eine Literatur des Aktivismus: sie steht in dieser Tradition, mit ihr verbindet sich die Erwartung, ja sogar die Notwendigkeit, dass die Fiktion eine soziale Handlung darstellt.“

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Spielen, um zu gewinnen – oder um etwas zu verdienen?

Eine notwendige Fiktion ist „For the Win“ alleine schon deshalb, weil die Digital Sweatshops längst existieren. Bereits 2001 wurde die Internet Gaming Entertainment Ltd gegründet, ein Unternehmen, das sich auf virtuelle Güter für populäre Online-Rollenspiele spezialsierte, die von billigen Arbeitskräften in Hong Kong produziert wurden. Im Jahr 2003 beschrieb Julian Dibell im Wired-Magazin den Fall „Black Snow“ – das US-Startup ließ Tagelöhner im mexikanischen Tijuana für 20 Dollar am Tag Online-Games durchspielen, um die virtuell erworbenen Schätze und Zugänge zu höheren Leveln gewinnbringend via Ebay zu verkaufen. Die Spielebetreiber sahen darin einen Regelverstoß und wollten Black Snow aussperren – dagegen zog das Unternehmen vor Gericht. Die Rechtssprechung musste erst einmal so grundsätzliche Fragen klären wie: Wem gehören überhaupt die Produkte virtueller Game-Ökonomien? Spielt man nur, um zu gewinnen, oder darf man auch spielen, um etwas zu verdienen? Diese Fragen sind inzwischen geklärt – selbst die virtuelle Wechselstuben ist zum Alltag geworden. Gibt man bei Google etwa „WoW“ (für „World of Warcraft“) und „Gold“ ein, bekommt man Dutzende Seiten angezeigt, bei denen sich bare Münze in Avatar-kompatible Währung umtauschen lässt. Die Gewerkschaft der Orks und Elfen lässt allerdings bisher noch auf sich warten…

Argons Spendenaktion gescheitert: Little Brother-Hörbuch wird vorerst nicht unter CC-Lizenz veröffentlicht

Little Brother Argon Creative Commons Hoerbuch.gifEine kostenlose Hörbuchversion von Cory Doctorows Roman „Little Brother“ wird es vorerst wohl nicht geben. Neuntausend Euro wollte der Argon-Verlag eigentlich für die professionelle Produktion im Rahmen einer Creative Commons-Lizenz sammeln. Doch nur ein kleiner Teil der Summe kam während der dreiwöchigen Internet-Spendenaktion zusammen, die am 17. Mai endete. So gibt es bis auf weiteres nur die kommerzielle Hörbuchfassung zu kaufen – sie kostet 19,95 Euro.

Befreiung fehlgeschlagen: „Little Brother“ bleibt im kommerziellen Sektor

„Kaufe deine Lieblingsmusik frei“ lautet das Motto von SellYourRights. Mit dem Spenden-Widget dieses Webdienstes soll allerdings nicht nur die Produktion von kostenlos downloadbaren Musiktiteln vorfinanziert werden. Es geht auch um Software, Filme, Bilder – und eben Literatur, ob in Wort oder Ton. Um Cory Doctorows Hacker-Roman „Little Brother“ in ein professionell gemachtes Hörbuch zu verwandeln, hat auch der Argon-Verlag auf diese kulturelle „Befreiungstechnik“ gesetzt. Doch am Wochenende musste man der Webgemeinde mitteilen: „Die notwendige Summe von 9.000 € ist nicht zusammengekommen. Somit werden wir das ungekürzte Hörbuch nicht unter freier Lizenz zum Download freigeben.“ Als Gründe für das Scheitern nennt Kilian Kissling von Argon vor allem drei Punkte: die kurze Befristung, die Skepsis der Community gegenüber Paypal & Kreditkartenautorisierungen, aber auch fehlende mediale Unterstützung: „Leider ist es uns nicht gelungen, gerade die ganz großen Multiplikatoren zu erreichen: Spiegel online, der Heise-Ticker und netzpolitik.org konnten wir nicht dafür begeistern, über unser Projekt zu berichten“.

Immerhin ist ein Fünftel der benötigten Summe zusammengekommen

Ein grundsätzliches Problem war aber offenbar auch der mangelnde Bekanntheitsgrad der Creative Commons-Lizenz: „Sie ist zwar bei Netzbürgen etabliert, doch dem breiten Normalpublikum ebenso wie vielen Medien nicht vertraut“. Gleiches gelte für das Prinzip des „Street Performer Protocols“ (SPP), also der spendenbasierten Finanzierung eines Werks. Ganz so schlecht sei das Ergebnis der Aktion letztlich aber auch nicht, so Kissling: „Es ist uns gelungen, innerhalb von drei Wochen etwa ein Fünftel der benötigten Summe einzusammeln. Das ist eine der höchsten Summen, die bisher in Deutschland für ein SPP-Projekt gesammelt wurde.“ Die Produktion selbst hätte lediglich 4.500 Euro gekostet, die andere Hälfte wäre an den Lizenzgeber abgeführt worden. Für die potentiellen Spender (darunter auch E-Book-News) hat das vorläufige Scheitern des Projekt keine negativen Auswirkungen. „Das System arbeitet mit Paypal-Autorisierungen, die nur dann in Anspruch genommen werden, wenn das Projekt gelingt“, so Kilian Kissling.

Die Community ist weiter kreativ – es gibt „Little Brother“ auch schon als Facebook-App

Leer gehen aber auch die Hörer nicht aus. Eine gekürzte, aber immerhin noch 420-minütige Fassung von „Little Brother“ – gelesen von Oliver Rohrbeck – gibt’s schließlich auf CD zu kaufen. Daneben kann man aber auch das Ergebnis eines Fanhörbuchprojekts downloaden, realisiert von Fabian Neidhardt und Christian Wöhrl. Von Wöhrl stammt auch die kostenlose deutsche E-Book-Version, die in friedlicher Koexistenz lebt mit der kommerziellen Rowohlt-Übersetzung. Eigentlicher Auslöser all dieser Projekte ist letztlich natürlich Cory Doctorow selbst. Der kanadische Sci-Fi-Autor und BoingBoing-Blogger veröffentlicht seine Romane unter einer weitgehenden Creative Commons-Lizenz, die nicht nur die Weitergabe, sondern auch Erweiterungen, Veränderungen und mediale Umformungen erlaubt. Die Community ist weiterhin fleißig dabei – mittlerweile gibt’s „Little Brother“ sogar als einbettbare Facebook-App.

[e-book-review] Freiheitskampf als Live-Hack: Cory Doctorows Post-9/11-Roman „Little Brother“ in deutscher Übersetzung

Little-Brother-Cory-Doctorow E-Bestseller E-Book.gifDer Held heißt W1n5t0n, seine Waffe: ein klandestines Netzwerk aus gehackten X-Boxes. Sein Feind: die amerikanische Heimatschutzbehörde, die San Francisco nach einem Terroranschlag in einen Polizeistaat verwandelt. „Little Brother“ schlägt zurück – in Cory Doctorows gleichnamigem Roman bekommt es der Große Bruder mit Teenager-Hackern zu tun, die nicht nur Passwörter knacken können, sondern vom Flashmob bis zur virtuellen Pressekonferenz die neuen Medien für sich nutzen. Denkt man Themen wie „Vorratsdatenspeicherung“, „Bundestrojaner“ und „Netzsperren“, bringt Rowohlt die deutsche Fassung von „Little Brother“ genau zum richtigen Zeitpunkt heraus.

Von Orwells Held Winston Smith zum X-Box-Hacker w1n5t0n

Cory Doctorow ist wohl jemand, den man getrost als „Geek“ oder „Nerd“ bezeichnen kann. Oder auch ganz einfach als „Digital Native“. Die Karriere des kanadischen Sci-Fi-Autors, Boing-Boing Bloggers und Journalisten wäre ohne Computer und Internet kaum vorstellbar. Zugleich ist Doctorow aber auch ein moderner Bürgerrechtler – mit und in den neuen Medien kämpft er nicht nur für besseren Datenschutz, sondern gegen Digital Rights Management. Viele seiner Sci-Fi-Romane sind auch sehr praktisch ein Plädoyer für Kreativität und Freiheit – Doctorow veröffentlicht die elektronischen Versionen unter einer Creative Commons Lizenz. Little Brother gibt es im Internet bereits in zahlreichen E-Book-Formaten zum kostenlosen Download. Den Verkaufszahlen der Printversion hat diese Strategie nicht geschadet – ganz im Gegenteil. Kurz nach dem Erscheinen im Sommer 2008 war das Buch bereits in den Top Ten der New York Times-Bestsellerliste, Abteilung Kinderbücher. Die deutsche Ausgabe bringt nun Rowohlt in der Jugendbuchreihe „Rotfuchs“ heraus – auch sie dürfte Bestseller-Potential besitzen. Doctorow hat mit dem siebzehnjährigen Helden der Geschichte eine universelle Identifikationsfigur geschaffen.

Ich gehe in die Oberstufe der Cesar Chavez High im sonnigen Mission-Viertel von SF, und das macht mich zu einem der meistüberwachten Menschen der Welt. Ich heiße Marcus Yallow, aber zu der Zeit, als diese Geschichte losging, lief ich unter w1n5t0n. Gesprochen: „Winston“.

Winston hieß der Held aus Orwells „1984“. Als Orwell in den Vierziger Jahren seinen „Großen Bruder“ entwarf, gab es im Alltag noch gar keine Computer. In der Welt von W1n5t0n sind sie allgegenwärtig geworden – Kameras erkennen die Menschen an ihrem Gesicht oder an ihrem Gang, Funkchips in Ausweisen ermöglichen flächendeckende Bewegungsprofile, und die Schul-Laptops senden jeden Mausklick und jedes geschriebene Wort an die Behörden weiter. Doch „Little Brother“ hat gegenüber dem literarischen Vorbild einen deutlichen Vorteil: er ist nicht nur begeisterter Online-Gamer, sondern auch ein technisch versierter Hacker.

Little Brother vs. Big Brother: Aufstand der Gamer-Generation

Little-Brother-Cory-Doctorow E-Bestseller E-Book Rowohlt.gifMarcus und seine Freunde nutzen ihr Technik-Wissen, um sich die „kleinen Fluchten“ des Alltags zu gönnen: während des Unterrichts heimlich im Internet surfen, einen Online-Chat führen, unerkannt das Schulgelände verlassen, um in den Straßen der Großstadt ein ARG (Alternate Reality Game) zu spielen, eine Art digitaler Schnitzeljagd. Doch als ein Terroranschlag San Francisco erschüttert, dem tausenden Menschen zum Opfer fallen, wird aus dem Spiel plötzlich Ernst. „Little Brother“ ist ein typisches Beispiel für Post-9/11-Fiction – wieder einmal schlägt die Stunde der Exekutive, in diesem Fall in Gestalt der Heimatschutzbehörde. In San Francisco herrscht der Ausnahmezustand. Marcus und seine Freunde werden als Terror-Verdächtige auf einer Gefängnisinsel interniert, die bald im Volksmund „Gitmo-by-the-bay“ genannt wird. Erst nachdem er sämtliche Passwörter für Handy, Mail-Accounts und Internet-Server preisgibt, wird Marcus wieder auf freien Fuß gesetzt. Andere Kids, wie etwa Marcus‘ bester Freund Darryl, kehren aus dem neuen Gulag-System nicht mehr zurück. Doch auch Marcus bleibt im Visier der Heimatschutzbehörde. Sein PC wird verwanzt, und er gerät er aufgrund seines Nahverkehrs-Bewegungsmusters in Polizeikontrollen. Ähnlich geht es vielen anderen Jugendlichen. Um die überwachungsfreie Kommunikation zu ermöglichen, startet Marcus ein alternatives Datennetz namens X-net. Als Software dient das fiktive Betriebssystem „Paranoid Linux“, das für anonymes und abhörsicheres Surfen in autoritären Staaten wie Syrien oder China entworfen wurde. Als Hardware nutzen die X-net-Aktivisten gehackte X-Boxes von Microsoft. Fertig ist Gemeinschaft aus „Little Brothers“. Der Aufstand der Gamer-Generation hat bei allem Ernst tatsächlich auch etwas verspieltes – doch für die Erwachsenenwelt bedeutet er zunächst einmal eins: Chaos. Die lückenlose Überwachung wird gestört, Datensätze auf Funkchips werden ausgetauscht, immer mehr Bürger geraten in Polizeikontrollen. Doch das System schlägt zurück. Die Polizeitruppen werden aufgestockt, das X-Net wird mit V-Leuten infiltriert, die gleichgeschaltete Presse brandmarkt die Aktivisten als Terror-Sympathisanten. Schließlich steht Marcus vor der schwierigsten Wahl seines Lebens – soll er eine erneute Verhaftung riskieren, vielleicht sogar Folter und Tod, oder besser mit seiner Freundin Ange aus San Francisco fliehen?

“Trau keinem über 25“: Die Exzesse des Sicherheitsstaates lösen in „Little Brother“ einen Generationenkonflikt aus

Doctorow hat „Little Brother“ zwischen Mai und Juli 2007 zu Papier gebracht, besser gesagt, in sein Netbook getippt, als wäre er selbst ein 17-jähriger Hacker. „There were days when I wrote 10.000 words, hunching over my keyboard in airports, on subways, in taxis – anywhere I could type“, schreibt er im Vorwort der englischsprachigen Ausgabe. Parallelen zwischen Marcus „Winston“ Yallow und Doctorow dürften wohl kaum zufällig sein: Doctorow, Jahrgang 1971, war schon als Teenager ein Technik-Enthusiast – besonders begeistert von den Möglichkeiten, über digitale Netzwerke politische Arbeit zu organisieren. „Little Brother“ ist zugleich aber eine Reaktion darauf, dass in der Welt nach dem 11. September Internet und PC wieder jenen Orwellschen Touch bekommen, den früher einmal die „Elektronische Datenverarbeitung“ hatte: „The 17 year olds I know understand to a nicety just how dangerous a computer can be. The authoritarian nightmare of the 1960s has come home for them. The seductive little boxes on their desks and in their pockets watch their every move, corral them in, systematically depriving them of those new freedoms I had enjoyed and made such good use of in my young adulthood.“ Die Exzesse des Sicherheitsstaates lösen in „Little Brother“ einen Generationenkonflikt aus – die Jugendlichen fühlen sich von den Erwachsenen zunehmend eingeengt und verfolgt. Am Ende lautet die Parole dann: „Trau keinem über 25“. Dabei betreffen selbstverständlich Maßnahmen wie Online-Durchsuchungen, rigider Kopierschutz oder Netzsperren die Erwachsenen genauso. Doctorows Zuspitzung auf eine jugendliche Zielgruppe hat aber zugleich auch viel mit der gesellschaftlichen Realität zu tun – schließlich werden etwa Online-Games, Facebook oder Musik-Downloads vor allem von der Generation U 25 genutzt. Es ist somit vor allem ihr Leben, das mit der zunehmenden Kontrolle des Internets durch staatliche Instanzen an Qualität verliert – in den USA genauso wie in Europa. Nicht jeder Teenager, der einen Firefox-Browser, Filesharing-Sites oder eine gehackte X-Box nutzt, wird sich bisher als Digital Rights-Aktivist oder sogar als Bürgerrechtler gesehen haben. Die Lektüre von „Little Brother“ könnte das jedoch verändern…

Zur aktiven Doctorow-Lektüre könnte auch gehören, auf den Kauf des E-Books zu verzichten

Im Grunde genommen beginnt der Lernprozess sogar schon vor der Lektüre. Denn Doctorows Romane gibt es schließlich nicht nur als kommerzielle Print-Titel, sondern in verschiedenen digitalen Varianten auch kostenlos im Internet. Nicht nur auf englisch, sondern auch auf deutsch. Möglich macht das die Veröffentlichung des Originals unter der Creative Commons Lizenz. Eine kostenlose, DRM-freie Übersetzung von Christian Woehrl kann man sich somit umsonst herunterladen, etwa im epub oder pdf-Format. Für die deutsche Taschenbuchausgabe, übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn, muss man dagegen 14,95 Euro hinblättern. Für die kommerzielle E-Book-Version sind sogar noch fünf Cent mehr zu berappen. Dank DRM-Schutz wird man mit der elektronischen Version genau das nicht machen können, was für Doctorow selbst für das A und O von digitalen Büchern hält: man kann „Little Brother“ in dieser Form weder weitergeben noch verändern. Aber auch so trägt ja letztlich die deutsche Ausgabe zu Doctorows ureigenem Anliegen bei. „This book is meant to be part of the conversation about what an information society means: does it mean total control, or unheard-of liberty? It’s not just a noun, it’s a verb, it’s something you do“, heißt es im Vorwort der englischen E-Book-Ausgabe. Zur aktiven Doctorow-Lektüre könnte in Deutschland also auch gehören, auf den Kauf des E-Books zu verzichten.

doctorow e-book bestseller little brother.jpgCory Doctorow,
Little Brother (März 2010)
Rowohlt Paperback, 512 Seiten, 14,95 Euro
E-Book: Rowohlt Digital (epub), 14,99 Euro