Bücher, die man nicht besitzen darf, sind doof (manchmal auch tödlich)

Wer’s noch nicht wusste: der Digital Rights Aktivist & Sci-Fi-Autor Cory Doctorow bloggt nicht nur auf boingboing, sondern hat auch eine eigene Kolumne beim Guardian. Dort konnte man unlängst eine Eloge auf ein gedrucktes britisches Kulturgut lesen, sprich: das Oxford English Dictionary (OED) – und zugleich eine Kritik der elektronischen Version. Wer Doctorow kennt, kann sich schon denken, worum’s geht: um DRM. Doch im Fall des OED’s geht’s nicht darum, dass man etwas nicht kopieren darf – der Nutzer bekommt nämlich überhaupt keine Kopie mehr in die Hand. Früher mag’s noch CD-Roms gegeben haben, jetzt sieht das längst anders aus: „Diese Bücher werden Monat für Monat gemietet, sie sind nur via Internet für eingeloggte User zugänglich. Sobald man nicht mehr zahlt, verliert man den Zugang.“

Was vor allem daran liegt, so Doctorow, das Oxford University Press (OUP) eben kein normaler Publikumsverlag ist, sondern ein akademischer Verlag – und bei denen haben sich inzwischen Geschäftsmodelle eingebürgert, die für den normalen Nutzer sehr merkwürdig klingen: „OUP hat seit dem 19. Jahrhundert Wörterbücher und Thesauri verkauft – doch eine digitale Version des OED oder des Historical Thesaurus of the Oxford English Dictionary verkaufen sie dir nicht, zu keinem Preis der Welt“. Als Doctorow sich gegenüber Uni-Bibliothekaren über diese Praxis verwundert zeigt, erntete er nur Achselzucken: „Willkommen im Club. Damit müssen wir uns andauernd herumärgern müssen.“

Für Doctorow ist die Praxis der digitalen „Subscriptions“ doppelt ärgerlich. Zum einen, weil sie den Traditionen Oxfords eklatant widersprechen würde – schließlich sei die Bodleiana, Oxfords Hauptbibliothek, schon seit 400 Jahren eine „Pflichtexemplar“-Bibliothek. Doch wie soll eine Bibliothek die Aufgabe, Kultur zu konservieren, eigentlich einhalten, wenn der Zugang zum Verlagsserver jederzeit gekappt werden kann? Weitere Tücken, so Doctorow, würden im Kleingedruckten der Lizenzbedingungen lauern. Etwa das Recht des Anbieters, den Leser bei der Nutzung zu tracken und diese Daten zu speichern, auszuwerten und Dritten zur Verfügung zu stellen. Natürlich gebe es auch Argumente für das Online-Dictionary – etwa Kosteneffizienz oder zeitnahe Aktualisierung. „But the point is that we have sleepwalked into a new way of accessing some very ancient tools“.

Ohne dass es den meisten Menschen bewusst geworden wäre, habe sich das Verhältnis zwischen Nutzer und Verlag komplett umgedreht – „Früher bekam man unbegrenzten, dauerhaften, privaten Zugang zum [persönlichen Exemplar des] OED. Mit den neuen Regeln bekommt Oxford University Press unbegrenzten, privaten und dauerhaften Zugang zu unseren Nutzerdaten, und man selbst behält den Zugang zum OED nur, so lange man zahlt.“ Schöne neue Welt.

Bliebe noch anzumerken: Wer gegen solche Regeln verstößt und sich trotzdem private Kopien von „Subscription“-basierten akademischen Werken verschafft, riskiert zumindest in den USA härtere Strafen als mancher Whistleblower. Dem prominenten Hacktivisten Aaron Swartz drohten nach der Verhaftung durch die MIT-Campus-Polizei am Ende 35 Jahre Haft und eine Strafzahlung von 1 Mio. Dollar – obwohl er das in diesem Fall heruntergeladene Konvolut von Fachzeitschriften nicht einmal weitergegeben hatte. Da hängte der 26jährige sich lieber auf. Kurz zuvor hatte Swartz noch ein Nachwort für Cory Doctorows Roman „Homeland“ verfasst – darin finden sich die Worte: „It’s up to you to change the system“.

Abb.: flickr/e-codices (cc)

Pay what you want: Zweites Humble E-Book-Bundle in 14 Tagen rund 60.000 mal verkauft

Sie haben es wieder getan! Zum zweiten Mal innerhalb von 12 Monaten hat die Bundling-Plattform Humblebundle.com ein E-Book-Päckchen geschnürt – und innerhalb von zwei Wochen sage und schreibe 60.000 DRM-freie Bündel verkauft, und mehr als 650.000 Dollar erzielt (Hinweis: Die Aktion endete am 17. Juli). Mit dabei war etwa Sci-Fi-Autor und BoingBoing-Blogger Cory Doctorow mit dem Hacker-Roman „Little Brother“, Cherie Priests Zombie-Schocker „Boneshaker“ und Robert Charles Wilsons preisgekrönte Sci-Fi-Novel „Spin“. Wie üblich lief die Aktion auch diesmal unter dem Motto „Pay what you want“ – schon ab einem Cent ist man bei HumbleBundle dabei. Der Durchschnitt lag am Ende jedoch bei 10,91 Dollar, und das aus gutem Grund: Es gibt nämlich verschiedene Incentives, mehr Geld auszugeben.

Ab 1 Cent loslesen – doch mehr geben lohnt sich…

Wer mehr als den Durchschnitt spendet, erhält zusätzliche Titel – beim zweiten E-Book-Bundle waren das sogar ein halbes Dutzend, darunter der erste Band von Randall Munroes Nerd-Comic xkcd und „Signal to Noise“ von Neil Gaiman und Dave McKean. Abgesehen vom Preis kann der Käufer zudem festlegen, wie die Kaufsumme aufgeteilt wird. Neben der Tantieme für die Autoren und einem Trinkgeld für die Plattform kann man Geld an drei Organisationen spenden: an die Digital-Rights-Aktivisten der Electronic Frontier Foundation, an Child’s Play Charity sowie an den Verband der Science Fiction- und Fantasy-Schriftsteller. In der Default-Einstellung geht der Löwenanteil an die Autoren und die Charity, die Plattform selbst begnügt sich mit einem kleinen Rest. Viele HumbleBundle-Fans geben übrigens deutlich mehr als der Durchschnitt, die höchste Einzelspende lag bei 250 Dollar.

HumbleBundle ist freie Marktwirtschaft par excellence

Das Geheimnis des Erfolgs liegt wohl in der Kombination verschiedener Elemente: zum einen sind natürlich prominente Self-Publishing-Autoren aus dem Sci-Fi-Bereich ein großartiges Aushängeschild für eine Bundling-Plattform, die vor allem im Bereich Gaming und Musik arbeitet. Die Fangemeinde von Doctorow & Co. ist technikaffin, weiß DRM-freie Lektüre zu schätzen und liebt Community-basierte Experimente. Als sehr gelungen muss man zugleich die Verbindung von Crowdfunding und Fundraising für den guten Zweck Charity-Gedanken bezeichnen. Letztlich aber stimmt aber wohl vor allem eins – die Leser fühlen sich als Konsumenten ernst genommen: Preisbildung, aber auch die Verteilung der Gelder wird schließlich der Weisheit der Massen überlassen. Das nennt man übrigens auch freie Marktwirtschaft.

Mit etwas Fantasie kann auch bei uns gebundelt werden

Grundsätzlich sind „Bezahl-was-du-willst“-Aktionen deswegen auch in Deutschland möglich – sogar im Buchbereich. Die in der digitalen Ökonomie ohnehin absurde Buchpreisbindung gilt nämlich streng genommen nur für Verlage, Self-Publisher sind von dieser Einschränkung explizit ausgenommen. Tatsächlich gab es mit dem auf Indie-Autoren begrenzte „HambelBandel“ von Mexxbooks auch schon mal einen Versuch, das US-Prinzip des Crowd-Bundlings nach Mitteleuropa zu bringen, allerdings mit eher mäßigem Erfolg. Ein Berliner Verlag, der „Pay-what-you-want“ mit einem normal verlegten E-Book ausprobierte, wurde dagegen von Konkurrenten abgemahnt. Mit etwas Fantasie könnte es jedoch zukünftig auch kleinen deutschen Publishern gelingen, Lücken im System auszunutzen, etwa durch „buchuntypische“ Lizenzen, die nur für eine bestimmte Zeit gelten. Wie wäre es z.B. mit einem 99-Jahre-Lese-Leasing, Hongkong-Style?

For the Win (Cory Doctorow)

Hacker können die Welt verändern – Online-Spieler ebenfalls. Schon in „Little Brother“ konstruierte Cory Doctorow den Aufstand der Jugend rund um ein klandestines Netzwerk aus gecrackten X-Boxes. Als Helden seines Romans „For the Win“ wählte der Boing-Boing-Blogger und Digital-Rights-Aktivist dagegen professionelle Hardcore-Gamer aus der Online-Rollenspieler-Szene. Nicht gegen den Sicherheitsstaat begehren sie auf, sondern gegen die scheinbar allmächtige Unterhaltungsindustrie. Denn aus dem Spiel ist längst Ernst geworden. In der nahen Zukunft von „For the Win“ sind die virtuellen Ökonomien mancher Online-Spielewelten so bedeutsam wie die realen Volkswirtschaften ganzer Länder. In digitalen Sweatshops zwischen Mumbai und Shenzhen verdienen sich die jugendliche Tagelöhner ihr Geld mit „Gold Farming“: als Online-Avatare erwirtschaften sie virtuelle Güter, die sich an Spieler in den USA oder Europa verkaufen lassen. Das reicht zum Überleben, wenn auch als Working Poor. Anders als Fabrikarbeiter der Old Economy hat die globale Kaste der Berufsspieler jedoch einen Vorteil – die grenzenlose Vernetzung. Das Battle beginnt… Wie es sich für Cory Doctorow gehört, ist natürlich auch „For the Win“ unter Creative Commons lizensiert und kostenlos als E-Book erhältlich. Die gedruckte Fassung gibt’s als Paperback für 7,50 Euro.

Hacktivismus in den Zeiten der Krise: Cory Doctorow, Homeland

Marcus Yallow alias „w1n5t0n“ ist wieder da – doch nicht nur für den Autor, auch für den Helden aus Cory Doctorows Roman „Little Brother“ sind einige Jahre vergangen. Spielte die Handlung des ersten Teils dieser Polit-Hacker-Story noch in der von George W. Bush geprägten Post-9/11-Ära, so geht es in „Homeland“ um das Amerika von Wirtschaftskrise & Occupy Wallstreet. Wie der Titel schon verrät, hat sich am grundlegenden Konflikt zwischen (Netz-)Bürgern und dem Sicherheitswahn der Behörden nichts geändert: ähnlich wie in der TV-Serie „Homeland“ ist auch im Roman „Homeland“ die „Heimatschutzbehörde“ das Synonym für staatliche Paranoia. Verfassungsgrundsätze werden ausgehebelt, Bürger ausspioniert, zugleich haben die Mächtigen viel zu verheimlichen. Doctorows „Little Brother“-Sequel beginnt auf dem „Burning Man“-Festival in der Wüste von Nevada: Als dem College-Dropout Marcus ein Speicher-Stick mit brisantem Material zugespielt wird, geht die Jagd von neuem los. Schafft es Marcus, die Verbrechen der Regierung an die Öffentlichkeit zu „leaken“? Zum Glück hat sich der heldenhafte Nerd im Makerspace mit den neuesten Technik-Trends vertraut gemacht, vom Quadcopter bis zum 3D-Drucker.

„This stuff is real“: Nachwort von Aaron Swartz

Wie schon „Little Brother“ ist auch „Homeland“ kein normaler (Jugend-)Roman, sondern eher eine Mischung aus technophilem Hacktivismus-Traktat und Thriller-Rahmenhandlung: wer etwa wissen möchte, wie man einen Lügendetektor austrickst, findet eine ausführliche Beschreibung (siehe auch Preview). Für den BoingBoing-Blogger und DigitalRights-Aktivist Cory Doctorow war Literatur eben immer schon die Fortsetzung der Netzpolitik mit anderen Mitteln. Nicht ganz zufällig stammt eines der beiden Nachworte aus der Feder des prominenten Hacktivisten Aaron Swartz: „I can tell you something you wouldn’t believe if it came out of the mouth of any of those fictional characters: This stuff is real“, betont Swartz, und macht zugleich Mut: „It’s up to you to change the system“ (siehe Preview). Swartz selbst ist dem System inzwischen selbst zum Opfer gefallen – nach einer abtrusen Anklage wegen Copyright-Verletzungen in 4,8 Millionen Fällen beging der erst 27jährige im Januar Selbstmord.

Homeland ohne DRM veröffentlicht

Ein trauriger Beweis dafür, wie recht Cory Doctorow hat: der Kampf für mehr Bürgerrechte und besseren Datenschutz ist vom Kampf gegen Digital Rights Management nicht zu trennen. Was wohl ein Grund dafür ist, dass die E-Book-Version bei Tor Books erschienen ist – der renommierte Sci-Fi-Verlag verzichtet nämlich seit 2012 komplett auf Kopierschutz. Bisher stellte Doctorow die elektronischen Versionen seiner Romane sogar unter eine weitgehende Creative Commons-Lizenz – von „Little Brother“ existiert deswegen nicht nur eine kostenlose englische Version, sondern auch eine cc-lizensierte deutsche Übersetzung. Für die wenige Tage nach dem Start der Verlagsausgabe ins Netz gestellte cc-Version von Homeland gilt dagegen: „No Derivatives“. Die kostenlose Weitergabe bleibt also erwünscht, eine Abwandlung ist jedoch nur in Absprache mit dem Autor möglich.

Abb.: Tor Books (c)

[e-book-review] Meet the Makers: Chris Anderson besichtigt die industrielle Revolution 3.0

Die „Makers“ kommen – stehen wir am Anfang einer neuen industriellen Revolution? Wie bereits bei Chris Andersons Bestseller „Free – The Future of a Radical Price“ reicht eigentlich schon ein Blick auf den Autor selbst, um die Frage zu beantworten. Vor drei Jahren pushte der ehemalige Wired-Chefredakteur sein damaliges Buch erfolgreich mit einer limitierten Gratis-Ausgabe von E-Book sowie Hörbuchverson – der beste Beweis für die eigenen Thesen. Tatsächlich besitzt Anderson aber auch in Sachen Maker-Revolution eine Menge Street Credibility: als Spin-Off seiner Begeisterung für ferngesteuerte Drohnen gründete er quasi am Wohnzimmertisch eine Flugroboterfirma namens 3DRobotics – die Bauteile kommen u.a. aus dem 3D-Drucker (siehe dazu auch den Wired-Artikel: How I Accidentally Kickstarted the Domestic Drone Boom).

In Zukunft gilt ein universelles Do-it-yourself-Gesetz

In früheren Zeiten mussten Erfinder ihre Ideen verkaufen, da sie auf Kapital und Infrastruktur großer Unternehmen angewiesen waren. Die Vermarktung einer Erfindung aus eigener Kraft gestaltete sich dagegen schwierig bis unmöglich, was Anderson mit einem Beispiel aus der eigenen Familiengeschichte belegt: sein Tüftler-Großvater besaß zwar ein Patent auf einen innovativen Rasensprenger, der in Lizenz von einem großen Hersteller produziert wurde, doch reich werden konnte er mit den Tantiemen nicht. Heutzutage hätte er dagegen deutlich größere Chancen gehabt – denn in der Internet-Ökonomie gilt ein universales Do-it-Yourself-Gesetz: „Das Web hat die Produktionsmittel in allen Bereichen demokratisiert und so ermöglicht, dass Imperien in Studentenbuden gegründet oder Hitalben in Schlafzimmern aufgenommen werden konnten“, so Anderson. Die Auswirkungen kommen tatsächlich einer neuen industriellen Revolution gleich: „So könnte die neue Heimindustrie das Ende für das Industriemodell bedeuten, das die letzten drei Jahrhunderte beherrschte.“

In den Nuller Jahren des 21. Jahrhunderts drehte sich die Startup-Kultur der Internet-Entrepreneure zumeist um die Ware Information – vom Youtube-Star über den Self-Publishing-Autor bis zum App-Programmierer wurden vor allem Bits&Bytes vermarktet. Die Maker-Revolution könnte dagegen in den nächsten zehn Jahren die physische Warenwelt umkrempeln, glaubt Anderson. Zu ihrem Maschinenpark gehören 3D-Scanner und 3D-Drucker, genauso aber auch die Möglichkeit, Ideen, Tools und Designs über das Internet auszutauschen. Sogar das notwendige Startkapital kommt nicht selten aus dem Web – nämlich via Massenspende: „Crowdfunding ist das Risikokapital der Maker-Bewegung. Es wird nicht mehr in eine Firma investiert, sondern in ein Produkt, genauer gesagt in eine Produktidee.“

„Das Geld auf dem Tisch wird zu einer Art Krill“

Inspiriert wurde Anderson bei seinem „Makers“-Projekt von einem Sci-Fi-Roman aus der Feder Cory Doctorows, der nicht zufällig ebenfalls „Makers“ heißt – beschrieben wird darin schließlich der post-fordistische Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion: „Die Tage der großen Unternehmen wie ‚General Electric‘ und ‚General Mills‘ und ‚General Motors‘ sind vorbei. Das Geld auf dem Tisch wird zu einer Art Krill: eine Milliarde kleinster unternehmerischer Chancen, die von schlauen, kreativen Menschen ergriffen und ausgebeutet werden können.“

Die deutsche Übersetzung von „Makers – The New Industrial Revolution“ ist jetzt im Hanser Verlag erschienen – die Hardcover-Version kostet 22,90 Euro, das E-Book stolze 16,99 Euro. Eine subtile Rache der Gutenberg Galaxis, oder einfach nur die übliche Ignoranz gegenüber der digitalen Ökonomie? Dafür spricht auch die Wahl des Untertitels: „Das Internet der Dinge“. Eine äußerst mißverständliche Wiedergabe von Andersons Formulierung, das Internet wirke sich in Zukunft auf materielle Produktionsmethoden aus, und somit auf die „Welt der Dinge“. Um die Repräsentation realer Dinge im virtuellen Raum mittels RFID-Chips oder Barcodes geht’s dabei natürlich nicht. Merke: Nicht nur Autoren, sondern auch Lektoren sollten ab und zu mal bei Wikipedia gegenchecken. Wer doch lieber gleich zum Original greifen möchte: die englischsprachige Kindle-Ausgabe kostet nur knapp 12 Euro…

Abb.: (c) Hanser Verlag

(via tekkni.cc)

Bezahl‘ doch, was du willst: „Humble Ebook Bundle“ toppt 1 Mio. Dollar

Von wegen „bescheidenes E-Book Bündel“: in nur 14 Tagen verkaufte eine Gruppe von Independent-Autoren über die Plattform humblebundle.com mehr als 84.000 E-Book-Bündel, und nahm bis dato satte 1,2 Mio. Dollar ein. Mit von der Partie sind Sci-Fi-Schreiber wie Cory Doctorow („Pirate Cinema“) oder John Scalzi („Old man’s War“), aber auch Comic-Zeichner wie Zack Weiner. Das Geheimnis des Erfolgs liegt nicht nur im Bündeln allein – noch viel mehr Aufmerksamkeit schafft das crowdfunding-ähnliche Bezahl-Prinzip „Pay-what-you-want“. Denn schon ab 1 Cent bekommt man das Standard-Bündel mit sechs Titeln. Spendet man jedoch mehr als den Durchschnittswert (aktuell liegt der bei knapp 14 Dollar), wächst das Bündel auf insgesamt 13 E-Books und E-Comics. Auch das ist immer noch ein tolles Schnäppchen – denn im normalen Verkauf müsste man etwa 157 Dollar für die geballte E-Lektüre berappen. Wie es sich bei Independent-Autoren gehört, sind die E-Books DRM-frei und in zahlreichen Formaten erhältlich.

Autoren-Tantieme kann man selbst festlegen

Abgesehen vom Preis kann der Käufer zudem festlegen, wie die Kaufsumme aufgeteilt wird. Neben der Tantieme für die Autoren und einem Trinkgeld für die Plattform kann man Geld an drei Organisationen spenden: an die Digital-Rights-Aktivisten der Electronic Frontier Foundation, an Child’s Play Charity sowie an den Verband der Science Fiction- und Fantasy-Schriftsteller. Die Default-Einstellung schlägt einen Verteilungsschlüssel von 16,25 Dollar (Autoren), 5 Dollar (Charity) sowie 3,25 (Humble Bundle Plattform) vor. Über virtuelle Schieberegler kann man den Proporz frei nach Gusto gestalten, zwei Buttons ermöglichen es auch, die komplette Summe entweder zu wohltätigen Zwecken oder an die Autoren zu geben. Wie die Spenden-Top-Ten zeigt, haben viele Humble-Bundle-Fans sogar dreistellige Summen in die digitale Sammelbüchse geworfen. Im Durchschnitt geben Linux-Nutzer übrigens am meisten, Windows-Nutzer sind am geizigsten, die Mac-Gemeinde liegt dazwischen.

Download über P2P-Plattformen möglich

An den Start gegangen ist die Plattform mit dem Bezahl-was-du-willst-Prinzip schon 2010 unter dem Namen „Humble Indie Bundle“, und sollte unabhängigen Spieleentwicklern die Vermarktung ihrer Produkte zu ermöglichen. Bereits das erste Bundle (inzwischen gab’s mehr als ein Dutzend) erzielte mehr als 100.000 Downloads und spielte knapp 1 Mio. Dollar ein, der Rekord lag bisher bei knapp 5 Mio. Dollar. Nach Games begann die Plattform im Sommer 2012 erfolgreich mit gebündelter Indie-Musik zu experimentieren. Mit dem „Humble E-Book Bundle“ ist nun auch die Machbarkeit alternativer Marketing-Strategien in der Buchbranche bewiesen. Würden die Humble Bundle-Downloads als normale Buch-Käufe zählen, wären die teilnehmenden Autoren wohl bereits auf der Bestseller-Liste der New York Times gelandet. Was Vertreter der Gutenberg-Galaxis am meisten überraschen dürfte: der Download erfolgt nicht nur über Direkt-Links, sondern auch über P2P/BitTorrent, wird also an die Crowd ausgelagert. Die meisten Humble Bundles tauchen somit irgendwann auf Torrent-Plattformen wie etwa PirateBay auf.

Abb.: Screenshot

„Autoren & Leser wollen es so“: Weltgrößter Sci-Fi-Verlag Tor/Forge verzichtet auf DRM

Die englischsprachige Buchwelt erlebt gerade so etwas wie eine Zeitenwende – die Epoche von Digital Rights Management (DRM) scheint sich dem Ende zuzuneigen. In einem bisher beispiellosen Schritt entschied sich nun Tor, die weltweit wohl wichtigste Adresse für alle Science-Fiction-Fans, auf den lästigen Kopierschutz zu verzichten. Ab Juli 2012 wird das gesamte E-Book-Programm von Tor, Forge und weiteren beteiligten Labels DRM-frei sein. „Unsere Autoren und Leser haben das schon eine ganze Weile von uns verlangt“, so Verlagschef Tom Doherty. „Sie sind ja ohnehin besonders technikaffin, und DRM war für sie ein ständiges Ärgernis. Der Kopierschutz hindert sie daran, legal erworbene elektronische Bücher auf legalem Wege zu nutzen, also etwa von einem Lesegerät zum anderen zu übertragen.“

Eine gewisse Rolle dürfte dabei natürlich auch gespielt haben, dass die technisch versierten Sci-Fi-Leser ohnehin wissen, wie man den Kopierschutz umgehen kann. Die Entscheidung des zur Macmillan-Verlagsgruppe gehörenden Sci-Fi-Labels folgt aber zugleich auch einem neuen Branchentrend, ausgelöst durch die E-Book-Version von Harry Potter: „Es hat teilweise auch mit dem Start von Pottermore zu tun, bei dem J K Rowling komplett auf DRM verzichtet“, gab Jeremy Trevathan von Macmillan gegenüber dem Guardian zu. „So wie es aussieht, konnte die Zahl der Raubkopien dadurch spürbar verringert werden“. An den generellen Abschied von DRM jenseits der Sci-Fi und Fantasy-Sparte denkt man bei Macmillan allerdings bisher noch nicht.

Während viele Buchhändler der Anti-DRM-Politik von Tor eher skeptisch gegenüberstehen, gab es von vielen prominenten Autoren eine Menge Applaus. „DRM hat meine Bücher nicht davor bewahrt, auf der dunklen Seite des Internets aufzutauchen“, so etwa Sci-Fi-Autor John Scalzi auf seinem Blog. „Dagegen wurden meine Fans bestraft, die mich und mein Schreiben mit ihrem Geld unterstützen. Deswegen freue ich mich, dass für alle meine Leser ab Juli gilt: ‚Buy once, keep anywhere’“. Geradezu enthusiastisch äußerte sich Tor-Autor und Digital-Rights-Aktivist Cory Doctorow: „Das könnte die Wasserscheide für DRM bei E-Books sein, der Kippunkt, von dem ab schließlich alle E-Books frei von Kopierschutz sein werden. Es ist ein guter Tag.“

[e-book-review] Freiheitskampf als Live-Hack: Cory Doctorows Post-9/11-Roman „Little Brother“ in deutscher Übersetzung

Little-Brother-Cory-Doctorow E-Bestseller E-Book.gifDer Held heißt W1n5t0n, seine Waffe: ein klandestines Netzwerk aus gehackten X-Boxes. Sein Feind: die amerikanische Heimatschutzbehörde, die San Francisco nach einem Terroranschlag in einen Polizeistaat verwandelt. „Little Brother“ schlägt zurück – in Cory Doctorows gleichnamigem Roman bekommt es der Große Bruder mit Teenager-Hackern zu tun, die nicht nur Passwörter knacken können, sondern vom Flashmob bis zur virtuellen Pressekonferenz die neuen Medien für sich nutzen. Denkt man Themen wie „Vorratsdatenspeicherung“, „Bundestrojaner“ und „Netzsperren“, bringt Rowohlt die deutsche Fassung von „Little Brother“ genau zum richtigen Zeitpunkt heraus.

Von Orwells Held Winston Smith zum X-Box-Hacker w1n5t0n

Cory Doctorow ist wohl jemand, den man getrost als „Geek“ oder „Nerd“ bezeichnen kann. Oder auch ganz einfach als „Digital Native“. Die Karriere des kanadischen Sci-Fi-Autors, Boing-Boing Bloggers und Journalisten wäre ohne Computer und Internet kaum vorstellbar. Zugleich ist Doctorow aber auch ein moderner Bürgerrechtler – mit und in den neuen Medien kämpft er nicht nur für besseren Datenschutz, sondern gegen Digital Rights Management. Viele seiner Sci-Fi-Romane sind auch sehr praktisch ein Plädoyer für Kreativität und Freiheit – Doctorow veröffentlicht die elektronischen Versionen unter einer Creative Commons Lizenz. Little Brother gibt es im Internet bereits in zahlreichen E-Book-Formaten zum kostenlosen Download. Den Verkaufszahlen der Printversion hat diese Strategie nicht geschadet – ganz im Gegenteil. Kurz nach dem Erscheinen im Sommer 2008 war das Buch bereits in den Top Ten der New York Times-Bestsellerliste, Abteilung Kinderbücher. Die deutsche Ausgabe bringt nun Rowohlt in der Jugendbuchreihe „Rotfuchs“ heraus – auch sie dürfte Bestseller-Potential besitzen. Doctorow hat mit dem siebzehnjährigen Helden der Geschichte eine universelle Identifikationsfigur geschaffen.

Ich gehe in die Oberstufe der Cesar Chavez High im sonnigen Mission-Viertel von SF, und das macht mich zu einem der meistüberwachten Menschen der Welt. Ich heiße Marcus Yallow, aber zu der Zeit, als diese Geschichte losging, lief ich unter w1n5t0n. Gesprochen: „Winston“.

Winston hieß der Held aus Orwells „1984“. Als Orwell in den Vierziger Jahren seinen „Großen Bruder“ entwarf, gab es im Alltag noch gar keine Computer. In der Welt von W1n5t0n sind sie allgegenwärtig geworden – Kameras erkennen die Menschen an ihrem Gesicht oder an ihrem Gang, Funkchips in Ausweisen ermöglichen flächendeckende Bewegungsprofile, und die Schul-Laptops senden jeden Mausklick und jedes geschriebene Wort an die Behörden weiter. Doch „Little Brother“ hat gegenüber dem literarischen Vorbild einen deutlichen Vorteil: er ist nicht nur begeisterter Online-Gamer, sondern auch ein technisch versierter Hacker.

Little Brother vs. Big Brother: Aufstand der Gamer-Generation

Little-Brother-Cory-Doctorow E-Bestseller E-Book Rowohlt.gifMarcus und seine Freunde nutzen ihr Technik-Wissen, um sich die „kleinen Fluchten“ des Alltags zu gönnen: während des Unterrichts heimlich im Internet surfen, einen Online-Chat führen, unerkannt das Schulgelände verlassen, um in den Straßen der Großstadt ein ARG (Alternate Reality Game) zu spielen, eine Art digitaler Schnitzeljagd. Doch als ein Terroranschlag San Francisco erschüttert, dem tausenden Menschen zum Opfer fallen, wird aus dem Spiel plötzlich Ernst. „Little Brother“ ist ein typisches Beispiel für Post-9/11-Fiction – wieder einmal schlägt die Stunde der Exekutive, in diesem Fall in Gestalt der Heimatschutzbehörde. In San Francisco herrscht der Ausnahmezustand. Marcus und seine Freunde werden als Terror-Verdächtige auf einer Gefängnisinsel interniert, die bald im Volksmund „Gitmo-by-the-bay“ genannt wird. Erst nachdem er sämtliche Passwörter für Handy, Mail-Accounts und Internet-Server preisgibt, wird Marcus wieder auf freien Fuß gesetzt. Andere Kids, wie etwa Marcus‘ bester Freund Darryl, kehren aus dem neuen Gulag-System nicht mehr zurück. Doch auch Marcus bleibt im Visier der Heimatschutzbehörde. Sein PC wird verwanzt, und er gerät er aufgrund seines Nahverkehrs-Bewegungsmusters in Polizeikontrollen. Ähnlich geht es vielen anderen Jugendlichen. Um die überwachungsfreie Kommunikation zu ermöglichen, startet Marcus ein alternatives Datennetz namens X-net. Als Software dient das fiktive Betriebssystem „Paranoid Linux“, das für anonymes und abhörsicheres Surfen in autoritären Staaten wie Syrien oder China entworfen wurde. Als Hardware nutzen die X-net-Aktivisten gehackte X-Boxes von Microsoft. Fertig ist Gemeinschaft aus „Little Brothers“. Der Aufstand der Gamer-Generation hat bei allem Ernst tatsächlich auch etwas verspieltes – doch für die Erwachsenenwelt bedeutet er zunächst einmal eins: Chaos. Die lückenlose Überwachung wird gestört, Datensätze auf Funkchips werden ausgetauscht, immer mehr Bürger geraten in Polizeikontrollen. Doch das System schlägt zurück. Die Polizeitruppen werden aufgestockt, das X-Net wird mit V-Leuten infiltriert, die gleichgeschaltete Presse brandmarkt die Aktivisten als Terror-Sympathisanten. Schließlich steht Marcus vor der schwierigsten Wahl seines Lebens – soll er eine erneute Verhaftung riskieren, vielleicht sogar Folter und Tod, oder besser mit seiner Freundin Ange aus San Francisco fliehen?

“Trau keinem über 25“: Die Exzesse des Sicherheitsstaates lösen in „Little Brother“ einen Generationenkonflikt aus

Doctorow hat „Little Brother“ zwischen Mai und Juli 2007 zu Papier gebracht, besser gesagt, in sein Netbook getippt, als wäre er selbst ein 17-jähriger Hacker. „There were days when I wrote 10.000 words, hunching over my keyboard in airports, on subways, in taxis – anywhere I could type“, schreibt er im Vorwort der englischsprachigen Ausgabe. Parallelen zwischen Marcus „Winston“ Yallow und Doctorow dürften wohl kaum zufällig sein: Doctorow, Jahrgang 1971, war schon als Teenager ein Technik-Enthusiast – besonders begeistert von den Möglichkeiten, über digitale Netzwerke politische Arbeit zu organisieren. „Little Brother“ ist zugleich aber eine Reaktion darauf, dass in der Welt nach dem 11. September Internet und PC wieder jenen Orwellschen Touch bekommen, den früher einmal die „Elektronische Datenverarbeitung“ hatte: „The 17 year olds I know understand to a nicety just how dangerous a computer can be. The authoritarian nightmare of the 1960s has come home for them. The seductive little boxes on their desks and in their pockets watch their every move, corral them in, systematically depriving them of those new freedoms I had enjoyed and made such good use of in my young adulthood.“ Die Exzesse des Sicherheitsstaates lösen in „Little Brother“ einen Generationenkonflikt aus – die Jugendlichen fühlen sich von den Erwachsenen zunehmend eingeengt und verfolgt. Am Ende lautet die Parole dann: „Trau keinem über 25“. Dabei betreffen selbstverständlich Maßnahmen wie Online-Durchsuchungen, rigider Kopierschutz oder Netzsperren die Erwachsenen genauso. Doctorows Zuspitzung auf eine jugendliche Zielgruppe hat aber zugleich auch viel mit der gesellschaftlichen Realität zu tun – schließlich werden etwa Online-Games, Facebook oder Musik-Downloads vor allem von der Generation U 25 genutzt. Es ist somit vor allem ihr Leben, das mit der zunehmenden Kontrolle des Internets durch staatliche Instanzen an Qualität verliert – in den USA genauso wie in Europa. Nicht jeder Teenager, der einen Firefox-Browser, Filesharing-Sites oder eine gehackte X-Box nutzt, wird sich bisher als Digital Rights-Aktivist oder sogar als Bürgerrechtler gesehen haben. Die Lektüre von „Little Brother“ könnte das jedoch verändern…

Zur aktiven Doctorow-Lektüre könnte auch gehören, auf den Kauf des E-Books zu verzichten

Im Grunde genommen beginnt der Lernprozess sogar schon vor der Lektüre. Denn Doctorows Romane gibt es schließlich nicht nur als kommerzielle Print-Titel, sondern in verschiedenen digitalen Varianten auch kostenlos im Internet. Nicht nur auf englisch, sondern auch auf deutsch. Möglich macht das die Veröffentlichung des Originals unter der Creative Commons Lizenz. Eine kostenlose, DRM-freie Übersetzung von Christian Woehrl kann man sich somit umsonst herunterladen, etwa im epub oder pdf-Format. Für die deutsche Taschenbuchausgabe, übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn, muss man dagegen 14,95 Euro hinblättern. Für die kommerzielle E-Book-Version sind sogar noch fünf Cent mehr zu berappen. Dank DRM-Schutz wird man mit der elektronischen Version genau das nicht machen können, was für Doctorow selbst für das A und O von digitalen Büchern hält: man kann „Little Brother“ in dieser Form weder weitergeben noch verändern. Aber auch so trägt ja letztlich die deutsche Ausgabe zu Doctorows ureigenem Anliegen bei. „This book is meant to be part of the conversation about what an information society means: does it mean total control, or unheard-of liberty? It’s not just a noun, it’s a verb, it’s something you do“, heißt es im Vorwort der englischen E-Book-Ausgabe. Zur aktiven Doctorow-Lektüre könnte in Deutschland also auch gehören, auf den Kauf des E-Books zu verzichten.

doctorow e-book bestseller little brother.jpgCory Doctorow,
Little Brother (März 2010)
Rowohlt Paperback, 512 Seiten, 14,95 Euro
E-Book: Rowohlt Digital (epub), 14,99 Euro