Wem gehören Photonen? E-Comic „Bound by Law“ erklärt Copyright & Public Domain

„Wem gehören Photonen? Wenn das Objektiv der Kamera sich öffnet und all die Lichtreflexe einsammelt, die von Gebäudeoberflächen, Gesichtern, T-Shirts, Gemälden, Skulpturen und Fotos ausgehen, ist man dann ein Gesetzesbrecher? Verstößt das Mikrofon gegen Gesetze, wenn es Luftbewegungen aufnimmt, die durch Stimmen, Gesang oder Hintergrundmusik entstehen?“ Eine gute Frage – gestellt vom kanadischen Digital Rights Aktivisten Cory Doctorow in seiner Einführung zu „Bound by Law“, einem Comic zum Thema US-Copyright versus Public Domain.

Dokumentarfilm ist kein Kavaliersdelikt

Die Antwort auf die Frage ist nicht ganz so trivial, das machen Comiczeichner & Jura-Prof Keith Aoki und seine Kollegen James Boyle und Jennifer Jenkins dem Leser am Beispiel einer (fiktiven) Dokumentarfilmerin schnell deutlich – denn deren Projekt, den New Yorker Alltag auf Zelluloid und Tonspur zu bannen, stößt auf viele juristische Hindernisse. Will man nicht viel Geld für Anwälte und aufwändige Prüfungen ausgeben, bleibt oft nur das Herausschneiden von ganzen Szenen oder die Ersetzung von Miles Davis aus dem Saxophon des Straßenmusikers durch Mozarts kleine Nachtmusik.

E-Comic wird via cc-Lizenz verbreitet

In den Worten von Cory Doctorow: „Copyright soll eigentlich Kreativität fördern, tatsächlich wurde es aber von ein paar Playern aus der Unterhaltungsindustrie als Geisel genommen und pervertiert“. Wie es besser gehen könnte, zeigt der Comic im zweiten Teil – dort geht es nämlich um die Vorteile von Creative Commons-Lizenzen. Die Vorteile von cc-Inhalten erfährt der Leser des im klassischen Stil von Will Eisner & Co. gezeichneten Comics aber auch ganz praktisch: die E-Comic-Version ist nämlich selbst cc-lizensiert und kann kostenlos heruntergeladen werden, z.B. im PDF-Format.

Bald auch deutsche Version?

Und vielleicht gibt’s „Bound by Law“ irgendwann auch mal auf Deutsch – denn die cc-Lizenz des erstmals 2006 veröffentlichten Comics erlaubt Übersetzungen, mittlerweile existieren bereits Versionen auf Portugiesisch, Französisch und Italienisch. Entstanden ist der Comic nicht ganz zufällig am „Center for the Study of the Public Domain“ der Duke University/North Carolina. „Merkwürdigerweise scheint unser Zielpublikum nicht sehr motiviert zu sein, akademische juristische Abhandlungen zu lesen“, stellen die Autoren in einem Nachwort fest – in Wort und Bild haben sie nun deutlich mehr Leser bekommen.

Aoki/Boyle/Jenkins:
Bound by Law (Tales from the Public Domain)
E-Book (kostenlose cc-Version) PDF/HTML/Flash
Taschenbuch (via Amazon.de) 9,65 Euro

(via Open Culture)

Neues Urteil: Google darf weiter Bücher scannen – „Fair Use“

Schon seit zehn Jahren scannt Google komplette Bibliotheken ein, um die Bücher dann via Google Books online zugänglich zu machen – aktuell umfasst die Datenbank schon mehr als 30 Millionen Titel. Fast genau so lange wird mit Autoren und Verlagen darüber gestritten, ob das noch unter „Fair Use“ fällt oder nicht. Ein neues Urteil aus New York gibt Google nun grundsätzlich recht: so lange urheberrechtlich geschütztes Material nur häppchenweise im Browser erscheint (die berühmten „Snippets“), sei das mit dem Copyright-Gesetzen der USA konform, so der für den Bezirk Manhattan zuständige Richter Denny Chin.

Die aktuelle Entscheidung könnte ein Wendepunkt in einem Rechtstreit darstellen, der schon 2005 begann, als der US-Autorenverband Author’s Guild, der Verlegerverband AAP sowie große Verlage den Suchmaschinen-Riesen verklagten. Zwischenzeitlich gab es bereits einen provisorischen Vergleich, das „Google Book Settlement“, in dessen Folge Google schon mehr als 100 Millionen Dollar Tantiemen an Rechteinhaber zahlen musste. Für einzelne Titel wurde jedoch vergleichsweise wenig Geld gezahlt – die Summen bewegten sich im niedrigen zweistelligen Dollar-Bereich. 2011 wurde dieser Vergleich dann von den Gerichten wieder verworfen.

Wie die Geschichte endet, ist auch jetzt noch nicht ganz klar. Gegen das aktuelle Urteil zugunsten von Google will die Author’s Guild Berufung einlegen. Eine endgültige Niederlage vor Gericht könnte für Google teuer werden – da die Author’s Guild pro Titel eine Entschädigung von 750 Dollar verlangt, wird die mögliche Gesamtsumme auf bis zu 3 Milliarden Dollar geschätzt. Doch Bezirksrichter Denny Chin zufolge gibt es gar keinen Grund für eine Entschädigung – das Scan-Projekt würde den Buchverkauf nicht behindern, sondern eher fördern. Schließlich hauche man vergriffenen und vergessenen Titeln quasi neues Leben ein: „Meiner Ansicht nach hat Google Books einen deutlichen Nutzen für das Gemeinwesen.“

Abb.: Flickr/Jim Barter (cc)

Google-Report: „Bestes Mittel gegen Piraterie sind mehr & bessere legale Angebote“

Google ist für die Content-Industrie Segen und Fluch zugleich – denn wer sucht, der findet, und manche Suchergebnisse verweisen auf illegale Kopien von E-Books, MP3s und Filmen. Allerdings sind die Ergebnisse mittlerweile stark gefiltert, so werden etwa Piraterie-spezifische Begriffe bei der „Auto-Complete“-Funktion unterdrückt, und verdächtige Seiten vom Suchalgorithmus auf die hinteren Plätze verwiesen. Außerdem löscht Google auf Anfrage vor allem von Verbänden der Musik- und Filmindustrie immer mehr Einträge komplett aus der Datenbank. Torrentfreak zufolge wurden im Jahr 2013 als Reaktion auf solche „Takedown Requests“ sage und schreibe 200 Millionen Links entfernt – gesetzliche Grundlage ist in den USA dafür der „Digital Millenium Copyright Act (DMCA)“.

„Preis, Komfort & Angebot müssen stimmen“

Der Contentindustrie geht das immer noch nicht weit genug, sie fordert nach wie vor, dass Google alle verdächtigen Links selbst aufspüren und umgehend entfernen soll. Damit würde man natürlich auch sehr elegant das Problem der „False Positives“ umschiffen – denn schon bisher wird mindestens 1 Prozent der „Takedown Requests“ von Google abgelehnt, weil es sich etwa um Versuche handelt, legale Inhalte zu zensieren, legale Wettbewerber aus dem Rennen zu werfen oder ganz einfach abzukassieren (Stichwort: „Copyfraud“). Kein Wunder, dass Google lieber am bisherigen System festhalten möchte – und stattdessen auf mehr Effizienz bei den technischen Verfahren setzt. Doch nicht nur das: im aktuellen Report „How Google Fights Piracy“ wird die Content-Industrie auch recht unverblümt aufgefordert, gefälligst vor der eigenen Tür zu kehren.

Punkt Eins von Googles „Anti-Piraterie-Prinzipien“ lautet schlicht: schafft mehr und bessere legale Angebote. „Piraterie entsteht oft, wenn die Nachfrage auf Konsumentenseite nicht von einem legalen Angebot bedient wird“, heißt es im Report. Und weiter: „Wie Services von Netflix über Spotify bis zu iTunes gezeigt haben, bekämpft man Piraterie am besten mit verbesserten und komfortableren Dienstleistungen. Die richtige Kombination von Preis, Komfort und Angebotsspektrum wird weitaus mehr zur Reduzierung von Piraterie beitragen als Zwangsmaßnahmen.“

Phonoindustrie: Erstmals steigen die Umsätze wieder…

Dabei kann Google auf entsprechende Studien verweisen, die für verschiedene Länder einen direkten Zusammenhang zwischen der Einführung von Flatrate- & Streaming-Angeboten und einem starken Rückgang an illegalen Downloads belegen. Wirtschaftlich scheint die Rechnung inzwischen ebenfalls aufzugehen, wenn das Angebot stimmt: so verzeichnete der Weltverband der Phonoindustrie 2012 mit einem Ergebnis von 16,5 Milliarden Dollar erstmals seit mehr als zehn Jahren wieder ein leichtes Umsatzwachstum, wobei das Digitalgeschäft bereits 35 Prozent dazu beitrug.

Letztlich ist Google an diesem Boom direkt beteiligt – und das nicht nur über eine Plattform wie Youtube. Schließlich laden Android-Nutzer populäre Streaming-Apps aus dem Google Play Store. Das gilt nicht nur für Netflix oder Spotify, sondern z.B. in Deutschland auch für E-Book-Apps à la Skoobe, Onleihe & Co. Dass sich die meisten Nutzer ohnehin nicht auf Piraten-Plattformen verirren, sondern von den Suchmaschinen gleich auf legalen Content geleitet werden, könnte übrigens auch einen ganz banalen Grund haben: Google zufolge wird zumeist nur der Name eines Künstlers oder ein Titel in die Suchmaske eingegeben, die Kombination mit Begriffen wie „free“ oder „download“ kommt weitaus seltener vor.

Abb.: Flickr/courosa (cc)

Copyright killt Backlist: Neue Studie zum „Verschwinden“ von Büchern

Muss man geistiges Eigentum mit intensivem Copyright schützen, damit über Jahrzehnte hinaus eine kontinuierliche Verwertung gesichert ist? Nein, behauptet Jura-Prof Paul Heald (University of Illinois) schon seit vielen Jahren, ganz im Gegenteil: die Ausweitung der Schutzfristen habe geradezu zum Verschwinden eines Großteils der Backlist geführt. Eine wichtiger Zweck des Copyrights werde damit ad absurdum geführt – nämlich die Verfügbarmachung von Literatur. Zahlen gefällig? Bitteschön: für sein aktuelles Paper „How Copyright Makes Books and Music Disappear“ hat Heald die Probe auf’s Exempel gemacht, und sich ein zufällige Sample von 2.300 neu bei Amazon.com veröffentlichten Büchern angeschaut – mit erstaunlichem Ergebnis. (OpenAccess-Version der Studie via „Social Science Research Network“ erhältlich).

„Kurz gefasst, Copyright lässt Bücher verschwinden“

Das Ergebnis könnte nämlich eindeutiger nicht sein: „Es gibt eine hohe Korrelation zwischen dem Copyright und dem Verschwinden von Werken, aber nicht mit ihrer Verfügbarkeit“, so Heald. „Kurz nach dem Werke entstehen und mit Copyright versehen werden, neigen sie zum Verschwinden aus der Öffentlichkeit, und kehren erst dann wieder ins Blickfeld zurück, wenn sie in die Public Domain fallen und keinen Eigentümer mehr haben.“ So seien bei Amazon.com dreimal mehr Titel aus den 1850er Jahren lieferbar als aus den 1950er Jahren, obwohl im 19. Jahrhundert weitaus weniger Bücher produziert wurden. „Kurz gefasst, Copyright scheint Bücher verschwinden zu lassen“ Die gute Nachricht: Es gäbe durchaus einen Markt für all diese “missing books”. Die schlechte: Durch das Copyright werden die Marktkräfte jedoch ausgeschaltet.

Zufällig erzeugte ISBN-Nummern als Basis

Die gängige Praxis geht offenbar von ganz anderen Prämissen aus: „Mächtige Copyright-Lobbyisten umrunden den Globus und empfehlen immer längere Schutzfristen, mit dem Argument der mangelnden Verwertungsmöglichkeiten für den Fall, das ein Werk in den Bereich der Public Domain fällt“, so Heald. Schon bisherige Studien (u.a. von Heald selbst) hatten eher gegenteilige Ergebnisse geliefert, indem etwa die Lieferbarkeit von ausgewählten Bestsellern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts untersucht wurde. Um das Argument erneut zu testen, wurden dieses Mal zufällig ISBN-Nummer erzeugt und in die Suchmaske von Amazon.com eingegeben. Handelte es sich dabei um die Kategorie „Literature and Fiction“, wurden die Titel in das Sample aufgenommen. Im zweiten Schritt versuchten die Forscher, das Erstveröffentlichungsdatum herauszufinden. Das gelang bei 2.317 von insgesamt 7.000 Titeln. Nur diese Bücher wurden für die statistische Analyse verwendet.

„Interesse der Verlage hält nur wenige Jahren“

Schon die erste grobe Auswertung bietet eine kleine Überaschung: 72 Prozent (1665 Titel) fallen in den Public Domain-Bereich, nur 28 Prozent (652) stehen unter Copyright. Der eigentliche Hingucker ist jedoch die Verteilung der Werke über die einzelnen Jahrzehnte. Gäbe es überhaupt kein Coypright, so Heald, müssten man eine langsam abflachende Kurve erwarten, denn man dürfe ja annehmen, dass die Werke mit zunehmenden Alter an Popularität verlieren und dementsprechend das Interesse an einer Verwertung abnimmt. „Stattdessen fällt die Kurve stark und schnell ab, und steigt dann ebenso spektakulär wieder an für Bücher, die vor 1923 veröffentlicht wurden.“ Aus den 1980er Jahren etwa sind aus dem Sample nur 29 Titel lieferbar, gegenüber 254 aus den Jahren 2000 bis 2010. Healds Diagnose: „Verleger haben offenbar kein Interesse daran, ihre Bücher länger als ein paar Jahre nach der Veröffentlichung auf Amazon zu verkaufen.“

„Oldies but Goldies? Gilt nur für die goldenen 1850er“

Noch krasser ist das Mißverhältnis, wenn man die Zahlen mit dem geschätzten Publikationsvolumen der jeweiligen Jahrzehnte abgleicht. Schließlich wurden im 19. Jahrhundert deutlich weniger Bücher gedruckt als im 20. Jahrhundert – Heald nimmt beispielsweise an, das in den 1850er Jahren sechsmal weniger Titel auf den Markt kamen als zwischen 1950 und 1960. Berücksichtigt man diesen Proporz-Unterschied, werden derzeit auf Amazon.com sogar 18 mal mehr Titel aus den 1850er Jahren verkauft. Also von wegen „Oldies but Goldies“ – das gilt für die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts nicht. Übrigens auch nicht im Musikbusiness, das Heald für seine Studie ebenfalls untersucht hat. Auf dem DVD-Markt gibt es eine vergleichbare Verwertungslücke bei älteren Titeln. Anders als bei Büchern, so Heald, existiere jedoch in den USA bereits funktionierendes Modell, die lähmende Wirkung des Copyrights bei Songs zu durchbrechen: Youtube. Bevor die Plattform Videos wegen Urheberrechtsverstößen ausliste, würden die Rechteinhaber nämlich gefragt: „Möchten Sie nicht lieber eine Anzeige schalten und mit dem Titel Geld verdienen?“.

(via Teleread)

Abb. oben: flickr/pfv (cc)

Abb. unten: Statistik aus Heald, How Copyright Makes Books and Music Disappear (2013)

Neues Patent für gebrauchte digitale Güter: Verkauft Amazon bald E-Books aus zweiter Hand?

Nach dem der Verleih von E-Books erfolgreich angeschoben wurde, plant Amazon offenbar schon die nächste Etappe in der digitalen Verwertungskette: den Verkauf von Second-Hand-E-Books. Ein deutlicher Hinweis darauf könnte ein jetzt erteiltes Patent für einen „elektronischen Marktplatz gebrauchter digitaler Objekte“ sein. Im Abstract der Patentschrift geht es um eine ganze Reihe von Produkten, neben Audio, Video und Apps werden aber ausdrücklich auch E-Books genannt. Beschrieben wird in dem bereits im Jahr 2009 eingereichten Patent nicht nur der Verkauf oder Verleih gebrauchter digitaler Güter, sondern auch die Möglichkeit, eine Weitergabe zu limitieren:

„Eine Objekt-Bewegungs-Schwelle (Object Move Threshold, OMT) kann gesetzt werden. Die OMT verhindert ggf. den Transfer eines gebrauchten digitalen Objekts zu anderen personalisierten Datensammlung, wenn das Objekt öfter übertragen wurde, als das gesetzte Limit es zulässt. Dadurch soll die Verknappung digitaler Objekte im Marktplatz erhalten bleiben. Ein populärer Songtitel könnte etwa eine OMT von drei haben, so dass nur drei Transfers zu anderen personalisierten Datensammlungen erlaubt wären. Wurde die gesetzte Schwelle erreicht, kann das digitale Objekt ohne Erlaubnis nicht mehr einer anderen Person zugeordnet werden.“

Eine solche Limitierung existiert bereits bei Amazons Kindle-Book-Lending-Feature – ausgewählte E-Books können die Nutzer genau ein Mal an Freunde oder Bekannte verleihen, wenn der Rechteinhaber diese Funktion für den betreffenden Titel freigegeben hat. Nun geht es aber offenbar darum, wie oft ein Kindle-Book innerhalb des Amazon-Universums von Kunde zu Kunde weiterverkauft werden darf. Dabei könnte in Zukunft auch eine Rolle spielen, ob man Premium-Kunde ist – den Patentunterlagen zufolge könnten Amazon Prime-Mitglieder einen Titel untereinander öfter weiterverkaufen als normale Kunden.

Ob E-Books überhaupt weiterverkauft werden dürfen, hängt natürlich auch von der Wirksamkeit der sogenannten „First Sale“-Doktrin ab – in Deutschland auch „Erschöpfungstatbestand“ genannt: E-Books wären in diesem Fall Büchern und auch anderen physischen Produkten gleichgestellt. Einmal gekauft, darf man mit ihnen machen, was man will – inklusive Weiterverkauf. Bisher schließt Amazon selbst diese Möglichkeit in den Lizenzvereinbarungen aus („you may not sell, rent, lease, distribute, broadcast, sublicense, or otherwise assign any rights to the Digital Content or any portion of it to any third party“) – ein vielbeachtetes Urteil des Europäischen Gerichtshof weist jedoch mittlerweile in eine andere Richtung. In der Causa Oracle gegen UsedSoft wurde nämlich entschieden: Gebrauchte Software darf grundsätzlich weiterverkauft werden, selbst dann, wenn sie im Internet heruntergeladen wurde.

(via Digital Reader & Geek Wire)

Abb.: nodoca/Flickr (cc)

Schwarzer Tag für das Urheberrecht – Lobbyismus setzt sich vorerst durch

Gestern hat der Koalitionsausschuss der Bundesregierung getagt. Die Anwesenden haben sich entschieden, dass der Gesetzentwurf zum 3. Korb bald kommen soll. In diesem Gesetzentwurf befinden sich Regelungen zur Neueinführung des sogenannten Leistungsschutzrechts für Presseverlage. Seit zwei Jahren warnen nahezu sämtliche Experten vor der Einführung dieses Leistungsschutzrechtes. je nach Standpunkt des Betrachters hätte diese Urheberrechtsverschärfung massive Auswirkungen auf die Online-Wirtschaft, auf Blogs und den Umgang mit Überschriften und Links zu und mit digital verfügbaren Informationen. Bislang ist noch offen, was am Ende genau in diesem Gesetz stehen wird. Klar ist aber, sollte eine solche Einführung tatsächlich den Gesetzgebungsprozess erfolgreich meistern, wäre dies ein Kniefall der Bundesregierung vor den Lobbybemühungen der deutschen Presseverlage. Und dies bar jeder Kenntnis.

Im Protokoll des Koalitionsausschusses vom 04. März heißt es:

2. Urheberschutz – Leistungsschutzrecht für Presseverlage
Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass Verlage im Online-Bereich nicht schlechter ge- stellt sein sollen als andere Werkvermittler. Deshalb sollen Hersteller von Presseerzeug- nissen ein eigenes Leistungsschutzrecht für die redaktionell-technische Festlegung journalistischer Beiträge oder kleiner Teile hiervon erhalten.
Gewerbliche Anbieter im Netz, wie Suchmaschinenbetreiber und News-Aggregatoren, sollen künftig für die Verbreitung von Presseerzeugnissen (wie Zeitungsartikel) im Internet ein Entgelt an die Verlage zahlen. Damit werden die Presseverlage an den Gewinnen gewerblicher Internet-Dienste beteiligt, die diese – mit der bisher unentgeltlichen – Nutzung der Verlagserzeugnisse erzielen. Auch die Urheber sollen eine angemessene finan- zielle Beteiligung an der Verwertung des Leistungsschutzrechts erhalten. Einzug und Verteilung der Entgelte soll über eine Verwertungsgesellschaft erfolgen. Die Schutzdauer soll ein Jahr betragen.
Die private Nutzung von Presseerzeugnissen im Internet wird nicht vergütungspflichtig, normale User werden also nicht betroffen sein. In der gewerblichen Wirtschaft bleiben das Lesen am Bildschirm, das Speichern und der Ausdruck von Presseerzeugnissen kostenfrei.

Bis heute ist völlig ungeklärt, welche wirtschaftlichen Folgen die Einführung eines solchen massiven Eingriffs in den Markt hätte. Es existiert bis heute keine wirtschaftliche Folgeabschätzung. Der Entwurf soll sich nach dem Wunsch der Zeitungsverleger insbesondere gegen Google News richten. Natürlich kann man diskutieren, wie kooperative Beteiligungsmodelle zwischen verschiedenen Playern im digitalen Sektor aussehen können. Ein gesetzlicher Zwang ist aber ein verheerender Schritt.

Zudem drohen durch die im Urheberrecht sehr weit gefasste “Gewerblichkeitsschwelle” auch Blogs und eine Vielzahl von anderen Angeboten in eine neue Kostenpflichtigkeit zu fallen. Da hilft es nichts, wenn die KOA im Protokoll vermerken lässt, “die private Nutzung von Presseerzeugnissen wird nicht vergütungspflichtig”. In der Praxis wird völlig offen sein, ob beispielsweise ein Flattr-Button auf der Website schon die Gewerblichkeit positiv indiziert. Das sollen dann die Gerichte entscheiden? Komplett offen ist je nach Ausgestaltung des Gesetzes auch, ob dadurch möglicherweise eine neue Abmahnindustrie geboren wird, oder wie die Umsetzung in der Praxis beispielsweise durch das Eintreiben des Geldes durch eine eventuell zu gründende Verwertungsgesellschaft aussehen soll.

Die gestrige Entscheidung des Koalitionsausschuss ist ein schwarzer Tag für das Urheberrecht und den Umgang mit verwandten Schutzrechten in Deutschland. Die Entscheidung ist rückwärtsgewandt, brandgefährlich und zeigt auf beeindruckende Weise die Macht der Presseverlage über die Vernunft und Handlungsfähigkeit der Regierungskoalition.

Es bleibt zu hoffen, dass die Bundestagsabgeordneten diesen Pläne und dem tolldreisten Lobbyismus der Presseverlage im bald folgenden Gesetzgebungsprozess Einhalt gebieten. Selbst aus den Reihen der Abgeordneten der Regierungskoalition gibt es dazu ersten Widerstand.

Alle Informationen zu den Plänen und Diskussionen rund um das Leistungsschutzrecht für Presseverlage gibt es auf der Sonderseite von iRights.info und auch bei der Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht (IGEL) [Disclaimer: Ich bin dort ebenfalls dabei].

Autor & cc-Lizenz: Philipp Otto

Crossposting via irights.info

Abb.: Flickr/917press

E-Book, Film, Software: Was darf man mit Dateien aus Online-Shops machen?

Ob Film, Buch oder Software: Immer mehr Inhalte, die es früher nur auf DVD, Papier oder CD gab, kann man heute als digitalen Download kaufen. Am größten ist das Angebot bei Musik. Zwar hat es viele Jahre gedauert, doch immerhin hier gibt es mittlerweile eine Vielzahl an legalen kommerziellen Diensten mit komfortablen Angeboten. Was man mit seinen Musikdateien machen darf, das wird zum einen durchs Gesetz, zum anderen durch die Nutzungsbedingungen der Anbieter geregelt. Dazu mehr im Text „Was darf man mit digital gekaufter Musik machen?”.

Wie sieht es bei anderen Inhalten aus? Verglichen mit dem Musikbereich ist der Markt für Downloads vor allem bei E-Books und Filmen noch sehr jung. Einiges bewegt sich im Moment bei den E-Books, aber Download-Shops für Filme haben nach wie vor nur wenige treue Kunden gefunden – sei es, weil der neue Film oder die angesagte Serie dort gar nicht erhältlich ist, weil ein Kopierschutz die Käufer abschreckt oder weil andere Angebote zwar illegal, aber verglichen mit den legalen Online-Shops für viele Nutzer insgesamt besser sortiert und bequemer sind.

Um zu erläutern, was jeweils erlaubt ist und was nicht, geht es in diesem Text in drei Stationen durch das rechtliche und technische Dickicht. Auf die besonderen Regeln für Software wird am Ende des Textes eingegangen.

Filme und E-Books: Von Urheberrechten, AGB und Kopierschutzsystemen

Was man mit seinen gekauften Dateien machen darf, hängt bei Filmen und E-Books vom Urheberrecht und von den Nutzungsbedingungen des Anbieters ab. Aber auch, ob ein Kopierschutz vorhanden ist oder nicht, spielt urheberrechtlich eine Rolle. Bestimmte – sonst eigentlich erlaubte – Nutzungsweisen werden oft schon dadurch verhindert, dass die Dateien mit einem Kopierschutz versehen sind. Sowohl bei E-Books als auch bei Filmen ist „Digital Rights Management” (DRM) die Regel, Dateien ohne einen solchen Kopierschutz die Ausnahme. Wer versiert ist oder nach speziellen Programmen sucht, kann einen solchen Kopierschutz zwar umgehen. Das ist aber vom Urheberrecht her nicht erlaubt.

Drei Dinge sind es also, die darüber entscheiden, was man mit seinen Downloads machen darf und kann: erstens das Urheberrecht, zweitens die Nutzungsbedingungen, drittens der gegebenfalls eingesetzte Kopierschutz. Für den Käufer ist die Lage daher im Moment reichlich verworren: Nutzungsbedingungen und Kopierschutz schränken oft ein, was vom Urheberrecht her erlaubt wäre. Umgekehrt können im Sinne des Urheberrechts oder der Nutzungsbedingungen des Anbieters gewisse Dinge verboten sein, die technisch ohne weiteres möglich wären. Um die Verwirrung komplett zu machen, können Regelungen in den Nutzungsbedingungen auch gesetzlich unwirksam sein – ob das der Fall ist, kann man als normaler Nutzer aber nur selten beurteilen. Als Käufer steht man vor der Wahl, die Bedingungen zu akzeptieren oder einen Dienst gar nicht erst benutzen zu können.

(1) Das Urheberrecht: Privates Kopieren erlaubt

Ginge es nur nach dem Gesetz, wäre die Sache fast noch einfach. Der Grundsatz ist: Will man ein Werk vervielfältigen, muss der Rechteinhaber das genehmigen. Rechteinhaber sind in aller Regel Verlage oder Filmunternehmen, denen die Urheber ihre Rechte eingeräumt haben. Die wichtigste Ausnahmeregel von diesem Grundsatz ist die Privatkopie. Sie erlaubt es, einzelne Kopien von Werken auch ohne Genehmigung anzufertigen, solange man sie nicht auf illegalem Weg bekommen hat.

Die Kopien kann man dann sogar weitergeben – vorausgesetzt eben, es bleibt im privaten Rahmen, das heißt für die Familie oder einzelne Freunde. Für solche Kopien hat man im Übrigen auch schon etwas bezahlt, wenn man Computer, Festplatten, leere DVDs oder andere Datenträger gekauft hat. Man merkt es nur nicht, weil die gesetzliche „Geräte- und Leermedienabgabe“ von den Herstellern schon eingepreist ist.

Die Privatkopie gilt im Grundsatz auch für Dateien. Ob man ein E-Book, einen Film, Hörbücher, Hörspiele oder Musik als digitale Datei kauft oder nicht, macht rein urheberrechtlich gesehen kaum einen Unterschied. Wichtig ist aber: Gekaufte Dateien bei Tauschbörsen oder über Bittorrent-Systeme wie etwa Pirate Bay ins Netz zu stellen, fällt in keinem Fall darunter. Komplizierter wird es schon bei Filehoster-Diensten, bei denen man Dateien ebenfalls ins Netz hochladen kann und dafür einen Link erhält (Mehr dazu: „Download auf Knopfdruck – Wie legal sind Filehoster?“). Schickt man diesen Link wirklich nur an einzelne, enge Freunde, fällt auch das unter die Privatkopie. Die Datei muss aber für alle anderen tatsächlich unzugänglich bleiben – und darf auch nicht, wie bei einigen Diensten, durch spezielle Suchmaschinen gefunden werden können. Zumindest aus urheberrechtlicher Sicht ist es daher empfehlenswerter, einen der zahlreichen Cloud-Dienste für persönliche Dateien zu verwenden, wie Dropbox, Wuala und andere. Sie bieten auch eigene Funktionen an, um Dateien im privaten Rahmen zu teilen.

Auch wenn man einen Filmabend mit Freunden macht und dazu legal heruntergeladene Filme nutzt, braucht man dafür keine Genehmigung. Das hat wiederum nichts mit der Privatkopie zu tun: Es ist erlaubt, weil das Urheberrecht nur dann greift, wenn eine Vorführung öffentlich ist. Hier gibt es aber einige Zweifelsfälle, weil der Begriff „öffentlich” im Urheberrecht viel strenger definiert wird als im Alltag – auch dazu findet man mehr im Text über Musik-Downloads.

(2) Die Nutzungsbedingungen der Anbieter: Fast nichts erlaubt

Zwar gilt das Urheberrecht grundsätzlich für klassische Bücher, DVDs oder CDs genauso wie für digitale Angebote, es gibt aber einen wichtigen Unterschied. Im ersten Fall handelt es sich um „körperliche Werkexemplare”, bei denen der Kunde ein Buch oder einen bespielten Datenträger als sein Eigentum erwirbt. Bei Downloads dagegen schließt man lediglich einen Vertrag und bekommt üblicherweise „Nutzungsrechte” an den Inhalten vom Anbieter übertragen. Einen solchen Vertrag schließt man häufig, indem man beim Kauf oder bei der Anmeldung ein Häkchen anklickt und damit die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) des Anbieters akzeptiert.

In diesen Nutzungs- oder Geschäftsbedingungen finden sich meist eine ganze Reihe von Einschränkungen, was der Kunde mit seinen Downloads nicht machen darf. Ob solche Einschränkungen in jedem Fall wirksam sind, lässt sich leider nicht pauschal sagen. Grundsätzlich sind sie jedenfalls möglich. Im Fall von E-Books und Filmen bilden sie ohnehin zumeist nur nach, was durch den Kopierschutz schon technisch vorgegeben ist. Ungültig können einzelne Bestimmungen für den Käufer dennoch sein – etwa dann, wenn sie „überraschend” oder schlichtweg unverständlich sind. Davon kann man bei den hier untersuchten Einschränkungen aber zumeist nicht ausgehen.

Häufig findet man in Nutzungsbedingungen von Online-Shops auch Klauseln, nach denen man die Dateien nicht weiterverkaufen darf – was bei Büchern, CDs und DVDs gesetzlich erlaubt ist. Rechtlich ist das bislang nicht eindeutig geklärt und die juristischen Einschätzungen dazu gehen auseinander – im Fall von Software steht auch noch eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs aus. Solange sollte man es besser nicht versuchen.

(3) Kopierschutz: Ungeliebt, aber Umgehen verboten

Durch „Digital Rights Management” – Kopierschutz-Techniken, die das Abspielen von Dateien zumeist an bestimmte Nutzer oder Geräte binden – versuchen die Anbieter zu verhindern, dass ihre Dateien im Netz unkontrollierbar weitergegeben werden. In der Praxis frustiert das auch viele Kunden legaler Angebote, die sich an der ganz normalen Nutzung ihrer Inhalte gehindert sehen. Etwa, wenn sie legal heruntergeladene Filme beim Kauf eines neuen Rechners nicht mehr abspielen können oder wenn der neue E-Book-Reader das DRM eines anderen Buchanbieters nicht versteht.

Da liegt es nahe, nach Programmen zu suchen, die den lästigen Kopierschutz entfernen. Das ist aber nicht erlaubt: Das Urheberrecht verbietet es, „wirksame technische Maßnahmen” gegen das Kopieren zu umgehen. Auch auf die Privatkopie-Regelung kann man sich hier nicht berufen – wenn der Anbieter seine Inhalte mit einem Kopierschutz versehen hat, gilt sie nicht. Wer einen Kopierschutz nur im privaten Rahmen umgeht, macht sich zwar nicht strafbar. Wer dennoch erwischt wird, kann aber unter Umständen abgemahnt werden. Das heißt: Man muss erklären, so etwas in Zukunft zu unterlassen (Unterlassungsanspruch), auch Schadensersatzforderungen sind denkbar.

Und auch, wenn es für die Nutzer unverständlich scheinen mag: Ein Kopierschutz gilt rechtlich auch dann als „wirksam”, wenn ein Programm, das ihn umgeht, nur eine Suchanfrage und ein paar Klicks entfernt ist. Was darüber hinaus rechtlich gesehen „wirksam” ist, ist im Detail noch völlig ungeklärt.

Überblick 1: Nutzungsbedingungen und Kopierschutz bei E-Books

Bei allen gängigen Onlineshops für E-Books findet sich in den Nutzungsbedingungen die Einschränkung: Wer ein E-Book kauft, der erhält nur ein „Nutzungsrecht”; oftmals wird ausdrücklich ergänzt, dass der Käufer „kein Eigentum” an den digitalen Büchern erhält. Sehr deutlich wird das an den AGB von Amazons Kindle-Shop, nach denen die Inhalte nur „lizensiert, nicht aber verkauft” werden. Weiter wird dann festgelegt, wie genau man die gekauften elektronischen Bücher verwenden darf.

Darf man den neu entdeckten Lieblingsroman zum Beispiel an einen Freund weiter schicken, etwa per Mail? Nach der Privatkopie wäre das zulässig – untersagt wird es meistens dennoch. Das kann zum Beispiel dadurch geschehen, dass das Kopieren „für Dritte” in den Nutzungsbedingungen untersagt wird (so etwa bei Thalia und buch.de), die Nutzung auf den „persönlichen Gebrauch als Einzelnutzer” beschränkt wird (Libreka) oder schon dadurch, dass das Nutzungsrecht generell mit dem Zusatz „nicht übertragbar” vergeben wird. Auch gebrauchte E-Books weiterzuverkaufen, wird in allen Nutzungsbedingungen entweder direkt oder indirekt untersagt.

Das Weitergeben an Freunde wird in der Praxis auch schon dadurch verhindert, dass die meisten Anbieter E-Books nur kopiergeschützt verkaufen. Mit DRM-Technik ließe sich zwar auch eine solche Weiterverleih-Option für den Leser einrichten, entsprechende Funktionen werden aber hierzulande noch nicht angeboten. Ob ein Kopierschutz eingesetzt wird oder nicht, darüber entscheiden im Übrigen die Verlage – nicht die Online-Shops.

Einige – meist kleinere Verlage – verzichten mittlerweile auf Kopierschutz, weshalb man im selben Onlineshop E-Books mit oder ohne Schutz bekommen kann. Während einige Anbieter immerhin deutlich darauf hinweisen, ob man ein Buch mit oder ohne Kopierschutz erwirbt (so die gemeinsame Libreka-Plattform der Verlage), kauft man bei anderen Anbietern derzeit leider die Katze im Sack (etwa im iBook-Store von Apple). Dort sieht man erst nach dem Kauf, ob man Dateien mit Kopierschutz bekommen hat. Das ist rechtlich zweifelhaft, aber derzeit gängige Praxis.

Je nachdem, bei welchem Anbieter man kauft, kann man die Bücher nur verwenden, wenn das Format und der jeweilige Kopierschutz vom eigenen Lesegerät unterstützt werden. Einen Quasi-Standard wie bei MP3 in der Musik gibt es hier nicht. Derzeit sind es im wesentlichen drei Systeme, die zum Einsatz kommen: Bei Amazon und dem Kindle ist es das geschützte AZW-Format, der iTunes-/iBook-Store von Apple setzt auf das Epub-Format mit hauseigenem DRM, fast alle anderen Anbieter verwenden Epub mit einem Kopierschutz von Adobe. Diese Formate sind untereinander nicht kompatibel.

Will man zwischen den Plattformen wechseln und keinen Kopierschutz umgehen, wird es daher schwierig. Immerhin funktioniert es dann, wenn man eine weitere Lese-Software der jeweiligen Anbieter installieren kann. Übrigens können auch Titel, die ohne Kopierschutz angeboten werden, streng genommen noch DRM-Technologien enthalten. Das ist bei Titeln mit Wasserzeichen der Fall, die Daten zum Käufer oder zum Kaufzeitpunkt enthalten. Mit Wasserzeichen sollen vor allem die Käufer abgeschreckt werden, ihre Dateien im Netz weiter zu verbreiten.

Insgesamt sind die Nutzungsbedingungen bei allen Anbietern für den Kunden mehr oder weniger nachteilig, die Unterschiede gering. Der Kopierschutz verhindert ohnehin die meisten Wege, seine Bücher über das Lesen auf den jeweils „erlaubten” Geräten hinaus zu verwenden. Doch auch wenn die Unterschiede gering sind: Informieren sollte man sich in jedem Fall, was man mit den Nutzungsbedingungen akzeptiert.

Überblick 2: Nutzungsbedingungen und Kopierschutz bei Filmen

Bei Filmen ist das Angebot an Downloadshops auch im Vergleich zu E-Books noch sehr überschaubar. Zu den größten Anbietern gehören im Moment Apples iTunes-Store, das Videoload-Portal der Deutschen Telekom und Maxdome aus dem Hause Pro Sieben/Sat1. Auch hier gilt: Der Kunde bekommt „Nutzungsrechte” am Film eingeräumt, die mehr oder weniger starke Einschränkungen auch beim privaten Verwenden der Dateien machen. Alle drei Shops bieten zudem Leih-Downloads an, bei denen die Nutzungsrechte zusätzlich zeitlich beschränkt sind.

Zwar kommen die Filme bei allen Anbietern mit einem Kopierschutz, dennoch gibt es auch beim „Download-to-own” (DTO) durchaus Unterschiede im Detail: So bietet etwa Videoload die Option, einen Download auf eine DVD zu brennen, die nach eigenen Angaben auf handelsüblichen Playern abspielbar ist. Eine solche DVD darf man laut Nutzungsbedingungen ausdrücklich auch „im engeren persönlichen Bekannten- und Verwandtenkreis” weitergeben – einer der wenigen Punkte, an denen ein Anbieter dem Nutzer nicht nur Verbote erteilt. Beim Anbieter Maxdome ist das DVD-Brennen wiederum ausdrücklich untersagt, bei Filmen aus dem iTunes-Store darf der Käufer nur eine Daten-DVD als Sicherheitskopie brennen, die als solche nicht auf einem handelsüblichen DVD-Spieler abgespielt werden kann.

Technische und vertragliche Einschränkungen gibt es auch, will man einen Film auf weitere, eigene Geräte übertragen. Bei Maxdome etwa ist es ganz untersagt „tragbare Abspielgeräte” zu verwenden, bei iTunes gekaufte Filme wiederum darf man auf bis zu fünf Geräten verwenden, sofern man sich dort mit seinem Benutzerkonto anmeldet. Bei Videoload sind die Regeln dazu je nach Film unterschiedlich. Auch bei Filmen gilt: Der Weiterverkauft ist juristisch umstritten und wird in den AGB oft zusätzlich untersagt.

Sonderfall Software: Keine Privatkopie, aber Sicherungskopie erlaubt

Die Möglichkeit, Privatkopien zu erstellen und diese an Freunde weiterzugeben, gibt es (mit den oben beschriebenen Einschränkungen) nur bei Musik, Büchern, Filmen und anderen Inhalten. Die Privatkopie-Regelung gilt nicht für Computerprogramme. Erlaubt ist im Gesetz allerdings ausdrücklich, eine Sicherungskopie anzufertigen. Ob das wiederum auch gilt, wenn ein Kopierschutz eingesetzt wird, darüber streiten die Juristen noch. In jedem Fall gilt: Eine Sicherungskopie dient nur als Backup, etwa wenn das Original verloren geht – Weitergeben ist nicht erlaubt. Bei Software spielt es in dieser Hinsicht somit keine große Rolle, ob man Programme auf CD, DVD oder als Download kauft.

Unabhängig von der Privatkopie-Regelung kommt bei gekaufter Software ein weiterer Punkt ins Spiel. Hier vergeben die Anbieter seit jeher Lizenzen, damit man ein Programm nutzen kann. Für Privatanwender ist das oft eine einzige Lizenz, manchmal auch eine weitere etwa für das Laptop, nur selten sind es beliebig viele Geräte des Benutzers, auf denen man die gekaufte Software installieren darf.

Weiterhin umstritten ist, ob man Software und die zugehörige Lizenz – sowohl auf Datenträgern als auch beim Download – ohne Weiteres weiterverkaufen darf. Solange das nicht eindeutig geklärt, sollte man es auch hier besser nicht versuchen. Ob Computerspiele aus Verbrauchersicht einfach Computerprogramme sind oder Mischungen aus verschiedenen Werkarten (etwa auch Filmen), ist eine sehr komplexe und unter Fachleuten ebenfalls umstrittene Frage, die den Rahmen dieses Textes sprengen würde. Vieles ist hier rechtlich noch offen – zumal dann, wenn man nur einen Teil des Spiels kauft und einen anderen Teil aus dem Netz nachlädt.

EULAs sind häufig unwirksam

Was bei E-Books und Filmen die AGB, sind bei Software die EULAs, die „End User License Agreements” – zumeist elendig lange Verträge, die kaum jemand liest. Bis auf den Mobilbereich gibt es für Software kaum zentrale Downloadshops – häufig kauft man Programme direkt beim Hersteller, so dass man bei der Vielzahl an Anbietern und Verträgen hier nur ein paar generelle Hinweise geben kann.

Der wichtigste ist dieser: „Endbenutzer-Lizenzverträge” (EULAs) sind häufiger als andere AGB unwirksam. Nach deutschem Recht sind EULAs in jedem Fall unwirksam, wenn man von ihnen erst nach dem Kauf erfährt – wenn sie zum Beispiel erst dann angezeigt werden, wenn man das Programm installiert. Sind die Vereinbarungen wie in diesem Fall gänzlich unwirksam, gilt wiederum allein das Gesetz.

Doch auch, wenn die EULAs unwirksam sind und deswegen nur das Urheberrecht gilt: Mit dem wilden Kopieren loszulegen, ist aufgrund der bei Software nicht greifenden Privatkopie-Regelung nicht gestattet. Findet man in den Lizenzbedingungen Klauseln, die Sicherungskopien verbieten, kann man diese – aber nur diese – getrost ignorieren.

Weiß man hingegen vor dem Kauf, auf welche Lizenzbedingungen man sich einlässt, können Teile davon dennoch unwirksam sein. Nur in Ausnahmefällen ist das allerdings offensichtlich. Hier kommt es immer auf die jeweilige Formulierung an.

Fazit und Ausblick

Wer E-Books, Filme oder Software als Download kauft, sollte sich informieren, was die Anbieter in den Nutzungsbedingungen festlegen. Wenn diese wie üblich nur schwer verständlich sind, sollte man zusätzlich die Hilfeseiten und FAQ der Shops genau beachten. Zwar ist ein Kopierschutz die Regel, dennoch gibt es Unterschiede im Detail.

So oder so: Unbefriedigend bleibt aus Sicht des Käufers, dass er den Nutzungsbedingungen weitgehend ausgeliefert ist. Ob einzelne Bestimmungen – Einschränkungen bei der Weitergabe und bei privaten Kopien – zulässig sind, kann er kaum beurteilen. Auch Gerichtsurteile gibt es nur wenige. Unter der gegebenen Gesetzeslage und bei der derzeitigen Praxis der Anbieter und Rechteinhaber bleibt nur, den für seine Zwecke am ehesten geeigneten Anbieter zu wählen.

Auf längere Sicht könnte man vermuten, dass die Download-Shops ihre rigiden Regeln ändern, sobald die Rechteinhaber das erlauben und auf Kopierschutz – wie im Musikmarkt geschehen – weitestgehend verzichten. Vielleicht wird aber auch der „klassische Download” zunehmend durch Streaming- und Flatrate-Angebote per Abo ersetzt. Gerade bei Filmen werden legale Streaminganbieter wohl bald neuen Schwung ins Geschehen bringen. Auch bei diesen hat man zwar im Zweifel nur sehr eingeschränkte Befugnisse, bekommt aber zumindest keinen Download, der viel weniger hält, als sich der Käufer verspricht.

Autor & CC-Lizenz: David Pachali/iRights.info

Crossposting via irights.info.

Abb.: flickr/Horia Varlan

Urheberrechts-Schutz: Bundesregierung veröffentlicht Warnhinweis-Studie

Die momentan diskutierte Überwachung, Abmahnung und Sperrung von Internet-Nutzern betrifft nicht nur Fälle, bei denen via Filesharing Filme oder Musik heruntergeladen werden. Erst anlässlich der letzten Buchmesse forderte etwa der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Provider müssten in Zukunft beim illegalen Download von E-Books Warnhinweise einblenden. Solche Sanktionen befürwortet nun auch eine Studie, die im Auftrag der Bundesregierung erstellt wurde. Doch wären die Warnhinweise selbst überhaupt legal? Eindeutig nein, meint irights-Experte Ilja Braun, dessen Beitrag für Digitale Linke wir im Folgenden crossposten.

Vorratsdatenspeicherung inklusive

Das Bundeswirtschaftsministerium hat seine Studie zu Warnhinweisen bei Urheberrrechts-verletzungen vorgelegt, und Thomas Stadler hat sie auch schon kommentiert. Kurz gesagt, schlägt Autor Rolf Schwartmann vor, in Deutschland ein Modell einzuführen, wie es in Großbritannien diskutiert wird, aber aufgrund von Klagen der Provider bislang noch nicht umgesetzt werden konnte. Wer p2p-Netzwerke nutzt, um urheberrechtlich geschützte Werke illegal zu tauschen, soll zukünftig von seinem Provider einen Warnhinweis zugestellt bekommen. Bei Wiederholungstätern sollen sogar Listen über die Rechtsverletzungen geführt werden, die am Ende den Rechteinhabern übermittelt werden sollen. Diese können dann weitere juristische Schritte einleiten.

Es kann also immer noch schlimmer kommen, als man dachte: Das britische Modell ist noch unsäglicher als das französische Loi Hadopi, weil es mit einer Vorratsdatenspeicherung einhergeht, die es schwer haben dürfte, die in Deutschland dafür vom Bundesverfasssungsgericht aufgestellten Hürden zu passieren. In den nächsten Tagen dürfte der Vorschlag noch für einige Diskussionen sorgen.

Wie werden die Urheberverbände reagieren?

Interessant wird dabei vor allem, wie sich die Urheberverbände dazu verhalten werden. Die Gewerkschaft ver.di hatte noch vor Kurzem nicht einmal gegen Netzsperren etwas einzuwenden. Wird sie den Mut aufbringen, sich nun gegen Warnhinweismodelle auszusprechen? Zu raten wäre es ihr ebenso wie den anderen Urheberverbänden, auf deren Reaktion man nun gespannt sein darf. Bei Urheberverbänden weiß man derzeit leider nie, ob sie ihre eigenen Interessen am Ende nicht doch mit denen der Verwerter verwechseln.

Fest steht: Mit rechtsstaatlichen Prinzipien sind solche Warnhinweise unvereinbar. Denn dabei findet nichts Geringeres als eine Privatisierung der Rechtsdurchsetzung statt. Rechteinhaber verfügen in Deutschland schon heute über einen zivilrechtlichen Auskunftsanspruch. Sie können also jederzeit die IP-Adressen der Kommunikationsteilhaber herausfinden, um Rechtsverletzungen juristisch zu verfolgen. Statt aber den ordentlichen Weg über Anwälte und Gerichte zu gehen, wird versucht, Druck auf die Provider auszuüben, die zu Hilfspolizisten der Rechteinhaber gemacht werden sollen. Während man sich juristische Konsequenzen natürlich weiterhin vorbehält.

Abmahnungen als besseres Warnhinweis-System

Denn da beißt die Maus keinen Faden ab: Es gibt längst ein Warnhinweis-System, und das ist die sogenannte “strafbewehrte Unterlassungserklärung”, besser bekannt als Abmahnung. Sie hat genau den Zweck, der jetzt als großes Plus des Warnhinweis-Modells verkauft wird: Sie soll verhindern, dass in unzähligen Bagatellfällen Prozesse geführt werden müssen. Sie ist eine vorgerichtliche Klärung. Das Problem ist nur: Sie wird von Rechteinhabern und Abmahnanwälten als Geschäftsmodell missbraucht, getreu dem alten Motto “Turn privacy into profits”. Eine gesetzliche Regelung, die dem einen Riegel vorschieben wollte, indem sie die Kosten in einfach gelagerten Fällen auf 100 Euro begrenzte, hat sich als unwirksam erwiesen. Es liegen aber mehrere Vorschläge auf dem Tisch, wie man eine Deckelung der Abmahnkosten wirksam durchsetzen konnte. Nicht zuletzt ein Gesetzentwurf der Linksfraktion.

Statt die handwerklichen Fehler zu korrigieren und die Bagatellregelung so zu gestalten, dass Abmahnungen tatsächlich wieder als “Warnhinweise” wirken und nicht als erpresserische Abzocke, möchte die Bundesregierung offenbar den Rechteinhabern noch ein zusätzliches Instrument in die Hand geben, um die Nutzer unter Druck zu setzen. Man braucht kein Hellseher zu sein um vorauszusehen, dass ihr das nicht mit Dank abgenommen werden wird. Den Nutzerinnen und Nutzer Überwachungsmaßnahmen im Interesse der Medienindustrie als kleineres Übel gegenüber der derzeitigen Abmahnpraxis zu verkaufen, ist ja vielleicht einen Versuch wert. Aber wird er gelingen?

Unangenehme Folgen für die Provider

Am zweitunangenehmsten dürfte die Sache für die Provider werden. Sie riskieren, sich bei ihren Kunden nachhaltig unbeliebt zu machen. Sie riskieren, dass Kosten auf sie zukommen. (Eine interessante Frage übrigens: Wer bezahlt am Ende die zu schaffende Infrastruktur? Die Rechteinhaber? Der Staat? Oder die Nutzer?) Und sie riskieren nicht zuletzt, dass es mit ihrer privilegierten Stellung in Haftungsfragen demnächst vorbei sein wird. Denn natürlich haften Access Provider nur deshalb nicht für die von ihnen transportierten Inhalte, weil man davon ausgeht, dass sie diese nicht kontrollieren. Auch Host Provider haften nur dann nicht für Rechtsverletzungen, wenn sie keine Kenntnis von diesen haben. Andernfalls müssen sie zum Beispiel illegale Inhalte unverzüglich löschen. Wenn nun Provider in die Pflicht genommen werden, Hand in Hand mit Rechteinhabern gegen Urheberrechtsverletzungen vorzugehen, wird diese Rechtfertigung auf die Dauer nicht mehr zu halten sein. Wer von Rechtsverletzungen Kenntnis hat, sie theoretisch verhindern könnte, aber nichts unternimmt als einen Warnhinweis zu verschicken, der riskiert am Ende womöglich, im Rahmen der Störerhaftung selbst vor den Kadi gezerrt zu werden. Die “freiwillige Kooperation” im Rahmen des Warnhinweis-Modells wäre dann nur der erste Schritt gewesen.

Vielleicht wäre es langfristig besser, dafür zu sorgen, dass Verwerter Kreativschaffende angemessen vergüten, statt ihnen immer neue Waffen gegen die Nutzer an die Hand zu geben.

Autor & CC-Lizenz: Ilja Braun
Crossposting via Digitale Linke

„Kopiert alle meine Werke!“: Bestseller-Autor Paulo Coelho fordert Leser zur Piraterie auf

Paulo Coelho ist ein Mann der klaren Worte, auch in Sachen Copyright: „Piraten der Welt, vereinigt euch und kopiert alles, was ich jemals geschrieben habe!“, forderte der brasilianische Bestseller-Autor Mitte Januar in einem Blog-Artikel zum Thema Anti-SOPA-Protest. Vor wenigen Tagen rief Coelho nun erneut: „Welcome to download my books for free“. Anlass dazu bot eine Aktion des BitTorrent-Dienstes PirateBay. Die schwedischen Daten-Freibeuter forderten prominente Künstler dazu auf, ihre Werke durch kostenlose Versionen zu promoten, die über das unter der Piratenflagge segelnde Peer-to-Peer-Netzwerk verbreitet werden sollten. Als besonderes Incentive winkte den Kreativen ein direkter Link von der Piratebay-Startseite.

Für den Autor von Romanen wie „Der Alchimist“, „Die Hexe von Portobello“ oder „Aleph“ war die Teilnahme quasi Ehrensache. Schließlich betrieb er bereits zwischen 2005 und 2009 eine Seite namens „PirateCoelho“, die zur Verbreitung seiner Romane auf Internet-Tauschbörsen maßgeblich beitrug. Nun könnte man meinen, jemand wie Coelho sollte sich das Verschleudern seiner Produkte auch leisten können. Schließlich gilt der preisgekrönte Romancier als einer der zehn meistverkauften Autoren weltweit. Die Gesamtauflage seiner Publikationen soll mittlerweile mehr als 140 Millionen Exemplare betragen. Doch für Coelho selbst ist die Piraterie in den letzten Jahren tatsächlich unverzichtbarer Teil des Business-Modells geworden: „Der Verkauf meiner gedruckten Bücher steigt, seit dem meine Leser sie auf Peer-to-Peer-Seiten verbreiten“, schreibt er auf seinem Blog.

Das beste Beispiel sei der Erfolg seines Klassikers „Der Alchimist“ in Rußland. Als der Roman dort im Jahr 1999 herauskam, gab es aus Papiermangel nur eine 3000er Auflage. Kurz darauf stellte Coelho dann eine von ihm in den Untiefen des Webs aufgespürte „Raubkopie“ der russischen Version selbst an prominenter Stelle online. Das blieb offenbar nicht ohne Folgen. Nach dem Abflauen der russischen Wirtschaftskrise verkaufte sich die Print-Version hervorragend. Bereits 2002 waren mehr als 12 Millionen „Alchimisten“ in kyrillischen Lettern über die Ladentische gewandert. Später, so Coelho, hätten ihm viele Russen erzählt, dass sie erst durch die kostenlos im Internet zirkulierenden E-Books überhaupt auf das Werk aufmerksam wurden.

Für Coelho steckt dahinter ein allgemeines Prinzip: „Je öfter wir einen Song im Radio hören, desto größer wird unser Verlangen nach der CD. Mit der Literatur ist es dasselbe“, schlussfolgert der abwechselnd in Rio de Janeiro und dem französischen Tarbes lebende Autor. „Piraterie kann als Einführung in das Werk eines Künstlers funktionierten. Wenn man seine Einfälle gut findet, möchte man sie nach Hause tragen. Eine gute Idee braucht keinen Kopierschutz.“ Zum Glück funktioniert die brasilianische Variante der Selbstpiratisierung auch ohne Piratebay. Denn nach dem das von der Unterhaltungsindustrie gegen die Gründer des BitTorrent-Dienstes angestrengte Urteil Anfang Februar 2012 rechtskräftig wurde, ist die Seite PirateBay.org vorläufig nicht mehr erreichbar. Coelho-Fans wird das nicht stören – sie können sich ja (abgesehen von Alternativ-Domains) an den Autor selbst wenden.

Abb.: flickr/Vanessa Pike-Russell

Dirk von Gehlen: Warum ich die Kopie lobe [Interview]

Dirk von Gehlen, Journalist und Chefredakteur von jetzt.de, beschäftigt sich in seinem vor kurzem erschienenen Buch „Mashup: Lob der Kopie” mit den kulturellen Folgen der – nicht nur digitalen – Kopie. Seine These: Kopieren ist eine allgegenwärtige, aber abgewertete Kulturtechnik. In Zeiten der digitalen Kopie gilt es das zu überwinden. [Anmerkung der Red.: Anders als es der Titel „Mashup: Lob der Kopie“ vermuten ließe ist das Buch bisher nur als Print-Version lieferbar (s.u.)]

David Pachali: Wofür sollte man die Kopie loben?

Dirk von Gehlen: Um es pathetisch zu sagen: Für alles. Menschliches Leben entsteht durch die Verdopplung einer Eizelle. Gott schafft den Menschen nach seinem Ebenbild. Wir lernen Sprache, Schrift und Orientierung durch die Nachahmung und schließlich schenkt uns die Kopie eine ungeheuerliche Innovation: die Verdopplung digitalisierter Inhalte – ohne dass das Original Schaden nimmt oder das Duplikat mangelnde Qualität aufweist.

Das ist eine Revolution. Doch bisher wird die digitale Kopie immer nur in moralisch verwerflichen Kontexten dargestellt. Das wollte ich ändern. Weil ich glaube, dass wir mit der revolutionären Neuerung, die von ihr ausgeht, nur dann richtig umzugehen lernen, wenn wir sie akzeptieren – und auch verstehen, was sie für so viele Menschen so reizvoll macht.

In „Mashup” findet sich auch ein „Plädoyer für einen neuen Begriff des Originals”. Wie sieht der neue Begriff aus?

Ich glaube, dass die Digitalisierung unsere Vorstellung von Original und Duplikat auf den Kopf gestellt hat und dass wir das intellektuell verarbeiten müssen, um neue Vergütungsmodelle zu entwickeln. Wir stellen uns Kunst und Kultur derzeit immer als ein festes Werkstück vor, das abgeschlossen ist und dann vertrieben oder ausgestellt wird.

Vielleicht müssen wir in Zukunft eher mit einer Flussmetapher arbeiten, die Kunst und Kultur als Prozess versteht. Ähnlich wie in der Software, wo man mit der einfachen Unterscheidung von Original und Kopie auch nur schwer zurecht kommt, wenn man Unterschiede zwischen Version 1 und Version 3 eines Programms benennen will. In jedem Fall geht es mir darum, die binäre Unterscheidung von entweder Original oder Kopie abzulösen. Ich glaube, dass die Grenzen fließend geworden sind und wir besser daran tun – wie in der Originalitätsforschung – eine skalierte Bewertung anzulegen.

Das klassische kontinentaleuropäische Urheberrecht baut, wie es ja auch in „Mashup” beschrieben wird, auf der Vorstellung eines singulären Schöpfers auf. Geistesgeschichtlich steckt dahinter die Idee des „Genies”. Wenn wir künstlerisches Schaffen nicht mehr nach dem Vorbild des Genies verstehen, als was dann?

Als das, was es ist: als ein ständiges Neu-Zusammensetzen von Bestehendem. Das hat gar nichts mit der Digitalisierung zu tun, das ist ein Prozess, den schon Goethe so benannt hat: Wir können uns von den kreativen Einflüssen anderer nicht frei machen. Deshalb sollten wir aufhören, sie zu leugnen und so zu tun, als entstünde Kunst im stillen Kämmerlein des genialen Schöpfers, der einzig aus sich heraus auf Ideen kommt.

In welche Richtung müsste das Urheberrecht weiter entwickelt werden?

Das Urheberrecht muss stärker als bisher die Nutzer als aktive Rezipienten anerkennen. In der Read-Write-Society, wie es Lawrence Lessig nennt, liegen passive Nutzung und aktive Verwendung untrennbar beieinander. Wenn sich dies nicht auch in Gesetzesform niederschlägt, wird der Legitimationsverlust des Urheberrechts noch zunehmen. Das kann man als Kreativer keinesfalls wollen.

Das Urheberrecht ist ein wichtiges Rechtsgebiet, dem man zur Durchsetzung verhelfen muss. Wenn Repressionen und Abmahnungen aber die einzigen Mittel sind, die uns einfallen, sind wir auf dem Holzweg. Deshalb müssen wir – ähnlich wie bei der Einführung der Kassettenkopie in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts – anerkennen: Wir werden die Menschen nicht am Kopieren hindern können. Wir brauchen Vergütungsmodelle, die mit dem Kopieren funktionieren, nicht dagegen.

Neue Vergütungsmodelle wie die Kulturflate oder die Kulturwertmark sind zwar schon länger in Diskussion, scheinen aber auch kaum tatsächlich voranzukommen. Ähnlich sieht es bei der Diskussion über Geschäftsmodelle aus. Sind die Kreativen vielleicht doch die ökonomischen Verlierer der Digitalisierung?

Das weiß ich nicht. Ich will dem jedenfalls nicht einfach zusehen, sondern die Chance nutzen, die in der beschriebenen revolutionären Veränderung liegt und mitgestalten. Deshalb bin ich auch weit weniger skeptisch, was neue Vergütungsmodelle angeht. Die Kulturflatrate ist in Wahrheit nämlich schon sehr alt: als Leermedienabgabe ist sie gesellschaftlich akzeptiert.

Warum sind wir nicht mutiger und bringen als Kreative aktiv eine Reform der Verwertungsgesellschaften auf den Weg, an deren Ende eine Art Leermedienabgabe für Speicherplatz steht? Wir brauchen eine Kultur, in der wir in solche Richtungen denken. Deshalb lobe ich die Kopie.

Dirk von Gehlen, „Mashup: Lob der Kopie” ist bei Suhrkamp erschienen und kostet 15 Euro (Paperback).

Autor & cc-Lizenz: David Pachali
Crossposting via irights.info

Abb.: flickr/kioan