Smartphone über alles: bald größerer C02-Fußabdruck als Desktops, Laptops und Displays zusammen

bitkom-sagt-smartphone-und-app-boom-vorausSo, so, du hast ein E-Book auf dein nagelneues iPhone mit 5,8 Zoll-Display geladen, und meinst, das sei umweltfreundlich, weil keine Bäume dafür sterben mussten? Und hast zum Beleg dafür auf diversen Servern kreuz und quer über alle Welt verteilt ein paar Infos zu diesem Thema zusammengegoogelt? Hmmmm… Leider gibt es da ein paar schlechte Nachrichten. Denn wie zuletzt eine Studie der kanadischen McMaster-Universität zeigte („Assessing ICT global emissions footprint: Trends to 2040 & recommendations“), sind gerade Smartphones und mobile Apps dafür verantwortlich, dass der CO2-Fussabdruck der IT-Industrie sich in den letzten zehn Jahren fast verdreifacht hat. Bis 2040 wird er sich nochmal vervierfachen. In konkreten Zahlen: 2007 lag der Anteil der „Informations- und Kommunikations-Industrie“ noch bei ein Prozent am globalen CO2-Ausstoß, derzeit liegt er bei knapp drei Prozent, in den nächsten zwei Jahrzehnten droht der Anteil auf 14 Prozent zu steigen.

Herstellung für CO2-Bilanz entscheidend

Mit dem Energieverbrauch der Smartphones selbst bei laufendem Betrieb hat das allerdings wenig zu tun, das Problem sind die hohen Aufwendungen zur Herstellung — etwa das Schürfen und Verhütten der seltenen Erden für die Elektronik — wie auch die im Hintergrund ständig ratternden Serverparks, um all die datenhungrigen Apps ständig up to date zu halten und User-Anfragen zu bearbeiten. Von E-Book-Bibliotheken in der Cloud mal ganz abgesehen. Bis zu 45 Prozent des gesamten CO2-Fußabdrucks der IT-Branche werden bis 2020 alleine durch den Betrieb von Datenleitungen und Serverparks entstehen, schätzen die Autoren der McMaster-Studie.

Recycling-Quote „unter 1 Prozent“

Wird dann durchschnittlich alle zwei Jahre auch gleich noch das „alte“ Smartphone durch ein neues (ggf. noch mit größerem Display und noch mehr Elektronik) ersetzt, beginnt der Teufelskreis von neuem, außerdem entstehen natürlich noch weitere Probleme durch das Recycling bzw. Nicht-Recycling der gebrauchten Geräte — die Wiederverwertungsqote liegt nach Schätzungen der McMaster-Studie bei weniger als ein Prozent (!).

Letzlich sind die Zahlen insgesamt auch ein Beleg für den raschen Wandel der Informationsgesellschaft: in nur zehn Jahren hat das Smartphone den klassischen Büromaschinen-„Fuhrpark“kräftig durcheinandergewirbelt — dementsprechend wird der CO2-Fußabdruck des Smartphone in Kürze größer sein als der von Desktops, Laptops und Displays zusammen.

(via FastCoDesign.com)

Abb.: Glenn3095 (Public Domain/cc-0)

„Wer elektronisch liest, rettet jedes Jahr einen ganzen Baum“

Das Umwelt-Argument taucht bei der Diskussion pro & kontra elektronisches Lesen immer mal wieder auf. Nicht selten auch zu Marketing-Zwecken, wie etwa bei Stephen King, der zum Start von „Under The Dome“ verlauten ließ: „Für dieses Buch mussten eine Menge Bäume sterben.“ Wer sein Gewissen beruhigen wollte, konnte in diesem Fall auf die parallel erschienene E-Book-Version zurückgreifen. Gerne nutzen auch E-Reader-Hersteller die weiße Weste von E-Paper, um Leser zum Wechsel zu motivieren. Eine besonders ins Auge gehende Kampagne hat Sonys russische Dependance gestartet: auf den Plakaten/Anzeigen sind mächtige Bäume zu sehen, deren Stamm, Äste und Zweige aus lauter Büchern bestehen. Rein optisch erinnert das ein wenig an die Wormworld-Saga. Begleitet werden die Bücherbäume vom Claim: „Eine gebildeter Mensch liest jedes Jahr einen ganzen Baum aus Büchern. Wechseln Sie zu E-Books.“ („An educated person reads one tree of books per year. Switch to e-books.”) Die Kampagne lief offenbar schon im letzten Jahr in Russland, produziert von der Moskauer Agentur Dentsu-Smart.

Vergleichsmaßstab ist meist der C02-Fussabdruck

Um einen Bücherbaum von solcher Größe wegzulesen, müsste man wohl jeden Tag des Jahres im Studierzimmer verbringen. Aber völlig aus der Luft gegriffen sind solche Vergleiche natürlich nicht – wobei als Grundlage meistens die freigesetzte Menge Kohlendioxid genutzt wird. Als Faustformel kann man sagen, dass alleine für die Produktion des Papiers für ein 200-Seiten-Buch ungefähr ein Kilogramm CO2 in die Atmosphäre geblasen wird. Dazu kommen dann noch Druck, Lagerung und Transport. Herstellung und Betrieb eines E-Readers mit E-Ink-Displays sollen dagegen von der Wiege bis zur Bahre rund 25 Kilogramm C02 verursachen, so eine Schätzung des Öko-Instituts Freiburg. Es gibt z.B. für Amazons Kindle auch Schätzungen, die höher liegen, u.a., weil auch die Infrastruktur hinter dem Kindle-Store miteinberechnet wurde. Grundsätzlich gilt aber wohl: Vielleser, die mit ihrem Lesegerät mehrere Titel pro Monat verschlingen, dürften spätestens nach zwei bis drei Jahren in punkto CO2-Bilanz grüne Zahlen schreiben.

Auch Papier hat seine Vorteile

Allerdings nähert man sich zu diesem Zeitpunkt auch schon fast wieder dem Ende der Lebensdauer mobiler Gadgets – woran nicht nur die kurzen Produktions- und Innovationszyklen schuld sind, die zum Kauf neuer Modelle verleiten. Bei den meisten Geräten lässt sich der Akku nicht austauschen, sobald die Leistung nachlässt, wandern E-Reader genauso wie Tablets oder Smartphones in die Sondermülltonne (die Sony-Reader machen hier aber erfreulicherweise eine Ausnahme, man kann sie nämlich aufschrauben!) Hier zeigt sich auch, wie schwer sich eigentlich Bücher aus Papier und E-Lesegeräte vergleichen lassen – schließlich steckt in elektronischen Geräten jede Menge an Kunststoffen und Schwermetallen, die über den C02-Fussabdruck hinaus die Umweltbilanz belasten. Der Rohstoff Papier dagegen lässt sich nicht nur vergleichsweise rückstandsfrei recyceln, er stammt auch aus einer nachwachsenden und somit sehr nachhaltigen Quelle. Umweltargumente allein, so könnte man also Sony entgegenhalten, sind für eine „educated person“ kein ausreichender Grund, um elektronisch zu lesen. Man muss aber auch kein allzu schlechtes Gewissen haben…

(via ebookfriendly & adsoftheworld)