Projekt „Beyond 140“: Funktioniert Twitteratur auch mit 10.000-Zeichen-Limit?

twitteratur-mit-10k-zeichen-limit„Beyond 140“: Das neue Twitter-Projekt klingt ungefähr so bahnbrechend wie BPs Projekt „Beyond Petroleum“ – denn die Begrenzung eines Tweets auf SMS-Länge gehört seit dem Start des „Kurznachrichtendienstes“ zur DNA des globalen Gezwitschers. Stattdessen will Gründer und CEO Jack Dorsey jetzt laut Re/Code ein neues Limit setzen: 10.000 Zeichen, also etwa den Umfang eines längeren Blog-Artikels oder Zeitungs-Aufmachers.

Twitter will mehr Nutzer ansprechen

Twitter würde damit anderen sozialen Netzwerken ähnlicher, siehe auch den Übergang vom „Faven“ zum „Liken“, doch ob solche Maßnahmen die vergleichsweise schlappen Nutzerzahlen am Ende deutlich erhöhen würde (denn das ist offenbar Hauptmotiv bei „Beyond 140“), scheint aber eine ganz andere Frage. Bei Direkt-Messages von Twitterer zu Twitterer gibt’s das erhöhte Limit ohnehin schon, und in der traditionellen Timeline wird auch immer öfter getrickst, seitdem es die „Inline-Images“ eingeführt wurden, also Bilder, die wie bei Facebook direkt im News-Stream angezeigt werden.

Reaktion auf Screenshot-Tweets?

Was wiederum die Macher der Zwitschermaschine zum Nachdenken gebracht hat: „Wir beobachten schon seit längerem, was die leute auf Twitter machen: sie tweeten Screenshos von [längeren] Texten“, so Dorsey in einem Statement zu Beyond 140, passenderweise als Bild über sein Twitter-Account versendet (siehe unten). Und fährt fort: „Wie wäre es, wenn stattdessen dieser Text … tatsächlich Text wäre? Text der durchsuchbar ist? Text der sich highlighten lässt? Das wäre ein sehr nützliches und mächtiges Feature“.

Viele Tweets in der traditionellen Timeline könnten in Zukunft also zu bloßen Teaser-Texten für das eigentliche Posting mutieren. Das droht nicht nur die große Gemeinde der Twitter-Puristen zu vergrätzen, sondern auch die Regeln der Twitteratur über den Haufen zu werfen, einer Literatur-Form, die inzwischen selbst in altehrwürdigen Zeitschriften wie Klett-Cottas „Merkur“ abgefeiert wird.

„Wütend davonstürmen, in Flip Flops“

Gerade erst begeisterte sich dort etwa Holger Schulze („Trinken gehen und Bus fahren: E-Books und kleine Formen“) über die im 140-Zeichen-Formalismus steckende „Poetik der lakonischen Miniatur, des dichten Moments“, wie man sie etwa in den Twitteratur-E-Books des Berliner Frohmann-Verlags erleben kann. Wahrscheinlich könnte man einen Satz wie „Wütend davonstürmen, in Flip Flops“ auch zur Novelle mit 10.000 Zeichen ausbauen – vom poetischen Prinzip der kleinen Form bliebe dann aber nichts übrig.

„Das Netz ist der Raum für Statusmeldungen“

Vielleicht sollte Jack Dorsey auf so jemanden wie Christiane Frohmann hören: „Das Netz ist, anders als ein Buch oder Sterbebett, kein passender Ort für letzte Worte, es ist der Raum für ständig zu aktualisierende Statusmeldungen“, postuliert die Berliner E-Book- und Twitteratur-Verlegerin. Das schnelle Texten on the Fly, das deutlich mehr mit Instagram und Instant Gratification zu tun hat als gemeißelten Res Gestae, hat sie „instantanes Schreiben“ getauft.

Man könnte es auch Twitters „Unique Selling Proposition“ nennen – denn je kürzer, desto spontaner. Das sieht zum Glück auch Jack Dorsey so: „Die Begrenzung auf SMS-Länge ist eine schöne Regel, ich liebe sie! Damit werden Kreativität und Prägnanz gefördert. Und ein Gefühl von Geschwindigkeit vermittelt“, schreibt er relativierend in seinem Statement. Die Mehrheit der Tweets solle deswegen auch weiterhin drei Kriterien erfüllen: „short and sweet and conversational“.

Hier Jack Dorseys Maxi-Tweet im Wortlaut:

Abb. ganz oben: Flickr/Jennie (cc-by-sa-2.0)

e-rstausgabe #1: Berliner Phonoclub ab jetzt auch E-Book-Release-Location

e-rstausgabe-phonoclub-berlinMan nennt sie auch E-Reginals: Bücher, die das Licht der Welt zuerst als E-Book erblicken. Im Web sind sie schnell gelauncht, in der Offline-Welt haben die Digitalen Ersties bisher allerdings im Vergleich zu Print gewisse Anlaufschwierigkeiten. Doch das muss ja nicht sein: mit „e-rstausgabe“ startet jetzt ein neues Publishing- und Veranstaltungsformat von Orbanism (siehe das gleichnamige Festival) – speziell für elektronische Erstausgaben.

Die erste Ausgabe von „e-rstausgabe“ findet heute abend ab 20 Uhr im Prenzlberger Phonoclub statt (Adresse & Programm siehe unten), weitere sollen dann 2016 im dreimonatigen Rhythmus folgen. Neben Initiatorin Christiane Frohmann (Orbanism & Frohmann Verlag) wirken bisher mit: Zoë Beck (CulturBooks), Nikola Richter (mikrotext), Frank Maleu (minimore) und Andreas Schwarz/Thomas Götz von Aust (PhonoClub).

Auf einer Facebookseite sollen zudem am laufenden Band interessante e-Book-Erstausgaben vorgestellt werden, vor allem aus unabhängigen kleinen Verlagen, aber auch spannende Titel aus den digitalen Reihen klassischer Verlage sind willkommen (Vorschläge kann man mailen an cf(at)orbanism(dot)com).

e-rstausgabe #1

  • Wo: PhonoClub, Pappelallee 65, 10437 Berlin
  • Wann: Mittwoch, 16. Dezember, 20 Uhr (ab 23 Uhr Disco)
  • Eintritt: 5 EUR

Abgesandte der Verlage CulturBooks, Frohmann, Mikrotext und der E-Book-Boutique Minimore lesen gemeinsam mit Autorinnen und Autoren aus aktuellen und kommenden E-Book-Erstausgaben.

Programm

Für CulturBooks:

Kevin Junk liest aus „Berliner Befindlichkeiten“.
Sophie Sumburane stellt das eBook „Die Bauchtänzerin“ von Safeta Obhodjas vor.

Für den Frohmann Verlag:

Steffi Roßdeutscher aka @diewucht ist Mitwirkende „Tausend Tode schreiben“ und liest ihren in der kommenden Version zu findenden Text. Über das E-Book sagte Monika Hebbinghaus im Deutschlandfunk: „ein beeindruckendes Kaleidoskop an Erfahrungen und Gedanken zum Tod, das den Leser berührt und herausfordert.“

Michaela Maria Müller liest aus ihrem bewegenden Essay „Vor Lampedusa“ und dem daraus erwachsenen 2016 bei Frohmann erscheinenden Roman. Sie erklärt, warum sie sich trotz der schwierigen Vermarktung semifiktionaler Literatur für die hybride Form entschieden hat.

Sylvia Lundschien liest ihrem in der Generator-Reihe erscheinenden E-Book „Killing Me Softly. ASMR-Videos auf YouTube“ und sorgt mit besonders betörenden Beispielvideos für wohlige Gänsehaut.

Christiane Frohmann liest aus „Frau Frohmann und andere Geschichten“, einem E-Book, von dem noch niemand etwas weiß…

Für mikrotext:

Assaf Alassaf, Ruth Herzberg und eine noch nicht bekannte/r Blogger/in.

Ein episodischer Facebook-Roman, in dem ein syrischer Flüchtling eine imaginäre Freundschaft mit einem deutschen Botschafter anfängt: Das ist „Abu Jürgen“ (Oktober 2015) von Assaf Alassaf, ein E-Book-only, das seit Erscheinen die Kritiker begeistert.

Ruth Herzberg zeichnet und schreibt Alltagsskizzen, voller Witz und Verve und großer Gefühle. Sie liest aus ihren gesammelten Blogtexten zu Paarproblemen aus „Wie man mit einem Mann glücklich wird“ (September 2015).

Sechs Herausgeber und über 50 Online-Berichte, Reportagen, Kommentare und Interviews, u. a. von Sarah Connor, Stefanie Sargnagel, Jaafar Abdul Karim: „Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge“ (November 2015), alle Erlöse kommen der Flüchtlingshilfe zu Gute. Das erste E-Book zur neuen Willkommenskultur in Europa.

Falling in eBook Love: Elektronischer Ortstermin in der Berliner Lettréetage

barbara-liebeHass ist krass, Liebe ist krasser. Das zeigte sich im doppelten Sinne gestern beim „E-Book-Love“-Abend in der Kreuzberger Lettrétage, dem Abschluss-Event des Orbanism-Festivals. Denn vielleicht gibt’s ja wirklich Gründe, E-Books zu hassen. Es gibt aber viel mehr Gründe, E-Books zu lieben. Das fängt schon mit dem krassen medialen Versprechen an, die Weltliteratur für alle und überall auf elektronischem Weg verfügbar zu machen.

Für die Veranstalterinnen und E-Book-Verlegerinnen Christiane Frohmann (Frohmann Verlag) und Nikola Richter (Mikrotext) fing so tatsächlich auch das Falling in Love mit E-Books an – in diesem Fall mit Edgar Allan Poe (The Oval Portrait) und Thomas Mann (Tod in Venedig) auf dem Smartphone-Display. Mittlerweile geben sie selbst E-Books heraus, mit einem deutlich gegenwärtigeren Ziel: von Hand kuratierte Content-Häppchen aus dem unendlichen Manuskript namens Internet.

Was u.a. auch den wichtigen Vorteil hat, krass schneller und aktueller sein zu können als traditionelle Publisher – und das wiederum ermöglicht dann auch gesellschaftliche Interventionen zu brennenden Themen wie etwa der angeblichen „Flüchtlings-Krise“, deren Bezeichnung selbst ja auch schon ein Krisensymptom ist. So wurde E-Book-Love vor allem zur Preview-Lesung für den in wenigen Tagen bei Mikrotext erscheinenden Sammelband „Willkommen – Blogger schreiben für Flüchtlinge“.

Schon im Sommer startete unter dem Hashtag #BloggerFuerFluechtlinge eine große Crowdfunding-Aktion, bei der mehr als 100.000 Euro zusammenkamen. Das Mikrotext-Projekt dagegen ist eine Crowdsourcing bzw. Crowdpublishing-Anstrengung, für die Lektoren, Autoren und Verlagsteam unentgeltlich in die Bresche gesprungen sind. Herausgekommen sind insgesamt fünfzig Geschichten, Meinungen und Statusmeldungen deutscher Blogger, die ein deutliches Zeichen der Solidarität setzen.

Vorgestellt wurden in der Lettrétage etwa Wulf Kreutels Facebook-Polemik gegen Hasskommentare, Eindrücke von Andrea Schütte Bubenik aus der pädagogischen Arbeit mit jugendlichen Refugees oder ein Kommentar von Sebastian Christ zur politischen (Not-)Lage der Nation. Besonders beeindruckt hat mich aber auch Michaela Maria Müllers Lampedusa-Reisebericht (“Vor Lampedusa. Eine Reise“), ein längerer, sehr persönlicher Essay, der im Frohmann-Verlag erschienen ist…

Abb.: Barbara (cc-by-sa-3.0)

Orbanism – Remix-Festival für Berlin & ditt janze Web da draußen

orbanism-remix-festival-berlinEs findet am 29. und 30. August in Berlin statt, und zugleich im Netz, also überall, urbi et orbi treffen sich im Glokal. So passt auch der Name irgendwie: „Orbanism“. Ausgedacht haben sich das Festival für Sound-, Bild- und Text-Remix auf Grundlage der Creative-Commons-Lizenz zwei prominente Berliner Book People, nämlich Digital-Verlegerin Christiane Frohmann und Branchen-Berater Leander Wattig.

Verliebt ins Material

Seit Anfang Juni kann man bereits künstlerische Inhalte zum diesjährigen Festival-Thema „Falling in Love“ einreichen, ab Juli dürfen sie dann wiederum selbst künstlerisch weiterbearbeitet werden. Der Material-Pool aus Remixen, Text- und Wortbildcollagen, Filmen u.ä. dient dann Ende August für Online- und Lokal-Events, etwa Konzerte, Lesungen, Performances, Ausstellungen, Screenings oder Projektionen.

Urheberrecht als Hochzeits-Crasher

Hinter den Kulissen geht’s natürlich um weitaus mehr als nur Boy-meets-Boy-meets-Girl-meets-Girl-Geschichten: „Jeder Remix erzählt vom Sichverlieben: Es war einmal ein Künstler (Ich), der einem fremden Werk (Du) begegnete und sich verliebte“, so das Mission Statement der Veranstalter. Das traditionelle Urheberrecht wirkt da leider bisher allzu oft als Hochzeits-Crasher. Doch nicht nur das: auch die Frage nach dem Lebensunterhalt macht den Künstlern zu schaffen.

Remix soll Ka-Tsching machen

Die Orbanism-Macher haben beides im Blick: „Wir wollen mit dem Orbanism Festival ausloten, wie sich größtmögliche kreative Freiheit und größtmögliches Einkommen für Künstler kombinieren lassen“, so Leander Wattig. Parallel arbeite man derzeit daran, ein das Konzept für ein Remix-Abrechnungssystem zu entwickeln, wer möchte, kann schon während des Festivals an Modellversuch zur kommerziellen Auswertung der Remixe teilnehmen.

„Kreativwirtschaft beweglich halten“

Geld verdienen mit einem geistreichen Tweet, einem per Handykamera abfotografierten Graffiti, oder einem Traumprotokoll nach der Pilzpfanne Ling Chi? Das wäre wirklich eine schöne neue Welt, immer noch sexy, aber nicht mehr ganz so arm. Soviel zum Maximalziel. Das Minimalziel formuliert Christiane Frohmann so: „Es geht darum, Berlin und überhaupt die Kreativwirtschaft beweglich zu halten“.

Auf der Metaebene brennt noch Licht: 140 Twitteraten trafen sich im Katersalon (Berliner Volksbühne)

In einen Tweet passen 140 Zeichen, in den roten Salon 140 Twitterer mit 140 Smartphones. So könnte man die tl;dr-Version des gestrigen Katersalons im roten Salon der Berliner Volksbühne weiterzwitschern – denn „Über 140 Zeichen“ sollte es an diesem Abend gehen. Eigentlich war’s eine Art erweiterte Release-Party, zeitgleich erschien nämlich im Frohmann-Verlag das von Stephan Porombka herausgegebene Buch „Über 140 Zeichen“, in dem laut Untertitel „Autoren einen Einblick in ihre Twitterwerkstatt“ geben. Zahlreiche dieser Twitteraten bevölkerten denn auch sukzessive die Bühne des Katersalons, von @stporombka himself über @anousch bis @NeinQuarterly.

Fast konnte man den Eindruck einer Nummernrevue bekommen, natürlich immer im Geiste der angewandten Cultural Studies. Denn Salonière und Startup-Verlegerin Christiane Frohmann versteht die Kater-Events tatsächlich als kulturwissenschaftliche Performance, und somit als deutlichen Gegenentwurf zur klassischen ‚Wasserglas-Lesung‘. Als erstes gab’s dann einen kleinen Lichtbildvortrag von @FrauFrohmann selbst zu den Hashtags #Zwischenwelten, #Miniaturen sowie #Megalomanie, der von Horace Walpole bis zu Michael Jackson reichte. Merke: der Weg zum falschen Leben im richtigen Leben, bzw. Virtual Life im Real Life war früher deutlich aufwändiger (siehe Strawberry Hill), ist aber heute auch nicht gerade billig, wenn man ihn architektonisch auslebt (siehe Neverland), doch zum Glück geht’s ja nun auch im Cyberspace, oder etwa ganz kondensiert auf Twitter.

Allerdings sollte der Abend ja auch von Anfang an „über 140 Zeichen“ hinausgehen, so folgte dann (zumindest gefühlt, vielleicht aber auch real) eine Viertelstunde wummernd-wabernder Soundcollagen von Sebastian van Roehlek, nicht ohne hineingemischte Stimmen, eine ging so: „Was soll das?“ Für @van_Roehlek war das mal ganz klar: nicht nur die Zwitschermaschine wird überschätzt, Sprache wird überhaupt überschätzt. Da ist wohl was dran. Getwittert wurde unterm Klangteppich aber trotzdem, da half auch das heruntergedimmte Licht nix. (Falls jemand behauptet, ich hätte auch getwittert – nein, das war nur die Notizbuchfunktion…)

Das nächste Format war dann durchaus Wasserglas-kompatibel – in den roten Sesseln auf der Bühne nahmen @anousch, @milenskaya und @MannVomBalkon Platz – und sprachen mit @FrauFrohmann über ihre Twitteraten-Existenz. Ein gutes Beispiel ist wohl Anousch Mueller. Die (laut Bio-Blurb auf Twitter) „Hausfrau, Mutter, Schriftstellerin“ hat sich selbst bzw. wurde „auf Twitter entdeckt“, und ging dann den Weg vom E-Book in Richtung Print. Ihr Romanerstling „Brandstatt“, letztes Jahr ganz klassisch bei C.H.Beck. erschienen, erzählt davon, wie man „der Versagung entkommt“. Versagung? Klingt auch nach irgendwas über 140 Zeichen. Naja. @anousch gehört jedenfalls zu den Twitterati der ersten Stunde, was an diesem Abend irgendwie immer irgendwas mit 2009 im Timestamp bedeutete.

Doch die gute, alte Twitterzeit, sie ist leider schon lange vorbei, fast so weit weg wie die Mitte des 20. Jahrhunderts, und @FrauFrohmann durfte sich vorkommen wie „Oma, die vom Krieg erzählt“. Die Twitterer wie auch die Follower kommen und gehen, fast wie bei „Menschen im Hotel“. Doch bei aller Wehmut im Gedenken an die „kuschelige“ Anfangszeit: es gibt nichts wirklich neues unter der Sonne des Mikrobloggings, die klassischen Twitter-Typen, sie kehren immer wieder, fast wie Colombina, Arlecchino und Dottore. So muss man auch das freche Mädchen, den Witzbold oder den Infotwitterer nie wirklich vermissen, irgendwo in der Timeline sind sie immer bei uns.

Was ebenfalls bleibt sind die Missverständnisse. „Warum muss man als Twitterer so oft sagen: ‚Das habe ich nicht so gemeint'“, fragte sich laut @MannVomBalkon, der ob eines zweideutigen Tweets erst kürzlich im realen Leben von einer guten Freundin entfreundet wurde. Tja. Vielleicht ne Altersfrage? Die Ausrede „Das sind alles nur Witze“ scheint wohl eher bei der Elterngeneration zu wirken, entgegnete @milenskaya, das sei genau wie bei den angeblich nur temporären Tattoos. Gutes Stichwort. Wie temporär sind eigentlich Tweets, wo sie jetzt auch schon von Nationalbibliotheken und anderen äh Nachrichtendiensten archiviert werden!?

Und dann kam ER. Der einzige unterarmtätowierte Professor für Texttheorie im deutschsprachigen Web. Stephan Porombka slammte direkt stehend am Mikro eine 13-Punkte Typologie des Twitter-Faves ins Publikum, vom Konfetti-Fave, Häkchenfave und Stalkerfave bis zum „Elvis kommt von der Bühne und küsst seine Fans“-Celeb-Fave, indischem Fake-Fave und der Top 1, den ausbleibenden Faves. Genau solche riskiert @stporombka auch mit seiner Twitter-Fibel „Der letzte macht das Buch aus“, 140 in irgendwie schiefgegangener Schönschrift mit Kugelschreiber verzettelten Analog-Tweets, wobei es sich, so will es die Herausgeberfiktion, um „Aufzeichnungen aus einem Funkloch“ handelt.

Noch mehr Tempo kam dann mit der Performance von @horsthundbrodt auf – den Subtext gab’s gleich in Form einer stroboskopartig auf die Leinwand gespritzten „Rapid Serial Visual Presentation„, dann folgte nach einem realen Blättersturm im Publikum ein langsamer Abspann mit ausgewählten literarischen Tweets (der letzte lautete: „Auf der Metaebene brennt noch Licht“), während Horst, Hund und Brodt sich mit Taschenlampen einen Weg zum Ausgang bahnten. Abschließend wurde noch einmal ein Autorengespräch à la guter alter Gutenberg-Galaxis simuliert, @NeinQuarterly alias ZEIT-Kolumnist Eric Jarosinski im Gespräch mit @HansHuett. „Like many of us, Eric Jarosinski first started tweeting as a way of avoiding work“, schrieb der New Yorker mal.

Hütt köpfte den Ball immer wieder hoch rein, fast wie ein fordernd-fördernder Fallmanager, schon zum Start sollte gleich mal Siegfried Kracauer als Prototwitterer verortet werden. Aber der Nein-Sager Jarosinski nahm’s gelassen, denn: „Nein als Namensbestandteil setzt ja immer schon Fragen voraus“. Vom Aphorismus zu Twitter ist der Weg nicht weit, und Aphorismen fand Jarosinski eben schon immer gut, „weil ich keine langen Bücher lesen und schreiben kann“. Wobei Hütt wiederum vorrechnen konnte, dass bei 30.000 Tweets von @NeinQuarterly letztlich schon eine beachtliche Doktorarbeit mit 2000 Manuskriptseiten herausgekommen sei.

Bevor Jarosinski den „Weltschmerz als the real hero“ entdeckte, hieß „Nein Quarterly“ übrigens „Shit Germans say“, dann nahm sich der an einer Elite-Uni in Pennsylvania lehrende Kulturwissenschaftler ein Beispiel an der deutschen Billigmarke „Ja“, negierte sie und setzte den Namensbestandteil einer vierteljährlich erscheinenden germanistischen Fachzeitschrift dazu. Twitternd on the Go, ausschließlich per Smartphone, in Hundehaufen und vor Autos laufend gewann @NeinQuarterly inzwischen 30.000 Follower. Das Geheimrezept hinter diesem Phänomen verriet neulich wohl Sascha Lobo: Jarosinski schenkt uns „liebevolle Kritik“, und damit etwas, was in Deutschland seit jeher fehlt.

Hinweis: Der Katersalon findet nach dem Umzug vom KaterHolzig in die Volksbühne ab jetzt an jedem 3. Dienstag des Monats im Roten Salon statt – siehe das jeweils aktuelle Programm.

Electric Book Fair 2014: Erste deutsche E-Book-Messe startet im Juni in Berlin

Wo gehören sie wirklich hin, die E-Book-People mit ihren elektronischen Schmökern & Gadgets? So richtig gut aufgehoben waren sie bisher weder auf der Hannoveraner CEBIT oder den Großevents des konventionellen Literaturbetriebs in Frankfurt und Leipzig, nicht umsonst immer noch als „Buch“-messe vermarktet. Eine Handvoll von Startup-VerlagsgründerInnen & E-Book-ExpertInnen wagt nun einen kompletten Reset: am Standort Berlin soll sich mit der „Electric Book Fair“ die erste E-Book-Only-Messe etablieren. Zu den MacherInnen gehören wohl nicht ganz zufällig Christiane Frohmann (Frohmann Verlag), Nikola Richter (mikrotext) und Fabian Thomas (shelff): sie haben mit ihren E-Book-Only-Programmen bereits gezeigt, dass Berlin auch in Sachen elektronischer Literatur das perfekte Startup-Hub ist. Mit dabei im Kuratorenteam ist zudem Kommunikationsdesignerin Andrea Nienhaus, von der u.a. das ambitionierte Artwork der Mikrotext-Cover stammt.

Wenn am 21. Juni in der Berlin-Weddinger Coworking- und Eventzone „Supermarkt“ an der Brunnenstraße die erste Electric Book Fair ihre Pforten öffnet, werden auch viele andere Gründer aus den Bereichen elektronisches Lesen, Publizieren & Vermarkten keine weiten Wege gehen müssen. In einem Radius von wenigen Kilometern beherbergt das Stadtzentrum der Hauptstadt hochspannende Projekte wie Readmill, dotdotdot, lettra.tv, txtr, Xinxii & Co. Nicht zu vergessen die neue Buchhandlung Ocelot in der unteren Brunnenstraße, die schon zu Berlin-Mitte gehört.

Die E-Book-Fair-OrganisatorInnen verstehen ihr Veranstaltungskonzept sowohl als Ergänzung wie auch Infragestellung bisheriger Buchmesse-Ideen: es wird keine Stände und Hostessen geben, die Grenzen zwischen Ausstellern und Besuchern sollen vorsätzlich verwischt werden. Im „Electric Café“ will man Leser, Verleger und Autoren ins Gespräch bringen. Parallel kann man im Rahmen der „Electric Enquete“ Vorträgen lauschen und mit Experten über die Zukunft des E-Publishings diskutieren – und zwar uneingeschränkt und kostenfrei.

Die E-Book-Fair stellt sich bewusst quer, wenn es um gewohnte Abgrenzungen und Hierarchien der Gutenberg-Galaxis geht: „Ziel der Electric Book Fair ist es, E-Books als das sichtbar werden zu lassen, was sie sind: konkurrenzlos zugängliche Speichermeiden für Texte, Bilder und Videos“. Tatsächlich passt zu Offenheit, Schnelligkeit wie auch Hippness der elektronischen Bücher eine urbane Coworking- und Eventzone an der Spree deutlich besser als der performativ längst auserzählte Messehallen-Leviathan an Main oder Pleiße. Denn im Weddinger Supermarkt finden auch bisher schon Digital-Aktionen wie Hackathons, Entwicklertage, Buch- und Magazinsprints statt – insofern auch ein idealer Ort, um die Buchmesse zu hacken.

Hinweis: Als Aussteller bewerben können sich bis zum 15.04.2014 sowohl Verlage, die ausschließlich E-Books veröffentlichen wie auch klassische Verlage mit digitalem Programm. Weitere Infos & Anmeldung unter electricbookfair.de

Abb.: Supermarkt (Blick auf die Brunnenstraße)