„Free“: Wired-Chefredakteur Anderson stürmt Bestseller-Listen mit Gratis E-Book

Kostenlose E-Books sind ein perfektes Marketing-Instrument: erst recht, wenn das Wort „Free“ bereits im Titel vorkommt. Das neue Buch von Wired-Chefredakteur Chris Anderson zum Thema „Free -The Future of a Radical Price“ ist dafür der beste Beweis – das Plädoyer für eine neue Preispolitik hat es in kurzer Zeit bis in oberen Ränge der New York Times-Bestsellerliste geschafft. Parallel zur Hardcover-Version gibt es für kurze Zeit eine Gratis-Version u.a. bei Google Books, aber auch einen kostenlosen Download des Hörbuchs bei Audible.

„Time is Money“: Die Premium-Version des Hörbuchs ist nur halb so lang

Schon mit seinem ersten Buch „The Long Tail“ beschreibt Anderson die veränderten ökonomischen Bedingungen im Zeitalter des Internet-Marketing: auch mit Nischenprodukten lässt sich hier viel Geld verdienen, da etwa im MP3-Musik-Business praktisch keine Vertriebs- und Lagerkosten anfallen (Anderson spricht vom „unlimited shelf space“). Gerade bei der Ware Information gibt es aber auch noch eine andere Möglichkeit: da die Herstellung von Kopien nichts kostet, kann man den Absatz auch durch Gratis-Versionen fördern. In Andersons Fall hat das geklappt: Mehr als 300.000 Leser haben sich die kostenlose Version online beschafft. „Kannibalisierende Effekte“ gab es offenbar kaum: „Free“ hat einen sehr guten Amazon-Verkaufsrang erreicht. Das heißt allerdings nicht, dass „Free“ weiterhin „for free“ zu haben sein wird: das E-Book und Hörbuch kann nur für kurze Zeit für lau heruntergeladen werden. Zudem gibt es schon jetzt eine spezielle Hörbuchfassung als Premium-Version: sie ist nur halb so lang, bietet dafür aber einen vom Autor persönlich zusammengestellten Best-Off-Zusammenschnitt. Andersons Argument dabei: „Time is Money“…

Alles für alle, und zwar umsonst? Von wegen: die Gratis-Versionen gibt’s nur in den USA

Die Gratis-Strategie hat vor allem potentielle Käufer in den USA im Visier: sowohl bei Google Books wie auch bei Audible gelten für den Vertrieb ‚“geographische Restriktionen“. Den Europäern bleibt aber zumindest die Möglichkeit, eine gezippte Version des Hörbuchs direkt bei Wired herunterzuladen. Anderson selbst hat sich für dieses Problem bereits auf seiner Website entschuldigt. Er spricht sogar von der Möglichkeit, in Zukunft weitere Gratis-Aktionen auch in anderen Ländern zu starten, wenn dort eine Übersetzung seines Buches erscheint.

Deutschland gehört nicht zur „freien Welt“: E-Books sind nur Vertriebskanal, keine Marketingmaßnahme

Deutschland gehört in diesem Fall allerdings nicht zur „freien Welt“. Bei Campus erscheint zwar die Print-Fassung am 14. September unter dem Titel „Free – Kostenlos. Geschäftsmodelle für die Herausforderungen des Internets“. Die E-Book-Fassung wird jedoch unter ganz normalen Bedingungen verkauft. Franziska Schiebe, Online-Beauftragte beim Frankfurter Campus-Verlag, erklärte dazu gegenüber Buchreport: „E-Books sind bei Campus generell keine Marketingmaßnahme, sondern ein eigenständiger Vertriebskanal. Mit einem kostenlosen E-Book würden wir uns dieser Vermarktungsmöglichkeit ohne Not selbst berauben.“ Tja, daran merkt man vor allen Dingen eins: Wirklich gelesen hat das Buch bei Campus wohl nur der Lektor…

Neue Antworten auf die Preisfrage: Wie teuer dürfen deutsche E-Books sein?

Neue Antworten auf Preisfrage Wie teuer dürfen deutsche E-Books sein_Bild_Pixelio_Sturm.gifBuchreport bietet diese Woche gleich drei Hinweise auf „neue Denke“ bei der Preisfrage: Wie teuer dürfen E-Books sein? Ein Bibliotheksdirektor findet Gratis-E-Books gut, weil sie den Print-Absatz fördern, der Lexikon-Verlag Pons macht Duden Konkurrenz mit der kostenlosen Vorabversion eines neuen Wörterbuchs, und Libreka-Geschäftsführer Roland Schill sagt voraus, bald würden auch bei uns neue Titel und Topseller in preisgünstigen E-Book-Versionen erscheinen.

Eine im Internet frei verfügbare Version ist das ideale Markeging

In einem Leserbrief an die FAZ betont Bibliotheksdirekter Fabian Franke (Uni Bamberg), dass sich gedruckte Bücher gut verkaufen, auch wenn parallel dazu eine Gratis-Version im Internet erhältlich: „Studien aus dem englischsprachigen Verlagswesen enthalten deutliche Hinweise, dass eine im Internet frei verfügbare Version das ideale Marketing ist und den Absatz gedruckter Bücher sogar deutlich steigert. In Deutschland verkaufen sich die Publikationen des Universitätsverlags University of Bamberg Press auch in gedruckter Form, obwohl sie nach dem Prinzip des Open Access kostenlos zugänglich sind“, argumentiert Franke in seinem Leserbrief, der am 23. Juli abgedruckt wurde.

Kann man bald auch in Deutschland aktuelle Bestseller als preisgünstige E-Book-Version kaufen?

Nicht kostenlose, aber günstige E-Books kommen wohl auch in Deutschland, schreibt Buchreport mit Blick auf Niedrigpreisstrategien von Barnes&Noble oder Amazon: Wenn „ein typischer Belletristik-Bestseller als deutsches E-Book genauso teuer“ sei wie die „Print-Ausgabe (plus/minus 20 Euro), Amazon & Co. das englische E-Book aber für den einheitlichen Bestseller-Tarif von 9,99 Dollar anbieten“, wie könne man dann verlangen, dass deutsche Kunden dieses Preisgefälle akzeptieren sollen?
Bisher konnte man ja einfach sagen: wenn die aktuelle Titel in Deutschland so gut wie gar nicht als E-Book verkauft werden, gibts auch kein großes Problem mit dem Preisgefälle. Doch das wird sich offenbar bald ändern: „Ich gehe davon aus, dass die großen Verlage Ende des Jahres oder Anfang nächsten Jahres so weit sein und ihre Bestseller auch als E-Book anbieten werden“, versicherte nämlich Libreka-Chef Ronald Schild im Gespräch mit buchreport.

Pons bringt eine Vorabversion des neuen Rechtschreib-Lexikons als Gratis-E-Book heraus

Der Lexikonverlag Pons ist sogar schon einen Schritt weiter: die für den 15. September angekündigte Neuentwicklung „Pons. Die deutsche Rechtschreibung“ wird nun vor der Print-Premiere bereits ab 27. Juli online für umsonst zu haben sein. Buchreport wertet das als „Frontalangriff“ gegen das Bibliographische Institut in Mannheim, Herausgeberin des Dudens, und gegen Bertelsmann, wo mit dem „Wahrig“ das wohl zweitwichtigste Wörterbuch im deutschsprachigen Raum erscheint. Beide Verlage haben in diesem Monat ebenfalls neue Ausgaben präsentiert — allerdings ausschließlich als gedruckte Fassung. Jedenfalls bis jetzt. Doch vielleicht gibt es nun bald drei kostenlose Online-Wörterbücher…

Bild: Pixelio/Sturm