[e-book-review] Zwischen Frühlingserwachen & emotionalem Notprogramm: Michael Köhlmeiers „Madalyn“

madalyn-koehlmeier-e-book-bestseller Michael Köhlmeier ist ein Vielschreiber und altersmäßig längst jenseits der Midlife-Crisis. Neben zahlreichen Erzählungen und Romanen kennt man den österreichischen Autor (Jahrgang 1949) durch seine Nacherzählungen von klassischen Sagen des Altertums und biblischen Geschichten. In seinem neuen Roman Madalyn verschränkt Köhlmeier nun die Liebeswirren von Wiener Teenagern mit der Schreibkrise eines alternden Schriftstellers. Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2010 gehörte Madalyn zu den sechs auch als E-Book lieferbaren Romanen. Unsere Rezensentin Heide Reinhäckel verrät, was von Madalyn zu halten ist.

„Noch keine vierzehn Jahre alt“: Frühlingserwachen in den Nullerjahren

In Wien lebt eine Schriftsteller namens Sebastian Lukasser. Was denn, nie gehört? Kein Wunder: Lukasser ist der fiktive Ich-Erzähler in Michal Köhlmeiers neuem Roman. Köhlmeiers literarisches Alter ego residiert in einer Altbauwohnung im dritten Wiener Bezirk und quält sich mit einem neuen Buch ebenso ab wie mit einer ausklingenden Liebesbeziehung. Da kommt ihn eine Ablenkung ganz recht, die in Gestalt der minderjährigen Madalyn an seiner Tür klingelt. Damit sind Autor wie Erzähler beim Thema, nämlich: Frühlingserwachen in den Nuller Jahren. Eigentlich muss man schon sagen, das Thema fällt dem Erzähler mit der Tür ins Haus. Denn bereits der erste Satz des Romans lautet: „Im Frühling 09 war Madalyn noch keine vierzehn Jahre alt“.

Zwischen Liebeskrise und Schreibkrise

Doch Köhlmeier ist nicht Nabokov, und Madalyn keine Lolita. Wie man bald feststellt, verbindet den Autor und die Heranwachsende eher eine Art respektvoller Freundschaft, seit Lukasser Madalyn nach einem Unfall ins Krankenhaus gebracht hatte – sie ist eine Art selbstgewähltes Patenkind geworden. Madalyn, die mit ihrer Familie eine Etage unter Lukasser wohnt, hat ein Problem: sie ist zum ersten Mal in ihrem Leben verliebt. Doch Moritz, der Auserwählte, ist leider in jeder Beziehung das Gegenteil eines Musterschülers. Er schwänzt die Schule, raucht nicht nur Zigaretten, hat lose Vorstellungen von anderer Leute Eigentum und ist damit eigentlich nicht gerade der passende Umgang für das zarte Mädchen, das sich mit seinen Sorgen dem Schriftsteller anvertraut. Da Lukasser in einer Schreibkrise steckt, vertieft er sich mehr und mehr in den Stoff, den ihm das wirkliche Leben in Gestalt der Liebeskrise seiner jungen Nachbarin liefert.

Lebenslügen alter Männer und Teenager-Schwindeleien

Köhlmeier-Leser kennen den Ich-Erzähler Sebastian Lukasser bereits aus Köhlmeiers Roman Abendland von 2007. Auch dort gab Lukasser ein fremdes Leben wieder und ließ sich von einem 95jährigen Moribunden dessen bewegtes Leben diktieren, das die Geschichte des 20. Jahrhunderts bilanzierte. Dagegen ist Madalyn eine leise Geschichte über die Anfänge der Empfindsamkeit, über die Pubertät und die verwirrenden Ambivalenzen der ersten Liebe. Der 16jährige Moritz erinnert nicht umsonst an Wilhelm Buschs berühmtes Bubenduo. Er stammt aus prekären Verhältnissen und entpuppt sich als routinierter Lügner. Dies verbindet ihn allerdings mit Lukasser, denn schließlich wissen wir schon seit Platons Zeiten, dass letztlich alle Dichter lügen. In einer der stärksten Passagen des Romans treffen Lukasser und Moritz aufeinander und liefern sich das „Duell zweier Lügner“, wie im FAZ-Feuilleton wahrheitsgetreu zu lesen war. Nur zeigt der schmale, aber sehr lesenswerte Roman, dass Lebenslügen älterer Männer deutlich schmerzhafter sind als Teenager-Schwindeleien. So schwant am Ende auch Lukasser, dass es mit seiner eigenen Beziehung, dem „emotionalen Notprogramm“, wohl nicht so weitergehen kann. Mal ganz zu schweigen vom Romanprojekt.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

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Michael Köhlmeier,
Madalyn (August 2010)
E-Book (epub-Format), 17,90 Euro
Hardcover (Hanser Verlag), 17,90 Euro.

Deutscher Buchpreis unter Strom: Hälfte der Shortlist-Titel ist elektronisch lieferbar

shortlist-buchpreis-e-book-bestsellerDie Shortlist ist da – damit gibt es noch sechs AnwärterInnen auf den deutschen Buchpreis. Die Liste birgt einige Überraschungen, so sind etwa Favoriten des Feuilletons wie Thomas Hettche („Die Liebe der Väter“) oder Kristof Magnusson („Das war ich nicht“) nicht in die engere Auswahl gekommen. Der E-Book-Anteil hat sich zudem deutlich erhöht. Mit den Romanen von Jan Faktor, Peter Wawerzinek und Thomas Lehr ist immerhin die Hälfte der nominierten Titel in elektronischer Form lieferbar. Der Name des endgültigen Preisträgers wird im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse verkündet.

“Welthaltigkeit“ der Literatur – von 1968 bis Nine Eleven

„Poetisch, komisch und experimentell“ seien die Romane auf der Shortlist, so Jurysprecherin Julia Encke zur Auswahl der Finalisten. Das Gemeinsame an den sechs nominierten Titeln sei „in ihrer Welthaltigkeit zu finden“, fügte die FAS-Literaturkritikerin hinzu. In besonderem Maße dürfte das wohl für Thomas Lehrs Post-Nine-Eleven-Roman „September.Fata Morgana“ gelten (siehe unsere E-Book-Review). Skurrile Rückblicke in das Prag der Sechziger Jahre bietet dagegen Jan Faktors eigenwilliger Entwicklungsroman „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“. „Ein Buch wie ein Erdbeben“ ist laut Verlagsprospekt Peter Wawerzineks „Rabenliebe“ – der autobiographische Roman kreist um das Kindheitstrauma des Autors, der bei der Republikflucht seiner Mutter als Waise in der DDR zurückblieb.

Wird der Buchpreis 2010 auch ein E-Book-Preis sein?

Die drei Romane von Lehr, Faktor und Wawerzinek bilden zugleich die elektronische Hälfte der Shortlist – sie sind sämtlich als E-Book im epub-Format lieferbar. Damit steigen zugleich die Chancen, dass der deutsche Buchpreis am Ende auch ein E-Book-Preis ist. Für die Popularisierung qualitativ hochwertiger Gegenwartsliteratur ist das eine wichtige Voraussetzung – gerade Nachwuchsleser nutzen E-Reader oder Smartphones für die Lektüre genauso selbstverständlich wie Hardcover oder Taschenbuch. Leider wurden sie bisher in den meisten Fällen von den Verlagen nicht einmal nachträglich bedient. Von den bisherigen Preisträgern der seit 2005 verliehenen Auszeichnung „Deutscher Buchpreis“ sind bisher nur zwei Titel auf dem E-Reader lesbar – Julia Francks „Mittagsfrau“ (2007) und Kathrin Schmidts „Du stirbst nicht“ (2009). Immerhin gibt es in diesem Jahr bei Libreka eine eigene Buchpreis-Seite mit elektronischen Leseproben aller Titel, die auf die Longlist gelangt sind. In Zukunft sollte sich elektronisches Lesen allerdings nicht nur auf kurze Appetizer beschränken – schließlich enden Taschenbücher ja auch nicht auf Seite 20.


Die Shortlist in alphabetischer Reihenfolge:

  • Jan Faktor,
    Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag
  • Thomas Lehr,
    September. Fata Morgana
  • Melinda Nadj Abonji,
    Tauben fliegen auf
  • Doron Rabinovici,
    Andernorts
  • Peter Wawerzinek,
    Rabenliebe
  • Judith Zander,
    Dinge, die wir heute sagten

(Hier findet man zum Vergleich die E-Books auf der Longlist)