Riepls neueste Visitenkarte, oder: Akzidenzen aus der Letterpress eines Schweizer Degens

handgedruckte-visitenkarte„Rund um das elektronische Lesen“ lautet das Motto von E-Book-News — das heißt auch, über Bereiche der Gutenberg-Galaxis zu berichten, die sich dem Trend zum Digitalen widersetzen. Ein aktuelles Beispiel liegt vor mir auf dem Tisch: ein Stapel Visitenkarten, nicht nur einfach „gedruckt“, sondern per Hand aus Blei gesetzt und per Letterpress — also klassischem Buchdruck — auf wertiges weißes Papier mit hoher Grammatur gebracht.

Die Tiegelpresse rattert

Beim Druckvorgang war ich dabei, es gab erst einen Probedruck, dann ratterten in ein paar Minuten 100 Exemplare aus der Tiegeldruckpresse. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: eine schöne schwarze, serifenlose Schrift, die sichtbar in das Papier eingegraben ist.

Dabei habe ich auch gleich noch ein paar längst verschollene Begriffe gelernt — hergestellt wurden die Karten zum Beispiel von Christian Schöppe, einem veritablen „Schweizer Degen“, also einem ausgebildeten Print-Fachmann, der gleichzeitig als Schriftsetzer und Drucker arbeitet.

Gelegenheitsdrucksachen als Cash Cow

Wie bei den meisten KollegInnen gehört auch zu Schöppes Kerngeschäft der Akzidenzdruck, also „Gelegenheitsdruck“, zu solchen Akzidenzen werden neben Visitenkarten und Briefpapier auch Prospekte, Broschüren, Speisekarten oder Formulare gezählt.

Rieplsches Gesetz bestätigt sich

Was natürlich nicht heißt, dass nicht Stars der Szene, wie hier im Berliner Raum etwa Martin Z. Schröder, auch immer wieder mal mit besonders schönen, im Bleisatz produzierten Büchern in limitierter Auflage von sich reden machen — und damit voll und ganz das Rieplsche Gesetz bestätigen: weder hat das E-Book das gedruckte Buch vollständig verdrängt, noch haben moderne Druckverfahren von Offset bis Digitaldruck das alte Handwerk der „schwarzen Kunst“ vollständig verdrängt.

[e-book-review] Grandfather Nerd 1.0: Jeff Jarvis entdeckt „Gutenberg The Geek“

Jeff Jarvis liebt das mediale Experiment. Mit dem Kindle Single „Gutenberg the Geek“ („Gutenberg der Nerd“) hat der prominente Blogger & Journalist es nun geschafft, sich in wenigen Tagen in die Top 100 der amerikanischen Kindle-Charts zu katapultieren. Nicht schlecht für ein E-Book, das sich ausgerechnet um den Erfinder des Buchdrucks dreht. Doch ist die Gutenberg-Galaxis wirklich überholt? Jarvis betrachtet den Säulenheiligen der schwarzen Zunft aus Perspektive des Silicon Valleys: „Das Ziel jedes Nerds sollte es sein, so wie Gutenberg zu werden“, so die Schlussfolgerung am Ende des knapp 30.000 Zeichen kurzen Textes.

„Schutzpatron des Silicon Valley“

Deutschen Lesern ist der umtriebige Medienprofi als Autor von „Was würde Google tun?“ oder „Public Parts: How Sharing in the Digital Age Improves the Way We Work and Live“ bekannt. Und natürlich als Schöpfer des „German Paradox“, das die Angst vor Google Streetview mit dem hierzulande gerne gepflegten Besuch der gemischten Sauna konfrontierte. Doch nicht ganz zufällig pilgerte Jeff Jarvis auf einem seiner Deutschlandbesuche auch zum Gutenberg-Museum in Mainz. Nicht nur wegen all der ausgestellten Paraphernalia, sondern aus Prinzip: „Ich meine, man muss Gutenberg als Schutzpatron des Silicon Valley sehen. Denn er nutzte Technologie, um einen Industriezweig zu gründen, vielleicht sogar die Industrialisierung selbst, und um seine Welt zu verbessern.“

Damit ist das Anliegen von Jeff Jarvis skizziert – es geht darum, die Geschichte des Johannes Gensfleisch zu Gutenberg aus unternehmerischer Perspektive zu erzählen, als würde es sich um ein Technologie-Startup unserer Zeit handeln. Das legt auch schon Gutenberg-Biograf Albert Kapr nahe, an dessen Standardwerk sich Jarvis orientiert. Timing spielt dabei eine wichtige Rolle. Ähnlich wie Google nicht ohne Web-Server oder Web-Software entstanden wäre, standen auch Gutenberg wichtige Neuerungen zur Verfügung, etwa hochwertiges Papier und das vereinfachte lateinische Alphabet. Das nötige Kapital brauchte man im 15. Jahrhundert natürlich auch schon – Jarvis präsentiert dazu Gutenbergs Business-Plan.

Buchdruck als Open Source Plattform

Erste Erfahrungen als Gründer machte Gutenberg mit der Massenproduktion von Handspiegeln für Pilgerreisende. Der Gewinn wurde dann in das nächste Vorhaben investiert – nämlich erste Experimente mit dem Buchdruck. Dabei sei Gutenberg mit „Steve Jobes-mäßiger Geheimhaltung“ vorgegangen. Zu recht, wie sich später zeigte. Denn als es Jahre später Probleme mit dem Cash-Flow gab – das „Venture“ hatte bereits mehr als 2000 Gulden verbrannt – verlor der Großvater aller Nerds einen Teil seiner Produktionsmittel an einen Gläubiger. Doch auch darauf reagierte Gutenberg mit einer sehr modern scheinenden Strategie: von nun an machte er sein Know-How öffentlich bekannt, die Buchdruckkunst wurde quasi zur Open Source.

Auch aus dem folgenden Siegeszug gedruckter Bücher zieht Jeff Jarvis interessante Parallelen zur Gegenwart – etwa, dass es immer eine Weile dauert, bis sich die Auswirkungen einer Medienrevolution wirklich abzeichnen. Gedruckte Bücher imitierten noch für Jahrzehnte das Aussehen von Manuskripten, und auch die Entstehung neuer Genres – wie etwa Montaignes Essays – braucht seine Zeit. „Dieselbe Tendenz, die Zukunft mit den Mitteln der Vergangenheit fortzuschreiben, sehen wir heute im Internet, wo die Herausgeber von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern auf digitalen Oberflächen das Aussehen von Papiermedien imitieren“. Das Zeitalter der Reformation, der eigentlichen Umwälzungen, so Jarvis, haben wir also noch gar nicht erreicht.

Und wer ist nun der Gutenberg des Web-Zeitalters? Ist es Jeff Bezos? Vint Cerf? Tim Berners Lee? Sind es die Gründer von Facebook oder Twitter? „Sie alle sind es, tausend Gutenbergs, eine Million Gutenbergs, und sie entwickeln Plattformen, die wie die von Gutenberg der Öffentlichkeit völlig neue Handlungssmöglichkeiten geben.“ Gerade deswegen lohnt es sich, das beweist Jarvis mit seinem Kindle-Single, den Spuren von „Gutenberg The Geek“ zu folgen. Veröffentlicht hat Jarvis das E-Book über den ersten Buchmacher nicht nur ganz ohne Druckerpresse, sondern auch ohne Verlag – aber den hat ja Gutenberg genauso wenig gebraucht. Das ist vielleicht auch der Grund, warum im Titel nicht „Gutenberg – The Nerd“ steht. Denn der entscheidende Unterschied lautet bekanntlich: „Geeks get it done“.


Jeff Jarvis, Gutenberg The Geek
E-Book (Kindle Single) 2,68 Euro
[Tipp: ein längeres Exzerpt findet sich auf Business Insider]