Abklingphase nach der Sprunganregung: E-Reading & die Zukunft des Hype Cycles

hypecycleWenn man den Hype Cycle irgendwo auf dem aktuellen Gartner Hype Cycle eintragen würden, dann wahrscheinlich auf dem Weg vom „Gipfel der überzogenen Erwartungen“ in das „Trogtal derEnttäuschungen“. Denn die jährliche Momentaufnahme zeigt ein mehr oder weniger bekanntes Bild — ernstzunehmende Hypes brauchen eben meist länger als ein Jahr, um sich auffällig weiterzuentwickeln. Die Blockchain allerdings hat es erwischt — sie ist (zu recht? zu unrecht?) jetzt in den Sturzflug übergegangen, eingeklemmt zwischen „Cognitive Computing“ und kommerziellen unbemannten Drohnen.

Immer noch auf dem aufsteigenden Ast dagegen befinden sich „Emerging Technologies“ à la 4D-Printing, Smart Robots, Smart Workplaces, virtuelle Assistenten, Hirn-Computer-Schnittstellen und Quanten-Rechner. So richtig enthypet und verwertungsfähig ist bis auf weiteres nur die virtuelle Realität, die Augmented Reality könnte es bald geschafft haben.

Mit der Buchbranche scheint das auf den ersten Blick alles gar nichts zu tun zu haben… E-Reading, E-Publishing und der elektronische Buchhandel sind, zumindest gemäß Gartner, längst jenseits von Gut und Böse. Auf den zweiten Blick jedoch sieht es schon wieder etwas anders aus — denn viele der neuen Technologien werden natürlich auch die Art und Weise verändern, wie wir Bücher finden, kaufen und lesen.

Deep Learning-Algorithmen verbessern die Buchempfehlungen, sprachgesteuerte virtuelle Assistenten helfen beim Einkaufen oder spielen auf Zuruf ein Hörbuch ab, Drohnen lassen den bestellten Brockhaus zielgenau über der Terrasse direkt in den Liegestuhl fallen, und die Buchstütze dazu kommt aus dem Drucker. Vielleicht kommt über das Brain-Computer-Interface eines Tages sogar der digitale Zwilling von Jeff Bezos ins Haus und besucht die Premium-Kunden im Traum.

Die große Frage bleibt, ob die Buchbranche selbst zukünftig auch eigene Hypes erzeugen kann, oder nur wie ein Stück Treibholz im breiten Strom der Emerging Tech vorangetrieben wird. Und wird es mehr als nur ein Retro-Hype sein, entstanden durch die wachsende Differenzerfahrung zwischen alten und neuen Medien? Vielleicht so etwas schön hybrides wie smarter Bücherstaub? Vorlese-Drohnen? Halluzinierte Lesebiographien?

Bücher machen mit der Kraft der Crowd: Krautpublishing – ein Handbuch für Verleger & Self-Publisher

krautpublishing-crowdfunding-handbuch-fuer-die-buchbrancheSelf- bzw. Indie-Publishing plus Crowdfunding gleich Krautpublishing. Das war grundsätzlich schon beim Erscheinen der ersten Auflage von „Krautfunding“ vor fast fünf Jahren (!) klar. Nicht umsonst lautete die dritte These, die ich dem Buch vorangestellt hatte, ja auch: „Crowdfunding verstärkt den Trend in Richtung Direkt-Publishing“.
Klar schien auch: Klassische Vermittlungsinstanzen wie Verlage und Buchhandel waren nicht mehr unbedingt notwendig. Bis zum Erscheinen des aktuellen Handbuchs „Krautpublishing“ hat es dann aber doch noch ein Weilchen gedauert. Denn so richtig nahm die Sache hierzulande erst Fahrt auf, als zwei neue Vermittlungsinstanzen bereit standen: einfach zu nutzende Self-Publishing-Plattformen, siehe KDP/Createspace, epubli & Co., wie auch deutsche Crowdfunding-Plattformen mit großer Unterstützer-Community, siehe Startnext, Visionbakery etc.

Krautpublishing via Kickstarter & Startnext

Inzwischen wird die Self-Publishing-Revolution tatsächlich auch stark durch die Kraft der Crowd angetrieben: auf der US-Plattform Kickstarter nähert sich die Zahl der crowdgefundeten Publishing-Projekte sogar schon der 100-Millionen-Dollar-Marke, in Deutschland haben die Book People alleine via Startnext immerhin schon mehr als 500.000 Euro zusammengetragen. Wobei immer öfter auch (Indie-)Verlage dabei sind… (mehr …)

„DRM fesselt E-Books. Die Blockchain ‚führt‘ E-Books, so wie in ‚Buchführung'“ — Alexander Weinmann (lyrx Books) im Interview

blockchain-technologie-fuer-die-buchbrancheE-Books verleihen, gebraucht verkaufen, oder seitenweise vermarkten — und das alles ohne DRM-Overkill? Die von der virtuellen Bitcoin-Währung her bekannte Blockchain verspricht eine Peer-to-Peer-Alternative für den Handel mit elektronischen Büchern, ohne teure Infrastruktur, ohne zentrale Instanz. Was noch ein bisschen nach Science-Fiction klingt, hat aber schon fast die Praxisphase erreicht: das Schweizer Startup „lyrx Books“ stellt sich als erstes Unternehmen im deutschsprachigen Raum als Blockchain-Spezialist für die Buchbranche auf. Gegründet wurde lyrx von Diplom-Mathematiker & Softwareentwickler Alexander Weinmann und Wirtschaftsinformatiker Josia Sackmann — wir sprachen mit Alexander Weinmann über die Unterschiede zwischen Blockchain-Technologie und klassischem DRM, das Potential an Benutzerfreundlichkeit und wollten nicht zuletzt wissen: kommen mit der Blockchain auch Bitcoins als Zahlungsmittel für E-Books?

E-Book-News: Bisher konnte man ja schlecht für den Weiterverkauf von „gebrauchten“ E-Books argumentieren, wenn man gleichzeitig gegen DRM war — die Blockchain-Technologie scheint diesen gordischen Knoten nun zu durchschlagen. Wie schafft sie das?

Alexander Weinmann: Indem Sie das Urheberrecht und das Eigentumsrecht (und den Verkauf) anders regelt, als bei harter DRM. Im Internet geht es auf technischer Ebene beim Handel immer um Verschlüsselung, also um Kryptographie. Genau wie bei DRM ist auch in der Blockchain die Kryptographie das entscheidende Werkzeug. Allerdings setzt die Blockchain Kryptographie auf eine viel elegantere und flexiblere Weise ein, als das mit DRM je denkbar wäre. DRM behindert Handel. Die Blockchain ermöglicht Handel, damit auch Weiterverkauf. Kurz zurück zur harten DRM: Hier wird das eBook immer verschlüsselt. Die Entschlüsselung ist nur mit einem bestimmten Lesegerät oder einer bestimmten Software möglich, und an einen Leser gebunden. Entschlüsseln kann der Leser nicht frei, wie ihm das gefällt. Er hat nicht das Recht dazu. Das Buch gehört ihm nicht. Er kann nicht darüber verfügen.

In der Blockchain ist das ganz anders: Eine Transaktion in der Blockchain überträgt ein Lese- oder Besitzrecht für ein Buch von einem Leser/Besitzer zu einem anderen. Die Blockchain ist ja nichts anderes als eine Liste solcher Transaktionen, unabhängig von einer Firma oder einer Institution. Deshalb ist so beweisbar, wer das Urheberrecht an einem Buch hat, wer das Leserecht oder ein beliebigtes anderes Recht besitzt, sobald das Buch in einer solchen Transaktion enthalten ist.

Die Weitergabe des entschlüsselen E-Books lässt sich auf diese Weise aber nicht verhindern?

Nein, das geht nicht. Diebstahl wird es immer geben. Was sich aber ändert durch die Blockchain, ist folgendes: Für jedes einzelne eBook auf der Welt kann verifiziert werden, wer welche Rechte darauf hat: Urheber, Verleger, Leser, Entleiher, was auch immer. Das ist möglich, sobald das eBook über Blockchain-Transaktionen geführt wird, und es ist eben unabhängig von einem Verlag oder einem eBook-Shop möglich.
Wie soll das funktionieren, wenn das eBook nicht notwendig verschlüsselt ist? — Wiederum über Kryptographie! Jede Datei lässt sich mit einer kryptographische Prüfsumme eindeutig kennzeichen (Hash, oder beim eBook erfüllt ein Wasserzeichen den selben Zweck) . Diese Prüfsumme wiederum kann kryptographisch signiert werden, was nichts anderes bedeutet, als dass Sie einem Eigentümer/Urheber oder Leser zugeordnet wird. Sobald diese signierte Prüfsumme nun Teil einer Blockchain-Transaktion ist, wird das eBook handelbar, wie ein physisches Gut. Spätestens jetzt wird klar, dass die Details kompliziert sind. Aber die Details sind für den normalen Leser unwichtig! Er wird den Unterschied merken, wenn es umgesetzt ist, wenn es die Handelsplatform tatsächlich gibt, und wenn er seine erste echte eigene digitale Bibliothek aufbauen kann.

Kunden möchten ihre E-Books auf möglichst vielen Endgeräten lesen
können, Backups machen, vielleicht auch den Titel in der Familie oder
unter Freunden weitergeben. Ist das konkrete Handling einer E-Book-Datei
beim Einsatz der Blockchain-Technologie so flexibel wie z.B. bei E-Books
mit digitalem Wasserzeichen?

Ganz klar ja! Blockchain-Technologie ermöglicht nur den Handel von eBooks. Weder
werden die eBook-Dateien selbst in der Blockchain abgelegt, noch über die Blockchain verteilt. Dafür ist die Blockchain nämlich nicht geeignet. Das Herunterladen muss also nach wie vor über den Server eines Shops erfolgen. Der Shop kann nach wie vor DRM einsetzen, auch Wasserzeichen, wenn er möchte. Die Gründe, das zu tun, sind aber deutlich weniger, denn der Shop kann nun über die Blockchain seinen Kunden authentifizieren, und kann im Prinzip sogar jedes einzelne Buch tracken.
Sobald jemand ein bestimmtes eBook auf der Festplatte hat, muss es in der Blockchain eine Transaktion geben, die ihm und dem Buch zuzuordnen sind. Sonst hat er eine illegale Kopie. Das Handling aber, die Verteilung, die Abspeicherung, die Nutzung von Lesegeräten, all das bleibt davon (zunächst) unberührt. Was die Weitergabe eines Buchs an Freunde oder an die Familie angeht:
Dahinter steckt letztlich die Frage, welches Recht ein Leser an einem eBook erworben hat. Wenn er das Recht hat, das Buch an Freunde weiter zugeben, ohne eine dazugehörige Transaktion in der Blockchain erfassen zu müssen, dann ist das eben so. Jede Buchhaltung hat ihre Grenzen, und die Blockchain ist letztlich auch nur eine Buchhaltung.

Schon jetzt gibt es verschiedene E-Book-Formate wie auch verschiedene Kopierschutz-Standards, was viele Kunden verwirrt und verärgert. Wenn man zukünftig den Verleih oder Verkauf von E-Books via Blockchain organisiert — wie lässt sich verhindern, dass es am Ende dann zwei und mehr Blockchains gibt, so wie es jetzt ja auch schon verschiedene Krypto-Währungen nebeneinander existieren?

Das wird sich kaum verhindern lassen, und die Frage, ob es passieren wird, ist auch völlig offen. Natürlich wird das in der Szene momentan heiss diskutiert. Viele sind unzufrieden mit der bereits stattfindenden Zersplitterung. Es gibt ständig neue Projekte mit völlig neuen Ansätzen.
So wird zum Beispiel bei Ethereum ein Ansatz verfolgt, der über »smart contracts« alles noch einmal auf ein weitaus abstrakteres Niveau hebt.
Auch IBM und Microsoft brauen gerade ihr eigenes Süppchen. Auf diesem Gebiet ist momentan unglaublich viel Kreativität und Intelligenz am Werk. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich entsprechende Meetings und Veranstaltungen besuche, wie vielen ausserordentlich klugen Menschen ich dort begegne. Das ganze Gebiet
arbeitet wie ein grosser Thinktank. Konkurrenz und unterschiedliche Ansichten bereichern das zusätzlich. Deshalb kann das Ergebnis gar nicht einheitlich sein.
Am Ende aber ist Blockchain eine Basistechnologie. Es wird bestimmt möglich sein, verschiedene technologische Grundlagen vor dem Endbenutzer zu verbergen, indem es einheitliche Benutzerschnittstellen gibt. Was auch immer geschehen wird, es wird bestimmt viel besser sein, als das, was wir momentan haben.

Als direktes Bezahlverfahren haben sich Bitcoins & Co. bisher weder im
Online-Handel allgemein noch in der Buchbranche durchsetzen können.
Inwieweit könnte die Nutzung von Blockchain-Technologien im Buchhandel
zugleich auch die Akzeptanz für Krypto-Währungen verbessern?

Ganz klares Nein. Ob Kryptowährungen sich durchsetzen oder nicht, das wird bestimmt nicht vom Buchhandel abhängen. Es wird vor allem davon abhängen, in wie weit sich Kryptowährungen im Bankenbereich durchsetzen. Ausserdem sind Währungen immer vom Staat reguliert. Vielleicht wird es eines Tages spannend werden, wenn der Euro in eine richtig tiefe Krise gerät. Wenn den klassischen Währungen nicht mehr vertraut wird, was geschieht dann mit den Kryptowährungen?
Natürlich bietet es sich an, eBooks, die in der Blockchain gehandelt werden, über Kryptowährungen zu bezahlen, da diese ja ebenfalls über die Blockchain laufen. Es ist aber nicht zwingend notwendig. Wie genau das aussehen soll und wird, das will ich gerade heraus finden. Es wird darauf ankommen, was die Shops und Verlage wollen, wo sie der Schuh drückt, und wo konkret Kryptowährungen da helfen können. Wir von der lyrx GmbH suchen Ansprechpartner aus der Branche, die uns genau das sagen können.

Abb.: Namecoin/Flickr (cc-0/gemeinfrei)

[Aktuelles Stichwort] Disintermediation – jeder gegen jeden, und Amazon gegen alle


[Dieser Artikel ist eine Preview aus: „das große e-book & e-reader abc“, das mehr als 200 aktuelle Stichwörter von Adobe-ID bis Zweifinger-Zoom enthält. Es ist digital und gedruckt im Oktober 2014 bei ebooknews press erschienen – Tipp: zum Einführungspreis bestellen und vier Euro sparen!]

Mit dem Begriff „Disintermediation“ wird die Umgehung bzw. Verdrängung von Zwischenhändlern („Intermediären“) in der Wertschöpfungskette bezeichnet.

So werden in der Buchbranche durch den Online-Direktvertrieb klassische Geschäftsmodelle ausgehebelt. Der Aufstieg eines „branchenfremden“ Unternehmens wie >>Amazon zur wichtigsten Online-Handelsplattform für gedruckte Bücher ging seit den 1990er Jahren deutlich zu Lasten des >>stationären Buchhandels. Durch die Self-Publishing-Plattform >>KDP wie auch die Gründung eigener Imprints wie „Amazon Crossing“ umgeht Amazon mittlerweile zugleich klassische Verlage. Die Koppelung von >>Print-On-Demand und Online-Versandhandel (vgl. etwa Amazons Service >>Createspace) trägt zusätzlich zur Disintermediation der Branche bei.

Wenn Online-Plattformen unter Umgehung klassischer Zwischenhändler lediglich den Verkauf von Kunde an Kunde („Customer-to-Customer“) organisieren, wie etwa im Fall von >>Self-Publishingoder im >>Second-Hand-Handel mit gedruckten Büchern, spricht man auch von „Peer-to-Peer“-Geschäftsmodellen.

Grundsätzlich funktioniert die webgestützte Disintermediation auch im Buchhandel auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig. So setzen etwa viele Verlage ebenfalls auf >>Direktvertrieb über eigene Online-Plattformen, klassische Zwischenhändler wie der Barsortimenter >>Libri betreiben eigene Online-Buchhandlungen (E-Book.de) und konkurrieren mit dem Buchhandel, und nicht zuletzt verkaufen viele Self-Publisher ihre Titel zum Teil auch direkt über eigene Webseiten.

Am stärksten wirkt die Disintermediation bei der parallelen Umstellung von physischen auf digitale Güter, wie etwa im Fall von >>E-Books oder >>E-Comics – hier kann letztlich sogar die gesamte klassische Wertschöpfungskette von Verlag, Druckerei, >>Barsortiment und Buchhandel ersetzt werden, übrig bleiben im Extremfall nur noch Autor, Leser und das Internet als Vertriebsschiene.

Der >>Workflow von E-Book-Produktion wie auch Vermarktung bedeutet jedoch sehr viel Aufwand. Im Rahmen der Disintermediation werden ursprünglich nur auf Verlage beschränkte Dienstleistungen wie Lektorat, Cover-Design oder auch PR, Marketing und >>Distribution mittlerweile nun auch gezielt für Self-Publisher angeboten.


[Dieser Artikel ist eine Preview aus: „das große e-book & e-reader abc“, das mehr als 200 aktuelle Stichwörter von Adobe-ID bis Zweifinger-Zoom enthält. Es ist digital und gedruckt im Oktober 2014 bei ebooknews press erschienen – Tipp: zum Einführungspreis bestellen und vier Euro sparen!]