Peinliche Ermittlerpanne: Vermeintlicher Boox.to-Pirat besaß sechs E-Books, und keinen Internet-Anschluss

Wer zu Hause Originale sammelt, kann Probleme mit der Justiz bekommen, wer Raubkopien sammelt, erst recht. Die Gründer der Download-Plattform Boox.to haben schon mehr als 40.000 E-Books zusammenkopiert & erfolgreich unters Volk gebracht (bevor die Sammlung raubkopiert wurde). Kein Wunder, dass bei einem ihrer vermeintlichen Betreiber im Sommer 2013 die Polizei an der Tür klingelte. Die Wohnung des in Köln lebenden Amazon-Kunden wurde per richterlicher Verfügung durchsucht, Rechner und Tablet beschlagnahmt. Öffentlich gemacht hat diesen für die Behörden ziemlich peinlichen Fall die auf Medienrecht spezialisierte Kanzlei Wilde Beuger Solmecke in ihrem Youtube-Channel (siehe unten).

Achtung, Achtung: Auch Namen werden raubkopiert

Große Probleme, ihren Mandanten vor mehreren Jahren Freiheitsstrafe zu bewahren, hatte die Kanzlei in diesem Fall nämlich nicht. Der Verdacht gegen den Kölner Amazon-Kunden beruhte lediglich darauf, dass ein Forumbeitrag irgendwo in den Untiefen des Internets eine E-Mail-Adresse mit Namen und Vornamen des Mannes enthielt. Da die betreffende Kombination von Name und Vorname in diesem Fall nur ein einziges Mal in deutschen Telefonbüchern auftauchte, schien für die Ermittler die Sache klar. Die Kriminalisten hatten dabei aber offenbar eins nicht bedacht – digitaler Identity-Theft ist weit verbreitet. Mit anderen Worten: auch Namen und Adressen werden raubkopiert, besonders gerne von Piraten, die sich im Netz unerkannt bewegen möchten.

Das bestätigt auch Spiegelbest, ehemaliger Betreiber von boox.to, auf seinem Blog: „Jedenfalls müsst ihr euch das nicht so vorstellen, dass wir die Aliase erfinden. Ist ja auch Quatsch: Kann sein, dass es die Postleitzahl nicht gibt oder die Straße oder was weiß ich. Jedenfalls hol ich mir die Aliase immer aus dem Telefonbuch. Ist ja auch logisch: Brauch ich ja nur zu kopieren! Es stimmt dann alles!“ Eigentlich hätten die Ermittler das wissen können, schließlich setzen von staatlich finanzierten Under-Cover-Agenten bis zu selbständigen Terroristen klandestine Akteure jeglicher Couleur seit jeher auf solche „Doubletten“-Systeme.

Verfahren wurde inzwischen eingestellt

Der Kölner Verdächtige hatte aber auch besonderes Glück im Unglück – denn aufgrund von Pannen beim Service-Provider NetCologne besaß er nachweislich schon seit Wochen keinen Internet-Anschluss über das Festnetz mehr. Zudem konnte er noch während der Hausdurchsuchung via Smartphone den Beamten mit einem Blick auf sein Amazon-Account zeigen, dass er bisher überhaupt nur ein halbes Dutzend E-Books gekauft hatte, nicht Vierzigtausend oder mehr. Mit großem Aufwand hatte die Kripo der Karnevalsmetropole am Ende also einen Massen-Raubmordkopierer erwischt, der sechs legal erworbene E-Book-Leichen in seinem Daten-Keller lagerte. Chapeau! Inzwischen wurde das Verfahren nach Angaben der Medienrechts-Anwälte eingestellt.

Die Ermittlungspanne passt in das allgemeine schlechte Bild, das die Generation der hauptamtlichen Digital Immigrants derzeit abgibt, ob es nun um Merkelphone & Datenschutz geht oder um den Umgang mit der Kultur des Tauschens & Weitergebens von Büchern, Filmen und Musik. Die Reaktionen pendeln zwischen offen zur Schau gestellter Ohnmacht auf der einen Seite und (von individuellen Kollateralschäden abgesehen) effektlosem Law-and-Order-Aktionismus auf der anderen Seite. Spiegelbest, derzeit im Netz auch unter dem „echten“ Alias Bernd Fleisig unterwegs, kann es offenbar selbst kaum fassen: „Also – höre, GVU, höre! – wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich mir die Aliase ausgedacht! Habe ich nicht, weil ich nicht ahnen konnte, wie es im Kopf eines technikdeffinen Richters zugeht.“

Abb.: Flickr/Lester Public Library (cc)

Offizieller Gratis-Download auf boox.to: Selim Özdogan spendiert „Freikarte für’s Kopfkino“

Ein türkischer Junge, der sich weigert, Deutsch zu sprechen, eine Mutter, die auf die anarchische Kraft von Unkraut setzt, ein philosophischer Tankwart, der auf Geld und Ruhm pfeift: Es sind unangepasste Figuren, die Selim Özdogan in seinem neuen Erzählband „Freikarte für’s Kopfkino“ versammelt. Ähnlich unorthodox denkt offenbar auch Özdogan selbst, denn das E-Book erscheint als Gratis-Download exklusiv via TorBoox. Die Piraten-Plattform stellt normalerweise ungefragt Texte ins Netz – diesmal aber nicht: „Ich bin an Kontakt interessiert und Kontakt, wie ich ihn verstehe, entsteht an den Grenzen“, begründet der in Köln lebende Autor sein Promotion-Experiment in einem Interview. „Was ich in der öffentlichen Diskussion sehe, ist eher ein Rückzug, ein sich einigeln und auf die bösen Piraten schimpfen. Ich möchte an die Grenze, ich möchte sehen, welche neuen Wege es geben könnte.“

„Digitale Kopierbarkeit ist ein Fakt“

Özdogan hat zwar schon mal mit Self-Publishing im Bereich Hörbuch experimentiert, seine seit den Neunziger Jahren erschienenen Romane wurden jedoch bisher bei traditionellen Verlagen herausgegeben – das gilt auch für das aktuelle Werk „DZ“. Einige der E-Book-Versionen wiederum sind schon bei Torboox gelistet, ungefragt, versteht sich. Doch das stört den Autor offenbar nicht wirklich: „Es erscheint mir nahezu unmöglich, ein Ebook mit einem funktionierenden Kopierschutz auszustatten. Digitale Kopierbarkeit ist ein Fakt. Gesetze sind national, das Internet kennt keine Grenzen, das ist auch Fakt“. E-Book-Piraterie, da ist sich Özdogan sicher, hat vor allem mit den Problemen von Verlagen zu tun, die Gesetze der digitalen Ökonomie zu verstehen: „Um das Ausmaß zu reduzieren, müsste man ein attraktives Angebot für den Kunden bieten. Ebooks sind heute in der Regel etwa zehn Prozent billiger als das entsprechende Papierbuch. Das heißt wir sagen dem Käufer: Wenn wir die Druckkosten, die Vertriebswege, den Gewinn des Buchhändlers, etc rausnehmen, können wir dieses Ding zehn Prozent billiger anbieten. Und wenn er das nicht glaubt, liegt der Fehler bei ihm.“

„Etwas zu verschenken tut niemandem weh“

Dabei ist sich der Freikarten-Spender für das Kopfkino durchaus bewusst, dass manch einer auf die Kooperation mit der Warez-Szene gereizt reagieren wird – die ZEIT und der TAGESSPIEGEL wurden vor kurzem (erfolglos) angezeigt, nur weil sie es wagten, im Rahmen eines Interviews mit dem anonymen boox.to-Betreiber „Spiegelbest“ den Namen der Plattform auszuschreiben. „Mir ist bewusst, dass man auf diesen Schritt emotional reagieren kann. Ich sehe aber nicht so richtig, wem ich damit weh tue, wenn ich etwas verschenke“, meint Özdogan. „Ich habe ja auch in der Vergangenheit schon Möglichkeiten des Netzes genutzt, um Sachen kostenfrei anzubieten“. Anderswo ist die Zusammenarbeit von Kreativschaffenden und Piraten schon weitaus etablierter – im Rahmen der „Promo-Bay“-Initiative erhielt etwa die populäre BitTorrent-Plattform Piratebay Ende 2012 in kurzer Zeit mehr als 10.000 Bewerbungen von Indie-Künstlern. Zu den besonders vehementen Befürwortern dieser Promotion via Piraten-Publishing zählt Bestseller-Autor Paulo Coelho.

„Kriminalisierung der Nutzer kann keine Lösung sein“

Auch Özdogan plädiert für einen Paradigmenwechsel in punkto Literatur-Marketing: „Es wird einem nie vorgeworfen mit einem großen Konzern zu arbeiten, der am Kunden kein weiteres Interesse hat als seine Daten und seine Kaufkraft. Ich bin in erster Linie am Leser interessiert und dessen Wert bemisst sich für mich nicht an seiner Kaufkraft. Dass ich Geld verdienen muss, empfinde ich als einen Makel des Systems, in dem wir leben. Und ich halte den Leser nicht für so dumm, dass er die Autoren vernichtet, indem er sie nicht mehr unterstützt“. Man müsse nicht unbedingt mit Piraten zusammenarbeiten, das Gegenteil sei aber auch falsch: „Sie und auch die große Anzahl von Nutzern dieser Plattform zu kriminalisieren, löst das Problem nicht. Oder erst, wenn wir eine flächendeckende Zensur des Internets oder die totale Überwachung einführen“.

„Der Geist ist bereits aus der Flasche“

Letztlich sieht Özdogan die E-Book-Piraten sogar als Vorkämpfer für die Internet-Freiheit: „Die Möglichkeit – auch unerkannt – viele Menschen zu erreichen, ist im Netz gegeben. Das kann so oder so genutzt werden. Wenn es darum geht Zensur zu umgehen, wird diese Möglichkeit begrüßt. Sie wird aber abgelehnt, sobald käufliche Inhalte unkontrolliert verbreitet werden“, wundert sich der experimentierfreudige Autor. Angesichts der bekannt gewordenen Totalüberwachung der digitalen Datenströme durch Nachrichtendienste und mit ihnen kollaborierenden Unternehmen gehe es in punkto Piraterie nicht einfach nur um Musik, Filme oder Literatur, sondern um die Frage: wo wollen wir hin? „In so einem Zusammenhang begrüße ich, dass es Menschen gibt, die sich im Netz frei von all dem machen, die zeigen, dass man nicht gläsern sein muss, sondern unsichtbar werden kann“. Einem von ihnen, dem ebenso legendären wie anonymen Dread Pirate Roberts, ist ein Mini-Essay am Ende des Erzählbands gewidmet – inklusive Original-Schlusszitat: „Doch selbst wenn wir verlieren, der Geist ist bereits aus der Flasche.“

Abb.: E-Book-Cover „Freikarte fürs Kopfkino“ (Ausschnitt), Design: Boris Höpf

„Wir bekämpfen Verlage, nicht Autoren“: Piratenplattform boox.to testet Flattr-Buttons

Fast schon 2 Millionen E-Book-Downloads pro Monat zählt boox.to mittlerweile – und plant bereits den Ausbau der Server. „Die illegalen Downloads sind eine Kampfansage an den bestehenden Buchmarkt“, erklärt der anonyme Betreiber Spiegelbest. Die zumeist mit großem B und drei Sternchen geschriebene Download-Plattform will durch massenhafte Abwerbung der Leser die Buchbranche zu günstigen Flatrate-Angeboten und zum Verzicht auf Kopierschutz zwingen. Doch was wird aus den eigentlichen Literaturproduzenten, solange es kein Spotify für Bücher gibt? „In der Zwischenzeit müssen wir Möglichkeiten finden, die Autoren zu unterstützen“, räumt Spiegelbest ein – und schlägt als Mittel zum Zweck Crowdfunding vor.

Von Piratebay zu Flattr zu Boox.to

Tatsächlich ermöglichen Flattr-Buttons jetzt freiwillige Spenden der Warez-Community an die Urheber. In den Worten von „Spiegelbest“: die „Freeloader“ werden zu „Payloadern“ gemacht. Klingt auf den ersten Blick absurd – doch letztlich geht es ja in der Dankeschön-Ökonomie grundsätzlich darum, für immaterielle Güter zu bezahlen, die kostenlos im Web verfügbar sind. Und ob man es nun gut findet oder nicht: im Netz zirkuliert ohnehin schon (fast) alles in piratisierter Form. Insofern schließt sich mit Flattr-Buttons auf boox.to der Kreis, denn Flattr-Mitgründer Peter Sunde war bei der legendären Plattform Piratebay aktiv, bevor er mit dem Crowdfunding-Netzwerk den Kampf um die Kulturflatrate mit legalen Mitteln weiterführte.

„Bitte denkt an die Autorin und ihre Katzen“

Mit einem kleinen Teaser können die Autoren auf den boox.to-„Artikelseiten“ begründen, warum der kostenlose Download eine Spende wert sein sollte. So schreibt etwa die Indie-Autorin Franziska Hille: „Liebe LeserInnen, denkt bitte auch daran, dass am anderen Ende eures Lesestoffes eine Autorin viel Zeit, Schweiß, Mühe, Tränen und Muskelkater in den Fingern investiert hat. Und dass besagte Autorin sich und ihre Katzen ja von irgendwas ernähren muss. Wenn ihr meine Bücher mögt, dann zeigt mir das bitte.“ Die Resonanz der Autoren blieb bisher jedoch insgesamt eher verhalten – die Suche nach Flattr-Buttons auf boox.to (über die Suchphrase tag:flattr) führt gerade mal auf ein halbes Dutzend Namen (bzw. vier abzüglich eines Pseudonym-Doppels und dem Titel „Interview mit einem Buchpiraten“, das Spiegelbest selbst beigesteuert hat).

Autoren-Promotion mit Kauflinks!?

Ein Grund dafür scheint wohl auch die Reaktion mancher Verlage auf eine weitere Möglichkeit sein, die boox.to den Autoren anbietet – sie können als Promotion-Maßnahme nämlich Kauflinks einbinden, die auf Amazon & Co. führen. Spätestens an dieser Stelle platzte einigen Verlegern die Hutschnur: sie übten Druck aus, um die Verlinkung wieder zu entfernen. Einer Autorin wurde zwischenzeitlich sogar der Verlagsvertrag gekündigt. Für Self-Publisher dürfte die Nutzung der neuen Promotion-Möglichkeiten deutlich einfacher sein – sie können schließlich selbst entscheiden, wie sie ihre E-Books verwerten. Bis hin zur Nutzung von Creative Commons-Lizenzen statt Copyright: in diesem Fall wäre der Download via boox.to sogar vollkommen legal.

Großes B & drei Sternchen: Boox.to als Voldemort der Buchbranche?

Piraten sind immer gut für einen Scoop, gerade am Ausgang des Sommerlochs. Doch Tagesspiegel und ZEIT online wollten es in diesen Tagen wohl wirklich wissen – sie interviewten via E-Mail nicht nur „Spiegelbest“, seines Zeichens E-Book-Pirat & Betreiber von boox.to, der größten illegalen Download-Plattform für elektronische Bücher in Deutschland. Die Gazetten wagten es dann auch noch, das branchenweit gefürchtete Tetragramm des Grauens gedruckt wie auch online voll auszuschreiben: B-O-O-X.

Die Reaktion ließ dann auch nicht lange auf sich warten: „Anders als üblich, wird die Plattform nicht anonymisiert, sondern interessierte Nutzer erfahren in dem Artikel den Klarnamen und somit auch die URL“, kritisierte der Branchenblog B*********, allerdings nicht ohne selbst auf den inkriminierten Artikel zu verlinken. Potentielle Nutzer, so die vor diesem Hintergrund nicht wirklich schlüssige Argumentation, würde man mit dem Bericht inklusive Namensnennung überhaupt erst auf die Plattform aufmerksam machen.

Mindestens ebenso unangenehm dürfte natürlich der Inhalt des Interviews gewesen sein. Schließlich begründet „Spiegelbest“ darin das Engagement seines Teams mit den überhöhten E-Book-Preisen: „Es fehlt ein attraktives digitales Angebot der Verlage. Kein Verlag verdient mit E-Books Geld. Warum nicht? Es liegt immer am Anbieter, nie am Kunden“. Sich selbst stilisieren die Piraten dagegen als einen Teil der Lösung: „Die Verlage haben nicht erkannt, dass sie es nicht mit Ladendieben, sondern mit einer neuen Art Verlag zu tun haben. Wir sind ein gefährlicher Konkurrent. Wir verkaufen unser Produkt für null Euro“.

Zumindest auf das Interview reagierte die Branche dann aber ähnlich, wie man es schon von Verstößen gegen die Buchpreisbindung gewohnt ist – die unliebsame Konkurrenz soll mit juristischen Schritten gestoppt werden: B********* zufolge wurde bei der Staatsanwaltschaft Hamburg bzw. Berlin Anzeige gegen die Redaktionen erstattet, da diese „Beihilfe zur Urheberrechtsverletzung“ geleistet hätten. Neben der Namensnennung auch dadurch, dass für „die Vorteile des illegalen Angebotes“ geworben wurde.

Hoffnung auf Erfolg macht sich der anonyme Anzeigerstatter aber offenbar selbst nicht – es sei eine „Prinzipiensache mit wenig Aussicht auf Erfolg“. Um diese Andeutung voll zu goutieren, muss man natürlich wissen: Das Prinzip, das der Prinzipiensache offensichtlich entgegensteht, heißt Pressefreiheit. Die umfasst nämlich nach geltender Rechtssprechung auch die Nennung von Namen und Verlinkungen, wenn sie „einzelne Angaben des Beitrags belegen oder diese durch zusätzliche Informationen ergänzen sollen“.

Pikanterweise war der Anlass für ein entsprechendes Urteil eine Klage der Musikindustrie gegen Heise Online (danke an Stefan von Phantanews für den Tipp!) – das Portal hatte in einem Artikel auf eine Website verwiesen, die Cracking-Software zur Umgehung von Kopierschutz anbietet. Das zeigt: Nicht nur bei DRM und File-Sharing, sondern auch beim Journalisten-Bashing kopiert die Buchbranche offenbar eins zu eins die erfolglosen Strategien der Musikbranche. (Übrigens zeigt bereits ein Blick auf das Börsenblatt, dass die Namensnennung von Piratenplattformen branchenintern auch bei den Book People durchaus üblich ist.)

Abb.: Flickr/Fu Man Jew (cc)

Buchpreis-(Ver-)senkung: Piraten kapern Longlist – & übernehmen den Job der Verlage

Die Longlist ist da: auch in diesem Jahr konkurrieren wieder 20 AutorInnen um den Deutschen Buchpreis, darunter bekannte Gesichter wie Clemens Meyer, Urs Widmer und Reinhard Jirgl, aber auch zahlreiche Newcomer. Erfreulicherweise hat auch der Digitalisierungsgrad deutlich zugenommen, alle überhaupt schon lieferbaren Titel (derzeit 18 von 20) sind elektronisch verfügbar. Das zeigt: die Verlage haben inzwischen etwas dazugelernt. Denn noch vor zwei, drei Jahren war der Löwenanteil der Longlist ein reiner Papiertiger. Zudem kooperiert der Veranstalter mit diversen Literaturbloggern, die das Lektürepaket kostenlos erhalten.

Durchschnittspreis der Longlist-E-Books: 16 Euro (!)

Was aber auch notwendig ist, denn das komplette Printbündel würde regulär satte 350 Euro kosten, der Durchschnittspreis liegt bei knapp 18,50 Euro. Für Hardcover-Neuerscheinungen bewegt sich das natürlich durchaus im Rahmen des Erwartbaren. Doch auch die E-Book-Versionen sind nicht weit davon entfernt – das digitale Buchpreis-Bundle kommt nämlich auf 286 Euro, Durchschnittspreis fast 16 Euro. Das E-Book-Pricing für zudem mit DRM versehene Versionen liegt damit im Schnitt nur 15 Prozent unter dem Preis der Hardcover. Das zeigt: soviel dazugelernt haben die Verlage dann doch nicht, solche Preise sind schließlich eher prohibitiv zu verstehen. Der eine oder die andere darf gerne ein E-Book kaufen, am liebsten hätte man es aber offenbar, wenn ansonsten alles so bleibt wie es ist.

„Wie man eine Longlist nicht verkauft“

Doch die Zeiten, in denen Wünschen noch geholfen hat, sind vorbei. Kaum war die Longlist nämlich veröffentlicht, traten die E-Book-Piraten von boox.to auf den Plan – sie kündigten an, die „Longlist der Verlagsautoren zu befreien“. Inzwischen waren sie dabei offenbar auch erfolgreich: mehr als die Hälfte der Titel, so legt es eine aktuelle Liste auf dem Warez-Blog torbooks.org nahe, sind schon als Download verfügbar, DRM-frei versteht sich, und fast kostenlos (die Piraten-Plattform hat inzwischen eine monatliche Gebühr eingeführt). Wer den Schaden hat, braucht auch für den digitalen Spott nicht zu sorgen: die digitalen Immigranten der Verlagsbranche hätten gezeigt, „wie man eine Longlist nicht verkauft“, ätzten die anonymen Aktivisten. Und behaupteten frech: mit einem niedrig bepreisten„Flatlist“-Angebot lasse sich nicht nur mehr Literatur unter die Leute bringen, sondern am Ende auch mehr Gewinn erzielen.

Mission: Literatur unter die Leute bringen

Das wirklich ärgerliche daran ist wohl: die digitalen Freibeuter haben recht. Denn mit dem völlig realitätsfernen E-Book-Pricing verbauen sich die Verlage bisher alle Chancen, von den Vorteilen der digitalen Ökonomie zu profitieren. Durch viele Pricing-Experimente aus dem Self-Publishing-Sektor wissen wir schließlich längst, dass absurd hohe Preise am Ende den Autoren und Verlagen sogar deutliche Verluste bescheren. E-Book-Preise nahe am Optimum, dem „sweet spot“, der in Deutschland etwa bei 4 bis 5 Euro liegen dürfte, lohnen sich dagegen gleich doppelt – sie führen durch den weitaus größeren Absatz insgesamt zu höheren Gesamterlösen, vergrößern aber auch die Leserbasis und den Bekanntheitsgrad von Autoren. Literatur unter die Leute bringen: eigentlich ja die Kernaufgabe von Verlagen. Ein Job, der eigentlich auch zu wichtig ist, um ihn den Piraten zu überlassen…

Abb.: flickr/Terry McCombs