Zeitungs-Flatrate mit Suchtfaktor: Blendle Premium startet in den Niederlanden

blendle-premiumNoch ne Flatrate? Diesmal für Journalismus? Alexander Klöpping meint, das geht: „Von jetzt ab habt ihr Spotify für Musik, Netflix für Video, und Blendle für Zeitungsartikel“, bloggte der Mitgründer des seit 2015 auch in Deutschland aktiven Häppchen-Portal kürzlich via „Medium.com“. Und so geht „Blendle Premium“: Statt Kleinbeträgen für einzelne Artikel sammelt Blendle zukünftig 10 Euro pro Monat ein, und bietet den (bis auf weiteres: niederländischen) Lesern dafür Tag für Tag 20 ausgewählte Artikel aus insgesamt knapp 120 Blättern bzw. Magazinen zur Lektüre. Der Clou dabei: Jeder Nutzer erhält einen eigens auf ihn zugeschnittenen Nachrichten-Mix — dafür sorgen zum einen clevere Algorithmen, zum anderen aber auch menschliche Kuratoren.

Kontra Filterbubble, Clickbait & Fake News

Denn Klöpping möchte zwei Probleme auf einmal lösen — die Leute lesen aus Zeitmangel keine Zeitung mehr, und landen anstelle dessen im undurchsichtigen Informations-Dschungel ihrer Social Media-Profile. „Wir lancieren Blendle Premium in einem für den Journalismus wichtigen Moment. Ich mache mir große Sorgen. In einer Zeit in der ein Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten werden kann, der Klimawandel sich beschleunigt und die Angst vor Terroranschlägen wächst, werden wir überflutet von Fake News, Filterblasen und Click-Bait. Und es gibt einen großen Schuldigen: Facebook.“

Blendle als Facebook-Korrektiv?

Nicht nur der Qualitätsjournalismus gehe dabei den Bach herunter, auch unsere Demokratie, die ein kritisches Medien-Korrektiv braucht. Die Strippenzieher bei Facebook würden ein Katzenvideo auf Buzzfeed wichtiger finden als einen Hintergrund-Artikel der New York Times über die von russischen Hackern beeinflussten US-Wahlen. „Das ist unglaublich. Und das macht mir Angst. Facebook nimmt seine wichtige Rolle für die Gesellschaft nicht ernst“, schreibt Klöpping.

Gute Flatrate-Apps machen süchtig

Doch können 75 Blendle-Redakteure und Web-Entwickler wirklich die Welt retten? Der niederländische Entrepreneur vertraut auf den Flatrate-Effekt: eine ganze Generation junger Menschen unter 35 könne mit einen Zeitungs-Abo nichts anfangen, bezahle aber ohne mit der Wimper zu zucken monatlich für Spotify und Netflix. „Herrliche Apps, mit prächtigem Interface. Und sie zeigen dir nur Dinge, die für dich von Bedeutung sind.“ Auf diesen „Sucht“-Faktor will nun auch Blendle setzen. Deutsche Leser müssen allerdings bis auf weiteres selbst Cherry-Picking betreiben, denn das neue Premium-Angebot gibt’s vorerst nur in den Niederlanden.

(via Financial Times & via „Medium.com“)

Personalisiert, aber ohne „Ausblendle“-Effekt: Online-Kiosk Blendle will Filter-Bubble zum Platzen bringen

blendle-bringt-filter-bubble-zum-platzenGerade erst beklagte ZEIT Online-Chef Jochen Wegner: „Ein Platz 1 in den Blendle-Wochen-Charts bringt dreistellige Erlöse“. Doch für Blendle lohnt sich Blendle auf jeden Fall: kaum zwei Jahre nach dem Start habe man die Schwelle von einer Million Leser durchbrochen, hunderttausende davon seien auch aktive Nutzer, so Alexander Klöpping, der Mit-Gründer des journalistischen Häppchen-Portals, in einem Blog-Beitrag.

Kontra die „Klickdatur“ von Facebook & Co.

Klöpping klopfte sich dabei gleich auch mal branchenpolitisch kräftig auf die Schulter: Weil man den Lesern durch aufwändige Kuratierung des Artikel-Angebots helfe, die besten Stories zu finden, kämpfe man damit erfolgreich gegen die automatische „Klickdatur“ der großen Filterblase von Portalen wie Facebook, die auf immer stärkere Personalisierung setzen.

Die Blendle-Community sieht das ähnlich: „Viele unserer Leser fühlen sich unwohl, wenn’s um das Thema Personalisierung geht. Es gibt die Angst, nur noch Artikel präsentiert zu bekommen, denen man zustimmt, anstelle von Stories, die herausfordern“, schreibt Klöpping.

Neuer Premiums-Stream enthält „unerwartetes“

Einen Journalismus, der spaltet, statt zu informieren, das will man bei Blendle auf keine Fall. Mehr Personalsierung ist aber schon erwünscht. Deswegen hat man nun … einen Algorithmus entwickelt, der die „Filterblase zum Platzen“ bringen soll. Der neue „Blendle Premium Stream“ sei zwar extrem personalisiert, enthalte aber eben auch unerwartetes, so Klöpping.

Also mit dem Filter gegen die Filter-Bubble? Man darf gespannt sein. Den Blick über den digitalen Tellerrand erhalten bisher nur ausgewählte Test-Leser, demnächst soll das Roll-Out für die gesamte Blendle-Leserschaft beginnen. Ironischerweise setzen die großen Social Media-Portale selbst ja inzwischen nicht mehr nur auf Algorithmen, sondern bauen Teams aus menschlichen Kuratoren auf, um die Content-Auswahl im Nachrichten-Strom besser abzustimmen. Gute Personalisierung scheint also beides zu brauchen, händische Kuratierung und Filter-Algorithmen.

Entbündelte Blätter: Blendle bietet Info-Happen mit Geld-zurück-Garantie

blendle-fuer-eine-handvoll-centsWenn nicht kostenlos, wie dann Nachrichten verkaufen? En gros oder en detail, per Flatrate oder scheibchenweise? Das niederländische Startup Blendle setzt seit 2014 auf die Entbündelung mittels Micropayment: Zeitungs- und Zeitschriftenartikel lassen sich mit der Blendle-App einzeln lesen und bezahlen. Im Schnitt für 25 Cent pro Artikel – und das sogar mit (wenn auch limitiertem) Umtauschrecht.

„Mischung aus Twitter, Google News & Paypal“

Blendle-Gründer Marten Blankesteijn beschreibt das Prinzip als eine Mischung aus „Twitter, Google News, Paypal und Leidenschaft für Qualitätsjournalismus“.
Auf dem Heimatmarkt Holland konnte der gelernte Journalist schon mehr als 300.000 Leser von diesem Konzept überzeugen, die meisten davon in der für Medienunternehmen besonders interessanten Altersgruppe U-35. Also jenen, die angeblich keine Zeitung mehr lesen bzw. kein Geld dafür ausgeben möchten.

Mehrheit der Presse-Verlage mit im Boot

Von Anfang an hatte Blankesteijn mit seinem Entbündelungs-Modell auch Deutschland im Blick, wollte aber warten, bis die Mehrheit der großen Presse-Verlage mit im Boot wäre. Dieser Zeitpunkt scheint nun gekommen zu sein: Anfang der Woche startete die Beta-Phase der deutschsprachigen Blendle-Version, und viele große Titel sind bereits dabei, von ZEIT oder Süddeutscher Zeitung bis zu Kicker, Neon oder Gala.

Joint-Venture mit Springer & NYT

Nicht zufällig sind sehr viele Springer-Produkte am neuen Micropayment-Kiosk erhältlich, zusammen mit dem New York Times-Verlag hält das deutsche Medienhaus nämlich einen 23 Prozent-Anteil am niederländischen Startup, drei Millionen Euro haben beide Kooperationspartner dafür locker gemacht. Ob’s dafür auch besser Konditionen gibt? In der Regel gehen bei Blendle 70 Prozent der Erlöse im Einzelverkauf an den Verlag, 30 Prozent erhält die Plattform.

Dem wählerischen Leser auf der Spur

Die Logik hinter solchen Angeboten wie Blendle oder dem ebenfalls in diesen Wochen angetretenen deutschen Start-Up Pocketstory ist klar: Verlage können damit LeserInnen erreichen, die sich nicht mit regulärem Digi-Abo oder einer monatlichen Flatrate binden möchten. Außerdem winken anonymisierte Nutzerdaten, mit denen man die eigenen Angebote optimieren kann.