„DRM fesselt E-Books. Die Blockchain ‚führt‘ E-Books, so wie in ‚Buchführung'“ — Alexander Weinmann (lyrx Books) im Interview

blockchain-technologie-fuer-die-buchbrancheE-Books verleihen, gebraucht verkaufen, oder seitenweise vermarkten — und das alles ohne DRM-Overkill? Die von der virtuellen Bitcoin-Währung her bekannte Blockchain verspricht eine Peer-to-Peer-Alternative für den Handel mit elektronischen Büchern, ohne teure Infrastruktur, ohne zentrale Instanz. Was noch ein bisschen nach Science-Fiction klingt, hat aber schon fast die Praxisphase erreicht: das Schweizer Startup „lyrx Books“ stellt sich als erstes Unternehmen im deutschsprachigen Raum als Blockchain-Spezialist für die Buchbranche auf. Gegründet wurde lyrx von Diplom-Mathematiker & Softwareentwickler Alexander Weinmann und Wirtschaftsinformatiker Josia Sackmann — wir sprachen mit Alexander Weinmann über die Unterschiede zwischen Blockchain-Technologie und klassischem DRM, das Potential an Benutzerfreundlichkeit und wollten nicht zuletzt wissen: kommen mit der Blockchain auch Bitcoins als Zahlungsmittel für E-Books?

E-Book-News: Bisher konnte man ja schlecht für den Weiterverkauf von „gebrauchten“ E-Books argumentieren, wenn man gleichzeitig gegen DRM war — die Blockchain-Technologie scheint diesen gordischen Knoten nun zu durchschlagen. Wie schafft sie das?

Alexander Weinmann: Indem Sie das Urheberrecht und das Eigentumsrecht (und den Verkauf) anders regelt, als bei harter DRM. Im Internet geht es auf technischer Ebene beim Handel immer um Verschlüsselung, also um Kryptographie. Genau wie bei DRM ist auch in der Blockchain die Kryptographie das entscheidende Werkzeug. Allerdings setzt die Blockchain Kryptographie auf eine viel elegantere und flexiblere Weise ein, als das mit DRM je denkbar wäre. DRM behindert Handel. Die Blockchain ermöglicht Handel, damit auch Weiterverkauf. Kurz zurück zur harten DRM: Hier wird das eBook immer verschlüsselt. Die Entschlüsselung ist nur mit einem bestimmten Lesegerät oder einer bestimmten Software möglich, und an einen Leser gebunden. Entschlüsseln kann der Leser nicht frei, wie ihm das gefällt. Er hat nicht das Recht dazu. Das Buch gehört ihm nicht. Er kann nicht darüber verfügen.

In der Blockchain ist das ganz anders: Eine Transaktion in der Blockchain überträgt ein Lese- oder Besitzrecht für ein Buch von einem Leser/Besitzer zu einem anderen. Die Blockchain ist ja nichts anderes als eine Liste solcher Transaktionen, unabhängig von einer Firma oder einer Institution. Deshalb ist so beweisbar, wer das Urheberrecht an einem Buch hat, wer das Leserecht oder ein beliebigtes anderes Recht besitzt, sobald das Buch in einer solchen Transaktion enthalten ist.

Die Weitergabe des entschlüsselen E-Books lässt sich auf diese Weise aber nicht verhindern?

Nein, das geht nicht. Diebstahl wird es immer geben. Was sich aber ändert durch die Blockchain, ist folgendes: Für jedes einzelne eBook auf der Welt kann verifiziert werden, wer welche Rechte darauf hat: Urheber, Verleger, Leser, Entleiher, was auch immer. Das ist möglich, sobald das eBook über Blockchain-Transaktionen geführt wird, und es ist eben unabhängig von einem Verlag oder einem eBook-Shop möglich.
Wie soll das funktionieren, wenn das eBook nicht notwendig verschlüsselt ist? — Wiederum über Kryptographie! Jede Datei lässt sich mit einer kryptographische Prüfsumme eindeutig kennzeichen (Hash, oder beim eBook erfüllt ein Wasserzeichen den selben Zweck) . Diese Prüfsumme wiederum kann kryptographisch signiert werden, was nichts anderes bedeutet, als dass Sie einem Eigentümer/Urheber oder Leser zugeordnet wird. Sobald diese signierte Prüfsumme nun Teil einer Blockchain-Transaktion ist, wird das eBook handelbar, wie ein physisches Gut. Spätestens jetzt wird klar, dass die Details kompliziert sind. Aber die Details sind für den normalen Leser unwichtig! Er wird den Unterschied merken, wenn es umgesetzt ist, wenn es die Handelsplatform tatsächlich gibt, und wenn er seine erste echte eigene digitale Bibliothek aufbauen kann.

Kunden möchten ihre E-Books auf möglichst vielen Endgeräten lesen
können, Backups machen, vielleicht auch den Titel in der Familie oder
unter Freunden weitergeben. Ist das konkrete Handling einer E-Book-Datei
beim Einsatz der Blockchain-Technologie so flexibel wie z.B. bei E-Books
mit digitalem Wasserzeichen?

Ganz klar ja! Blockchain-Technologie ermöglicht nur den Handel von eBooks. Weder
werden die eBook-Dateien selbst in der Blockchain abgelegt, noch über die Blockchain verteilt. Dafür ist die Blockchain nämlich nicht geeignet. Das Herunterladen muss also nach wie vor über den Server eines Shops erfolgen. Der Shop kann nach wie vor DRM einsetzen, auch Wasserzeichen, wenn er möchte. Die Gründe, das zu tun, sind aber deutlich weniger, denn der Shop kann nun über die Blockchain seinen Kunden authentifizieren, und kann im Prinzip sogar jedes einzelne Buch tracken.
Sobald jemand ein bestimmtes eBook auf der Festplatte hat, muss es in der Blockchain eine Transaktion geben, die ihm und dem Buch zuzuordnen sind. Sonst hat er eine illegale Kopie. Das Handling aber, die Verteilung, die Abspeicherung, die Nutzung von Lesegeräten, all das bleibt davon (zunächst) unberührt. Was die Weitergabe eines Buchs an Freunde oder an die Familie angeht:
Dahinter steckt letztlich die Frage, welches Recht ein Leser an einem eBook erworben hat. Wenn er das Recht hat, das Buch an Freunde weiter zugeben, ohne eine dazugehörige Transaktion in der Blockchain erfassen zu müssen, dann ist das eben so. Jede Buchhaltung hat ihre Grenzen, und die Blockchain ist letztlich auch nur eine Buchhaltung.

Schon jetzt gibt es verschiedene E-Book-Formate wie auch verschiedene Kopierschutz-Standards, was viele Kunden verwirrt und verärgert. Wenn man zukünftig den Verleih oder Verkauf von E-Books via Blockchain organisiert — wie lässt sich verhindern, dass es am Ende dann zwei und mehr Blockchains gibt, so wie es jetzt ja auch schon verschiedene Krypto-Währungen nebeneinander existieren?

Das wird sich kaum verhindern lassen, und die Frage, ob es passieren wird, ist auch völlig offen. Natürlich wird das in der Szene momentan heiss diskutiert. Viele sind unzufrieden mit der bereits stattfindenden Zersplitterung. Es gibt ständig neue Projekte mit völlig neuen Ansätzen.
So wird zum Beispiel bei Ethereum ein Ansatz verfolgt, der über »smart contracts« alles noch einmal auf ein weitaus abstrakteres Niveau hebt.
Auch IBM und Microsoft brauen gerade ihr eigenes Süppchen. Auf diesem Gebiet ist momentan unglaublich viel Kreativität und Intelligenz am Werk. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich entsprechende Meetings und Veranstaltungen besuche, wie vielen ausserordentlich klugen Menschen ich dort begegne. Das ganze Gebiet
arbeitet wie ein grosser Thinktank. Konkurrenz und unterschiedliche Ansichten bereichern das zusätzlich. Deshalb kann das Ergebnis gar nicht einheitlich sein.
Am Ende aber ist Blockchain eine Basistechnologie. Es wird bestimmt möglich sein, verschiedene technologische Grundlagen vor dem Endbenutzer zu verbergen, indem es einheitliche Benutzerschnittstellen gibt. Was auch immer geschehen wird, es wird bestimmt viel besser sein, als das, was wir momentan haben.

Als direktes Bezahlverfahren haben sich Bitcoins & Co. bisher weder im
Online-Handel allgemein noch in der Buchbranche durchsetzen können.
Inwieweit könnte die Nutzung von Blockchain-Technologien im Buchhandel
zugleich auch die Akzeptanz für Krypto-Währungen verbessern?

Ganz klares Nein. Ob Kryptowährungen sich durchsetzen oder nicht, das wird bestimmt nicht vom Buchhandel abhängen. Es wird vor allem davon abhängen, in wie weit sich Kryptowährungen im Bankenbereich durchsetzen. Ausserdem sind Währungen immer vom Staat reguliert. Vielleicht wird es eines Tages spannend werden, wenn der Euro in eine richtig tiefe Krise gerät. Wenn den klassischen Währungen nicht mehr vertraut wird, was geschieht dann mit den Kryptowährungen?
Natürlich bietet es sich an, eBooks, die in der Blockchain gehandelt werden, über Kryptowährungen zu bezahlen, da diese ja ebenfalls über die Blockchain laufen. Es ist aber nicht zwingend notwendig. Wie genau das aussehen soll und wird, das will ich gerade heraus finden. Es wird darauf ankommen, was die Shops und Verlage wollen, wo sie der Schuh drückt, und wo konkret Kryptowährungen da helfen können. Wir von der lyrx GmbH suchen Ansprechpartner aus der Branche, die uns genau das sagen können.

Abb.: Namecoin/Flickr (cc-0/gemeinfrei)

Zeitschriftenabo gegen Krypto-Cash: Time Inc. akzeptiert jetzt Bitcoins

Großer Bahnhof für Bitcoins: ab sofort können Leser von populären Magazinen wie „Fortune“, „Health“ oder „Travel & Leisure“ ihr Abo auch mit Krypto-Geld bezahlen. Möglich macht das die gerade verkündete Kooperation von Time Inc. mit dem Bitcoin-Wallet-Dienstleister Coinbase. „Wir sind immer bestrebt, es unseren Kunden so leicht wie möglich zu machen, unsere Titel zu nutzen – und dieses Pilot-Programm erlaubt Bitcoin-Anwendern, Abonnements ohne großen Aufwand zu erstehen“, so Lynne Biggar, bei Time Inc. zuständig für den Bereich Consumer Marketing & Revenue.

In Zukunft solle die Zusammenarbeit mit dem Bitcoin-Dienstleister sogar noch ausgebaut werden – Außenwirkung erwünscht: “Wenn ein bedeutender Verlag wie Time Inc. auf Bitcoins setzt, ist das ein deutliches Signal nicht nur für die Leserschaft, sondern für die gesamte Medienbranche“, betont Brian Armstrong, CEO & Mitgründer von Coinbase. Auf dem US-Zeitschriftenmarkt hat Time Inc. derzeit einen Umsatzanteil von etwa 20 Prozent, ist aber nach der finanziell schmerzhaften Trennung vom Mutterkonzern Time Warner im Sommer 2014 auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, die Gewinne zu erhöhen und zu expandieren. Besonderer Vorteil bei Bitcoins: es fallen deutlich weniger Transaktionsgebühren an, da die dezentrale Peer-to-Peer-Währung jenseits des regulären Bankensystems funktioniert.

In letzter Zeit hatten bereits Digital-Konzerne wie Google oder Microsoft begonnen, ihren Kunden auch Bitcoins als Zahlungsoption anzubieten. Im Publishing-Bereich fristeten die virtuellen Münzen dagegen bisher eher ein Nischendasein, vor allem crowdfunding-affine Startups wie Unbound oder Humble Bundle experimentierten mit der Krypto-Währung. Zu den Vorreitern in Deutschland gehört die alternative Tageszeitung taz – im Rahmen des „Paywahl“-Prinzips werden Spenden für die Finanzierung der Online-Ausgabe auch in Bitcoins angenommen. Wie nun das Beispiel Time Inc. zeigt, spricht jedoch auch nichts gegen die Kombination von Krypto-Cash mit klassischen Abo-Modellen.

(via Venturebeat)

Abb.: Whitez/Flickr (cc-by-2.0)

[e-book-review] Das Geld von morgen, das sind wir alle (Dominic Frisby: Bitcoins – The Future of Money?)

Wir leben alle in ei’m kolossal’n Roman. Manchmal entpuppt sich dieser Roman auch als ein Wirtschafts-Thriller. Die Erfolgsgeschichte der Krypto-Währung Bitcoins, erzählt von Dominic Frisby in seinem neuen Buch „Bitcoins – The Future of Money?“, hat jedenfalls alle Elemente eines finanzpolitischen Hacker-Märchens: eine Horde Pizza-verschlingender „Cypherpunks“, angeführt von einen ebenso genialen wie mysteriös-anonymen Mastermind mit japanischem Namen, deutscher E-Mail-Adresse und britischem Akzent, eine globale Wirtschafts- und Kapitalismuskrise, geheime Haupt- und Staatsaktionen, Drogen-Kriminalität, rauschhafte Renditen,anschließende Abstürze an die Nullinie. Und am Horizont der Silberstreif einer völlig neuen, erstmals wirklich globalen Finanzordnung: dezentral, transparent, hierarchiefrei, allen Menschen zugänglich, auch jenseits der Industriestaaten.

Disruptions-Faktor wie E-Mail oder Internet?

Doch all das ist mitnichten Fiktion, die erste erfolgreiche virtuelle Währung ist seit 2008 Teil unserer Realität. In jenem Jahr veröffentliche ein gewisser Satoshi Nakamoto ein digitales Whitepaper mit dem Titel: „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“ – und startete kurz darauf ein gleichnamiges Projekt auf der Open Source-Plattform Sourceforge. Unbeachtet von der Öffentlichkeit beginnen die ersten Anwender, nach Nakamotos Vorgaben Bitcoins zu errechnen und untereinander zu tauschen, die zunächst überhaupt keinen realen Wert besitzen. Fünf Jahre später ist ein Bitcoin zeitweise so viel Wert wie eine Feinunze Gold, das Bitcoin-Netzwerk zählt hunderttausende Mitglieder, der Wert der stündlichen Transaktionen toppt den von klassischen Finanzdienstleistern wie Western Union.

„If Bitcoins changes the way we transact and the way we store wealth – and it has the potential to do this – the repercussions could be enormous. Think what email did to the postal service, or what the internet did to newspapers, publishing, music and television“, schreibt Frisby, übrigens nicht nur als Wirtschaftsjournalist unterwegs, sondern auch als Comedian. Damit den Bitcoin-Nutzern nicht das Lachen vergeht, bleiben nicht nur Banken, sondern auch staatliche Akteure bei der dezentral organisierten Währung aus dem Spiel: „In Math we Trust“ ist das alleinige Motto – die Menge der Bitcoins ist begrenzt, um inflationäre Währungspolitik zu verhindern, statt auf die Integrität von Finanzdienstleistern zu hoffen wird auf den unwiderlegbaren mathematischen Beweis („Proof“) gesetzt.

Satoshi Nakamoto auf der Spur

Während das Bitcoin-Prinzip keine Rätsel aufwirft, sondern sehr transparent erscheint (Frisby gibt sich viel Mühe, die Grundlagen auch für Laien verständlich zu machen) blieb Bitcoin-Erfinder Nakamoto dagegen bisher ein Mysterium. Gibt es ihn überhaupt – oder verbergen sich wie bei Anonymous oder Dread Pirate Robert verschiedene Personen hinter dieser Charaktermaske? Frisby widmet etwa ein Drittel des Buches dieser Frage, und tischt in diesem Rahmen auch eine sehr plausibel erscheinende These auf (die ich hier aber nicht verraten möchte). Ebenso plausibel scheinen die Gründe für das Verschwinden des oder der Nakamotos zu sein: zeitlich fällt das Abtauchen mit dem Wikileaks-Skandal zusammen. Als alternative, schwer zu kontrollierende Finanzierungsquelle drohte die noch junge Krypto-Währung in das Fadenkreuz der US-Regierung zu geraten.

Inzwischen scheinen sich Paranoia wie auch Euphorie rund um Bitcoins und Krypto-Währungen allgemein etwas gelegt zu haben, während zugleich die Zahl der pragmatischen Nutzer kontinuierlich wächst. Zu denen gehört auch Frisby selbst – und gleiches rät er seinen Lesern: Ausprobieren – auf jeden Fall, denn Bitcoins könnten tatsächlich die Zukunft des Geldes sein. Praktische Tipps gibt’s dazu auch. Doch größere Summen investieren? Besser nicht, warnt der Autor. Bitcoins mögen zwar kein Pilotenspiel sein, doch für den Anleger sind sie mindestens so riskant wie die an konventionellen Börsen gehandelten Wertpapiere.

Praxisbeispiel: Crowdpublishing mit Bitcoins

Zu den bereits etablierten Möglichkeiten, Krypto-Geld auszugeben, gehören übrigens nicht zuletzt auch Crowdfunding-Kampagnen in der Buchbranche: so konnte man Frisbys Bitcoin-Buch über die britische Crowdpublishing-Plattform Unbound im Rahmen einer Pre-Order-Kampagne nicht nur mit britischen Pfund, sondern auch mit Bitcoins bezahlen (siehe dazu das E-Book-News-Interview mit dem Autor). „Bitcoins – The Future of Money“ reiht sich somit ein in eine ganze Galerie von innovativen Buchprojekten der letzten Jahre, die ihre zentrale These bereits durch den erfolgreichen Produktions- und Vermarktungsprozess selbst beweisen – siehe etwa Chris Andersons „Free – The Future of a Radical Price“, Dirk von Gehlens „Eine neue Version ist verfügbar“ oder Markus Albers‘ „Meconomy„.

Hinweis: Der Rezensent gehörte zu den Unterstützern der Pre-Order-Kampagne für „Bitcoins – The Future of Money“ und besitzt derzeit 0,175 Bitcoins.


Dominic Frisby,
Bitcoins – The Future of Money?
E-Book (Kindle) 5,14 Euro
Taschenbuch (via Amazon.de) 10,40 Euro

Bitcoins – Zukunft des Geldes, Zukunft des Crowdpublishings? (Dominic Frisby im Interview)

„Die Dinge stehen so schlecht, dass in unserer Zeit nur ein Komödiant wirklich Sinn schöpfen kann aus einer Ökonomie, die auf dem Druck von Banknoten basiert“, schrieb vor einiger Zeit ein britischer Blogger. Diesen Comedian gibt es tatsächlich – nämlich Dominic Frisby. Zugleich ist Frisby – kein Scherz – aber auch Wirtschaftsjournalist. Perfekte Voraussetzung, um eins der ersten Sachbücher über Bitcoins überhaupt zu schreiben, und die Frage zu stellen: Sieht so die Zukunft des Geldes aus? „Bitcoins – the Future of Money?“ ist gerade frisch erschienen, und auch aus einem anderen Grund ein echter Hingucker: publiziert wurde es nämlich vom Crowdpublishing-Verlag Unbound, der für die Pre-Order-Kampagne erstmals weltweit auch Bitcoin-Zahlungen zuließ. E-Book-News sprach mit dem Autor über Krypto-Währungen und die Zukunft des Crowdfundings.

E-Book-News: Dass Autoren einen Vorschuss erhalten, ist ja nicht ungewöhnlich – bei „Bitcoin – The Future of Money“ kam der Vorschuss aber von den Lesern, und die Unterstützer können über ihr Unbound-Profil dem Autor sogar beim Schreiben über die Schulter schauen. Wie stark hat das Crowdfunding die Art und Weise Ihrer Arbeit verändert?

Dominic Frisby: Vollkommen. Ich habe noch nie ein Buch bei einem konventionellen Verlag herausgebracht. Ich wusste aber, dass es eine Menge Leute gibt, die meine Arbeit schätzen. Schon mein erstes Buch – „Life after The State“ – konnte mit Hilfe der Crowd schnell finanziert werden, und schon ging’s los. Ich musste nie herumsitzen und auf die Entscheidung eines Verlegers warten. Das ist sehr befreiend. Ich hatte schon in den 1990ern, also vor der Self-Publishing-Revolution, zwei Bücher geschrieben, bekam aber keines von beiden veröffentlicht. Diese Erinnerung wirkt noch fort…

Ein sehr bemerkenswerter Aspekt der Crowdfunding-Kampagne für „Bitcoin – The Future of Money“ war die Möglichkeit, mit Bitcoins zu bezahlen. Inwieweit könnte Crowdfunding in Zukunft durch den Boom der Krypto-Währungen beeinflusst werden?

Ich denke Krypto-Währungen sind der Take-Off-Faktor für Crowdfunding. Eine Menge Projekte sind dadurch ins Rollen gekommen. Krypto-Crowdfunding hat die Bobfahrer aus Jamaika bei den letzten olympischen Winterspielen in die Spur gebracht, ähnlich war es bei den indischen Rennrodlern. Im Bereich Charity wurden auf diese Weise Sanitärtechnik in Afrika finanziert oder Obdachlosen-Arbeit in Nordamerika. Aber auch reguläre Geschäftsideen, Kunst-Projekte, und vieles anderes. Ich habe die Crowdfunding-Kampagne für den Bitcoin-Comic via Swarm unterstützt, das war eins der einfachsten Dinge der Welt. Krypto und Crowdfunding, das geht zusammen wie Milch und Kaffee.

Das Bitcoin-Konzept ist ja ziemlich abstrakt. Aber dann ist da natürlich der legendenumwobene Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto – über den in den Medien sehr viel gerätselt und diskutiert wird. Wie wichtig ist Nakamoto für den Erfolg von Bitcoins?

Sehr wichtig. Er hat eine Sache zum Laufen gebracht, an der viele Leute zwanzig Jahre lang herumprobiert hatten und die beinahe aufgegeben wurde. Satoshi Nakamoto war unglaublich vorausschauend, anscheinend auf alle Eventualitäten vorbereitet. Zu wissen wer er wirklich ist, scheint mir momentan keine so große Bedeutung mehr zu haben (allerdings meine ich das Puzzle in meinem Buch gelöst zu haben). Viel wichtiger ist, dass er eine wichtige Weichenstellung ausgelöst hat, von den Möglichkeiten her, die er den Menschen eröffnet hat, rangiert Satoshi Nakamoto auf Augenhöhe mit Tim Berners Lee [Erfinder des World Wide Web, A.W.].

Kürzlich hat jemand die Diskussion über Krypto-Währungen mal so zusammengefasst: „So weit, so gut, aber würden wir unserer Großmutter ernsthaft Bitcoins empfehlen“? Was würden Sie tun!?

Ich würde ihr empfehlen, ein Bitcoin-Wallet anzulegen, Bitcoins im Wert von 20 Euro zu kaufen, und mit einer Freundin, die dasselbe tut, die Sache mal auszuprobieren und kleine Beträge hin- und herzuschicken. Dann würde ich ihr empfehlen, in ein angesagtes Café zu gehen und einen Kaffee mit Bitcoins zu bezahlen.
Würde ich ihr empfehlen, größere Geldsummen zu nehmen und damit in Form von Bitcoins zu spekulieren? Nein. Bitcoins sind zur Zeit in der Baisse, ein Bärenmarkt, und können noch sehr viel tiefer fallen (sie könnten natürlich auch wieder steigen). Aber die Großmutter ist zu alt um mit etwas zu spekulieren, dessen Wert sich nochmal um 95 Prozent reduzieren könnte. Die Leute wahren viel zu begeistert von Bitcoins – als Anleger macht mich das nervös.
Was die Bitcoin-Technik an sich – die Blockchain – und ihre Aussichten betrifft – da bin ich aber sehr zuversichtlich. Das wird glaube ich die Welt verändern. Aber die Wertentwicklung von Bitcoins? Da habe ich ein weitaus ambivalenteres Gefühl.

(Die englischsprachige Version des Interviews gibt’s auf auf ebooknews press.)


Dominic Frisby,
Bitcoins – The Future of Money?
Paperback (via Amazon) 10,50 (ab 1. Nov. 2014)
E-Book (Kindle) 5,14 Euro

Abb.: dominicfrisby.com (c)

Bitcoins unbound: Erste Crowdpublishing-Kampagne mit Krypto-Zahloption startet

Preisfrage: In welcher Währung sollte die Crowdfunding-Kampagne für ein Buch zum Thema Bitcoins laufen? Euro, Dollar, Pfund? Nee, richtig: Bitcoins natürlich. Genau das macht jetzt die britische Crowdpublishing-Plattform Unbound, ohnehin ein Vorreiter auf dem Gebiet der Subskription 2.0 – schon seit Mitte 2011 sammeln dort unabhängige Autoren (daher der Name: unbound) fleissig Vorbestellungen für ihre Buchprojekte. Bisher zahlte man zwar auch schon elektronisch, aber eben mit „normalem“ Geld. Die aktuelle Kampagne für Dominic Frisbys Sachbuchprojekt „Bitcoin – The Future of Money“ hat nun den Stein in Richtung Kryptowährung ins Rollen gebracht. Als etwa 70 Prozent der benötigten Summe zusammengekommen waren, traf das Unbound-Team eine mutige Entscheidung: die Plattform akzeptiert jetzt auch Zahlungen mit Bitcoins.

„At Unbound we love new ideas. Our business is books. Books have the potential to change the world. So does Bitcoin“, schreibt Kieran Topping dazu auf dem unbound-Blog. Vor allem aber klingt die Kombinaton von Crowdpublishing und Bitcoins nach einer sehr guten Idee – schließlich fallen Transaktionsgebühren bei dieser dezentral organisierten Währung fast komplett weg, und man weiß als Kampagnenunterstützer, dass 99 Prozent der Summe direkt ankommen. „A publishing industry first“, darf sich unbound nun selbst auf die Schulter klopfen – tatsächlich sind Bitcoins in der Buchbranche bisher noch nicht wirklich angekommen. Doch das dürfte sich in Zukunft wohl ändern, auch dank dieser Pionierleistung made in Britain.

Insofern ist Frisbys Buch – ohnehin einer der ersten ernsthaften Bitcoin-Titel überhaupt – eine überaus empfehlenswerte Lektüre gerade auch für Book people, die über den Tellerrand der Branche schauen möchten. In seinem Projekt-Pitch schreibt Frisby: „My new book tells the story of bitcoin. I explain what it is and how it came about. I’ve secured exclusive interviews with some of the key players in bitcoin’s development, including bitcoin’s number 2. I examine some of the mysteries behind bitcoin – Who Is Satoshi Nakamoto? What are Cypherpunks? I explain how it works and consider whether you should you own some and how. And I consider the vast potential economic, political and social implications.“

DRM-freie Flatrate & Bitcoin-Zahlung: Liebe Buchhändler, kopiert endlich die Piraten!

Der Umbruch in der Warez-Szene geht weiter: nach dem Shutdown von boox.to Ende 2013 hat die bis dahin wichtigste deutsche E-Book-Piratenplattform offenbar unter der Adresse boox.bz ein neues Zuhause gefunden. Noch interessanter scheint momentan jedoch ein anderes Projekt zu sein, das bereits Mitte Dezember online ging: lul.to – was soviel wie „Lesen & Lauschen“ bedeutet. Während viele E-Books wohl aus dem vor einigen Monaten geleakten „Torboox“-Archiv stammen, erklärt das nicht die erstaunliche Größe des Datenbestands, den die lul.to-Macher mit 3 Terabyte angeben. Die einfache Erklärung: zweites Standbein sind tatsächlich Audiobooks, die natürlich deutlich mehr Kilobytes auf die Waage bringen als E-Books. Dazu kommen dann noch zahlreiche E-Comics & E-Papers.

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Optik & Marketing an Branchenstandards orientiert

Das Frontend von lul.to ist weitaus bunter und aufwändiger, als man es von Torboox kennt – die Coverbasierten Rankinglisten orientieren sich stark an den kommerziellen Buchportalen („Neueste Einträge“, „Downloadrangliste“, „Unsere Empfehlungen“). Einen Sinn für Online-Marketing verrät auch der angegliederte „Corporate“-Blog, mit dem die Download-Community bei Laune gehalten wird, inklusive Gewinnspiele & Preisrätsel. Kern des lul.to-Konzeptes ist eine Art Flatrate mit Volumenbegrenzung, für einen Euro lassen sich ca. hundert Titel herunterladen. Das Angebot enthält neben 1-Cent-E-Books bzw. Audiobooks auch kostenlose Titel. Bei der Gewinnung von Neukunden orientieren sich die lul.to-Macher gleichfalls an Branchenstandards: Wer neue User wirbt, bekommt 10 Prozent der jeweiligen Ersteinzahlung gutgeschrieben.

Kopierwürdig: Kopplung von Flatrate & Bitcoins

Besonders bemerkenswert finde ich aber: Nicht nur mit der flexiblen Flatrate sind die Buchpiraten von lul.to dem legalen Zweig der Buchbranche weit voraus, mit der Kopplung an fortschrittliche Zahlungsoptionen setzen sie ebenfalls neue Maßstäbe: neben „Paysafecards“ werden nämlich ganz selbstverständlich auch Bitcoins akzeptiert. Für die deutsche Buchbranche ist die Bezahlung mit der hippen Kryptowährung ein absolutes Novum – und macht mehrfach Sinn. So entfallen nicht nur Transaktionsgebühren, die Bezahlung verläuft zudem praktisch anonym, fast wie mit Bargeld, und Mißbrauch (etwa wie im Fall von Kreditkarten-Daten) ist ausgeschlossen. So bieten ausgerechnet die Buchpiraten aus Kundensicht das datenschutztechnische Optimum: DRM-freie E-Books plus anonymen Einkauf. Da kann man nur sagen: Liebe Buchhändler, kopiert endlich die Buchpiraten! In der Post-Snowden-Ära dürfen potentielle NSA-Kollaborateure wie Adobe oder PayPal im Buchhandel nichts mehr zu suchen haben.