[e-book-review] Berlin; ändert sich (Sebastian Christ, Berliner Asphalt)

„Ich lebe im einundzwanzigsten Jahrhundert, jeden Tag schaue ich aus dem Fenster heraus und merke, wie sich Berlin verändert und bleibt“, schreibt der Journalist Sebastian Christ, und wie wahr der Satz ist, merkt man eigentlich schon daran, wer da schreibt: der Mitt-Dreißiger ist Parlamentskorrespondent der nicht mal 12 Monate alten Huffington Post Deutschland, und nebenbei auch ein scharfer Beobachter all dessen, was außerhalb der Bannmeile stattfindet – der jetzt bei Mikrotext erschienene Sammelband „Berliner Asphalt“ beweist es.

Schon auf der Journalistenschule riet ihm ein Dozent: „Fahr niemals mit der U-Bahn“ – Christ bewegt sich klassisch per pedes durch die Stadt, oder per Rad. Nun wurde natürlich von Franz Hessel bis Uli Hannemann über Berlin, das immer irgendwas werden will und nie einfach sein darf immer schon geschrieben. „Berliner Asphalt“ zeigt aber: auch das Schreiben über Berlin hat sich mächtig verändert. Die Asphalt-Snapshots zwischen Moabit und Marzahn, Reichstag und Rathaus Neukölln, Potsdam und Tauentzien sind zuerst auf Facebook gepostet worden. Goldene Regel war dabei: innerhalb einer Stunde nach dem Erlebnis musste es in Textform kondensiert sein.

Das führt dann selbst innerhalb der ohnehin sehr kurzen „Scenes of anecdotal life“ zu großartigen, haiku-artigen Granulaten, die eine Szene schon im ersten Satz zusammenfassen: „Ich war betrunken, sie kam aus Rußland“ heißt es da z.B über einen Partysommerabend an einem peripheren See. Oder: „Fortuna tanzte nackt auf dem Uhrenturm“ (Neuköllner wissen, wo die Szene spielt…). Die Entdeckung von rostigen Überresten der Tacheles-Künstler auf einem Industriehof in Lichtenberg während einer Radtour beginnt: „Der Weg zur Kunst führt manchmal über einen Wadenkrampf“, und passend zum Berliner Sommer liest man: „Es war siebzehn Uhr, der Tag tropfte langsam aus“.

Neben den berlintypischen Jahreszeiten („Es kommt vor dass die Stadt noch zu Ostern aussieht wie eine zwangsgeräumte Dreizimmerwohnung“) spielen auch randständige Tageszeiten bei den Entdeckungen am Rande des Alltags eine große Rolle, „am Abend, wenn die Gedanken zu Soße verlaufen sind“, wenn die „Nacht gerade nicht mehr schwarz genug ist, um die Stadt zu verschlucken“, lauern die „Momente, in denen Busfahrer Kaffe trinken, und nur sie“.

Oft aber auch Momente, an die man nur noch denkt, ohne sie zu begreifen, vom Kohlenschlepper, der am Mauerpark Briketts in Altbauwohnungen hievt bis zur Erinnerung an Gerhard Schröders Bundestagsrede direkt vor dem Mißtrauensvotum 2005: „Gehört habe ich sie nicht. Aber ich habe ihm zugeschaut, wie er Blatt für Blatt gewechselt hat, wie der Stapel rechts auf seinem Pult größer wurde, und der linke Stapel immer kleiner.“

Überhaupt scheint Berlin ja aus lauter eingefrorenen Gegenwarten zu bestehen, die im Handumdrehen Patina anlegen. Nicht immer so schnell wie ein frisch ausgebranntes Auto in Kreuzberg. Doch gerade das ehemalige Westberlin der Siebziger Jahre sieht schnell alt aus, wenn man selbst viel jünger ist: „Ich sah die Häuser aus Beton und ahnte, dass ihr Design einst modern war. Aber ich fühlte davon nichts mehr, weil ich schon mit anderen Wünschen geboren wurde“.

Selbst von einem Protokoll wie „Berlin ist eine spannende Stadt mit interessanten Leuten, in der gerade bedeutende Dinge geschehen; meine Freunde wohnen dort, ich noch nicht, aber das, so hoffe ich, ändert sich“ bleiben am Ende – das führt Christ im kurzen Text „Die vergangenen Jahre“ in mehreren Schritten vor – als immerwährende tl;dr-Version nur drei Worte: „Berlin; ändert sich“.

Sebastian Christ,
Berliner Asphalt.
Geschichten von Menschen in Kiezen
E-Book (epub/Kindle) 1,99 Euro

Abb.: E-Book-News (oben), Mikrotext (Covergrafik)

Nicht per se Müll: Auf dem Weg zum schönen E-Book („Ästhetik des E-Books – Beginn einer Debatte“)

Kein Hackathon ohne Booksprint, das ist die Regel, erst recht natürlich, wenn es darum geht, die Buchbranche zu hacken, so wie auf der ersten Electric Book Fair, die im Juni 2014 in der Berlin-Weddinger Coworking- und Eventzone „Supermarkt“ stattfand. Kaum war die Messe vorbei, gab’s auch schon ein elektronisches Kompilat im epub-Format – und zwar zur „Ästhetik des E-Books“. Urquell dieser Debatte ist nicht so sehr die Messe selbst, sondern der legendäre Anti-E-Book-Rant von Friedrich Forssmann, dem Suhrkampschen Setzer von Arno Schmidts voluminösen Typoskriptromanen.

Die meisten der im E-Book versammelten Texte sind denn auch Repliken auf Forssmanns im Februar 2014 via Suhrkamp-Blog gepostete Philippika „Warum es Arno Schmidts Texte nicht als E-Book gibt“ (schon die Überschrift ist übrigens Quatsch), deren tl;dr-Version so geht: „E-Books sind ein Unfug, ein Beschiß und ein Niedergang!“.

Als eine der ersten antwortete damals Zoe Beck. „Das eBook schmutzt, nässt und ist bissig. Außerdem ist es ständig besoffen und kotzt überall hin“, bündelte die Autorin & E-Book-Verlegerin in ihrer Replik auf die Forssmannsche Polemik die Phalanx der Vorurteile recht saftig. Doch die „Grabenkampf- und Schlammschlachtdiskussion eBook vs. Papierbuch“ sei eigentlich eher traurig – laufe sie doch auf eins hinaus: „Die Unterstellung, ein eBook sei per se Müll“.

Man kann natürlich auch quasi systemtheoretisch-manichäisch argumentieren wie Christiane Frohmann: „E-Books sind keine Bücher“. Die Salonière & Startup-Verlegerin behält sich vor, ihre Vorteile ungeniert zu genießen: „Ich liebe die strukturelle Offenheit von E-Books. Ich liebe die Möglichkeit, in einem Text lesend hin- und herzuspringen. Von drinnen nach draußen und wieder zurück. Im E-Book sind Sachen Wirklichkeit geworden, von denen Bücher träumten. Ich liebe und nutze die 30.000-E-Books-am-Strand-Option“. Als umtriebige E-Publisherin mit geringem Budget liebt Frohmann E-Books natürlich auch, plädiert aber eingedenk der ästhetischen Schwächen für einen „regelmäßigen Austausch über typografische Ideale und technische Möglichkeiten“ zwischen „Geräteherstellern, Storebetreibern, Appdesignern, Verlegern, klassischen Gestaltern und Lesern“

Die üblichen Verdächtigen, doch es gibt auch ganz besonders verdächtige Verdächtige. Das viele E-Books nicht schön aussehen, so Charlotte Reimann in ihrem „Plädoyer für eine digitale Typografie“, sei nämlich insbesondere die Schuld der Verlage: „eBooks werden von den meistens Verlagen als Nebenprodukte angesehen, die Prozesse sind in der Buchproduktion auf Print ausgelegt“. Deswegen fehle allein schon die Bereitschaft, Zeit und Geld in gutes Design von eBooks zu investieren. Letztlich habe die Gestaltung von E-Books aber auch mehr mit Webdesign als mit klassischer Print-Typografie zu tun – und Typografen mit Programmier-Know-How seien noch eine seltene Spezies. (Es gibt sie aber, z.B. Fabian Kern, der ein kleines How-To zum Einbinden von Fonts in epubs geschrieben hat).

Doch selbst wenn es noch viel zu tun gibt: Ganz vorne dran sind Digital-Startups wie Frohmann, CulturBooks oder mikrotext schon jetzt, wenn es um die (auch typo-)grafische Gestaltung von E-Book-Covern geht, von der Wiedererkennbarkeit in Thumbnail-Größe bis hin zum Design von Reihentiteln. Das zeigen die Beispiele und Statements in Charlotte Reimanns Beitrag „Netzbilder – Die Covergestaltung von E-Books“.

Die Berliner Kommunikationsdesignerin Andrea Nienhaus (von ihr stammen u.a. die Cover der Mikrotext-Titel) nähert sich dem Thema Typografie dann noch einmal ganz grundsätzlich: Was sind eigentlich die Kriterien für ein ’schönes E-Book‘ im Jahr 2014? Einfach, soviel ist klar, ist die Sache nicht. „Es gibt viele Faktoren, darunter die Funktionen der Lesegeräte, die Software, die für das Lesen eines ’schönen E-Books‘ ausschlaggebend sind, vom Inhalt des Buchs ganz abgesehen“.

Was jedoch fehlt, ist ein Schiedsrichter. Die Jury der Stiftung Buchkunst etwa, in Sachen Print die maßgebliche Instanz, fühlt sich bisher außerstande, E-Books zu beurteilen. Eigentlich erstaunlich, denn Buchgestaltung findet schon seit den 1980er Jahren am Computerbildschirm statt, Stichwort: Desktop Publishing. Nienhaus gibt einen kleinen Einblick in ihre Arbeitspraxis als Buchgestalterin für Print und Digital, und zieht das Fazit: „Buch und E-Book unterscheiden sich in der Dateierstellung gar nicht so sehr“.

Weniger ist mehr: E-Book-Boutique Minimore setzt auf handverlesene Titelauswahl

„Thrilling, handpicked, no drm“ – unter diesem Motto ging Mitte März ein E-Store der besonderen Art an den Start: Minimore versteht sich als Online-Boutique für schöne elektronische Literatur, etwa von kleinen, geilen Berliner Verlagen wie Mikrotext, Frohmann oder SuKuLTuR. Unter letzterer Adresse firmieren nicht zufällig auch die Minimore-Macher Marc Degens, Torsten Franz und Frank Maleu. „Seit vier Jahren veröffentlichen wir im SuKultuR Verlag schon E-Books“, so Maleu. Mittlerweile würden überhaupt immer mehr innovative E-Book-Verlage entstehen, doch für alle bestehe das Problem der Sichtbarkeit: „Auf den großen Verkaufsplattformen gehen diese E-Books in der Masse oft unter“.

Jenseits von Bestsellern & Buchsupermärkten

Ähnlich wie Indie-Bookstores à la Ocelot bewegt sich Minimore deswegen bewusst jenseits der Bestseller-Hysterie, und setzt statt dessen auf gut gemachtes Design und individuelle, handverlesene Titelauswahl. Schon alleine der Blick auf einige Cover der bisher knapp hundert Titel hebt sich angenehm vom Einerlei der großen E-Book-Supermärkte ab: da ist z.B. „Strobo“ von Techno-Blogger Airen (Sukultur), der Erzählband „Wir schießen Gummibänder zu den Sternen“ von Stefan Beuse (CulturBooks) oder „Bescheiden aber auch ein bisschen göttlich“, eine Sammlung goldener Tweets von @Anousch (Frohmann Verlag). Überhaupt sind mehr als ein Dutzend Titel bei Minimore Twitteratur-Sampler, siehe die Programm-Kategorie „Tweets“

SuKultur setzt auf clevere Distributions-Alternativen

Auch wenn es im Minimore-Programm durchaus längere Texte gibt (beim Durchscrollen entdeckte ich etwa die E-Book-Neuauflage von Albert Vigoleis Thelens wunderbarem Roman „Der Magische Rand“), so sind literarische Kurzstrecken doch das eigentliche Spezialgebiet von Degens, Franz und Maleu, ebenso das Aufspüren neuer Wege zur cleveren Distribution: die schmalen gelben Leseheftchen von SuKultur begegnen dem Bahnhofsbesucher auch mitten in Berlin, Köln oder Leipzig als kulturelle Konterbande in Süßwarenautomaten. Für ein Euro pro Stück wurden auf diese Weise seit 2003 schon mehr als 80.000 Bände der Reihe „Schöner Lesen“ verkauft – ganz ohne Amazon, aber auch ganz ohne Weltbild oder Thalia. Das klassische DIN A 6 – Reclam-Format entspricht ja ungefähr der Displaygröße von Smartphones, auch deshalb wohl kein Wunder, dass der Vertrieb der su(b)kulturellen Variante elektronisch genauso gut klappt…

Abb.: Screenshot

Unerhörte E-Singles: Verlags-Startup „Das Beben“ bringt die Novelle auf den E-Reader

Seitdem Amazon ankündigte, Kindle Singles auch in Deutschland zu starten, scheint ein Ruck durch die Branche zu gehen: digitale Kurzstreckentexte sind plötzlich mächtig en vogue. Zu den publizistischen Nachbeben gehört auch das Berliner Verlags-Startup „Das Beben“. Das Gemeinschaftsprojekt von Autoren, Buchhändlern, Übersetzern und Journalisten will ab September einer ganz speziellen Kurzform neues, elektronisches Leben einhauchen: der Novelle. Die dreht sich Goethe zufolge um eine „sich ereignete unerhörte Begebenheit“ – wie etwa im Fall von Kleists klassischem „Single-Narrativ“ mit dem Titel „Das Erdbeben in Chili“. Womit auch die Namenswahl des neuen Verlags geklärt wäre…

Die unerhörte Begebenheit als USP

„Die Novelle, die ‚unerhörte Begebenheit‘, die sich theoretisch auf einen Rutsch lesen lässt, passt einfach perfekt in den modernen Lesealltag“, findet Simon Weinert, Mitgründer des neuen Verlags und zugleich Mitinhaber der Buchhandlung „Otherland“ in Kreuzberg. Doch was sind im 21. Jahrhundert eigentlich noch passende Plots, welche unerhörte Begebenheit eignet sich als Unique Selling Proposition, mal abgesehen von Naturkatastrophen, verbotener Liebe oder Lynchmorden, die wohl noch genauso gut funktionieren wie zu Zeiten von Kleists „Erdbeben“? Das zeigt ein Blick ins Startprogramm: Im Fall von Eva Strassers „Mary“ ist die UB der Drogentod einer mopsbesitzenden Lehramtsstudentin in der Berliner Partyzene, bei Frank Dukowskis Novelle „Vor dem Pilzgericht“ kann man die UB fast schon am Titel erraten – zu den Zutaten der Story gehören auf jeden Fall Familiendrama, Naturmystik, Psychohorror und eine Prise Krimi.

USP Nr. 2: „Wir verzichten auf DRM“

„Wir sind inhaltlich nicht festgelegt“, so Karla Schmidt, Mitbegründerin des Verlags und selbst Thrillerautorin. „Uns geht es um formal bewusste, ungewöhnliche Texte, die intelligent unterhalten wollen. Als Kleinverlag im E-Book-Sektor können wir mit kalkulierbarem Risiko Bücher machen, die viele Leserinnen und Leser begeistern werden – aber nicht alle.“ Ausserdem kann man als kleines Label natürlich auch andere Marketing-Entscheidungen treffen als große Verlage. „Um unseren Lesern das Leben (und Lesen) nicht unnötig schwer zu machen, verzichten wir deshalb auf DRM-Kopierschutz“, verspricht „Das Beben“. Man kann die E-Books also problemlos auf allen verfügbaren Mobilgeräten lesen – als Formate werden Epub, Mobi und PDF angeboten.

Hinweis: Wer das Beben-Team und seine AutorInnen kennenlernen möchte, kann das übrigens am 1.9. ab 19 Uhr in der Neuköllner Kult-Kneipe „Laidak“ tun. Frank Dukowski, Georg Kammerer und Eva Strasser lesen dort aus ihren Neuerscheinungen vor. Es gibt ein veganes Büffet, der Eintritt ist frei. Weitere Infos findet man auf der Facebook-Seite des Verlags.

Abb.: Screenshot

“txtr” vs. Kindle: Neuer E-Book-Reader aus Berlin

Der Name klingt wie ein Lautgedicht von Ernst Jandl: “txtr”! Doch dahinter verbirgt sich kein Nonsens, sondern ein veritabler E-Book-Reader, den das gleichnamige Berliner Start-up am 24. Januar für diesen Sommer angekündigt hat (Nachtrag: jetzt ist Sommer 2008, mittlerweile ist die Rede von einer Einführung im Oktober). Die Eckdaten klingen gar nicht mal so schlecht. Txtr bietet ein 6 Zoll großes Monochrom-Display von E-Ink, das mit 600 mal 800 Bildpunkten und 16 Graustufen auch bei direkter Sonneneinstrahlung problemlos ablesbar sein soll, 1 Gigabyte Flash-Speicher, und vor allen Dingen: W-Lan-Fähigkeit. Denn die beiden Gründer Andreas Steinhauser and Frank Rieger haben offenbar einen medialen Präventivschlag gegen Amazon’s Kindle vor: parallel zum Reader geht eine Download-Plattform ans Netz, von der aus man nicht nur virtuelle Schmöker “renommierter deutscher Verlage” erwerben kann, sondern auch auf Gratis-E-Books Zugriff hat. Ausserdem setzen die Kindle-Herausforderer auf volle -Fähigkeit: man kann gemeinsam mit Freunden auf Texte und Dokumente zugreifen, kommentieren und bewerten sowie Internetseiten aufrufen können. Die deutschen Leser könnten also in ein paar Monaten direkt aus der Gutenberg-Galaxis mitten in das drahtlose Zeitalter katapultiert werden…doch erstmal haben im März auf der Leipziger Buchmesse Sony und Amazon das Wort.