Das letzte E-Ink-Aufgebot: Barnes & Noble launcht Nook Glow Light 3

tag-und-nacht-beleuchtung-beim-nook-glowlight3Barnes & Noble! Ja, den Laden gibt’s noch. Selbst die E-Reading-Sparte des letzten großen stationären Amazon-Konkurrenten in den USA atmet noch, auch wenn alle Kernkompetenzen längst outgesourct sein mögen. Bester Beweis für das Fortleben: der neue Nook GlowLight 3 ist da. Das Design hat sich kaum geändert, auch weiterhin ist das 6-Zoll-Display von einem breiten Rand umgeben, der das Gerät von der Gesamtfläche her eher in die 8-Zoll-Klasse verschiebt.

Augenfreundlicher Nachtlese-Modus

Selbst ein ausgewiesener B&N-Kritiker wie Nate Hoffelder von The Digital Reader schreibt interessanterweise: „I generally have a low opinion of B&N but I must say this device is tempting“. Nates Hauptargumente: die Umblättertasten am Gehäuserand und ein spezieller Nachtlese-Modus mit „wärmerer“ Glimmerlicht-Farbe, ein besonders augenfreundliches Feature, das in Zukunft wohl zum neuen E-Lese-Standard werden dürfte, siehe zum Beispiel die tageszeitabhängige „Temperatur“-Anpassung der Displayfarbe beim Tolino Vision („Smartlight“).

B&N bleibt im E-Lese-Business…

Auch ansonsten bewegen sich die Geräteeigenschaften wie das E-Ink-Carta-Display mit 300 dpi Auflösung, acht Gigabyte Speicher oder 50 Tage Akkulaufzeit auf Augenhöhe mit der Konkurrenz von Kindle, Kobo & Co. Auf Wasserdichtigkeit des Gehäuses hat Barnes & Noble allerdings verzichtet. Doch immerhin: das Gerät kann sich ingesamt eben durchaus sehen lassen — und zeigt, dass die Buchhandelskette zumindest bis auf weiteres im E-Book-Business bleiben möchte.

…doch wie lange noch?

Wie lange sich das wirklich noch lohnt, ist eine andere Frage. Am „Restmarkt“, also den etwas weniger als 20 Prozent des E-Book-Marktes in den USA, die nicht von Amazon beherrscht werden, war B&Ns Nook-Sparte zuletzt noch die Nummer zwei nach Apples iBook-Store, mit einem Anteil von wenigen Prozent. Geht der Abwärtstrend weiter, wird aber wohl in zwei, drei Jahren eine Null vor dem Komma stehen.

Lesen auf dem Tablet: Die schönste Nebensache der Welt?

„Facebook, Pandora, Netflix, Rhapsody, Electronic Arts Games, Zynga, Rovio“ -- kurz vor dem offiziellen Lieferbeginn des Fire-Tablets hat Amazon ein wahres Füllhorn an Apps angekündigt. „In addition to over 18 million movies, TV shows, songs, books, and magazines from Amazon, we are excited to offer customers thousands of apps and games to choose from on Kindle Fire“, so Dave Limp, Vizechef von Amazons Kindle-Abteilung. Ähnlich multimedial gibt sich das offizielle Promo-Video für das Fire-Tablet. „A Kindle for Entertainment, Web, Games, Reading, and more“, heißt es gleich zu Anfang. Amazon präsentiert sich als umfassender Content-Lieferant – anders als bei der Vermarktung bisheriger Kindle-Modelle ist das Lesen von Büchern oder Magazinen nur noch eine Funktion unter vielen. Und auch hier geht es vor allem um Bilder – die „brilliant Colors“ des Kindle Fire eignen sich natürlich vor allem für E-Comics, illustrierte Kinderbücher oder die Fotostrecken elektronischer Zeitschriften.

Vom Lesegerät zum Teleshopping-Tablet

Vom Online-Buchhändler hat sich Amazon eben längst zum digitalen Gemischtwaren-Laden gemausert, und das Fire-Tablet ist das ideale mobile Portal, um die Kunden zu beliefern, vom E-Book über das Streaming-Video bis zum Kühlschrank. So gesehen bildeten die bisherigen E-Ink-Kindles nur einen Teilbereich der Unternehmensstrategie ab. Das Kindle-Tablet dagegen könnte sich zum ultimativen Teleshopping-Instrument entwickeln, wenn es nur massenhaft genug unter die Leute gebracht wird – was auch die starke Subventionierung erklärt, denn die Geräte werden knapp unter dem Herstellungspreis verkauft. Letztlich hat Amazon natürlich nur reagiert, nicht nur auf den Erfolg des iPads, sondern vor allem auf Barnes&Nobles Nook Color – erst mit dem Wechsel vom E-Ink-Reader zum Android Tablet mit Farb-LCD war es dem Hauptkonkurrenten gelungen, dem Kindle Marktanteile abzugewinnen. Allerdings war das bisherige Nook Color noch im Frühjahr 2011 explizit als Lesegerät beworben worden, etwa mit einer geradezu poetischen Video-Serie unter dem Titel „Read forever“.

“Do you want more entertainment?“

Gezeigt wurden Leserinnen und Leser jeden Alters an allem möglichen Orten, eins war allerdings nicht zu sehen: die Barnes&Noble Filialen. Schließlich sollte ja der integrierte E-Store auch den Gang in die Buchhandlung ersetzen. Umso überraschender kommt nun kaum ein halbes Jahr später mit dem Nook Tablet die endgültige Transformation des Lesegeräts zum Multimedia-Surftablet, das auch als solches vermarktet wird. Das Promo-Video für den Nook Color-Nachfolger ähnelt – genauso wie auch das Tablet selbst – wohl nicht zufällig dem Aufbau des Promo-Video für das Fire Tablet. „Hi, I’m Kate“, begrüßt den Zuschauer eine Anchor-Woman in Blau, „so excited to show you the new Nook Tablet, the fastet and lightest Nook Tablet ever, with the best in HD entertainment.“ Erstmal geht’s um Netflix, Hulu, Pandora und Co., also Video- und Audio-Streaming. „Want more entertainment“, fragt Kate? Kein Problem – es gibt auch Games wie Angry Birds. Sodann geht’s um Facebook, Websites mit Flash, E-Mail. „It’s amazing that Nook does so much and is so incredibly fast and responsive“.

Dual-Core-Prozessor führt weg vom Kerngeschäft

Wie beim Fire-Video folgt noch ein Hinweis auf den Dual-Core-Prozessor, und das schlanke Gadget wird schließlich ostentativ in eine Handtasche gesteckt. Ja, es wiegt mit knapp 400 Gramm auch ein Drittel weniger als das „leading tablet“ (was natürlich auf Apples iPad gemünzt ist). Immerhin kommt Kate dann im zweiten Teil des Videos ausführlich auf das Thema Lesen zu sprechen: „Reading on Nook? No other Tablet compares. If you love to read, this is your tablet.“ Barnes & Noble bietet schließlich „mehr als 2,5 Millionen Bücher, Zeitschriften und Zeitungen“. Und natürlich „farbige Comics und Kochbücher“. Das beste am Nook sei schließlich: „It’s created by Barnes & Noble, the world’s largest bookstore“. Doch gerade das neue Tablet zeigt, wie weit B&N bereits auf dem Weg vom Buchhändler zum digitalen Content-Portal voranschreitet, das zudem Filialen vor Ort betreibt – unter anderem zum Zwecke des Kundendienstes für elektronische Lesegeräte. Nicht ganz zufällig wurde 2010 William Lynch zum neuen CEO gekürt, vormals zuständig für die B&N-Website und die Entwicklung der Nook-Reader. Die Buchbranche befindet sich in einem Umbruch, der sie mit jedem Anpassungsschritt weiter vom ursprünglichen Kerngeschäft wegtreibt. Und zudem immer größere Investitionen fordert, was wiederum viele Unternehmen überfordert, erst recht im mittelständisch orientierten Deutschland. Schon bei den E-Ink-Readern war es schwer, qualitativ Schritt zu halten – bei hoch subventionierten Tablets wie Fire oder Nook ist wohl endgültig die Schallmauer erreicht.