Neue Studie: Verzicht auf DRM fördert Backlist-Umsatz um 30%

Tim O’Reilly hat’s ja schon immer gewusst: „Obscurity is a far greater threat than piracy“, formulierte im Jahr 2005 der Gründer von O’Reilly Media sein Unverständnis gegenüber DRM. Seinem eigenen Verlag brachte der Verzicht auf Kopierschutz dann sogar dreistellige Wachstumsraten im E-Book-Bereich. Skeptikern fiel dazu vor allem ein, solche Ergebnisse würden sich aber nicht auf eine gesamte Branche übertragen lassen. Eine aktuelle Studie scheint nun O’Reillys These zu bestätigen: Laurina Zhang (Universität Toronto) hat darin den Zusammenhang von Strategien zum Umgang mit geistigen Eigentum und dem Long Tail in der Musikindustrie untersucht. Die Musikindustrie selbst hat letztlich diese Studie ermöglicht, denn die Major Labels verzichteten zwischen 2007 und 2009 eins nach dem anderen auf Digital Rights Management (EMI zuerst, dann folgten Sony, Universal & Warner).

Es gibt also eine klare Trennung zwischen vorher & nachher. Das interessante Ergebnis: rechnet man andere Effekte heraus, stiegt in der Post-DRM-Ära der Umsatz mit digitaler Musik generell um 10 Prozent. Bei Backlist-Titeln stieg der Umsatz dagegen sogar um 30 Prozent, während sich bei Topsellern keine Auswirkungen feststellen ließen. Die Erklärung für diesen Effekt ist einfach: wenn Musik problemlos zwischen Nutzern weitergeben werden kann, steigt die „Discoverability“ von einzelnen Alben wie auch von kompletten Diskographien eines Interpreten. EMI war wohl genau aus diesem Grund auch der First Mover – denn im Unterschied zu den anderen Labels ist bei EMI der Anteil an Long-Tail-Alben besonders groß, der Anteil an Topsellern besonders klein.

Die Studie dürfte gerade auch für die Buchbranche lehrreich sein, wird hier doch bisher im Zusammenhang mit Piraterie & DRM vor allem die „Ersatzrate“ diskutiert, also potentielle Verluste, die dadurch entstehen sollen, dass Kunden auf den Kauf einzelner E-Books verzichten, weil sie auf diversen Plattformen auch gratis zu haben sind. Was dabei gerne vergessen wird: Zugleich gibt es auch eine „Zusatzrate“, also zusätzliche E-Book-Käufe, die durch das Entdecken neuer Titel und neuer Autoren via Filesharing generiert werden. E-Book-Piraterie könnte also letzlich eher dazu führen, Umsatzverluste aufzufangen, die durch DRM und damit die verminderte Discoverability von Backlist-Titeln entstehen.

Mit anderen Worten: wenn es die Piraten nicht gäbe, müsste der Buchhandel sie erfinden…

(via Torrentfreak)

Copyright killt Backlist: Neue Studie zum „Verschwinden“ von Büchern

Muss man geistiges Eigentum mit intensivem Copyright schützen, damit über Jahrzehnte hinaus eine kontinuierliche Verwertung gesichert ist? Nein, behauptet Jura-Prof Paul Heald (University of Illinois) schon seit vielen Jahren, ganz im Gegenteil: die Ausweitung der Schutzfristen habe geradezu zum Verschwinden eines Großteils der Backlist geführt. Eine wichtiger Zweck des Copyrights werde damit ad absurdum geführt – nämlich die Verfügbarmachung von Literatur. Zahlen gefällig? Bitteschön: für sein aktuelles Paper „How Copyright Makes Books and Music Disappear“ hat Heald die Probe auf’s Exempel gemacht, und sich ein zufällige Sample von 2.300 neu bei Amazon.com veröffentlichten Büchern angeschaut – mit erstaunlichem Ergebnis. (OpenAccess-Version der Studie via „Social Science Research Network“ erhältlich).

„Kurz gefasst, Copyright lässt Bücher verschwinden“

Das Ergebnis könnte nämlich eindeutiger nicht sein: „Es gibt eine hohe Korrelation zwischen dem Copyright und dem Verschwinden von Werken, aber nicht mit ihrer Verfügbarkeit“, so Heald. „Kurz nach dem Werke entstehen und mit Copyright versehen werden, neigen sie zum Verschwinden aus der Öffentlichkeit, und kehren erst dann wieder ins Blickfeld zurück, wenn sie in die Public Domain fallen und keinen Eigentümer mehr haben.“ So seien bei Amazon.com dreimal mehr Titel aus den 1850er Jahren lieferbar als aus den 1950er Jahren, obwohl im 19. Jahrhundert weitaus weniger Bücher produziert wurden. „Kurz gefasst, Copyright scheint Bücher verschwinden zu lassen“ Die gute Nachricht: Es gäbe durchaus einen Markt für all diese “missing books”. Die schlechte: Durch das Copyright werden die Marktkräfte jedoch ausgeschaltet.

Zufällig erzeugte ISBN-Nummern als Basis

Die gängige Praxis geht offenbar von ganz anderen Prämissen aus: „Mächtige Copyright-Lobbyisten umrunden den Globus und empfehlen immer längere Schutzfristen, mit dem Argument der mangelnden Verwertungsmöglichkeiten für den Fall, das ein Werk in den Bereich der Public Domain fällt“, so Heald. Schon bisherige Studien (u.a. von Heald selbst) hatten eher gegenteilige Ergebnisse geliefert, indem etwa die Lieferbarkeit von ausgewählten Bestsellern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts untersucht wurde. Um das Argument erneut zu testen, wurden dieses Mal zufällig ISBN-Nummer erzeugt und in die Suchmaske von Amazon.com eingegeben. Handelte es sich dabei um die Kategorie „Literature and Fiction“, wurden die Titel in das Sample aufgenommen. Im zweiten Schritt versuchten die Forscher, das Erstveröffentlichungsdatum herauszufinden. Das gelang bei 2.317 von insgesamt 7.000 Titeln. Nur diese Bücher wurden für die statistische Analyse verwendet.

„Interesse der Verlage hält nur wenige Jahren“

Schon die erste grobe Auswertung bietet eine kleine Überaschung: 72 Prozent (1665 Titel) fallen in den Public Domain-Bereich, nur 28 Prozent (652) stehen unter Copyright. Der eigentliche Hingucker ist jedoch die Verteilung der Werke über die einzelnen Jahrzehnte. Gäbe es überhaupt kein Coypright, so Heald, müssten man eine langsam abflachende Kurve erwarten, denn man dürfe ja annehmen, dass die Werke mit zunehmenden Alter an Popularität verlieren und dementsprechend das Interesse an einer Verwertung abnimmt. „Stattdessen fällt die Kurve stark und schnell ab, und steigt dann ebenso spektakulär wieder an für Bücher, die vor 1923 veröffentlicht wurden.“ Aus den 1980er Jahren etwa sind aus dem Sample nur 29 Titel lieferbar, gegenüber 254 aus den Jahren 2000 bis 2010. Healds Diagnose: „Verleger haben offenbar kein Interesse daran, ihre Bücher länger als ein paar Jahre nach der Veröffentlichung auf Amazon zu verkaufen.“

„Oldies but Goldies? Gilt nur für die goldenen 1850er“

Noch krasser ist das Mißverhältnis, wenn man die Zahlen mit dem geschätzten Publikationsvolumen der jeweiligen Jahrzehnte abgleicht. Schließlich wurden im 19. Jahrhundert deutlich weniger Bücher gedruckt als im 20. Jahrhundert – Heald nimmt beispielsweise an, das in den 1850er Jahren sechsmal weniger Titel auf den Markt kamen als zwischen 1950 und 1960. Berücksichtigt man diesen Proporz-Unterschied, werden derzeit auf Amazon.com sogar 18 mal mehr Titel aus den 1850er Jahren verkauft. Also von wegen „Oldies but Goldies“ – das gilt für die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts nicht. Übrigens auch nicht im Musikbusiness, das Heald für seine Studie ebenfalls untersucht hat. Auf dem DVD-Markt gibt es eine vergleichbare Verwertungslücke bei älteren Titeln. Anders als bei Büchern, so Heald, existiere jedoch in den USA bereits funktionierendes Modell, die lähmende Wirkung des Copyrights bei Songs zu durchbrechen: Youtube. Bevor die Plattform Videos wegen Urheberrechtsverstößen ausliste, würden die Rechteinhaber nämlich gefragt: „Möchten Sie nicht lieber eine Anzeige schalten und mit dem Titel Geld verdienen?“.

(via Teleread)

Abb. oben: flickr/pfv (cc)

Abb. unten: Statistik aus Heald, How Copyright Makes Books and Music Disappear (2013)

E-Book-Tantiemen: „Verlage sollen Autoren 50 Prozent abgeben“

Andrew Wylie bleibt seiner Rolle als Agent Provacateur treu: „Verlage sollten den Autoren bei E-Books eine Tantieme von 50 Prozent zahlen“, äußerte sich der prominente Literaturagent letzte Woche gegenüber The Bookseller. Die neue Fifty-Fifty-Regelung sieht Wylie zukünftig als Normalfall der Vergütung, wenn sich das Geschäft mit elektronischen Büchern erst vollständig etabliert hat. Bisher versuchten Verlage die rote Linie von 25 Prozent nicht zu überschreiten, doch da E-Books profitabler seien als Print-Versionen, müsse ein Teil der zusätzlichen Profite auch den Autoren zu gutekommen. Kritisch sieht Wylie auch die Gatekeeper-Funktion von Portalen wie Amazons Kindle-Store oder Apples iBooks mit ihren hohen Provisionen: „Solche Distributoren sollten nicht 30 Prozent kassieren – attraktiv wäre eher Null Prozent“.

Die Nackten & die Toten: Angriff aus der Backlist

Der Seitenhieb gegenüber Amazon & Co. kommt allerdings überraschend. Wylie selbst hatte die Debatte um Tantiemen befeuert, als er im Sommer 2010 einen Big Deal mit Jeff Bezos machte. Auf einen Schlag übertrug Wylie die elektronischen Exklusivrechte für zwanzig moderne Klassiker an Amazon. Zu den in Deutschland bekanntesten Titeln gehörten neben Nabokovs “Lolita” auch Norman Mailers “Die Nackten und die Toten” wie auch Hunter S. Thompsons “Fear and Loathing in Las Vegas”. Für mindestens zwei Jahre sind diese Romane nun als E-Book ausschließlich im Kindle-Store erhältlich. Diese Exklusivität rief scharfe Proteste hervor – kein Wunder, denn die traditionellen Hausverlage blieben komplett außen vor. Bei seinem Coup machte sich Wylie eine juristische Lücke zu Nutze, die bei Backlist-Titeln in den USA und Großbritannien schon des öfteren für Ärger gesorgt hat. In älteren Verträgen zwischen Verlegern und Autoren sind elektronische Versionen nicht ausdrücklich genannt.

“Höhere Tantiemen – sonst keine E-Book-Rechte“

Parallel mit dem Amazon-Deal gründete die Literatur-Agentur ein Label namens Odyssey Editions. Laut Mission Statement geht es dabei um eine “eBook publishing company designed to bring classic works of fiction and nonfiction to dedicated readers globally”. Doch Wylie hatte offenbar weitaus mehr im Sinn als nur exklusive Kindle-Klassiker – er wollte die Branche zum Nachdenken zwingen. Das scheint ihm mittlerweile gelungen zu sein. Im Umfeld der Frankfurter Buchmesse äußerten auch viele seiner Kollegen Kritik an der bisherigen Verlagspolitik. Besonders deutlich teilte Robert Gottlieb von Trident Media aus. „Wenn sich die Verlage nicht bald dazu durchringen, höhere Tantiemen für digitalen Content zu zahlen, ist es durchaus denkbar, dass wir diese Rechte künftig aus den Verträgen herausnehmen“, so der US-Literaturagent gegenüber buchreport. Neben den Agenten beginnen aber auch viele prominente Autoren den Druck zu erhöhen. Bestes Beispiel ist der britische Autor Terry Jones, der sein neuestes Buch „Evil Machines“ über die auf Literatur spezialisierte Crowdfunding-Plattform Unbound vermarktete. In nur wenigen Wochen konnte das Ex-Monty-Python-Mitglied 3000 Vorbestellungen einsammeln, die gesamte Spendensumme betrug mehr als 30.000 Pfund. Klassische Verlage waren dabei nicht beteiligt – Amazon, Apple & Co. aber auch nicht.

E-Book-Rechte: Random House gibt Ansprüche auf Backlist-Titel auf

random house e-book-rechte styron.jpgDie Front bei E-Book-Rechten beginnt zu bröckeln. Mit Random House hat erstmals ein großer US-Verlag Ansprüche auf ältere Titel aus der Backlist aufgegeben. In diesem Fall hat Autor William Styron selbst nichts mehr davon – Random House einigte sich mit den Erben des im Jahr 2006 verstorbenen Pulitzer-Preisträgers. Die E-Book-Versionen von Bestsellern wie „Sophie’s Choice“ oder „Confessions of Nat Turner“ werden nun bei Open Road Media erscheinen, begleitet von einer multimedial aufbereiteten Online-Angeboten.

Es geht mal wieder um die Frage: ist ein E-Book auch ein Buch?

Bei E-Book-Rechten geht es um Big Money. Random House beeilte sich deswegen, die Entscheidung im Fall von Styron als Ausnahme hinzustellen. Tatsächlich hatte der Verlag erst im Dezember 2009 in einem Schreiben gegenüber Literaturagenten klargestellt, das Random-House-Autoren keine Rechte an Dritte vergeben dürften. Streitpunkt ist die allgemein gehaltene Formulierung „in book form“, die sich in älteren Autorenverträgen findet. Sind darunter auch E-Books zu verstehen? Viele Autoren meinen: nein. Ähnliche Diskussionen gibt es auch in Deutschland – vor allem bei der Frage der Buchpreisbindung. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat Ende 2008 sein Rechtsverständnis auf elektronische Bücher ausgeweitet, Hörbücher jedoch ausgenommen.

Holocaust, Sklavenaufstände, Pornographie: Styrons Romane sind auch politisch ein heißes Eisen

Die Entscheidung von Random House dürfte wohl einiges mit der politischen Bedeutung von Styrons Romanen zu tun haben. Geht es doch in „Sophie’s Choice“ um die Geschichte einer Holocaust-Überlebenden und in „Nat Turner“ um einen berühmten Sklavenaufstand dreißig Jahre vor Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs. Beide Romane lösten öffentliche Kontroversen aus – vor allem wegen äußerst freizügiger Darstellungen, die Styron neben dem Kritikpunkt der Geschichtsverfälschung auch Pornographie-Vorwürfe einbrachten. Styrons Erben sind offenbar bemüht, den Pulitzer-Preisträger auch einem jüngeren Publikum wieder etwas bekannter zu machen – und wollten deswegen die elektronische Aufbereitung des Werks selbst bestimmen.

Multimediales E-Book-Marketing mit Facebook & Twitter

“Ich glaube nicht dass besonders viele junge Leser sich mit dem Werk meines Vaters beschäftigen, wenn sie keine elektronische Version in die Hand bekommen“, äußerte sich Susanna Styron, die älteste Tochter des Autors, gegenüber der New York Times. Open Road will Styrons Werk über das Internet vermarkten. Die E-Books bekommen digitale Coverbilder und werden mit biographischen Informationen ergänzt. Ergänzt wird die Präsentation durch multimediale Elemente, etwa Videoclips mit Interviews, aber auch Briefen, Fotos und anderen Dokumenten aus Styrons Nachlass. Open Road setzt zugleich auch auf Social Media – neben der Website oprenroadmedia.com wird der Content über eine eigene Facebookseite verbreitet, und getwittert wird natürlich auch.