„Gemeinsame Plattform mit Verlagen“: ARD-User Service Engine als Google plus Facebook plus Netflix-Ersatz?

ard-logo-altAch ja, Texte im Internet. Den einen (private Verlage) ist es erlaubt, ins Web zu schreiben, den anderen (öffentlich-rechtliche Sendeanstalten) nicht? Oder nur im Telegrammstil? Wie beim Videotext? Aua, touché, schlechtes Beispiel. Denn damit fing der Streit ja in den frühen 1980er Jahren an, lange vor dem World Wide Web. Worte auf dem Bildschirm, mit Rundfunk-Gebühren und weiteren öffentlichen Zuschüssen bezahlt, das war den Zeitungsmachern damals schon ein Dorn im Auge.

Heute streitet man sich eher über den Wortanteil der Tagesschau-App, oder auf tagesschau.de, wobei ja eigentlich klar ist: ohne Worte geht es gar nicht. „Text in einem bestimmten Umfang ist notwendig, um gefunden zu werden“, so betonte BR-Intendant und derzeitiger ARD-Vorsitzender Ulrich Wilhelm jetzt in einem öffentlichen Pressegespräch. Denn alle Content-Anbieter seien vom Traffic der Suchmaschinen und Social Media-Netzwerke abhängig, und damit von deren Algorithmen.

Um dann einen großen Wurf zu formulieren (siehe das wörtliche Transkript bei daniel-bouhs.de): sollte es nicht besser „zu einer gemeinsamen Plattform für die Inhalte der unterschiedlichsten Qualitätsanbieter“ kommen, um von Google, Facebook & Co. unabhängig zu werden? Also einer „massiven Mediathek auch mit Text-Content der Verlage“, wie gleich mal vom Moderator kritisch nachgefragt wurde? Antwort: Im Prinzip schon, in der Zukunft, mit entsprechenden Gesetzesänderungen, und entsprechenden Kooperationsvereinbarungen, weil beide Seiten „schützenswerte Inhalte“ produzieren.

Die technischen Grundlagen dafür werden gerade gelegt, nämlich im Rahmen der ARD-User Service Engine (ARD USE), deren Ziel eine „für alle ARD-Angebote gemeinsame technische Infrastruktur mit einem personalisierten Nutzerzugang“ ist, die „intelligente Empfehlungs- und Suchfunktionen“ bietet. Startpunkt soll die bestehende (Video-)Mediathek sein, die in der Folge mit einer Audiothek und einer Mediathek speziell für Kinder-Inhalte ergänzt wird.

Kommt dann am Ende auch der News-Content der Zeitungsverlage dazu? Und zu welchen Bedingungen? Soll die Plattform dann etwa auch noch als ein eigentständiges soziales Netzwerk funktionieren? Ist das wirklich realistisch? Trotz der Konkurrenz nicht nur durch Facebook, sondern auch Amazon, Netflix, etc? Klar ist bisher nur eins: die Rundfunkbeiträge werden ab 2021 steigen, denn die Anstalten haben drei Milliarden Euro „Mehrbedarf“ pro Jahr angemeldet.

Schluss mit Depublikation: Siebentage-Löschfrist für Mediatheken von ARD & ZDF soll wegfallen

depublikation-no-moreDepublikation ist die kleine Schwester der Desinformation, könnte man zugespitzt formulieren: was nicht mehr zur Verfügung steht, kann man auch nicht mehr nutzen, um sich zu informieren. Meister der Depublikation sind in Deutschland ausgerechnet die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten — nach sieben Tagen werden Video- und Audioinhalte der Mediatheken in der Regel gelöscht. Das betrifft summa summarum rund 85 Prozent der Beiträge.

Schuld ist eine Festlegung im Rundfunkstaatsvertrag von 2009 — doch nun gibt es einen Hoffnungsschimmer in Sachen Öffi-Open-Access. Offenbar haben sich die Ministerpräsidenten letzte Woche auf eine Vertragsänderung geeinigt, mit der im kommenden Jahr „die Verweildauer über die bisher geltende Sieben-Tage-Regelung hinaus“ ausgedehnt werden könnte. Man wolle das „auflockern und verändern“, so Malu Dreyer, Regierungschefin von Rheinland-Pfalz und turnusgemäß die Leiterin der Rundfunkkommission der Länder.

Erst kürzlich hatten ARD, ZDF und Deutschlandfunk sich noch einmal lauthals darüber beklagt, die bisherigen Vorgaben würden „in keiner Weise der Publikumserwartung entsprechen“ — geprägt von Nutzungsmustern auf privaten Video-On-Demand-Portalen fänden es die Zuschauer heutzutage wichtig, jederzeit auf gewünschte Inhalte zugreifen zu können. Genau hier liegt natürlich auch der Hase im Pfeffer: die private Konkurrenz befürchtet Umsatzeinbußen, wenn die „Backlist“ der öffentlich-rechtlichen Mediatheken plötzlich anschwillt.

Dass die Befristung ganz wegfällt, ist angesichts des Widerstandes der Privaten deswegen eher fraglich, wahrscheinlich wird sie wohl eher auf mehrere Wochen oder Monate ausgedehnt. Wobei selbst sieben Tage bei manchen Inhalten schon jetzt eine Verbesserung bedeuten würde — die Aufzeichnung großer Sportevents à la Fußball-Länderspiele verschwindet derzeit schließlich bereits nach 24 Stunden aus dem Netz, angekaufte Serien und Spielfilme tauchen erst gar nicht auf.

(via golem.de und chip.de)

Retro-Pixel in der Austastlücke: Video-Text von ARD & ZDF feiert 30. Geburtstag

videotext-30-jahre-ard-hbbTV-IFA.gifVideotext macht’s möglich: seit 1980 wird in Deutschland der Fernseher auf Knopfdruck zum Lesegerät. Die Informationstafeln mit Nachrichten, Wetter und Programmhinweisen sind das letzte Refugium der Pixelgrafik, mehr als 25 mal 40 Zeichen passen nicht auf die Mattscheibe. Das könnte sich jedoch bald ändern. Der neue Hybridstandard HbbTV soll einen Mix aus Fernsehen, Programm-Guide und Internet-Content auf die Mattscheibe holen.

They call it Teletext: Videotext ist eine Erfindung der BBC

Per Fernbedienung ab in die Achtziger Jahre: Drückt man auf die Videotext-Taste des Fernsehers, landet man auch im Jahr 2010 noch mitten in einer Pixelwelt, die an die Zeiten von Heimcomputer, Atari-Konsole oder BTX erinnert. Videotext nutzt die Austastlücke des Fernsehens, eine technisch bedingte Pause zwischen den einzelnen Bildern. Techniker der BBC kamen um 1970 auf die Idee, diese Lücke mit Informationen zu füllen, die auf dem Bildschirm dargestellt werden sollten. Für jede Seite standen dabei 25 mal 40 Zeilen zur Verfügung, die mit Buchstaben, Zahlen oder pixeligen Grafikelementen gefüllt werden konnten. Damit war der „Teletext“ geboren. In Deutschland wurde diese Idee erstmals auf der IFA 1977 vorgestellt, drei Jahre später begann dann bei ARD und ZDF der ständige Testbetrieb. Beim Sender Freies Berlin nahm eine gemeinsame Redaktion am 1. Juni 1980 die Arbeit auf und produzierte täglich 75 Seiten. Aus namensrechtlichen Gründen musste in Deutschland allerdings der Name „Videotext“ gewählt werden.

Für deutsche Zeitungsverleger war Videotext ein rotes Tuch

Der Fernseher als elektronisches Lesemedium stieß nicht nur auf das geballte Interesse der Zuschauer. Beim Bundesverband der deutschen Zeitungsverleger (BdZV) klingelten die Alarmglocken. Die elektronische Lektüre von Nachrichten am Bildschirm – war das nicht eine direkte Konkurrenz für die gedruckte Version? Ähnlich wie heute bei den Internet-Portalen von ARD oder ZDF oder etwa der „Tagesschau“-App sahen die großen Medienhäuser ihre Marktmacht gefährdet und setzten auf politischen Druck. Stoppen konnten sie das Projekt allerdings nicht. Doch als Kompromiss durften die gewerblichen Nachrichtenhändler vorerst auf 15 Videotext-Seien in einer Art Presseschau für ihre Print-Produkte werben. Erst als 1990 aus dem Test- ein Regelbetrieb wurde, endete diese Form der „Kooperation“ zwischen Öffentlich und Privat. Mittlerweile wurden von ARD und ZDF mehr als 400 Seiten Videotext angeboten, heute sind es mehr als 800. Auch die Privatsender hatten nach und nach Mut zur Austastlücke – und auch zur kommerziellen Erweiterung des Video-Textes: auf ihren Bildschirmtafen wird für gebührenpflichtige SMS-Services geworben.

Trotz Online-Boom erreicht Videotext immer noch ein Millionenpublikum

Trotz des Booms der Online-Medien hat sich Videotext im Medienmix sehr gut behaupten können. In der ersten Jahreshälfte 2010 holten sich durchschnittlich rund 17 Millionen Zuschauer täglich die Videotexte der deutschen Sender auf die Mattscheibe. Der ARD-Text kam dabei auf einen Marktanteil von 19 Prozent, gefolgt vom ZDF mit 14,2 und RTL mit 12,5 Prozent. Der Erfolg dürfte dabei nicht so sehr mit dem Pixel-Charme früher Videospiel-Konsolen zusammenhängen, sondern damit, dass die Kombination von Schnelligkeit und Kürze immer noch einen optimalen Nutzwert ergibt. Die Länge einer Textseite entspricht etwa der von drei SMS-Nachrichten. Immer mehr Nutzer lesen den Videotext tatsächlich auf dem Displays von Handys oder Smartphones. Die Seiten des ersten Programms können etwa im mobilen Browser unter www.ardtext.de/mobil/ abgerufen werden. Für iPhone und iPad gibt es spezielle Apps, mit denen sich Videotext-Angebote zahlreicher europäischer Fernsehsender nutzen lassen.

Über den Umweg Internet kommt Videotext auch ins neue Hybrid-Fernsehen

Auch Retro-Freunde müssen natürlich zugeben, dass die bisherige Darbietungsform von Videotext etwas antiquiert ist. Elektronische Programm-Guides (EPG) im digitalen Fernsehen haben bereits begonnen, den klassischen Infotafeln den Rang abzulaufen. Über den Umweg Internet könnte der Videotext allerdings auch im Zeitalter von Hybrid-TV auf die flachen Screens hypermoderner Fernseher kommen. Auf der IFA 2010 wird etwa das neue Hybrid-Fernseh-Konzept HbbTV vorgestellt. HbbTV-Fernseher haben zwei Buchsen – eine für das TV-Signal, eine für das Internet. Ein integrierter Browser ermöglicht die Darstellung von Webseiten auf dem Bildschirm. Mit einer speziellen Taste auf der Fernbedienung lassen sich sendungsbezogene Inhalte der Videotext-Redaktionen im html-Format direkt anzeigen. Über den Umweg Internet dürfte in Zukunft dann auch eines der am meisten genutzten Videotext-Angebot beim Zuschauer ankommen – die Untertitelung. Bei der ARD wird etwa ein Drittel aller Sendungen für Hörgeschädigte mit synchronen Text-Tafeln versehen. Auch dieser Service ist voll auf der Höhe der Zeit. Bei wichtigen Live-Sendungen entstehen die Untertitel automatisch per Stimmerkennungs-Software.