Weder tot noch vergangen – Heike Fröhlings Familiensaga „Als Träume fliegen lernten“ [Leseprobe]

Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen – wie wahr dieser Satz ist, entdeckt die junge Luisa beim Durchblättern alter Tagebücher und Briefe: ihre Großmutter Enriqua hat sie noch ein Jahr nach ihrem offiziellen Todesdatum verfasst. Was ist zwischen 1937 und 1938 tatsächlich passiert? Warum hat die erfolgreiche spanische Tänzerin einen deutschen Schreiner geheiratet? Je intensiver die Enkelin in die Welt der Dreißiger Jahre eintaucht, umso mehr versteht sie, dass die Ereignisse weit vor ihrer Geburt einen langen Schatten werfen, der auch ihr Leben beeinflusst.
Mit der Familiensaga „Als Träume fliegen lernten“ zeigt Heike Fröhling, dass sie nicht nur das Genre Krimi und Thriller beherrscht (siehe den unter Pseudonym erschienenen Bestseller „Am Anfang war die Stille“) – was aber auch kein Wunder ist, denn die studierte Germanistin und Musikwissenschaftlerin schrieb schon seit Ende der 1990er Jahre Romane und Erzählungen für Verlage wie Aufbau oder Bastei. Dank KDP & Co. ist die Autorin nun auch als erfolgreiche Self-Publisherin unterwegs. Unsere heutige Leseprobe führt direkt ins Herz der Familiensaga „Als Träume fliegen lernten“ – den Prolog der Geschichte gibt’s im Kindle Shop oder z.B. bei Thalia.

Heike Fröhling: Als Träume fliegen lernten



[…] Obenauf lag ein Stapel vergilbter Briefe, zusammengehalten mit einem dünnen Paketband. Sie zog an der Schleife. Alle Briefe waren an ihren Großvater adressiert, abgeschickt von ihrer Großmutter. Außerdem kamen vier in Leder gebundene Kladden zum Vorschein, die an alte Bilanzbücher erinnerten. Luisa schlug das oberste Buch auf, das in derselben geschwungenen Schrift geschrieben war wie die Briefe.
Auf der ersten Seite stand ein Gedicht von Goethe. „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn.“ Sie blätterte um. Ein Tagebuch. Die Windschutzscheibe war nun vollständig eingeschneit und trennte die Außenwelt zunehmend von ihr ab. Es musste ihr Großvater Friedrich gewesen sein, der – aus welchem Grund auch immer – nicht wollte, dass jemand diese Schriftstücke fand. Gleichzeitig hatte er es anscheinend nicht über sich bringen können, die Kiste samt Inhalt in einem der Kachelöfen zu verbrennen. Sie überflog die Daten, die in den Kladden notiert worden waren. 1932 … 1931 … 1936 … 1938. Luisas Hände hinterließen einen feuchten Abdruck auf dem Papier. Sie sprach die Jahreszahl leise aus: 1938. Das war unmöglich, denn zu der Zeit war Enriqua längst tot, seit einem Jahr beerdigt. Sie verglich die Schriftzüge der Briefe und Tagebücher untereinander. Die Wörter waren im Verlauf der Jahre kleiner geworden, die Zeilen weiter auseinandergerückt, fast so, als würden sie gar nicht zusammengehören. Doch die Schrift mit den geschwungenen Buchstaben war unverkennbar die Enriquas.

Donnerstag, 12. März 1931
Jeden Tag vergrößert sich meine Wegstrecke von der Klinik ausgehend. Die Kuranlagen waren das Ziel in der letzten Woche, heute habe ich zweimal den Teich umrundet, ohne Mantel, erhitzt von der Anstrengung, mit meiner feucht an Rücken und Armen klebenden Bluse vorbei an Männern mit Zylinder in ihren Sonntagsanzügen, Frauen, die sich vor den ersten Sonnenstrahlen mit bunten Schirmen schützen.
Wie die Krokusse ihre Köpfe trotz der Kälte und des diesjährigen späten Frostes dem Himmel entgegenrecken, habe ich geschworen, niemals aufzugeben. Schritt für Schritt ist es ein Vorwärtskämpfen. Das Knie durchstrecken und wieder anwinkeln, durchstrecken, anwinkeln. Sie irren, die Ärzte mit ihren Diagnosen und Therapien. Mir hilft keine Wasseranwendung, keine Schonung, sondern Bewegung. Es war die Operation nach dem Sturz, die alles zerstört hat, nicht der Tanzunfall selber, aber das glaubt mir niemand. Am schwersten ist es, das linke Bein vollständig zu beugen. Mit der Ferse das Gesäß zu berühren, ist eine Unmöglichkeit, doch gelingt die Beugung täglich einen Fingerbreit besser.
Trotz der Fortschritte lassen sich in ruhigen Momenten die Gedanken an meine Eltern und Verwandten nicht wegschieben: All das Geld, das sie für die Krankenhausaufenthalte und für diese Kur schon geschickt haben … Wie lange werden sie mich noch unterstützen, ich die Möglichkeit haben, in Berlin wieder in einem der bestehenden Ensembles einzusteigen?
Helga und Max haben in ihren Briefen versichert, dass sie warten, dass sie mit mir eine Tournee nach Stockholm und Paris planen. Aber ihre Post erreicht mich immer seltener, aus dem anfangs wöchentlichen Schreibrhythmus ist ein zweimonatiger geworden. Die Berichte von den Uraufführungen sind nicht mehr so ausführlich wie vor einem Jahr. Es sei ihnen nicht verübelt, spüre ich doch selbst, wie sich unsere Welten auseinanderentwickeln, wenn es mir nicht einmal gelingt, die Namen der Neuen in den Ensembles mit Gesichtern zu verbinden.
Durch meine täglichen Wanderungen wächst trotz der widrigen Umstände meine Zuversicht. Ich will das, sage ich mir, das steife Bein auf eine Bank gelegt. Das Herz rast von der noch ungewohnten Anstrengung, hämmert in seinem punktierten Rhythmus das Blut bis in die Fingerkuppen. Dann setze ich mich, wenn niemand in der Nähe ist, auf den Fuß, um mit Hilfe des Körpergewichtes die Beugung zu verstärken. Jedes Mal die Hände zu Fäusten geballt, die Fingernägel in die Handinnenflächen gedrückt, um nicht vor Schmerz aufzuschreien. Doch nur mit dieser Härte gelingt es, die Wegstrecke zu erhöhen, die Beinbeugung zu vergrößern. Einen Schritt weiter von Wiesbaden auf Berlin zu. Sogar die Fortbewegung mit einer anstelle von zwei Krücken funktioniert inzwischen.

Verschwitzt am Klinikgelände angekommen, wäre ich im Zimmer am liebsten auf mein Bett gefallen, aber die Schwester sagte, mein Verlobter warte im Garten. So hatte er sich vorgestellt? Er ist dreist. Er ist stur und hartnäckig. Er scheint zu wissen, was er will. Warum mich?
Meine Neugier trieb mich nach draußen zurück. Dort stand Herr Gehringer, gestützt auf seine Krücken und verbeugte sich. Neben ihm auf der Bank lag ein Frühlingsstrauß. Für mich, sagte er.
Er sollte mir keine Geschenke machen. Noch gibt es nur die teuren Gewächshausblumen.
In seiner Gegenwart ist es schwer, den Kopf nicht zu senken und ihn genauso direkt anzublicken, wie er es mir gegenüber tut. Er sieht gut aus mit seinen blauen Augen und blonden Haaren und seinem großen, schlanken Körper, und ich glaube, er ist sich dessen bewusst. Daran ändert sein verlorenes Bein nichts. Er kann meinen Wunsch nach baldiger Genesung nachvollziehen, braucht er doch nicht weniger Hartnäckigkeit, um angesichts der Entzündung seines Beinstumpfes die Hoffnung nicht zu verlieren.
Wir setzten uns nebeneinander. Meine Sätze klängen altertümlich, erinnerten ihn an Heine, meinte er. Wie er es aussprach, schien es ein Kompliment zu sein und gleichzeitig verunsicherte er mich.
Merkte man nach all den Jahren in diesem Land noch immer, mit welchen Büchern ich mir die Sprache beigebracht habe?

Anfangs erschien Luisa ihre Großmutter beim Lesen fremd. Diese pathetische Ausdrucksweise! Die Vergleiche, die man eher bei einem Gedicht erwarteten würde. Doch die Distanz legte sich schnell. Schon nach der ersten Seite wurde die Situation in Luisas Vorstellung plastisch. Es war, als könnte sie selbst die aufblühenden Krokusse riechen, als wäre sie neben Enriqua durch den Kurpark gewandert. Wie war es nur möglich, dass Friedrich und Enriqua durch die Aufzeichnungen in ihrer Gedanken so lebendig wurden, dass Luisa glaubte, ihrer Unterhaltung zuhören zu können?

(Weiterlesen im (Weiterlesen im Kindle Shop)

Copyright Cover & Leseprobe: Heike Fröhling –
Publikation mit frdl. Genehmigung der Autorin.

Heike Fröhling,
Als Träume fliegen lernten (Roman)
E-Book (Kindle/ epub) 2,99 Euro
Taschenbuch (Amazon) 15,99 Euro