Onleihe in der Kritik: Erfolgsmodell oder Datenschutz-Fiasko?

onleihe-appOberflächlich betrachtet kann die Onleihe eine Erfolgsbilanz vorweisen: mehr als 3.000 Bibliotheken nehmen teil, die Stiftung Warentest lobt das Preis-Leistungsverhältnis (es reicht schließlich der Bibliotheksausweis), der Markenname selbst steht mittlerweile sogar im Duden. Doch im Kern sei das Konzept „in puncto Datenschutz, technische Hindernisse & Angemessenheit … ein Fiasko“ urteilte jetzt Netzpolitik.org-Autor Arne Cypionka. Die Crux ist dabei — mal wieder — Digital Rights Management, genauer gesagt: Adobe Digital Editions. Denn ohne Registrierung bei Adobe und Zuteilung einer individuellen „Adobe-ID“ geht bei der Onleihe nix.

Adobe schnorchelt fleißig Nutzerdaten

Wer aber den endlosen AGBs in Länge von knapp zwanzig A4-Seiten zustimmt, muss dabei so manche Kröte schlucken, was die Verwendung der Daten und deren Weitergabe an Dritte betrifft: „Durch Nutzung der Onleihe erfährt Adobe unter anderem folgendes: eindeutige Kennziffern, die mein Benutzerkonto und Gerät identifizieren, meine IP-Adresse und damit meinen ungefähren Standort, welche Bücher ich lese, wie lange ich sie lese und wie viel des jeweiligen Buches ich wirklich gelesen habe.“

Neue DRM-Software als Lösung?

Das seien zu viele Daten, bloß um ein Buch zu lesen, kritisiert Cypionka, erst recht, weil sie technisch für den Ausleih-Prozess gar nicht notwendig seien, eigentlich reiche die Verwendung der Benutzer-ID zur Autorisierung der E-Book-Lektüre völlig aus. Auch der für 2019 geplante Umstieg auf das französische Konkurrenz-Produkt CARE wird wohl keine zufriedenstellende Lösung bringen — denn zum einen ist noch gar nicht klar, welche persönlichen Daten in Zukunft erhoben werden, und auch nicht, welche Lesegeräte überhaupt per Update mit der neuen DRM-Lösung benutzbar sein werden. Viele ältere Modelle, die von den Herstellern nicht mehr unterstützt werden, wird man zur Onleihe dann wohl nicht mehr benutzen könnnen.

Immerhin muss auf dem PC dann keine DRM-Software installiert werden, um überhaupt ein Lesegerät und ausgeliehene E-Books zur Lektüre freischalten zu können — daran sind nämlich bisher viele Mac- und Linux-Nutzer gescheitert, selbst manche Windows-10-Nutzer haben Probleme mit Adobes Programm-Ungetüm.

(via Netzpolitik.org)

Holtzbrinck verzichtet auf hartes DRM: bald auch Bertelsmann im Softie-Club?

holtzbrinck-verzichtet-auf-hartes-drmNach Bonnier verzichtet mit der Holtzbrinck Publishing Group in kurzer Zeit bereits die zweite große Verlagsgruppe auf hartes DRM – damit bleiben unter den Top 3 in der deutschen Publishing-Landschaft nur noch die Bertelsmänner dem einstigen Branchenstandard Adobe Digital Editions treu. Über mehr E-Book-Komfort dürfen sich dagegen die Leser von zu Holtzbrinck gehörenden Verlagen wie Rowohlt, Droemer Knaur oder Kiepenheuer & Witsch freuen.

Digitales Wasserzeichen „genau so effektiv“

Ganz ohne DRM geht die Geschichte aber auch in diesem Fall nicht zu Ende: Wie bereits die Verlagsgruppe Bonnier und zuvor einzelne Häuser wie dtv oder Dumont setzt Holtzbrinck zukünftig auf das Digitale Wasserzeichen. „Die bisherigen Erfahrungen mit dem digitalen Wasserzeichen im In- und Ausland haben gezeigt, dass dies genau so effektiv und zuverlässig das Urheberrecht unserer Autoren schützt wie ‚hartes‘ DRM“, so das Credo von Peter Kraus vom Cleff, Kaufmännischer Geschäftsführer der Rowohlt Verlage.

„Illegaler Missbrauch“ wird verfolgt

Viele kleinere Verlage verzichten dagegen schon seit längerem vollständig auf jegliche Form von Digitalem Rechtemanagement. Das hat nicht nur mit den eingesparten Kosten zu tun, sondern auch mit den bisherigen Erfahrungen im In- und Ausland, dass keine Form von DRM das Urheberrecht effektiv und zuverlässig schützen kann. Wohl nicht umsonst beeilte sich der Rowohlt-Geschäftsführer auch hinzuzufügen, man werde „illegalen Missbrauch“ der Verlagsrechte „auch weiterhin konsequent verfolgen“. Bei legalem Missbrauch wird dagegen offenbar ein Auge zugedrückt. Fragt sich nur, was fällt darunter? Gilt die normale Lektüre inzwischen als Kavaliersdelikt!?

Abb.: Free Culture @ NYU (by-sa-2.0)

„Kompliziert und zwecklos“: Verlagsgruppe Bonnier verzichtet auf harten Kopierschutz

bonnier-verzichtet-auf-hartes-drmGute Nachrichten für E-Book-Leser: die Bonnier Media Deutschland GmbH wird ab 1. Juli auf den Einsatz von hartem Kopierschutz verzichten. Für den Abschied der Branche von Adobe Digital Editions dürfte das ein zentraler Meilenstein sein, zählt doch die deutsche Sparte des schwedischen Bonnier-Konzerns neben Bertelsmann und Holtzbrinck zu den Top 3 der hiesigen Buchmacher. Statt Adobe Digital Editions setzen die zu Bonnier gehörenden Verlage wie Piper, Ullstein oder Carlsen nun auf das Digitale Wasserzeichen. Ähnlich machen es bereits die großen Publikumsverlage Dumont, dtv und Bastei Lübbe.

„Hartes DRM schützt nicht vor Piraterie“

Die von Bonnier-Chef Christian Schumacher-Gebler in der offiziellen Pressemitteling angeführten Gründe sind mal wieder aus der klassischen „WE TOLD YOU SO!“-Kiste gegriffen: hartes DRM sei für die Kunden lästig („Leser muss sich auf komplizierte Weise anmelden“, „kann E-Book nur auf registrierten Geräten lesen“), außerdem schütze es nicht vor E-Book-Piraterie („relativ einfach zu umgehen“, „Zahl illegaler Downloads richtet sich nicht nach Härte des Kopierschutzes“, „Bestseller tauchen in Tauschbörsen überproportional auf“).

Buchhändler gegen hartes DRM

Eine Rolle spielt für Bonnier auch die Anti-DRM-Haltung vieler Buchhändler, die immer wieder von frustrierten Kunden berichteten und durch die Selbsteinmauerung mit Adobe Digital Editions Wettbewerbsnachteile gegenüber Amazon befürchteten: „Mit dem Verzicht auf hartes DRM unterstützen wir alle Handelsteilnehmer gleichermaßen und schaffen etwaige Wettbewerbsbarrieren ab“, so Schumacher Gebler. Gerade der unabhängige Buchhandel werde davon besonders profitieren.

Watermarking als kundenfreundliche Lösung

Das digitale Wasserzeichen sei eine „kundenfreundliche“ Lösung, ergänzt werde die für den Nutzer nicht sichtbare Markierung der E-Book-Datei durch eine „prägnante Seite mit Warnhinweisen“ als „zusätzlicher psychologischer Effekt, der an die Sorgfaltspflicht der Leser appelliert“. Auch die „ohnehin intensiven Maßnahmen zur Entdeckung und Verfolgung von Urheberrechtsverstößen“ wolle man weiter ausbauen und vorantreiben.

Abb.: Paul Downey (cc-by-2.0)

Pro-Tipp von ebook.de: „Erstmal nicht auf Adobe Digital Editions 3.0 umsteigen“

Wer nach Gründen sucht, warum DRM eine schlechte Idee ist, muss sich derzeit nicht lange umschauen: Adobe treibt mit dem Start der aktuellen Version von Adobe Digital Editions die Lese-Kundschaft des elektronischen Buchhandels zur Verzweiflung. Wer die letzte Woche veröffentlichte Desktop-Software installiert, handelt sich eine Menge Kompabilitätsprobleme ein – das Übertragen von kopiergeschützten E-Books auf mobile Geräte (ein Hauptzweck von ADE) funktioniert nämlich nicht. In der Blogosphäre wurde schon Anfang der Woche vor der Installation von ADE 3.0 gewarnt, nun warnen auch Buchhändler wie ebook.de (vormals libri.de). Das Pikante daran: die Pannen passieren bereits, obwohl die DRM-Verschlüsselungstechnik selbst noch gar nicht verändert wurde.

In einer E-Mail an E-Book-News schreibt Fabian Seyfried, ebook.de-Produktmanager für Digitales Lesen: „In den ersten Tagen nach Erscheinen der neuen Adobe Digital Editions 3.0 gab es Probleme beim Übertragen kopiergeschützter eBooks von der neuen ADE 3.0 auf Endgeräte – und das, obwohl weder wir noch unsere Lieferanten auf den Adobe Content Server 5 und das neue DRM-System umgestellt haben“. Deswegen rät ebook.de allen Nutzern: „Erstmal nicht auf ADE 3.0 umsteigen; die [vorherige Version] ADE 2.01 lässt sich bei Adobe immer noch runterladen“. Gemeinsam mit einem namhaften amerikanischen Lese-App-Entwickler habe man auf Adobe „erheblichen Druck“ ausgeübt – sodass Adobe am 29. Januar schließlich Änderungen am DRM-Verfahren vorgenommen habe. Nun soll theoretisch die Übertragung von kopiergeschützten eBooks aus der Adobe Digital Editions 3.0 zu E-Readern und anderen Endgeräten möglich sein. Trotzdem wird aber vom Update abgeraten.

Nachfolgend gebe ich drei Tipps weiter, die ebook.de den Nutzern ans Herz legt (ich denke, sie sprechen auch in Sachen Sinn von DRM für sich selbst):

  • Generell: Erstmal nicht auf ADE 3.0 umsteigen; die ADE 2.01 lässt sich bei Adobe immer noch runterladen: http://www.adobe.com/support/digitaleditions/downloads.html
  • Wenn auf ADE 3.0 umgestiegen wird, was nach dem Update durch Adobe möglich ist, sollten vor der Installation alle alten Versionen der ADE deinstalliert werden
  • Sollte es schon zu Problemen mit der Übertragung von eBooks gekommen sein:
    – Die bisherige Kopie des betroffenen eBooks auf dem PC löschen
  • – Die .acsm-Datei noch einmal neu vom Händler herunterladen und in ADE 3.0 öffnen
    – Anschließend sollte das so erzeugte epub auf den Endgeräten funktionieren

    Update: Den Namen des amerikanischen App-Entwicklers, mit dem ebook.de zusammenarbeitet, habe ich auf Bitten von ebook.de wieder aus dem Post entfernt, damit das ohnehin angespannte Verhältnis des US-Partners zu Adobe nicht weiter belastet wird.

    Abb.: flickr/alexperuso (cc)