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Tablet-Fieber, Reader-Pleiten, E-Books aus der Cloud: E-Lese-Rückblick auf 2010

jahresrueckblick-2010-e-book-e-readerElektronisches Lesen hat 2010 die Nische verlassen, doch anders, als vorhergesehen: der „iPad“-Effekt mischte die Branche auf. Plötzlich gehörten Farbe & Touch-Screen zum Standard – & E-Ink-Displays schienen out. Projekte wie der txtr-Reader wurden auf Eis gelegt. Doch nicht nur Amazon zeigte mit dem Kindle 3, dass die Kombination E-Ink & drahtloser E-Store erfolgreich sein kann. Im Herbst zauberten mit Thalia und Libri zwei deutsche Buchhändler WiFi-Reader aus dem Hut. Vielleicht liegt die Zukunft aber eher in der Cloud – siehe Google eBookstore? Unser Jahresrückblick zeigt die Trends und Flops aus 2010…

LCD schlägt E-Ink: Eine Branche im Tablet-Schock

Ausgerechnet das iPad – Apples Tablet hat auch die Buchbranche im Jahr 2010 kräftig durcheinander gewirbelt. Schon bei der Premiere in San Francisco wurden die E-Reader-Funktionen des Tablets herausgestellt. Auf den Großleinwänden des Yerba Buena Center for the Arts flimmerte am 28. Januar das virtuelle Bücherregal namens „iBooks“ vorüber, und Steve Jobs verkündete: „Amazon has done a great job of pioneering this… we’re going to stand on their shoulders for this“. Auch bei den Zeitungsverlagen herrschte große Aufregung – würde auf dem farbigen Touch-Screen-Display endlich der Traum von Paid Content wahr werden, kofinanziert durch interaktive Anzeigen? Ein hoher Gerätepreis von 500 Euro aufwärts ließ aber von Anfang an eher an Abo-Modelle denken. Aus deutscher Kundensicht schaffte das „Jesus-Tablet“ schon vor dem Verkaufsstart im Mai 2010 schier unglaubliches: es war der erste „E-Reader“, der in Umfragen von einer Mehrheit der Teilnehmer auch erkannt wurde. Viele E-Ink-Geräte bekamen die Käufer aber realiter nie zu Gesicht, denn der iPad-Schock bedeutete für so manches klassische Reader-Projekt das Aus – so auch im Falle des Berliner Startups txtr.

“Wir sind Tablet“: Auf der Suche nach dem iPad-Killer

Eine anderes Berliner Unternehmen dagegen machte dagegen im Frühsommer 2010 kurzfristig mit einem vermeintlichen iPad-Killer Schlagzeiler: das WePad von Neofonie sollte für wenig Geld maximalen Mehrwert bieten, nicht nur für die Leser von E-Books oder Zeitungen, sondern auch für Verlage. Denn eine ähnliche Gatekeeper-Funktion wie bei Apples App Store oder iBooks wollte n die WeTab-Macher nicht einnehmen. Die Seifenblase war jedoch bald geplatzt – aus dem fiktiven WeTab wurde das reale WePad, das wegen zahlreicher Software-Macken und niedriger Performance niemanden mehr begeistern konnte. Besser machte es dagegen Barnes&Noble: mit dem 7-Zoller „Nook Color“ ergänzte der größte amerikanische Filialist die Reihe seiner E-Ink-Reader um ein Wifi-fähiges Gerät mit Farb-LCD – und das zum halben Preis des iPad. Die Angebotspalette wurde ständig erweitert: Neben farbigen E-Bilderbüchern für Kinder („Nook Kids“) bietet der neue Nook mit dem „Newsstand“ längst auch E-Mags und E-Newspaper an.

Friedliche Koexistenz zwischen E-Readern & Tablets

Einen ebenso spektakulären Coup landete im August 2010 aber bereits Hauptkonkurrent Amazon mit dem Kindle 3 – das Gerät wurde mit 139 Dollar für die WiFi-Version nicht nur deutlich günstiger angeboten als zuvor, sondern bekam das allerneueste Pearl-E-Ink-Display verpasst. Auch Sony setzt auf diese besonders kontrastreiche E-Paper-Variante, und präsentierte auf der IFA 2010 eine neue Modell-Reihe, die sogar Touch-Screen-Funktionen hat. Die Frage Tablet oder E-Reader ist noch nicht entschieden. Doch vielleicht steht am Ende auch ein Sowohl-als-Auch: Fallende Preise bei E-Ink-Readern führen offenbar zu einer Art friedlicher Ko-Existenz bei den Nutzern – in den USA leisten sich viele Leser Tablet bzw. Smartphone und E-Reader. Amazon etwa hat 2010 mit geschätzten 8 Millionen Geräten soviele Reader verkaufen können, dass auf absehbare Zeit sogar mehr Kindles als iPads in amerikanischen Haushalten existieren dürften.

Deutscher E-Lese-Boom: 1 Mio. verkaufte E-Reader in 2011?

Während in den USA der Marktanteil von E-Books dank Amazon & Co. im Jahr 2010 die Zehn-Prozent-Marke überschritten hat, lag das E-Leseland Deutschland nur knapp oberhalb der Nachweisgrenze. Auf eine E-Book-Bestsellerliste, wie es sie etwa neuerdings in der Literaturbeilage der New York Times gibt, muss man hierzulande wohl noch für einige Zeit verzichten. Mediacontrol hatte zwar für den Herbst 2010 erstmals eine regelmäßige deutsche E-Book-Hitparade versprochen, doch mangels belastbarer Zahlen wurde das Projekt wieder verschoben. Auf den nächsten Coup der großen Player aus den USA wollte die deutsche Buchbranche aber nicht warten. Das E-Book-Angebot ist bei aktuellen Titeln zwar noch lückenhaft, doch im Herbst traten Thalia und Libri auf den Plan – mit dem Oyo und dem LumiRead gibt es nun erstmals Wifi-fähige E-Reader, mit denen man drahtlos deutschen Content shoppen kann. Viele Kunden scheinen genau auf diese komfortable Kombination von E-Reader plus E-Store gewartet zu haben – das Interesse am elektronischen Lesen hat seit dem Herbst stark zugenommen (sichtbar etwa bei der Suchwort-Statistik von Google). Branchenkenner prognostizieren für Deutschland im Jahr 2011 mittlerweile eine Million verkaufte E-Reader – allerdings inklusive Tablets.

DRM-Schutz bleibt auch 2011 Wachtumsbremse bei E-Books

Thalia hat den Oyo-Launch unter die Devise „Bücher überall und jederzeit“ gestellt. „Multichannel“ war aus Sicht der Leserinnen und Leser im Jahr 2010 aber oft eine Einbahnstraße, denn Kopierschutz (DRM) und unterschiedliche Formate machen es unmöglich, E-Books überall – im Sinne von: auf allen Geräten – zu lesen. E-Books zwischen Amazons Kindle, Apples iPad und einem E-Reader wie dem Oyo auszutauschen, wird in der Praxis von den Content-Anbietern technisch unterbunden. Trotzdem sind Anbieter wie Amazon, Kobo oder Barnes&Noble bestrebt, ihr „Ökosystem“ auf möglichst viele Geräte auszudehnen. Sie stießen in den vergangenen 12 Monaten verstärkt mit eigenen „Apps“ auf die Displays von Tablets und Smartphones vor. Die eigentliche E-Book-Bibliothek des Nutzers befindet sich in der Rechnerwolke – und kann bei Bedarf auf das gewünschte Mobilgerät gebracht werden. Wie das Beispiel des zu 100% cloudbasierten Google-E-Bookstores zeigt (in Deutschland wohl ab März 2011 verfügbar), braucht man in Zukunft als Content-Anbieter überhaupt keine eigene Geräteplattform mehr. Für die Leser bringt das nächste Jahr also mehr Wahlmöglichkeiten, aber auch weiterhin die Qual der Wahl zwischen Alternativen, die sich gegenseitig ausschließen. Neben zu hohen Preisen dürften deswegen Formate-Wirrwarr und lästiger DRM-Schutz die stärkste Wachstumsbremse auf dem deutschen E-Buchmarkt bleiben.

Top-10 der am meisten gelesenen Artikel

Als kleine Zugabe folgt hier noch die Top 10 der am meisten gelesenen Artikel auf E-Book-News zwischen dem 01.01. und dem 30.12.2010 (in allen Kategorien). Wie man sehen kann, ziehen nicht nur bei E-Readern, sondern auch bei E-Books die großen Bestseller am meisten Klicks auf sich (Nr. 11 wäre ein Artikel über die Stieg Larsson-Triologie gewesen):

  1. Thalias Oyo-Reader im Test: Drahtlos zum E-Book, rund um die Uhr
    (9784 Aufrufe)
  2. Mission Multichannel: Thalias Oyo-Reader hat den direkten Draht zum E-Store (4782 Aufrufe)
  3. Biss zum ersten Sonnenstrahl: Stephenie Meyers neuer Roman ab Juni kostenlos im Netz
    (4579 Aufrufe)
  4. Stark beim Kontrast, schwach beim Content: Das neue Kindle 3 im Reader-Test (3361 Aufrufe)
  5. Zeitung lesen auf dem E-Book-Reader: Calibre macht’s möglich
    (2531 Aufrufe)
  6. Acer LumiRead im Test: Kontrastreiche Alternative zum Oyo-Reader
    (2214 Aufrufe)
  7. Harry Potter bald als E-Book? Bestseller-Autorin J K Rowling erlaubt elektronische Version
    (2043 Aufrufe)
  8. Adobes DRM nicht mehr sicher: Libreka-Chef für E-Books mit digitalem Wasserzeichen
    (1439 Aufrufe)
  9. Nicht nur für Taikonauten: Hanvon N516 Weltbild-Edition im Test
    (1410 Aufrufe)
  10. Aluratek Libre: Weltbild-E-Reader im Test
    (1279 Aufrufe)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".