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Tablet-Boom, Soziales Lesen, Self-Publishing: Fünf E-Lese Trends für 2012

30 Dez 2011

E-Reading schafft im Jahr 2012 auch im Leseland endgültig den Sprung aus der Nische. Die Frage ist nur, wer davon profitiert, wenn der Marktanteil von E-Books auf deutlich mehr als ein Prozent steigt. Ähnlich wie in den USA dürfte der Sieger wohl Amazon heißen – im Weihnachtsgeschäft wurde das neue Kindle zum Kassenschlager. Gelesen wird 2012 auf Displays aller Art: denn günstige E-Ink-Reader bleiben als Plattform weiterhin beliebt, auch wenn der Absatz an Tablets und Smartphones weiter wächst. Stark zunehmen wird durch den E-Book-Boom die Zahl illegaler Downloads. Denn überhöhte E-Book-Preise und umständliches Digital Rights Management stoßen bei immer mehr Kunden auf Unverständnis. Aber auch auf dem Boden des Gesetzes gibt es bei E-Books noch Neuland zu entdecken. Social Reading-Plattformen stärken den Community-Effekt der elektronischen Lektüre, zugleich experimentieren immer mehr Autoren mit Self-Publishing-Modellen.

E-Lese-Trend 1: Tablets boomen, E-Reader bleiben angesagt

Was die Zukunft von Tablets und E-Readern betrifft, war vor kurzem noch ein Wort in aller Munde: Konvergenz. E-Ink-Lesegeräte haben mittlerweile Touch-Screens und bieten drahtlosen Web-Zugang, auf Tablets laufen Lese-Apps von Kindle, Kobo und Co. Der schier unglaubliche Boom von Apple- und Android-Geräten schien dabei auf ein baldiges Ende „klassischer“ E-Ink-Geräte hinzudeuten. Wie jüngste Prognosen des Branchenverbandes BITKOM zeigen, werden Gadgets mit LCD-Screen auch 2012 den Absatz von konventionellen Reader weiter hinter sich lassen. Gerade am Erfolg von Amazons Kindle-Palette zeigt sich zugleich, dass günstige E-Ink-Reader sich weiter am Markt behaupten können. Der Preisrutsch bei mobilen Gadgets führt dazu, dass viele Nutzer zunehmend mehrere Geräte parallel betreiben – das Smartphone als Multi-Tool für unterwegs, das Tablet als spaßorientiertes Freizeit-Surfgerät, den E-Ink-Reader für komfortable, unterbrechungsfreie Lektüre auf dem Sofa. Wie sich diese Arbeitsteilung weiter entwickelt, hängt von der Marktreife alternativer Display-Technologien ab – und vom jeweiligen Preis. Das lange angekündigte farbige E-Ink könnte 2012 endgültig von stromsparenden Mirasol-Screens oder vergleichbaren Ansätzen überholt werden, vor allem, wenn solche Displays in günstigen Android-Tablets auftauchen.

E-Lese-Trend 2: Amazon.de übernimmt den E-Book-Markt

„Was würde wohl passieren, wenn sich die deutschsprachige Buchwelt darauf einigte, ihre eBooks nicht mehr über die amerikanischen Marktbeherrscher zu vertreiben?“, fragte Spiegel-Journalist Jürgen Neffe vor kurzem betont ketzerisch im Perlentaucher („Gutenberg und die Brandstifter“). Mit dem Marktbeherrscher war natürlich Amazon gemeint. Der Weckruf für die in „Schreckstarre“ verharrende Branche kommt nur leider zu spät, ebenso wie die Forderung nach gemeinsamem Vorgehen. Die eher mittelständisch geprägte deutsche Buchbranche wird bei digitalem Content gerade vom Online-Riesen aus den USA überrollt. Wirklich peinlich sein muss das Gutenbergs Erben aber nicht, denn in seinem Stammland hat Amazon sich zwei Drittel des E-Book-Marktes gegen weitaus mächtigere Mitbewerber erkämpft. Die mittelständisch geprägte deutsche Verlags- und Buchhandelslandschaft hatte dem weder finanziell noch vom technischen Know-How her viel entgegenzusetzen. Das zeigt nicht nur die beim B2C-Handel grandios gescheiterte E-Book-Plattform Libreka, sondern auch so manches mangelhaft vorbereitete E-Reader-Projekt, das mit zweitklassiger Hardware und fehlerhaften Firmware-Versionen viele Kunden abschreckte. Seit dem Start des deutschsprachigen Kindle-Stores sind die Folgen absehbar: Im Jahr 2012 dürfte Amazons Kindle auch in Deutschland zur wichtigsten Geräteplattform avancieren – vom Preis/Leistungsverhältnis her ist die neue Basisversion („Kindle 4“) allen anderen E-Ink-Geräten auf dem Markt um Längen voraus. Zumal via Kindle-App Amazons E-Books auch auf den meisten Mobilgeräten vom Smartphone bis zum Tablet gelesen werden können.

E-Lese-Trend 3: Illegale Downloads boomen dank DRM

Spätestens seit 2008 wurde Jahr für Jahr der endgültige Durchbruch des E-Books ausgerufen. Doch deutsche Leser, so schien es, konnten sich gefühlsmäßig nicht so richtig für digitale Lektüre erwärmen. Dass der unaufhaltsameTrend zur elektronischen Lektüre im Leseland deutlich weniger spürbar war als etwa in den USA oder in Großbritannien, hatte aber auch ganz handfeste Ursachen: aktuelle E-Books waren zunächst kaum verfügbar, und wenn, dann viel zu teuer. Neben der Buchpreisbindung ist daran der erhöhte Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent schuld – gedruckte Schmöker schlagen schließlich nur mit 7 Prozent zu Buche. Woran man übrigens erkennen kann: auch politisch werden E-Books bisher in Deutschland ausgebremst. Weiter erschwert wurde die Situation aber auch durch die fatale Entscheidung der Branche, flächendeckend auf Digital Rights Management zu setzen. Von den wichtigsten Vorteilen elektronischer Bücher – etwa die Lesbarkeit auf möglichst vielen Geräten – profitieren somit ausgerechnet diejenigen Leser, die illegale Filesharing-Sites nutzen. Der ehrliche Käufer dagegen wird durch hohe Preise und komplizierten Kopierschutz gleich doppelt bestraft. Der wachsende Marktanteil von E-Books stellt immer mehr Kunden vor dieses Dilemma à la „Der Ehrliche ist der Dumme“ – und verstärkt den Trend zum illegalen Download. Letzlich wird sich 2012 aber auch die Buchbranche entscheiden müssen – lernt sie von der Musikindustrie und setzt statt DRM etwa auf Flatrates, oder eskaliert sie die Situation durch die flächendeckende Überwachung der Kunden und die Androhung von Netzsperren?

E-Lese-Trend 4: Social Reading macht die Lektüre zum Event

Im Strom der sozialen Medien sind längst auch schon die Lektüre-Erebnisse von E-Book-Nutzern eingemündet. Anbieter wie Amazon, Kobo oder textunes haben Social Reading-Elemente in ihre Lese-Apps integriert. Mit ihnen lassen sich Zitate, Markierungen oder Kommentare mit Freunden teilen. Mit der Social Reading-App „Readmill“ drängt nun sogar ein Berliner Startup auf den Markt, das eine plattformübergreifende Lösung anbieten möchte. Der Erfolg solcher Modelle wird wohl davon abhängen, ob Gatekeeper wie Amazon oder Apple die firmeneigenen Social-Reading-Kanäle öffnen. Eins ist jedoch bereits klar: soziales Lesen wird sich 2012 weiter als fester Bestandteil der elektronischen Lesekultur etablieren. Stärker als bisher wird deswegen aber auch die mediale Kompetenz der Leserinnen und Leser gefordert sein – denn ähnlich wie bei Facebook, Google+ und Co. muss man sich entscheiden, wieviel Privatsphäre man behalten möchte, und was man der Community gegenüber an Informationen preisgibt. Wirklich privat ist die Lektüre natürlich ohnehin nicht mehr. Denn der zunehmende Trend zum vernetzten, cloudbasierten Lesen macht zumindest dem jeweiligen Plattformbetreiber gegenüber so transparent wie nie zuvor. Wirklich aufregen wird sich darüber aber wohl auch 2012 fast niemand – denn anders als beim Thema DRM wird der Eingriff in die Privatsphäre in diesem Fall nicht als direkte Störung wahrgenommen.

E-Lese-Trend 5: Prominente Autoren testen Self-Publishing

Self-Publishing liegt voll im Trend. Zumindest in den englischsprachigen Ländern. Amazons „Club der Kindle-Auflagen-Millionäre“ hat bereits ein Dutzend Mitglieder, darunter prominente Namen wie Stephenie Meyer oder Lee Child. Kein Wunder, teilt das Unternehmen doch die Einnahmen im Kindle Direkt Publishing-Programm im Verhältnis 70 zu 30. In Großbritannien schüttet der Crowdfunding-Verlag Unbound immerhin 50 Prozent an seine Autoren aus, deren Bücher komplett über Vorbestellungen finanziert werden („Pre-Order-Modell“). Fragt sich nur: wo sind die deutschen Beispiele? Sind unsere Schriftsteller bei E-Books wirklich mit einer 15-Prozent-Tantieme zufrieden, scheuen selbst die elenden Nachwuchs-Skribenten den ideellen Vatermord an der traditionellen Figur des Verlegers? Außer „Meconomy“, dem Sachbuch-Bestseller von Markus Albers, war da bisher nicht viel. Okay, es gibt mit Daniel Lieske beispielsweise einen Webcomic-Zeichner, der voll auf Self-Publishing setzt und dabei Erfolg hat. Doch eigentlich sollten doch gerade grandiose Selbstvermarkter wie Kathrin Passig, Sascha Lobo oder Holm Friebe an vorderster Front marschieren, wo digitale Bohème und Marke Eigenbau medial aufeinandertreffen. Unsere Prognose für 2012 ist aber: die haben nur prokrastiniert, im nächsten Jahr werden sie die Sache endlich geregelt kriegen.

Abb.: flickr/Ludie Cochrane