Superhelden auf Spendenbasis: Crowdfunding stärkt Independent-Comics

Kickstarter ist die größte Crowdfunding-Plattform in den USA – und kann beachtliche Zahlen vorweisen: seit 2009 wurden mehr als 40 Millionen Dollar an erfolgreiche Projekte verteilt. Zu den besonders populären Kategorien gehören Comics. So populär, dass Publishers Weekly jetzt eine interessante These aufgestellt hat: vom finanziellen Volumen her wie auch von der Zahl der neu aufgelegten Titel sei Kickstarter mittlerweile der drittgrößte Independent-Comic-Verlag in den USA. In Deutschland wagt sich die zeichnende Independent-Szene dagegen nur zögerlich an Crowdfunding heran.

Kickstarter liegt direkt hinter Dark Horse und IDW

Seit Anfang 2011 wurden monatlich durchschnittlich 80.000 Dollar für Bildergeschichten ausgeschüttet, im Mai waren es sogar 100.000 Dollar. Da die „echten“ Verlage monatlich etwa 5 bis 15 Titel auf den Markt bringen, liegt Kickstarter mit 10 Titeln im Monat Mai direkt hinter Dark Horse und IDW. Auch der Juni entwickelt sich rasant: Das Spendenziel erreichten bereits ein halbes Dutzend Comic-Vorhaben, darunter „Footprints: A Monster Murder Mystery“ (8000 Dollar), Zak Sally’s „Sammy The Mouse“ Vol. 1 (6000 Dollar) sowie der Fantasy-Comic „Equinox“ (5900 Dollar). In vielen Fällen handelt es sich um Pre-Order-Modelle, die Unterstützer bekommen also ab einer bestimmten Spendensumme den (Print-)Comic. In der Comic-Szene ein bereits vor Kickstarter bewährtes Modell. Allerdings verstehen sich bei Kickstarter die Leser stärker als Unterstützer, und es winken bei höheren Spenden auch zusätzliche Goodies wie etwa handsignierte Exemplare, Plakate und ähnliches.

Nicht immer geht’s um die Druckkosten

Wie wenig Kickstarter letztlich mit einem normalen Verlag zu vergleichen ist, zeigen jedoch auch die sehr unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten von Crowdfunding. So geht es etwa dem Comic-Zeichner Mark Siegel in seinem aktuellen Kickstarter-Projekt gar nicht darum, die Webcomic-Serie „Sailor Twain“ in den Druck zu bringen. Das ist für 2012 ohnehin geplant. Das Fundraising soll zu 100 Prozent für eine Online-Anzeigenkampagne eingesetzt werden, um mehr Traffic auf die Website des kostenlos zugänglichen Comics zu bringen. Aaron Hazouri, der Erfinder von „Toaster Guy“ dagegen braucht erstmal Geld, um sich einen Scanner und einen neuen Zeichentisch zu kaufen. Erst dann wird die Produktion seines ersten Comic-Buchs überhaupt anlaufen können. „Junkdrawer“ Chris McJunkin wiederum möchte Promotion-Material herstellen, um seine Arbeit auf der ComicCon in New York und auf anderen Comic-Conventions präsentieren zu können. Dem steht seit heute nichts mehr im Wege: Die dazu benötigten 250 Dollar hat ihm die Crowd schon spendiert.

Deutsche Comic-Szene hat noch Nachholbedarf

Die deutschsprachige Comic-Szene wagt sich bisher nur zögerlich an Crowdfunding heran. Auf Startnext.de, Mysherpas oder pling findet man zwar Comic-Kategorien, viel zu sehen gibt es dort aber noch nicht. Immerhin wurde auf Startnext bereits mit Mia und der Minotaurus ein kombiniertes Film- und Comicprojekt erfolgreich gefördert. Bei pling hat der Schweizer Superhelden-Comic „Tell“ gerade die magische 30 Prozent-Schwelle überschritten, ab der die meisten Projekte dann durch den Bandwagon-Effekt auch ihr Ziel erreichen. Der zur Zeit wohl vielversprechendste deutsche Webcomic allerdings hätte wohl auch Probleme, via Crowdfunding ein normales Pre-Order-Printmodell umzusetzen: die Wormworld-Saga von Daniel Lieske setzt auf das Prinzip der „unendlichen Leinwand“. Der nahtlos ineinander übergehende Bilderfluss lässt sich komplett im Browser durchscrollen. Auf Papier drucken könnte man das so ohne weiteres gar nicht. Doch hier zeigt sich gerade der Vorteil des Crowdfundings gegenüber klassischen Verlagen. Die Crowd könnte ja dem Teilzeit-Zeichner auch ganz einfach die Produktion des nächsten Kapitels ermöglichen. Davon würden dann alle Leser des Webcomics profitieren.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".