Stunde Null des Horrors: Shelley-Godwin-Archiv stellt „Frankenstein“-Manuskript online

Die „zweite Schöpfung“ ist so aktuell wie nie – Biochemiker wie Craig Venter haben sich zum Ziel gesetzt, tote Materie zum Leben zu erwecken, AI-Forscher wie Ray Kurzweil wollen künstliches Bewusstsein aus Silizium erschaffen. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Beipackzettel, aber welchen? Am besten wohl Mary Shelleys legendären Roman „Frankenstein“, Untertitel: „The Modern Prometheus“, entstanden vor fast 200 Jahren während eines verregneten Sommerurlaubs am Genfer See, und jetzt auf der Website des „Shelley-Godwin-Archive“ erstmals als Originalmanuskript online zugänglich.

Das Manuskript als „Patchwork-Monster“

Möglich macht das ein Digitalisierungs-Projekt, an dem u.a. die New York Public Library und das „Institute for Technology in the Humanities“ der University of Maryland beteiligt sind. Die Mutter aller viktorianischen Schauermärchen ist im Original selbst eine Art Patchwork-Monster – überliefert sind hauptsächlich zwei Notizbücher, die neben Mary Shelleys Niederschrift auch Kommentare und Korrekturen ihres Ehemannes Percy Shelley enthalten. Die Manuskriptseiten werden im Original wie auch als Transkript dargestellt. Per Mausklick kann der Betrachter zudem auf eine Ansicht umschalten, die auf der jeweiligen Seite nur die Worte von Mary oder Percy anzeigt.

Life Sciences 1.0: Galvani trifft Faust

Über Project Gutenberg ist Frankenstein natürlich auch als normaler E-Text zugänglich, inklusive des Vorworts, in dem Mary Shelley einen Wachtraum beschreibt, der bereits den Kern der Handlung enthält, und zudem auch die damalige Formel für Life Sciences – galvanische Elektrizität plus faustische Alchemie:

I saw — with shut eyes, but acute mental vision, — I saw the pale student of unhallowed arts kneeling beside the thing he had put together. I saw the hideous phantasm of a man stretched out, and then, on the working of some powerful engine, show signs of life, and stir with an uneasy, half vital motion.

Abb.: Wikimedia, Screenshot shelleygodwinarchive.org

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".