Sankt Petersburger Sherlock Holmes: Strogany & die Vermissten (1941)

strogany-introEin historischer Krimi rund um einen St. Petersburger Sherlock Holmes, geschrieben von zwei Widerstandskämpfern der „Roten Kapelle“, gespickt mit antifaschistischer Konterbande, offiziell erschienen im Nazi-Deutschland während des Zweiten Weltkrieges? Klingt unglaublich, doch diesen Krimi gibt es: Adam Kuckhoff und sein Ko-Autor Peter Tarin alias Edwin Tietjens brachten ihn unter dem Titel „Strogany und die Vermissten“ im Jahr 1940 erst als Fortsetzungsroman in der „Kölnischen Zeitung“, 1941 dann als Buch heraus. Die literarische Camouflage-Strategie funktionierte nach 1945 unvermindert fort: 75 Jahre lang schlummerte „Strogany“ unbeachtet in Bücherschränken und Bibliotheksregalen — in der E-Book-Erstausgabe (erschienen bei ebooknews press) kann man sich nun auf eine spannende Entdeckungsreise begeben. Neben semantischem Schmuggelgut lockt aber auch die Handlung selbst: Strogany sei „nicht nur wegen seiner gut getarnten Kritik am NS-Staat interessant, sondern auch, weil die Spannungselemente genutzt wurden, um in Milieus einzutauchen und gesellschaftliche Zustände zu beschreiben“, urteilte das DLF-Magazin „Büchermarkt“. Apropos Suspense: Unsere Leseprobe führt mitten in die russischen Wälder. Amateur-Ermittler Strogany entdeckt in einer hellen Mondnacht die verscharrte Leiche von Fürst Bronsky, einem der Verschwundenen. Und merkt plötzlich: er ist nicht nur von heulenden Wölfen umgeben…

Adam Kuckhoff & Peter Tarin, Strogany und die Vermissten

Kap. Wölfe heulen

Es mochten einige Stunden vergangen sein, als Strogany von einem sonderbaren, klagenden Laut erwachte. Er richtete sich auf und lauschte. Der Sturm hatte sich tatsächlich so plötzlich gelegt, wie Pljuschkin das vermutete, und der Mond schien hell durch das unverhangene Fenster. Eine Weile blieb alles still, dann wiederholte sich der klagende Laut. Diesmal erkannte ihn Strogany deutlich als Wolfsgeheul. Die Wölfe konnten danach auch gar nicht weit sein. Vielleicht verfolgten sie die Spuren der Jäger vom Nachmittag und kamen so bis dicht an die Hütte. Schnell zog er die Filzstiefelan, griff nach seinem Gewehr und schlich sich leise zum Ausgang.
Lautlos öffnete er die Tür und trat ins Freie. Es war taghell. Der Mond strahlte als mächtige, leuchtende Scheibe über den reglosen Wipfeln der alten Tannen. Glitzernd warf der Schnee sein silbernes Licht zurück. Selbst die Luft schien von einem Flimmern erfüllt, wenn der Schnee lautlos von dürren Ästen stäubte und im Mondlicht hell aufleuchtete. Ganz versunken in diese märchenhafte, wirklichkeitsentrückte Pracht blieb Strogany stehen und atmete die reine kalte Schneeluft tief in die Lungen. Ein knurrender Laut, ähnlich dem raufender Hunde, drang leise, aber in der tiefen Stille deutlich hörbar, an sein Ohr. Keine zweihundert Meter weit schätzte er danach die Wölfe. Vorsichtig, jede Deckung ausnutzend, pirschte er sich im Schatten der Tannen vor. Es dauerte eine gute Viertelstunde, bis er zu einer Lichtung vorgedrungen war, auf der zwei Wölfe emsig im Schnee scharrten. Ab und zu hielten sie inne und knurrten sich futterneidisch an. Strogany strich das Gewehr an einer Kiefer an und wartete, bis sich einer der Wölfe aus der Grube erhob, um zu sichern. Dann ließ er den Schuss fahren. Der Wolf brach im Feuer zusammen und sank in die Grube zurück. Der andere entfloh in weiten Sätzen. Strogany lud die Büchse von neuem und schritt zu seiner Beute. Es war ein mittelgroßer Rüde mit struppigem, langem Haar. Er zog ihn an der Lunte heraus und sah dann in die Grube hinein. Im gleichen Augenblick trat er unwillkürlich einen Schritt zurück.
Vor ihm lag ein menschlicher Leichnam. Das Gesicht des Toten war nach unten gekehrt. Ein dunkelbrauner Pelzkragen verdeckte halb das entblößte schwarzgelockte Hinterhaupt. Strogany gab sich einen Ruck, legte das Gewehr zur Seite und zog den steifen Körper aus der Grube. Dann drehte er ihn um. Der Mond beleuchtete fahl ein bleiches, wächsernes Gesicht. Stroganys Augen weiteten sich. «Mein Gott», murmelte er entsetzt, «das ist doch nicht möglich!» Alles Wahrscheinlichkeitsgefühl in ihm sträubte sich gegen die Erkenntnis; und doch, es war Konstantin Bronsky. Strogany fuhr sich mit der Hand über die Augen. Träumte er? War es denn möglich, dass er hier, mitten im Urwald, den toten Bronsky fand? Mechanisch holte er eine Zigarette hervor und steckte sie an.
Allmählich begann sein Gehirn wieder systematisch zu arbeiten. Bronsky lag hier vor ihm. Das war nun einmal Tatsache. Und Tatsachen haben ihre natürlichen Ursachen. Er sah sich den Toten näher an. Aus einer Schusswunde oberhalb der rechten Schläfe zog sich ein dunkler dünner Streifen geronnenen Blutes die Wange hinunter. Im rechten Winkel lief ein zweiter, kürzerer Streifen vom gleichen Ausgangspunkt zur Stirn. Die tief, liegenden Augen waren fest geschlossen. Zwischen den dünnen, bleichen Lippen schimmerten die Zähne. Strogany zog den Pelzkragen etwas zur Seite. Ihn interessierte, was Bronsky anhatte.
Es war nicht der Smoking, den er damals am Abend trug, sondern eine Jagdjoppe. Die Beine steckten in langen Filzstiefeln. Nur der Pelz war der gleiche wie bei seinem letzten Besuch. Woher hatte er die Sachen? War er dennoch unbemerkt zu Hause gewesen und hatte sich umgezogen? Wie kam er hierher? Ein Mord? Oder Selbstmord?
Ein leises Knacken eines dürren Zweiges ließ ihn den Kopf wenden. Die Büchse in der Hand sah er Pljuschkin in langen Schritten auf sich zukommen. Strogany beobachtete ihn scharf. Aber Pljuschkins markante Züge verrieten nichts. Kaum ein Staunen über das ungewöhnliche Bild. Schweigend sah er erst den Toten, dann den Wolf und schließlich Strogany an. Es schien, als wollte er etwas fragen, seine Lippen öffneten sich leicht. Aber dann presste er sie aufeinander. Regungslos sah er auf den Leichnam. Lediglich die hervortretenden Muskeln seines Unterkiefers verrieten die ungeheure Spannung, in der er sich befand. Warum fragt er nichts? überlegte Strogany. Warum spielt er nicht wenigstens den Erstaunten, selbst wenn er keinen Grund zum Staunen haben sollte? Schweigend holte Pljuschkin jetzt eine seiner gelben Zigaretten hervor. Aber anstatt sie anzustecken, behielt er sie unschlüssig in der Hand.
Strogany unterbrach das Schweigen. «Kennen Sie den Toten?»

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adam-kuckhoff-strogany-350x525 Adam Kuckhoff / Peter Tarin,
Strogany und die Vermissten. Kriminalroman

E-Book (epub/mobi/PDF) 2,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 13,90 Euro

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".