„Stellt es euch wie einen Apple-Store vor“: In Texas entsteht die erste Bibliothek ohne (gedruckte) Bücher

Eine Bibliothek ohne gedruckte Bücher? Klingt irgendwie nach Fahrenheit 451. Doch genau das plant man in Bexar County – der texanische Landkreis rund um die Großstadt San Antonio will parallel zu bisherigen Leihbüchereien eine völlig neue, papierfreie Infrastruktur aufbauen. Codename: BiblioTech. “Wir haben nach einer kostengünstigen, effektiven Idee gesucht, um Lesen und Lernen in unser County zu bringen, und wollten zugleich den technologischen Wandel im Blickpunkt haben“ zitiert San Antonio Express den Initiator des Projekts, County Judge Nelson Wolff. Der völlige Verzicht auf Holzmedien sorgt für landesweite Aufmerksamkeit, selbst in den technikbegeisterten USA, wo Studenten an den Universitäten bereits überwiegend elektronisch lesen und Onleihe-Angebote öffentlicher Bibliotheken eine weite Verbreitung finden.

Die erste „bücherlose“ Bibliothek soll in der „South Side“, dem strukturschwachen Süden von Bexar County eröffnet werden – der Pilotversuch richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche aus der einkommenschwachen, bildungsfernen spanischsprachigen Minderheit. Anders als die englischsprachige Mehrheit werden die Hispanics wohl auch den Namen „BiblioTech“ besser verstehen können, denn das Wort „biblioteca“ ist ihnen ebenso geläufig wie „library“. BiblioTech dürfte zwar deutlich günstiger kommen als eine normale Bibliothek, die nicht nur viel Geld für Neuanschaffungen ausgeben muss, sondern auch viel Platz zum Lagern der Bestände braucht. Doch alleine für die ersten 10.000 E-Book-Lizenzen veranschlagt Wolff knapp 250.000 Dollar, insgesamt kostet der Prototyp der papierlosen Bibliothek mindestens eine Million Dollar.

„Wenn Sie wissen wollen wie das ganze aussehen wird, gehen Sie einfach mal in einen Apple-Store“, meint Nelson Wolff. Einen Lesesaal und auskunftsfreudige Bibliothekare wird man beim Besuch von BiblioTech immer noch finden, Regalen jedoch nicht mehr, dafür gibt’s zahlreiche Tische mit Internet-PCs. Statt Büchern aus Papier wird man E-Reader ausleihen können – gefüllt mit DRM-geschützter Lektüre, die für zwei Wochen lang freigeschaltet bleibt. Zum Start sollen 100 elektronische Lesegeräte im Wert von jeweils knapp 100 Dollar verfügbar sein. Anders als bei der rein virtuellen Onleihe, die ebenfalls möglich sein wird, funktioniert dieses System natürlich nur, wenn die E-Reader am Ende der Leihfrist zurückgegeben werden. Doch in Bexar County macht man sich darüber keine Sorgen: „Wir haben deinen Namen, wir haben deine Adresse“, so Nelson Wolff. Das klingt ein bisschen wie: „Don’t mess with Texas.“ Und dürfte wohl respektiert werden.

(via teleread.org & mysanantonio.com)

Autor&Copyright: Ansgar Warner

Abb.: Flickr/svenwerk (by-nc-nd-2.0)

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Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".