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Speed Reading mit “Spritz” – was bringt die Taylorisierung des E-Lesens?

26 Feb 2014 Ansgar Warner 4 Kommentare

Was “Swype” schon jetzt für das schnelle Texten auf Smartphones bietet, soll “Spritz” zukünftig für das schnelle Lesen ermöglichen – eine optimierte Informationsübermittlung, die mit dem klassischen Lesen sogar noch weniger zu tun hat als das fließende Hin- und Herwischen auf der virtuellen Tastatur mit dem klassischen Schreiben. “Reading is inherently time consuming because your eyes have to move from word to word and line to line”, so Maik Maurer und Jamie Locke, die Gründer von Spritzinc. Deswegen haben sie das klassische Prinzip der Lektüre auf den Kopf gestellt – nicht die Augen bewegen sich, sondern der Text wird mobil. Das Auge ruht auf einem kleinen Textfenster, Redicle genannt, und bekommt die Worte eines Artikels oder E-Books einzeln angezeigt. “With compact text streaming from Spritz, content can be streamed one word at a time, without forcing your eyes to spend time moving around the page”. Der Wort für Wort verspritzte Text hat einen weiteren Effekt: man braucht weitaus weniger Platz, die Lektüre kann auf diese Weise sogar auf einer Smartwatch stattfinden.

Dass so etwas funktioniert, konnten Kognitionspsychologen schon in den 1970er Jahren herausfinden – im Rahmen von Versuchen rund um das Thema “Rapid Serial Visual Presentation” fanden sie heraus, dass bei idealen Bedingungen bis zu 12 Worte pro Sekunde lesbar sind, was 720 Worten pro Minute entspricht. Die Effektivitätssteigerung wird jedoch mit einem leichten Absinken der Verständnisrate erkauft – vergleichbar mit dem schnellen Überfliegen eines normalen Textes. Die Spritz-Erfinder haben diese Erkenntnisse bei ihrer patentierten Anzeigetechnik offenbar berücksichtigt. Um das Erkennen der einzelnen Wörter zu erleichtern, wird so z.B. jeweils ein Buchstabe, der dem idealen Fokussierungspunkt entspricht, rot eingefärbt. Dieser Punkt, auch “Optimal Recognition Point” genannt, ist im Redicle immer an der selben Stelle fixiert, so dass das Auge auf ihm ruhen kann.

Wie das funktioniert, kann man auf der Spritz-Website anhand eines Probetextes ausprobieren, der einmal als normaler Artikel, parallel dazu aber im “Redicle” gelesen werden kann. Die “Entsteh- und Vergehschrift” im Redicle erinnert ein bisschen an einen wildgewordenen Teleprompter – doch sie prägt sich ganz intuitiv ein, fast als würde jedes Wort einzeln von einer Stimme aus dem Off vorgelesen. Die Standardgeschwindigkeit liegt bei 350 Wörtern pro Minute, und somit etwa 100 Wörter über der normalen Lesegeschwindigkeit, die man bei der Lektüre einer traditionellen Druck- oder E-Readerseite erreicht. Bei 400 Worten pro Minute funktioniert es immer noch sehr gut, selbst beim Maximum von 500 Worten. Mit steigender Geschwindigkeit muss man sich jedoch deutlich stärker konzentrieren, für längere Texte und erst recht für erzählende Literatur dürfte das Verfahren sich wohl nicht eignen.

Eine Revolution des Lesens auf breiter Front dürfte Spritz nicht auslösen, denn ähnlich wie bei einem Hörbuch ist die Orientierung im gestreamten Text sehr schwer, und die Lesegeschwindigkeit kann nicht flexibel dem jeweiligen Schwierigkeitsgrad eines Satzes oder Satzteils angepasst werden – bisher regelt man das ja ganz einfach durch die Augenbewegung. Die “Taylorisierung” des Lesens setzt zudem eine Taylorisierung der Textproduktion voraus – ein Spritz-Text muss noch stärker als es beim Schreiben für das Web ohnehin schon üblich ist strukturell vereinfacht werden. Für bestimmte Einsatzorte kann man sich das Verspritzen von Content aber durchaus vorstellen – etwa im Rahmen von dynamischen Werbetexten, interaktiven Hinweisschildern, Texteinblendungen bei Head-Mounted-Displays im zivilen wie militärischen Bereich, oder als Lese-App für die kurz vor der Marktreife stehenden Smart Glasses & Smart Lenses.

(via Meedia)

4 Kommentare »

  • Tim Maicher schrieb:

    Kleiner Fehler: ….dass bei idealen Bedingungen bis zu 12 Worte pro Minute lesbar sind, was 720 Worten pro Minute entspricht…..

    Müsste glaube ich Sekunde im ersten Satz sein ;)

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Dankeschön, stimmt, 12 Worte pro Sekunde muss es heißen, 12 Worte pro Minute klingt eher nach Versuchspersonen, die unter Valium stehen ;-)

  • Jürgen schrieb:

    Habe es selbst ausprobiert und bin selbst überrascht, dass es tatsächlich funktioniert. Nur bezweifle ich, dass bei mir beim einem längeren Text etwas hängen bleiben würde, das wäre dann so, als würde ich Lorem Ipsum lesen; klar, kann man lesen, nur nicht verstehen.
    Ich werde es im Auge behalten.

  • Speed Reading: “Verspritzte” Texte lassen sich schnell lesen | OnleiheVerbundHessen schrieb:

    [...] des angezeigten Wortes, der rot gefärbt ist. Ob diese Technik Zukunftschancen hat können Sie hier erfahren. Gehören Auch Sie zu den Schnelllesern gehören? Probieren Sie hier die [...]