Sommer-Spezial: „Eisglieder am Dackelrücken“ – 44 Berliner Szenen

„Am 11. September 2001 mußte der West-Berliner Mackowiak Wache schieben. Der Tag war nebelig, die Heimat weit. Über seiner Thermojacke schaukelte ein alter Wehrmachtskarabiner, gut geölt und durchgeladen. Daneben, immer griffbereit, Funkgerät und Signalpistole. Der Horizont war kaum zu sehen, die Luft roch nach Schnee. Mackowiak war etwas schwindelig. In der „Zillertal-Bar“ hatte er am vorigen Abend mit den Kameraden hart  gezecht.  Mackowiak  blickte auf  einen einsam herumstehenden Wegweiser: Berlin 4174 Kilometer. Da! Irgendetwas hatte sich doch da hinten bewegt. Mackowiak riß den Karabiner hoch, suchte den Haltepunkt. In der Ferne wankten schemenhafte Gestalten. Mackowiak entsicherte den Karabiner. Plötzlich schien der Boden unter seinen Füßen zu schwanken. Der verdammte Bommerlunder! Mackowiak blickte angestrengt nach vorn: Da! Zwei, nein, drei Männer mit Vollbärten liefen ihm entgegen . .  . Ach nee, na Gottseidank! Nur Kollegen . . . “ (usw.)

Spätherbst 2001. Ein rasender Reporter auf dem Weg zu einem Diavortrag an der Urania, Thema: Polarforschung. „Erfinde doch am besten eine völlig neuartige Form der Berichterstattung“, gibt die euphorische Redakteurin noch als Tipp mit auf den Weg. Die bestellte Stilübung im „New Journalism“ – siehe das Anfangszitat – sollte dann den Titel „Eisglieder am Dackelrücken“tragen.

Als Eyecatcher ausgeliehen, schmückt er nun auch diese Serie von Berliner Szenen aus den „Nuller Jahren“. Geordnet sind sie in umgekehrter Chronologie, beim Lesen bewegt man sich also zurück bis in den Herbst 2001. Ganz am Ende steht dann – quasi als Zugabe – eine Art Berliner Szene in XXL: der titelgebende Text „Eisglieder am Dackelrücken“.

Entstanden sind die meisten dieser Kolumnen so oder in ähnlicher Form ursprünglich mal für die Berlin-Kulturseiten der taz. Viele von ihnen spielen im Prenzlauer Berg, so ungefähr zwischen Schönhauser Allee, Arnimplatz und Mauerpark: auf der Straße, in der S-Bahn, beim Schrippenbäcker, in der Ambulanz oder auch mal auf dem Friedhof.

Es sind einzelne Perlen aus jener Kette von zufälligen Ereignissen, aus denen sich das Leben (nicht nur) in der Großstadt eben zusammensetzt. Manche dieser „scenes of anecdotal life“ haben eine Pointe, manche haben keine. An der Grenzfläche zwischen Sinn und Unsinn entsteht im Idealfall etwas, das man die Poesie des Alltags nennen könnte.


Ansgar Warner,
Eisglieder am Dackelrücken.
44 Berliner Szenen & eine Zugabe
2,99 Euro (Amazon Kindle)

Abb.: E-Book-News

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".