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Wer liebt, muss Opfer bringen – Silke Nowak, Penelopes Tod [Leseprobe]

2 Okt 2015

penelopes-tod„Nur der Zufall entscheidet, ob du lebst oder stirbst“ – so fasst Silke Nowak ihren neuen Thriller „Penelopes Tod“ im E-Book-News Interview zusammen. Erzählt aus der Ich-Perspektive, taucht der Leser ein in das Leben von Penny, das durch einen Schicksalsschlag völlig verändert wird: Ihr Freund Chris erleidet beim Segeln durch die Karibik einen Schlaganfall. In der Folgezeit stößt Penny auf seltsame Dinge: offenbar hat Chris ein Doppelleben geführt – und war in den Drogenhandel verstrickt. Dieses Wissen bringt beide in große Gefahr. Erfolgsautorin Silke Nowak ist nicht nur Expertin für das Schreiben von Literatur: bevor sie Krimis entwarf, unterrichtete die promovierte Literaturwissenschaftlerin an der FU Berlin und der TU Chemnitz. Dann folgte der Sprung von der Theorie in die Praxis: Schon 2013 schaffte es ihr Roman „Schneekind“ bis auf Platz 3 der Kindle Charts, auch „Penelopes Tod“ bewegt sich schon auf die Top 100 zu. Unsere Leseprobe führt an den Beginn der Handlung – noch mehr verrät die „Blick ins Buch“-Optionim Kindle-Store.

Silke Nowak, Penelopes Tod


„Sie liebte ihn […]. Sie war zu allem bereit. Und das war ihr Tod.“
Agatha Christie, Das Schicksal in Person


1

Es war der 6. Februar, ein Montag. Diesen Tag werde ich wohl niemals vergessen. Es war der letzte schöne Tag in meinem Leben.
„Penny“, rief Chris. „Komm doch rein!“
Wenn ich heute meine Augen schließe, sehe ich Chris, wie er mir aus dem Wasser zuwinkt, bevor er untertaucht. Ich sehe sein Lächeln und seine rote Badehose, die unter der Oberfläche zu zerfließen scheinen. Ich höre wieder seine Stimme:
„Penny! Nun mach schon! Komm rein!“
Der Himmel war blau, die Sonne schien, und das Meer gab einem die Illusion, frei zu sein. Wir ankerten vor Petite Asjombra, einer kleinen, unbewohnten Insel in der Karibik. Der Name war ein Mix, wie vieles in der Karibik, in dem das spanische Wort asjombra steckte: das Erstaunen. Denn die Insel war auf der einen Seite sanft und zugänglich – es gab dort eine Bucht mit weißem Sand, funkelndem Wasser und sich wiegenden Palmen, die zu den schönsten auf den Kleinen Antillen zählte. Auf der anderen Seite war sie tödlich. Eine Steilküste aus schwarzem Vulkangestein türmte sich dreißig Meter in die Höhe. Es hieß, früher hätten die Piraten hier ihre Gefangenen in den Tod geschickt.
„Das Wasser ist ganz warm“, hörte ich Chris wieder.
„Später“, rief ich und gähnte. Ich hatte es mir in der Trampolinfläche am Bug bequem gemacht und döste vor mich hin. Unser Katamaran lag ruhig im Wasser, es war elf Uhr vormittags, und die Wellen plätscherten gegen den Rumpf.
Irgendwo schrie ein Vogel.
Ich war müde.
Am Tag zuvor war ich über fünfzehn Stunden unterwegs gewesen. Trotz der Zeitverschiebung war ich erst spät abends auf St. Barth gelandet. Die Insel konnte von Europa aus nicht direkt angeflogen werden, weil die Landebahn hinter einer Hügelkette lag, nur 640 Meter lang war und direkt im Meer endete. Also war ich von Zürich über Paris nach St. Martin geflogen, eine Nachbarinsel, auf der eine Boeing 747 eigentlich auch nicht landen konnte, es aber trotzdem tat. Deshalb gehörte der Princess Juliana International Airport auf St. Martin zu den gefährlichsten der Welt: Die Landebahn betrug nur 2180 Meter und begann unmittelbar hinter einem öffentlichen Strand. Es war jedes Mal ein Erlebnis, wenn so eine Boeing über die Köpfe der Badenden hinwegdonnerte. Die Piloten brauchten eine spezielle Lizenz, um dort landen zu dürfen, und die Flugbegleiterinnen gute Nerven.
„Penny, rette mich!“
„Später“, rief ich, ohne nach Chris zu sehen. Ich war Flugbegleiterin, und ich hatte gute Nerven.
Von St. Martin nach St. Barth war es nur noch ein Katzensprung. Chris hatte mich mit der Cessna eines „Freundes“ abgeholt, wie er den Mann nannte, den ich noch am selben Abend kennenlernen sollte: Gerrit Huisman. Bis dahin wusste ich nur, dass er ein reicher Niederländer war, der ab und zu geschäftlich in der Karibik zu tun hatte. Das Übliche eben. Allein die Ehrfurcht, mit der Chris über seinen neuen Freund sprach, war ungewöhnlich. Heute weiß ich, dass es Angst war.
Ein leichter Wind kam auf.
St. Barth galt als die Insel der Prominenten und Superreichen. Was er denn da wolle, hatte meine Schwester Sandra gefragt, als ich ihr von Chris’ neuestem Winterquartier erzählt hatte. Segeln, hatte ich geantwortet. Segeln könne man auch auf dem Bodensee, hatte sie gemeint.
Alles war ruhig. Nur das Wasser plätscherte.
Meine Schwester war vier Jahre älter als ich und schon immer die Klügere gewesen. Sandra war Politikwissenschaftlerin an der Universität Konstanz und verbrachte ihre Urlaube meist in der Nähe des Bodensees. Als Wissenschaftlerin war sie in die Fußstapfen unserer Mutter getreten, die Gräzistik studiert hatte, bevor sie Hausfrau geworden war. Trotzdem hatte meine Mutter uns nie das Gefühl gegeben, wegen uns auf etwas verzichtet zu haben. Allein der Umstand, dass sie meine Schwester Kassandra und mich Penelope taufen ließ, gab mir zu denken. Manchmal kam es mir fast wie ein Protest gegen das schöne Leben vor, das sie doch geführt hatte. Als Kinder waren uns die Namen einfach nur peinlich gewesen. In dem oberschwäbischen Dorf, in dem wir aufgewachsen waren, hieß man damals Julia, Nadine oder Tanja. Für meine Schwester war es leicht gewesen, anstatt Kassandra nur Sandra genannt zu werden, zumal sie sich schon als Kleinkind geweigert hatte, die Vorsilbe Ka- auszusprechen. Mich retteten die Comics, die monatlich bei der Volksbank zu haben waren: Marc & Penny. Mein Spitzname erhielt dadurch eine gewisse Popularität, und bald wusste niemand mehr, wie ich wirklich hieß.
Heute frage ich mich, ob unsere Namen mich und meine Schwester nicht stärker prägten, als uns lieb war.
Kassandra, die stets das Unheil voraussah.
Penelope, die zehn Jahre auf die Rückkehr ihres Mannes gewartet hatte.
Die Sonne stieg immer höher. Obwohl ich im Schatten lag, wurde es langsam heiß. Doch die Hitze machte mir nichts aus, im Gegenteil, nach den langen, kalten Wintermonaten in Deutschland sehnte ich mich nach der Wärme.
Und nach Chris.
Ich lauschte. Nur das Schreien der Vögel war zu hören.
Ich setzte mich auf. Mit der Hand schirmte ich meinen Blick gegen die Sonne ab, doch ich konnte ihn nirgends mehr entdecken. Irgendwo schlug ein Seil gegen einen Pfosten, es war ein helles, metallisches Geräusch. Wahrscheinlich war Chris auf die Insel geschwommen und hatte sich dort in den Schatten einer Palme gelegt und …
„Bist du verrückt!“, schrie ich.
Chris war unter dem Trampolin aufgetaucht und spritzte mich nass. Seine kalte, feuchte Hand griff nach meinem Fuß.
„Verrückt nach dir“, sagte er.
Ich sagte nichts, aber ich öffnete mein Bikinioberteil. Dann legte ich es ab, danach das Höschen und zuletzt das Geständnis, dass ich ihn immer noch liebte. Und dass ich ihn vermisst hätte in den letzten Wochen.
Chris zog sich auf das Trampolin hoch und fiel keuchend und nass neben mir ins Netz. Dann zog er seine Badehose aus. Hier, mitten im Paradies, sechzig Kilometer vor dem Hafen von St. Barth, waren wir vollkommen ungestört.
„Ach Penny“, seufzte er und sah mich an.
Chris war im Sternzeichen Wassermann geboren, ich im Widder. Eine Wahrsagerin hatte uns vor Jahren auf einem Markt in Marokko eine ungewöhnlich glückliche Ehe prophezeit – und sie hatte recht behalten. Obwohl wir seit zehn Jahren verheiratet waren, brachte es mich immer noch aus dem Konzept, wenn er mich so ansah, als wäre ich eine Fremde. Seine Augen waren von einem hellen, intensiven Blau und wirkten wie zwei Fenster zum Himmel.
„Müssen wir da heute Abend wirklich hin?“, fragte ich.
„Huisman ist nicht irgendwer“, sagte er und begann, meine Schulter zu küssen. „Ihm gehört die halbe Insel.“
„Und wenn schon.“
„Du wirst ihn mögen“, versprach Chris und küsste meine Brüste. „Und seine Frau auch.“
Ich schloss meine Augen und flüsterte: „Kommst du zu Papas Geburtstag nach Hause?“
„Ach Penny“, sagte er wieder. Dann legte er sich auf mich und drang langsam in mich ein.

2

Um kurz nach acht saßen Chris und ich in einem der Hafen-Cafés von St. Barth und tranken einen Hibiscus zur Einstimmung auf den Abend. Der Hibiscus war damals der Kult-Cocktail auf St. Barth, eine Mischung aus Rum, Baileys, Kokos und Grapefruit. Chris und ich hielten uns an den Händen wie ein frisch verliebtes Pärchen. Gegenüber lagen die Millionärs-Yachten, ihre weißen, glatten Flächen ragten in den Abendhimmel. Die untergehende Sonne ließ sie glutrot aufleuchten.
Wenn heute die Sonne untergeht, schließe ich meine Augen und bete zu Gott.
„War das nicht eben Kate Moss?“, fragte ich.
Chris verdrehte die Augen. Die Diskretion gehöre zum Verhaltenskodex der wirklich reichen Leute hier, erklärte er mir. Da gehören wir ja zum Glück nicht dazu, erwiderte ich und lachte. Früher hätte Chris mit mir zusammen gelacht, an diesem Tag schwieg er. Mit Sorge beobachtete ich, wie er sich immer mehr am Lebensstil dieser Leute orientierte. Deshalb stand ich dem Abend auch skeptisch gegenüber.
„Da drüben liegt sie“, sagte er.
„Wer?“
„Die Yacht von Huisman.“
„Du meinst aber nicht die Sanlorenzo?“, fragte ich.
„Genau die.“
Yachten bedeuteten mir nichts, aber seit Chris zum Seemann geworden war, wusste ich, was eine Sanlorenzo war. Die Schiffe wurden in Italien gebaut und waren so etwas wie die Ferraris unter den Yachten. Diese hier hatte eine elegante, aber geschlossene Form. Die Fenster waren Schlitze aus schwarzem, verspiegeltem Glas. Die niederländische Fahne war gehisst.
„Beeindruckend“, sagte ich und schnalzte mit der Zunge.
Chris ließ meine Hand los. Etwas stimmte nicht mit ihm.
„Alles in Ordnung?“, fragte ich.
Er gab keine Antwort. Stattdessen zündete er sich einen Zigarillo an und zog gierig daran. Damals fiel mir auf, dass die Hand, mit der er den Zigarillo hielt, leicht zitterte. Ich schüttelte stumm den Kopf, mehr brauchte es nicht, um meine Missbilligung zum Ausdruck zu bringen. Chris’ Blick war stur in die untergehende Sonne gerichtet. Dass er zu viel rauchte, wusste er, und ich hatte es aufgegeben, ihn daran zu erinnern.
„Warum hat dieser Huisman uns eigentlich eingeladen?“, fragte ich. „Gibt es etwas Besonderes?“
„Er will dich kennenlernen.“
„Mich?“
„Er hat dich gesehen“, sagte Chris und starrte in den Himmel. „Letzten Sommer. Auf der Party von Álvarez.“ Dann öffnete er seinen Mund und ein dicker, gelblicher Rauch kroch hervor. Ansonsten bewegte sich sein Gesicht nicht, als er fragte: „War da was zwischen euch?“
„Bist du verrückt! Ich erinnere mich nicht mal an ihn.“
Die Partys von Álvarez waren legendär. Im vorherigen Sommer hatte er seinen sechzigsten Geburtstag mit einer Pyramide aus sechzig Flaschen Champagner gefeiert. Seine viel zu junge zweite oder dritte Ehefrau hatte in einem goldenen Bikini Happy Birthday gesungen. Daran erinnerte ich mich noch, aber an einen Niederländer nicht.
„Simon und Jasmin sind übrigens schon in Florida“, wechselte ich das Thema. „Er redet von nichts anderem.“
Chris nickte. Die Männer planten eine Atlantiküberquerung, Chris, Simon und noch zwei Kumpels. Vier Wochen später sollte es losgehen. Jasmin und ich würden zusammen zurückfliegen. Der Langstreckentörn war als eine Art Junggesellen-Abschied gedacht, weil Simon und Jasmin im September in Zürich heiraten würden.
„Hast du für die Hochzeit schon einen Flug gebucht?“
Chris schwieg.
„Du kommst doch?“
„Wann genau ist das im September?“, fragte er zurück.
„Der neunte Neunte.“
Wieder schwieg er.
„Simon ist dein bester Freund“, setzte ich nach. „Das kannst du nicht bringen.“
Über uns kam Musik aus einem Lautsprecher.
Als ich Chris vor über fünfzehn Jahren kennengelernt hatte, war Simon fast immer dabei gewesen. Die zwei waren schon zusammen zur Schule gegangen. Simon war der sensiblere der beiden, ein eher ruhiger, melancholischer Typ, der BWL studiert und eine Firma gegründet hatte. Die Turox 3000 spürte Trends und Produkte der Zukunft auf. Ein paar Jahre zuvor hatte Simon mit einer Mikro-Batterie viel Geld verdient – und seitdem lief es auch mit den Frauen besser. Jasmin sei endlich die Richtige, meinte er, und dass ich mir wegen Chris nicht so viele Sorgen machen solle: Chris befinde sich in einer Art Midlife-Crisis, alles halb so wild, ich bräuchte einfach nur Geduld zu haben, irgendwann komme er von allein wieder nach Hause.
Drei Jahre war Chris da schon unterwegs gewesen.
Ich sah ihn von der Seite an.
Somebody that I used to know, sang eine Männerstimme.
Als wir uns kennenlernten, war ich gerade mal neunzehn gewesen und Chris unerreichbar. Ich hatte meine Ausbildung zur Flugbegleiterin eben erst begonnen, er war bereits Pilot gewesen und mit einer bildhübschen Frau verheiratet, die ihn manchmal vom Flughafen abholte. Anfangs hatte mich das abgeschreckt, ihre Küsse, ihr Lachen, und ich hatte nicht verstehen können, warum alle meine Kolleginnen trotzdem von Chris schwärmten. Okay, er hatte diese hellen, durchlässigen Augen und immer ein Kompliment auf den Lippen. Außerdem war er groß und seine schwarzen Locken waren im Kontrast zu den blauen Augen außergewöhnlich. Aber er war verheiratet, und ich wollte sein Leben nicht zerstören, das hatte ich ihm auch gesagt, damals, in unserer ersten Nacht in Paris, doch er hatte nur gelächelt: „Du zerstörst mein Leben nicht, Penny“, hatte er gesagt, „du rettest es.“ Acht Monate später heirateten wir in Las Vegas, es war eine total verrückte Zeit gewesen, in der es nur uns beide gab. Jetzt war Chris 47 und ich 34. Wenn wir noch ein Kind wollten, mussten wir uns langsam beeilen.
„Simon hat einen Prototyp der Oxygenius dabei“, sagte ich.
Die Oxygenius war eine innovative Atemmaske, die Sauerstoff aus dem Wasser filterte und zum Atmen bereitstellte. Das Ding war kaum größer als eine Banane. Chris und ich hatten vor, in das Produkt zu investieren, für das Simon fantastische Gewinne vorhersagte. Normalerweise begeisterte sich Chris für das Thema, doch jetzt zog er sein Smartphone hervor und checkte die Nachrichten. Am Nebentisch nahmen ein älterer Herr und eine junge Frau Platz. Er schwieg und sie lachte viel, ein ganz junges Ding, kam wahrscheinlich von einer der Inseln, Haiti oder Dominikanische Republik, schätzte ich.
„L’addition, s’il vous plaît“, sagte Chris.
Bereits damals, in unserer ersten Nacht in Paris, hatte Chris gesagt, dass er aussteigen wolle. Dass er sich eine Segelyacht kaufen und ein freies Leben führen wolle. Damals dachte ich: Das sind Träume. Wer verwirklicht die schon?
Die Frau blickte zu uns herüber.
An dem Deckenventilator fehlte ein Flügel.
Kurz vor seinem 43. Geburtstag hatte Chris sich das Boot dann gekauft. Der Katamaran war vierzehn Meter lang, acht Meter breit, und verfügte über 160 Quadratmeter Wohnfläche, 120 Quadratmeter Segelfläche, vier Kabinen und zwei 48-PS-Motoren. Der Vorbesitzer habe das Schiff Sky getauft, hatte Chris gesagt, was ich davon halte? Der Name gefiel mir. Aber es gefiel mir nicht, dass Chris mich vor dem Kauf nicht gefragt hatte. Er habe einfach Angst gehabt, ich könnte Nein sagen, meinte er. Und glauben müsste ich ihm, dass er mich liebe wie er noch nie eine Frau geliebt habe, aber trotzdem dürfe ich ihn nicht einsperren. Ich dürfe nicht von ihm verlangen, wie ein Schoßhündchen zu leben.
„Bin gleich wieder da“, sagte er.
Ich achtete nicht darauf, als Chris den Tisch verließ.
Kurz nach seinem 44. Geburtstag ließ mein Mann sich frühpensionieren und segelte los. Seitdem lebte er hauptsächlich in der Karibik. Ab und zu nahm er Touristen auf einen Segeltörn mit und verdiente sich so etwas nebenher. Die Yacht zahlten wir noch immer ab, auch ein Teil meines Gehalts ging dafür drauf.
„Hasta pronto”, hörte ich eine hohe, etwas unangenehme Stimme. Sie kam von der Frau am Nebentisch. Wie ich vermutet hatte, sprach sie spanisch. Sie gab dem Mann, einem Franzosen, schätzte ich, einen Kuss auf die Glatze und verließ das Café. Mein Blick fiel auf ihre hohen Pumps. Sie waren aus weißem Kunstleder mit Tigermuster. Als ich wieder aufsah, starrte mich der Mann an. Seine Augen waren klein und verrieten keine Regung.
Ich wendete mich ab.
Und schüttelte den Kopf.
Okay, ich war ebenfalls jünger als Chris, ganze zwölf Jahre, und Sandra sagte, ich hätte ihn nur geheiratet, weil er unserem Vater so ähnlich sähe. Vielleicht stimmte das sogar. Und ja, Chris hatte sich wegen mir scheiden lassen, aber trotzdem war ich nie so gewesen wie diese Mädchen, die nichts hatten außer einer guten Figur und der Hoffnung, von einem Europäer oder Amerikaner geheiratet zu werden. Ich liebte Chris nicht wegen seines Geldes. Ich hatte selbst einen Beruf und außerdem ein Haus am Bodensee mit einem zauberhaften Garten, der von griechischen Göttern und Halbgöttern besiedelt war, die meine Mutter gesammelt hatte. Für mich war immer klar gewesen, dass Chris und ich eines Tages dort zusammen alt werden würden.
Ob mein Mann schon bezahlt habe, fragte ich.
Der Kellner, der aussah wie Captain Jack Sparrow, nickte.
Draußen stand Chris und rauchte. Das Mädchen stand neben ihm und tat dasselbe. Als ich kam, warf sie ihre Zigarette auf den Boden und ging zurück ins Café. Ich bemerkte die Schweißperlen auf Chris’ Stirn.
„Kennst du sie?“, fragte ich.
„Nur flüchtig“, sagte er. Und dann: „Wir müssen.“
Mein Vater und meine Freundinnen glaubten, Chris befinde sich beruflich in der Karibik. Sie glaubten, er baue dort eine Schule für junge Piloten. Wenn mein Vater mich fragte, wann Chris denn zurückkomme, sagte ich, bald. In Wahrheit hatte ich Chris nie gefragt, wie lange er vorhatte, auf dem Schiff zu leben. Ich hatte Angst, dass er mir antworten könnte, es sei für immer.

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Autorin & Copyright: Silke Nowak

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Silke Nowak,
Penelopes Tod. Thriller
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