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[e-book-review] Sex, Prag, Barock&Roll: Jan Faktors schelmischer Rückblick auf Realsozialismus & 60er Jahre

17 Sep 2010 Heide Reinhäckel 2 Kommentare

jan-faktor-georgs-sorgen-vergangenheit-e-book-shortlist-buchpreis-bestseller1Nicht nur der Titel klingt barock: Jan Faktors Roman „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“ ist tatsächlich eine Art Simplizissimus des tschechischen Realsozialismus. Mit mehr als 600 Seiten ist es außerdem das gewichtigste Buch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis – zum Glück gibt’s aber auch eine E-Book-Version. Heide Reinhäckel hat Faktors autobiografisch geprägtes Schelmenstück für uns gelesen.

Das Romanprojekt brauchte 25 Jahre Anlaufzeit

In den Siebziger Jahren tauschte Jan Faktor die Lochkarte gegen das Versmaß – der Programmierer wurde zum Texter von experimenteller Lyrik. Im Vergleich zum nächsten Schritt ging das relativ schnell. Faktors Romanprojekt „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“ hat nicht nur einen sehr langen Titel, sondern brauchte eine Anlaufzeit von 25 Jahren. In dieser Zeit sammelte Faktor Material für eine große Erzählung, die um Kindheit und Jugend im Realsozialismus kreist. Entstanden ist nun ein großartig groteskes Buch über eine bizarre Familie, über Prag und über den Prager Frühling – und damit auch eine Art Mentalitätsgeschichte über die Tschechoslowakei von den 1950er bis 1970er Jahren.

Von der Informatik zur Lyrik, von Prag nach Berlin

Jan Faktor wurde 1951 in einen liberalen Prager Haushalt hineingeboren. Seine Mutter war eine engagierte Journalistin, im Haus gingen berühmte Reformer ein und aus. Faktor brach ein Studium der Informatik ab, arbeitete dann als Programmierer. 1978 siedelte er nach Ostberlin über, aus privaten Gründen: er hatte sich in die Psychoanalytikerin Anette Simon, eine Tochter von Christa Wolf, verliebt und heiratete sie. In Ostberlin verdingte er sich als Schlosser und Kindergärtner, war in der Untergrundliteraturszene tätig und schrieb experimentelle Texte und Lyrik. 1989 schrieb Faktor für den Rundbrief des Neuen Forums, seit den 1990er Jahren etablierte er sich als freier Autor.

Frühlingserwachen und Prager Frühling

Georg, der Held des Romans, wächst in einem jüdischen Frauenhaushalt in einer verwinkelten Prager Altbauwohnung auf. Das Matriarchat herrscht in der dunklen, mit einem Sammelsurium an schweren Möbelstücken vollgestopften Wohnung – Erbstücke von nach dem Krieg ausgewanderten Bekannten und Verwandten. Neben der Mutter leben noch mehrere Großmütter und Tanten in der Wohnung, bei manchen überblickt Georg die Verwandtschaftsverhältnisse gar nicht. Frauen, so Georg lakonisch, hätten die Konzentrationslager und den Krieg besser überstanden. Die Mutter badet Georg bis in die Pubertät, er teilt mit der „Hauptgroßmutter Lizzy“ ein Zimmer. Den einzigen Ausweg aus der weiblichen Bevormundung bietet die Erotik, die konsequenterweise mit einer älteren Freundin der Tante entdeckt wird. Das Frühlingserwachen wird allerdings durch den Prager Frühling überschattet. Doch trotz der Repressionen glaubt Georg an eine bessere Zukunft, er betrachtet sein Leben als „eine permanente Geschichte des Verliebtseins“ – und zieht damit die Liebesneurose jeglichen Ideologien vor.

Zwischen Soldat Schwejik und Henry Miller

Faktor übertreibt und übersteigert autobiographische Muster und Bausteine ins Humoreske und Groteske. Besonders die Fabulierwut gehört zu Faktors bzw. Georgs Stärken und erinnert an den braven Soldaten Schwejk, der im Simulieren von Naivität die Unerhörtheiten der Welt entblößte. Georgs Körper, der sich immer wieder dem Sex, dem Schmutz und dem Ekel hingibt, kommt schon nahe an Michail Bachtins Idee des grotesken Körpers heran, der nur an In- und Output interessiert ist, auch die Erotismen eines Henry Millers liegen nicht fern. Daneben bilden das Lachen und der Humor eine wichtige erzählerische Säule. Wer schon beim barocken Titel an die Tradition des Schelmenromans denkt, liegt wohl nicht ganz falsch. Für die erzählerische Rückabwicklung des Realsozialismus scheint die Picaro-Perspektive sich offenbar zu lohnen. Honni soit qui mal y pense…

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

jan-faktor-georgs-sorgen-vergangenheit-e-book-shortlist-buchpreis-bestseller2
Jan Faktor,
Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag,
Hardcover (Kiepenheuer&Witsch), 24,95 Euro
E-Book (epub-Format), 24,99 Euro

2 Kommentare »

  • ridcully schrieb:

    Klar, und das ePub ist teurer als das Hardcover… So wird der digitale Absatz garantiert angekurbelt…

  • Ansgar Warner schrieb:

    Tja, diese komische Schwellenpreis-Politik – Hardcover x euro 95, E-Book x Euro 99 – fahren zur Zeit viele Verlage. Eigentlich doch reine Symbolpolitik, sollte man denken, denn wer tatsächlich bereit ist, mehr als zwanzig Euro für die elektronische Version zu berappen, dem machen vier Cent mehr ja auch nicht mehr viel aus. Die Verlage mit ihren irrationalen Ängsten vor Kannibalisierungseffekten zwischen Digital und Print scheint der minimale Preisvorteil der Hardcover-Titel aber offenbar zu beruhigen…