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Self-Publishing mit XXX-Faktor: hilft Zensur gegen das literarische Darknet?

22 Okt 2013

Ob Männer (und Frauen) immer nur an das eine denken, ist eine beliebte Forschungsfrage. Versteht man das Internet als eine Art World Brain, scheint die Antwort ziemlich klar: immerhin wird aktuellen Studien zufolge in den USA mindestens 8 Prozent des Web-Traffics durch XXX-Inhalte erzeugt, in Deutschland sogar 12 Prozent. Das Unterbewusstsein kommt also auf seine Kosten, die adulte Unterhaltungsindustrie ebenfalls. Allerdings sorgt das Über-Ich in Form von Apple, Amazon, Google & Co. dafür, dass entsprechende Angebote in den Site-Rankings und Bestseller-Listen nicht zum „Vorschwein“ kommen, wie wir Freudianer gerne sagen – innerhalb der „Filter-Bubble“ bleibt alles „familienfreundlich“.

„The end of self-publishing“?

Was natürlich nicht heißt, das pornografische Inhalte nicht vorhanden sind – ihre „Discoverability“ wird lediglich künstlich eingeschränkt. Wer genau hinsieht, wie etwa das britische Online-Magazin The Kernel, entdeckt auch zahlreiche Hardcore-Inhalte (in den Worten von The Kernel: eine „Schmuddel-Epidemie“), zum Beispiel auf den Self-Publishing-Plattformen von Amazon oder Kobo, was im Vereinigten Königreich zu einem medialen Aufschrei und z.T. drastischen Folgen geführt hat. Kobo zog dort vorläufig alle Self-Publishing-Titel aus dem Verkehr, die auf der Insel führende Buchhandelskette WH Smith, die mit Kobo kooperiert, beendete den E-Book-Verkauf sogar komplett – vorerst gibt’s auf der Website nur noch gedrucktes. Die Tageszeitung „Telegraph“ titelte bereits: „The end of self-publishing?“

Ein Drittel aller Indie-Titel mit XXX-Inhalten?

Tatsächlich scheinen Verlage auch im Bereich Pornografie bisher eine Art Filterfunktion wahrgenommen zu haben – wie Aaron Stanton in einem Beitrag für Digital Bookworld schreibt, sind etwa ein Drittel aller Indie-Titel inhaltlich dem Bereich „Erotica“ zuzurechnen, bei klasssischen Verlagstiteln liegt dieser Anteil dagegen lediglich bei 1 Prozent. Und Stenton muss es wissen, ist er doch Gründer des „Book Genome Project“, das sich der „objektiven, computer-basierten Analyse des geschriebenen Wortes“ verschrieben hat. Zu den praktischen Anwendungen gehört die Möglichkeit, auf statistischer Grundlage Genre-Zuordnungen treffen zu können, aber auch einzelne Titel sehr detailliert miteinander zu vergleichen – was etwa zu ebenso passgenauen wie automatisierten Lektüre-Empfehlungen führen kann. (Ausprobieren kann man das auf booklamp.org)

DNA-Test für Bücher sorgt für Genre-Zuordnung

Genauso gut eignet sich der DNA-Test für Bücher jedoch dafür, den Kampf gegen das „literary darknet“ aufzunehmen – denn Stanton zufolge kann die Analyse-Methode unter den erotischen Inhalten die besonders problematischen herausfiltern. Titel aus den in der öffentlichen Debatte besonders diskutierten Bereichen „Bestiality“ und „Incest“ sollen ungefähr 10 Prozent des gesamten selbst verlegten Erotica-Sektors ausmachen. Wie sich die Buch-DNA innerhalb eines Genres vergleichen lässt, hat Stanton bereits vor einiger Zeit durch die Gegenüberstellung von E.L. James „50 Shades of Grey“ (veröffentlicht beim Random-House-Imprint Vintage) mit einem Hardcore-Titel („Letters to Penthouse XXVIII“, veröffentlicht – ähem – bei einer Hachette-Tochter) gezeigt: während bei E.L. James die expliziten Szenen isolierte Blöcke innerhalb der grün oder gelb markierten Handlung darstellen, ist bei den Penthouse-Briefen alles rot.

Nur staatliche Zensur ist verboten…

Wer also mehr Zensur im Leseland möchte – bitteschön, die technischen Instrumente sind vorhanden, man muss sie nur anwenden. Die Ausgangslage ist sogar recht günstig, denn die großen Self-Publishing-Plattformen behalten sich ohnehin vor, Inhalte auch ganz ohne Begründung abzulehnen, und machen von dieser Möglichkeit auch immer wieder Gebrauch, nicht nur bei Erotica. Juristisch ist das Nicht- wie auch De-Publizieren bestimmter Inhalte ebenfalls kein Problem – so schützt etwa das „First Amendment“ der US-Verfassung nur vor staatlicher Zensur, nicht vor den Eingriffen von Unternehmen, die als Gatekeeper auftreten. Das kann auch B2B-Beziehungen mit Zahlungsdienstleistern betreffen: PayPal etwa zwang vor einiger Zeit die führende US-Self-Publishing-Plattform Smashwords, den E-Book-Katalog von bestimmten Hardcore-Inhalten zu säubern.

Doppelmoral als Lösung?

Die große Frage ist nur: wollen wir im Internet wirklich noch mehr Zensur und Kontrolle, als es ohnehin schon gibt? Vielleicht reicht ja auch eine gesunde Doppelmoral aus, wie sie die Buchhandelskette Weltbild praktiziert, bekanntlich im Besitz der katholischen Kirche. Der Bestseller „Shades of Grey“ (ursprünglich ein Self-Publishing-Titel) sorgt seit Jahr und Tag für satte Gewinne in den konzerneigenen Buchhandlungen wie auch für Gewissensbisse beim klerikalen Eigentümer, der aber zugleich ein Interesse am wirtschaftlichen Wohlergehen des Unternehmens hat. E.L. James‘ softpornöse Trilogie aus dem Programm zu nehmen, kam insofern dann doch nicht in Frage – stattdessen fügte man der Produktbeschreibung eine Distanzierung hinzu: Das Buch widerspreche dem „Welt- und Menschenbild“, von dem man sich „als Buchhändler leiten lasse“. Letztlich für alle Beteiligten die beste Lösung…

Abb.: Booklamp.org