Home » E-Book-Handel

Self-Publishing im Kindle-Store: Auf der Suche nach der deutschen Amanda Hocking

13 Jan 2012

Immer mehr Autoren entdecken Self-Publishing als lukratives Geschäftsmodell – auch in Deutschland. Unabhängig von Verlagen lassen sich E-Books weitaus schneller und mit höherer Gewinnmarge veröffentlichen, zudem ermöglicht der Vertrieb über das Internet den direkten Kontakt mit der Lesergemeinde. Zum wichtigsten Werkzeug hat sich dabei Amazons Kindle-Direkt-Publishing-Programm (KDP) entwickelt. Doch nicht nur für „frische Ware“ lohnt sich der Kindle Store. Auch die Zweitverwertung älterer Titel oder die Veröffentlichung eines Sammelbandes kann sich lohnen. E-Book-News stellt vier erfolgreiche Beispiele vor: Emily Bold, Johnny Häusler, Wolfgang Tischer sowie Akif Pirincci.

Emily Bold & der Kindle Million Club

Ist Emily Bold die deutsche Amanda Hocking? Das behauptete vor kurzem der US-Blog Teleread. Die 1980 in Mittelfranken geborene Autorin hat sich auf historische Liebesromane spezialisiert, was man bereits an Titeln wie „Gefährliche Intrigen“ oder „Mitternachtsfalke – Auf den Schwingen der Liebe“ ablesen kann. Da sich klassische Verlage nicht für ihre Manuskripte interessierten, verlegte sich Bold auf’s Selbstverlegen via Amazon. Bolds aktueller Roman „The Curse – Vanoras Fluch“steht auf Platz 77 der Kindle-Charts, die beiden anderen Titel auf Platz 93 bzw. 129.

Allerdings kann man die Absatzzahlen im noch nicht mal ein Jahr alten deutschen Kindle-Store nicht mit dem englischsprachigen Gegenüber vergleichen. Mehr als zehn Millionen verkaufte Kindle-Geräte sorgen alleine in den USA für eine gigantische E-Book-Nachfrage. So hat es das legendäre Self-Publishing-Talent Amanda Hocking mit selbstverlegten Fantasy-Geschichten letztes Jahr in den „Kindle-Million“-Club geschafft, wo sich mittlerweile schon ein knappes Dutzend prominenter Auflagen-Millionäre tummelt. Bis der Kindle-Million-Club eine deutsche Sektion aufmachen kann, wird es noch etwas dauern. Doch in die Gewinnzone kommen Self-Publishing-Autoren schon jetzt. In einem Fernsehinterview während der letzten Frankfurter Buchmesse sprach Emily Bold von mehr als 3000 verkauften Exemplaren. Bei einem Verkaufspreis von 3,49 und einer Autoren-Tantieme von 70 Prozent des Nettopreises dürfte die deutsche Amanda Hocking in spe also schon mehr als 6000 Euro verdient haben.

Johnny Haeusler: Spreeblick-Sampler im Selbstversuch

Wie schnell man in den Amazon-Verkaufscharts bis ganz nach oben gelangt, weiß seit kurzem auch Johnny Haeusler. In einem ausführlich dokumentierten Selbstversuch brachte der prominente Spreeblick-Blogger im Kindle-Store den Sampler „I live by the River“an den Start: „’I live by the river! – 15 Geschichten‘ ist eine Sammlung von – natürlich – 15 Texten, die bereits bei Spreeblick erschienen sind und die mir besonders am Herzen liegen. Wir haben die Texte hier und da leicht angepasst, hoffentlich alle Tippfehler gefunden und ein schönes Cover gebastelt“, teilte Haeusler seinen Lesern Mitte Dezember 2011 auf spreeblick.com mit. Noch am Abend desselben Tages konnte der Experimentator in einem Update vermelden, „I live by the River“ habe den Amazon-Verkaufsrang 8 erreicht. Zu diesem Zeitpunkt waren 184 Exemplare verkauft worden.

Der Aufstieg verlief ebenso rasant wie der darauf folgende Abstieg. Am 17.12. rückte das nah am Wasser gebaute Konvolut mit 384 verkauften Exemplaren auf Platz sieben vor. Absoluter Spitzenwert war dann kurz vor Weihnachten Platz fünf mit mehr als 1000 verkauften Kindle-Books. Zahlreiche neu aktivierte Kindle-Reader unter deutschen Tannenbäumen puschten aber über die Feiertage dann offenbar andere Bestseller in die Hitlisten. Im neuen Jahr rangierte Haeusler Sammelband nur noch in den unteren Top 100. Verkauft wurden bisher über den Kindle-Store knapp 3000 Exemplare zum Preis von 99 Cent. Die Amazon-Tantieme bei solchen Low-Cost-Angeboten liegt nur bei 30 Prozent. Trotzdem hat „I live by the River“ dem Berliner Blogger alleine via Amazon innerhalb von vier Wochen etwa 1000 Euro gebracht – wohlgemerkt für „zweitverwertete“ Texte.

Wolfgang Tischer: Kindle-Buch über Kindle-Bücher

Ein besonders Amazon-spezifisches Projekt hat Wolfgang Tischer gewagt. Pünktlich zum Start des deutschen Kindle-Store brachte der Chefredakteur von literaturcafe.de im Mai 2011 einen Ratgeber mit dem Titel „Amazon Kindle: Eigene E-Books erstellen und verkaufen“heraus. Das regelmäßig aktualisierte E-Books verrät Tipps und Tricks rund um das Kindle Self Publishing-Programm, von der richtigen Konvertierung über das Lektorat bis hin zu Buchpreisbindung und Marketingmaßnahmen. Ausgangspunkt des E-Books war in diesem Fall ein längerer Blog-Artikel zum selben Thema, den Tischer noch einmal auf knapp 30 Normseiten erweiterte. Auf literaturcafe.de wurde der Verlauf des Self-Publishing-Experiments dann minutiös dokumentiert.

Anders als bei Johnny Häusler war der Self-Publishing-Ratgeber kein Senkrechtstarter. Doch nach einer Woche gelangte der Titel immerhin bis auf Verkaufsrang 25, zu diesem frühen Zeitpunkt einige Wochen nach dem Launch des Kindle Stores in Deutschland reichten dafür sogar knapp fünfzig verkaufte Exemplare. Der Ratgeber wurde nach und nach erweitert, der Preis von 99 Cent auf 2,99 Euro angehoben. Bis Oktober 2011 waren insgesamt mehr als 2000 Kindle-Ausgaben des Ratgebers verkauft, die Einnahmen bis zu diesem Zeipunkt gibt Tischer mit 3.200 Euro an. Im Novmeber schrieb der literaturcafe-Herausgeber: „Durchschnittlich verdienen wir pro Tag mit unserem E-Book immerhin fast 20 Euro.“

Akif Pirincci: Self-Publishing für Serientäter

Ein für deutsche Verhältnisse noch eher ungewöhnliches Self-Publishing-Experiment startete Akif Pirincci. Seit seinem 1989 veröffentlichten Bestseller „Felidae“ darf der deutsch-türkische Autor als Erfinder des Katzen-Krimis gelten. Die Tierfabel mit Serienmörder-Plot erschien damals im Goldmann-Verlag. Wie bei vielen Backlist-Titeln aus der Pre-E-Book-Epoche waren die Rechte für die elektronische Verwertung seinerzeit noch nicht an den Verlag übertragen worden. Im Sommer 2011 wagte Pirincci deswegen den Selbstversuch. Unerhört! SPIEGEL Online schrieb von einer „exotischen Situation“, die tiefe Umwälzungen für die Verlagslandschaft andeuten würde. Pirincci hatte allerdings vorher mal höflich bei seinen Verlag nachgefragt. Die elektronische Felidae-Sondereditionim Kindle Store kostet 3,50 Euro, nur halb so viel wie die günstigste Taschenbuch-Version.

Inzwischen sind im Kindle-Storezum selben Preis auch weitere selbstverlegte Pirincci-Titel aus der Felidae-Reihe erhältlich, etwa „Cave Canem“, „Salve Roma“ oder „Das Duell“. Der Amazon-Verkaufsrang dieser Titel pendelt zwischen vier- und fünfstelligen Werten. Gleiches gilt aber auch für Pirinccis aktuellere E-Book-Titel „Schandtat“ und „Felipolis“, die über Random House verlegt wurden und als Kindle-Book 7,99 Euro kosten. Bei einer normalen Verlagstantieme von acht bis fünfzehn Prozent kommt davon nicht mal ein Euro pro Buch beim Autor an, von den 3,50 Euro im Kindle-Store immerhin etwa 2,40 Euro. Gerade für „Serientäter“ wie Pirincci dürfte insofern Self-Publishing in Zukunft deutlich bessere Gewinnmargen versprechen.

Abb.: flickr/Charles P Barker