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„Web 2.0 is Bullshit, Web 3.0 is also Bullshit“: Book-Sprint auf der Transmediale erkundet „Collaborative Futures“

8 Feb 2010

Transmediale Collaborative Futures Book Sprint.gifZur Transmediale gehören nicht nur avancierte Key-Note-Lectures und Diskussionen, sondern auch – nomen est omen – mediale Performances, die über das Gewohnte hinausgehen. Eine davon war ein „Book Sprint“, in dessen Verlauf sechs Autoren in 5 Tagen ein Buch zum Thema „Collaborative Futures“ entworfen, geschrieben & gelayoutet haben – lesen kann man es jetzt online, als E-Book oder gedruckt. Gleichzeitig war das ganze ein Testlauf für die kollaborative Autorenplattform booki.cc, die sich speziell für „Book Sprints“ eignet.

Vom Code-Sprint zum Book Sprint ist es nur ein Katzensprung

„Zusammenarbeit beim Schreiben von Büchern ist ein Akt der Perversion“, soll Bestseller-Autor Tom Clancy mal gesagt haben. Was allerdings Anhänger der Open Source-Bewegung nicht daran hindert, Software-Handbücher und How-Tos im Team zu schreiben. Die Software, die man zur kollaborativen Kreativität braucht, ist ja auch in ähnlicher Weise entstanden. Und zwar oft ähnlich flott – das nennt man einen „Code Sprint“, und als ein „Fork“ ist dann irgendwann der „Book Sprint“ ins Leben gerufen worden. Klingt sportlich, und ist auch tasächlich so eine Art Bockspringen für Autoren. Ein gutes Beispiel für den Zusammenhang von gemeinsamen Schreiben & Programmieren ist die Plattform FLOSS ( „Free Libre Open Source Software“) – eine „Sammlung von Handbüchern für freie Software, aber auch von Tools um sie zu schreiben, und zugleich eine Community, die sie benutzt“. Normalerweise dauert so ein „Book Sprint“ mindestens 4 Monate. Für die Transmediale hatte sich FLOSS-Gründer Adam Hyde aber etwas schnelleres ausgedacht – den „Extreme Book Sprint“, fünf Tage, so lange wie die Transmediale dauert.

„Keine E-Mails, keine vorbereitende Recherchen. Gar nichts“

Transmediale Book Sprint Collaborative Future.gifVöllig neu war das auch nicht, andere Book Sprints wurden schon in drei Tagen erfolgreich beendet. Doch diesmal sollte es nicht um ein Handbuch gehen, sondern um ein Sachbuch zum Thema Zusammenarbeit. Und zwar „from scratch“: „So etwas von fünf Leuten zu verlangen, die sich nicht kennen, dafür extra nach Berlin kommen, und nicht mehr als den Titel wissen, das ist schon ein bisschen verrückt“, so gibt Hyde zu. „Um die Herausforderung zu betonen, war nämlich von Anfang an klar: nichts wurde diskutiert, bevor am ersten Tag alle den Arbeitsraum betreten haben. Keine E-Mails, keine vorbereitende Recherchen. Gar nichts.“ Und als wäre das noch nicht genug, entschied man sich für den kollaborativen Schreibprozess die Internet-Plattform „Booki“ zu nutzen. Die wurde zwar eigens für Book Sprints programmiert, befindet sich aber noch im Alpha-Stadium. Zu den sieben Autoren – u.a. der israelische Medienaktivist Mushon Zer-Aviv, Creative Commons-Mitgründer Mike Linksvayer und die spanische Bloggerin Marta Peirano – gesellte sich so noch der Programmierer & Booki-Mitentwickler Aleksandar Erkalovic. Während die einen das Buch schrieben, feilte Erkalovic an der Software. Selbst wenn man nicht an Murphy’s Law glaubt, könnte man das für gewagt halten. Geklappt hat’s aber trotzdem: am fünften Tag abends um 22 Uhr wurde der „Publish“-Button gedrückt, und aus insgesamt 33.000 Wörtern auf der Festplatte wurde ein druckfähiges PDF.

„Web 2.0 is Bullshit, Web 3.0 is also Bullshit“

collaborative_futures_transmediale book sprint.gifNatürlich kann man sich nicht nur darüber streiten, was heutzutage Autorschaft bedeutet, sondern auch, was überhaupt ein Buch ist. Böswillig könnte man „Collaborative Futures“ sogar als ein etwas lang geratenes Diskussionspapier bezeichnen. Die Hypertext-Version sieht ohnehin schöner aus als das PDF. Doch interessant ist das Projekt nicht nur wegen des Performance-Rahmens – auch der Inhalt macht Sinn. Marshall McLuhan – einer der Transmediale-Hausgötter – hatte schließlich bereits vor langer Zeit prophezeit, dass mit dem technologischen Fortschritt Team-Work immer wichtiger wird. In ähnliche Richtung argumentieren auch die Autoren von „Collaborative Futures“ – machen aber auch auf die Ambivalenzen von „Social Media“ aufmerksam: „Digitale Medien machen es einfacher, über Grenzen hinweg gemeinsam zu arbeiten, zugleich werden die Grenzen der Zusammenarbeit aber auch deutlicher.“ Gleichzeitig sind die eigenen Positionen sehr klar – für die Autoren hat der kollaborative Ansatz etwas mit sozialen Fortschritt zu tun, mit „freien“ und „offenen“ Arbeitsformen, im Gegensatz zu hierarchischen Arbeitsformen. Sie ihr Verständnis von „Collaboration“ einerseits von „Teamwork“ ab, andererseits vom „Sharing“. Kein Wunder, dass sie auch dem Web 2.0 kritisch gegenüber stehen („Web 2.0 is Bullshit, Web 3.0 is also Bullshit“) – schließlich kann man auf vielen Plattformen zwar mitmachen, d.h. Content liefern, aber nichts grundsätzliches verändern.

Lobenswert: Man kann das Buch auch lesen, wenn man kein Programmierer ist

Messlatte ist für die Autoren aus dem FLOSS-Umfeld eher die Form von praktischer und diskursiver Zusammenarbeit, die seit den Neunziger Jahren – unterstützt durch das Internet – bei der Entwicklung von freier Software stattfindet. Wenn sich solche Arbeitsformen auch in anderen Bereichen etablieren – von der Open-Source-Novel bis zum Open-Source-Car – wird es wirklich spannend. Beispiele wie etwa Crowdfunding – dem auch ein Kapitel gewidmet wird – zeigen, dass neue Formen der Zusammenarbeit nicht nur beachtliche soziale, sondern auch ökomomische Wirkung entfalten können. Was man vielleicht besonders loben sollte: man kann das Buch auch lesen, wenn man kein Programmierer ist. Mercedes Bunz hat ja neulich schon etwas ketzerisch gefragt: Müssen alle Journalisten (& man kann genauso gut sagen: Autoren) in Zukunft „coden“ können? Vielleicht heißt die richtige Antwort ja am Ende: es reicht aus, wenn man seine Fähigkeiten zur medialen Kollaboration trainiert…