Buchempfehlungen der Redaktion

»Pro domo

»Sachbuch

»Sci-Fi

»Thriller

»Ratgeber


2312 (Kim Stanley Robinson)

Wir schreiben das Jahr 2312: Die Menschheit bevölkert das Sonnensystem, Habitate auf Asteroiden gehören zum Alltag, auf dem Merkur rollt eine Stadt auf Schienen, die Marskolonien haben ihre Unabhängigkeit erklärt. Der Trend geht zum Transhumanen: die relative Unsterblichkeit ist zum Greifen nah, Geschlechterrollen sind wechselbar, und die ersten Androiden mit einem Quantencomputer im Schädel verwischen den Unterschied zwischen Mensch und Maschine. Im Weltall haben sich längst neue, gleichberechtigte Gesellschaftsformen etabliert, während auf dem blauen Planeten die alten Konflikte um Geld, Grundbesitz und Zugang zu den schwindenden Ressourcen eskalieren. Die alten Mächte wehren sich dagegen, ihre zentrale Stellung zu verlieren – doch auch ganz neue Mächte treten auf den Plan. Als eine Serie merkwürdiger Unfälle die Welt der Kolonisten erschüttert, scheinen künstliche Intelligenzen verwickelt zu sein. Nach “Antarctica” und der legendären Mars-Trilogie breitet Kim Stanley Robinson erneut ein verblüffend realistisches Sci-Fi-Panorama vor uns aus – mit all seinen technologischen, wirtschaftlichen und politischen Implikationen. Schnell wird dem Leser klar: Die Zukunft, die hier beschrieben wird, hat bereits begonnen. Es wird Zeit, über die Erde hinaus zu denken… (E-Book 11,99 Euro / Taschenbuch 14,99 Euro)


For the Win (Cory Doctorow)

Hacker können die Welt verändern – Online-Spieler ebenfalls. Schon in „Little Brother“ konstruierte Cory Doctorow den Aufstand der Jugend rund um ein klandestines Netzwerk aus gecrackten X-Boxes. Als Helden seines Romans „For the Win“ wählte der Boing-Boing-Blogger und Digital-Rights-Aktivist dagegen professionelle Hardcore-Gamer aus der Online-Rollenspieler-Szene. Nicht gegen den Sicherheitsstaat begehren sie auf, sondern gegen die scheinbar allmächtige Unterhaltungsindustrie. Denn aus dem Spiel ist längst Ernst geworden. In der nahen Zukunft von „For the Win“ sind die virtuellen Ökonomien mancher Online-Spielewelten so bedeutsam wie die realen Volkswirtschaften ganzer Länder. In digitalen Sweatshops zwischen Mumbai und Shenzhen verdienen sich die jugendliche Tagelöhner ihr Geld mit „Gold Farming“: als Online-Avatare erwirtschaften sie virtuelle Güter, die sich an Spieler in den USA oder Europa verkaufen lassen. Das reicht zum Überleben, wenn auch als Working Poor. Anders als Fabrikarbeiter der Old Economy hat die globale Kaste der Berufsspieler jedoch einen Vorteil – die grenzenlose Vernetzung. Das Battle beginnt… Wie es sich für Cory Doctorow gehört, ist natürlich auch „For the Win“ unter Creative Commons lizensiert und kostenlos als E-Book erhältlich. Die gedruckte Fassung gibt’s als Paperback für 7,50 Euro.


Über-Morgen. Bestsellerautoren beschreiben, was in Zukunft alltäglich sein wird

Science-Fiction-Stories im Auftrag von High-Tech-Unternehmen? Die Idee erinnert an eine Zeit, als PR-Abteilungen noch “Literarische Büros” hießen. Doch Intel meint es ernst – das Projekt “Über Morgen” nutzt Fakten & Fiktion, um Sci-Fi-Prototypen von Zukunfts-Anwendungen aus Bereichen wie Photonik oder intelligenter Sensorik zu entwerfen. Eine Sammlung futuristischen Fallstudien kann man nun kostenlos als E-Book lesen oder als Podcast anhören. Das Projekt begann mit einem Vortrag, den der Futurist & Intel-Mitarbeiter Brian David Johnson auf einer Konferenz zum Thema “Intelligent Environment” gehalten hat: “Darin schlug ich vor, dass wir Science Fiction als Designwerkzeug für die Entwicklung von Technologien und neuen Produkten nutzen könnten. Die Idee war, Science Fiction-Storys auf Basis wissenschaftlicher Fakten zu schreiben, um deren Auswirkungen auf Mensch und Kultur zu untersuchen”. Aus dieser Konzept-Idee wurde schließlich ein 90-seitiges E-Book, mit Beiträgen von Zukunftsforscher Ray Hammond und den renommierten AutorInnen Douglas Rushkoff (“Cyberpunk”), Scarlett Thomas („PopCo“ & „Troposphere“) & Markus Heitz („Die Legenden der Albae“). (Kostenloses E-Book/Kostenloser Podcast)


Wer stiehlt schon Unterschenkel? (Gert Prokop)

Science-Fiction in der DDR? Klar, das gab’s, auch wenn man’s „Wissenschaftliche Phantastik“ nannte. Zu den Bestseller-Autoren gehörte Gert Prokop – in seinen Erzählungen rund um den kleinwüchsigen Chikagoer Meisterdetektiv Timothy Truckle wird Sci-Fi mit dem klassischen Krimi à la Sherlock Holmes kombiniert. Allerdings ist Dr. Watson durch einen virtuellen Assistenten namens „Napoleon“ ersetzt, geschossen wird mit „Rayvolvern“, und die quasi-unlösbaren „Closed Room“-Rätsel werden durch Ausflüge in Biosensorik, Kryonik oder Klon-Technik aufgepeppt. Spannend ist der ostberliner 70er-Jahre-Blick auf die zukünftige USA, genannt die „ALTE WELT“: ein autoritärer Überwachungsstaat, abgeschottet von der nebulösen „NEUEN WELT“, beherrscht von Hightech-Trusts. Selbst Literatur, von Lyrik abgesehen, ist verboten. Die High-Society lebt in kilometerhohen Wolkenkratzern, fernab von Armut und Smog. Kriminalität gibt’s trotzdem, und so wird Truckle als „Problemlöser“ angeheuert, was ihn am Ende durch wachsendes Insiderwissen selbst zum Problemfall werden lässt, zumal er Kontakte zum „UNDERGROUND“ pflegt. Prokop ist Kult-Autor, was die Antiquariatspreise von „Wer stiehlt schon Unterschenkel“ wie auch dem Nachfolgeband „Samenbankraub“ in die Höhe treibt. Zum Glück gibt’s eine DRM-freie E-Book-Version. (E-Book 7,99 Euro).